| Das gesamte Interview mit Albert Mangelsdorff MISTER TROMBONE: MARTIN SCHUSTER (MS): MS:
Darf ich die Frage gleich weitergeben? WOLFGANG DAUNER (WD): AM:
Diese Art Clubs gibt es auch gar nicht mehr. Man war da meistens in einem
Monatsengagement oder gar länger, und man hat da jeden Abend von 8 oder 9 bis 4 gespielt,
und da gab es auch nur zwei Pausen. Man nannte das damals Bergwerk! (Beide
lachen) WD:
Heute dauern unsere Konzerte zwei Stunden oder auch länger, je nachdem, wie
viele Zugaben wir spielen. MS:
Wenn Sie beide die letzten 40 Jahre Revue passieren lassen was waren da so
die Meilensteine? Herr Mangelsdorff, ich habe in ihrer Biographie gelesen, daß Ihr
Auftritt 1958 in Newport Ihr erster Kontakt zur amerikanischen Szene war ... AM:
Na ja, das war mein erster Aufenthalt in den USA. Kontakt mit der amerikanischen
Szene hatte man chon seit Anfang der 50er Jahre. Unsereiner, der in der amerikanischen
Besatzungszone gelebt hat, hatte natürlich damals, Ende der 40er und in den 50er Jahren,
hauptsächlich in amerikanischen Clubs gespielt, also bei der Armee oder bei der
Luftwaffe. Und da gab es sehr viele Begegnungen mit amerikanischen Musikern, es kamen auch
immer wieder berühmte amerikanische Gruppen in diese Clubs. Ende der 40er gab es auch
schon Jazzkonzerte mit Ellington und so weiter. MS:
Eine besondere Aufnahme aus dieser Zeit war sicherlich Trilogue mit
Jaco Pastorius und Alphonse Mouzon. Dieses Date wurde ja mehr oder weniger von
Joachim-Ernst Berendt arrangiert ... AM:
Das war 76. Da war gerade mal wieder vertragsmäßig meine nächste Platte fällig,
und ich hatte mittlerweile den Alphonse Mouzon getroffen und öfter mal mit ihm gespielt.
Ich hatte Joe Berendt, der damals mein Produzent war, gesagt, bei der nächsten Platte
möchte ich den Alphonse Mouzon dabei haben, und am liebsten wäre mir ein Trio
MS:
Wann begann die Zusammenarbeit Wolfgang Dauner/Albert Mangelsdorff? Wann haben Sie
eigentlich das erste Mal zusammengespielt? WD:
Ich habe mir den Albert immer angehört, wenn die irgendwo gespielt haben. Und in
diesen Bands einzusteigen, war für mich ein großes Vergnügen, weil ich ja um einiges
jünger war. Ich bin in diese Szene reingewachsen, da war ich noch auf der Hochschule in
Stuttgart. Eigentlich richtig miteinander gespielt haben wir erstmals bei
dieser Asientournee ... AM:
Es war eigentlich so: wir haben ja vorher diese Bergwerks-Engagements
erwähnt, und in einem dieser Engagements in Stuttgart, in der Atlantic-Bar, da spielte
ich mit dem nach mir benannten Quintett, und der Wolfgang kam darf ichs
sagen? du warst fast jeden Abend dort. WD:
Es war ja klar, daß man da hingeht! AM:
Er hat dann auch praktisch jeden Abend mitgespielt, und das war eigentlich die
erste Zusammenarbeit. Dann in den 60er Jahren gab es auf Vorschlag von Joe Berendt diese
Platte Albert & His Friends alles Duos. Da ist auch ein Stück
drauf, wo der Wolfgang mit mir spielt. Ende der 60er Jahre gab es dann eine große Tournee
nach Südamerika mit den sogenannten Deutschen All Stars, da war Wolfgang natürlich auch
dabei. Diese Band machte dann noch einige Asientourneen. Das war die erste richtig
intensive Zusammenarbeit. Das war eine zehnköpfige Gruppe, für die auch Wolfgang mehrere
Stücke schrieb ... und so ergab sich das mehr und mehr. WD:
Albert und ich haben auch zwei Platten mit Elvin Jones und Eddie Gomez gemacht, und
eine mit diesem anderen Bassisten ... AM:
Anders Jormin. Eigentlich haben sowohl Wolfgang als auch ich, wenn etwas Neues
anstand, immer zuerst an den anderen gedacht. MS:
Wie würden Sie beide Ihre musikalische Beziehung in Worten beschreiben? WD:
Geht das überhaupt? (Beide lachen) Ich meine, unsere Sprache ist halt wie
sagt man MS:
Es hat von Anfang an die Chemie gestimmt ... WD:
Ja, das ist aber auch ganz wichtig, die persönliche Beziehung. Gerade bei
Improvisation finde ich das unglaublich wichtig, daß ich mich auch wohlfühle, wenn ich
mit jemandem spiele. Wenn es da so eine Competition gibt, ist das nicht unbedingt meins.
AM:
Meine Theorie ist eigentlich, daß es nicht so sehr auf die Instrumente ankommt,
sondern auf die Persönlichkeit. Das kann sein, was will, wenn die Chemie stimmt, dann
paßt es. MS:
Haben Sie Ihre Instrumente gewählt, oder haben Ihre Instrumente Sie
erwählt? WD:
Bei mir ist es so, da gibts eine Geschichte. Meine Tante war Klavierlehrerin,
und ich habe als ganz kleiner, 5jähriger Junge bei ihr gewohnt. Da mußte ich immer
meinen Mittagsschlaf halten. Und im Nebenzimmer habe ich die Klavierschüler diese Kuhlau-
MS:
Wie kam es dann zu dieser sehr mutigen und revolutionären Idee der
Posaunen-Solokonzerte? Das hat ja vor Ihnen kaum jemand oder niemand gemacht ... AM:
Ja, das hat auch so eine Vorgeschichte. Da gab es bei uns in Frankfurt diesen
Jazzkeller, wo man praktisch jeden Abend hingegangen ist, um zu jammen. Da waren immer
jede Menge Musiker, viele, die bei den Amerikanern spielten und auch einige, die sowieso
in Frankfurt ansässig waren. Man hat sich getroffen und hat gespielt. Oft kam auch so
eine Situation, wo jemand zu mir sagte: Spiel doch mal! Und ich konnte eigentlich nicht
spielen, weil da keine anderen Musiker waren. Mit der Posaune war das nicht so einfach ...
Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre kam ich hinter diese mehrstimmige Spielweise, die ich
ja dann in den Jazz gebracht habe. Als ich dann sah, was damit möglich ist, habe ich mir
gesagt: Damit läßt sich auch solo spielen. Es hat eine weitere Dimension für das
Instrument eröffnet: ich kann nicht nur linear spielen, sondern auch Akkorde. Und ich
habe mich dann richtig darauf gestürzt und auch 1971 oder so in diesem Jazzkeller ab und
zu einen Soloabend gemacht. Das wurde dann zum Selbstläufer ... MS:
Es gab damals für mich unverständliche Kritiken, in denen zu lesen
war: Albert Mangelsdorff hat zwei Stunden lang allein Posaune gespielt und es war
nicht langweilig! AM:
Es ist natürlich auch eine Riesenherausforderung, da alleine zu stehen und, wenn
man den entsprechenden Geschmack hat, auch was Richtiges zu machen sich nicht nur
hinzustellen und zu spielen. Das hätte nicht genügt, sondern man hat ja auch den
Ehrgeiz, was daraus zu machen, so daß es eben nicht langweilig ist. Und mit der
mehrstimmigen Spielweise und wie ich sie eingesetzt habe, ist es mir einigermaßen
gelungen, Interesse zu kriegen. MS:
Diese multiphonics, wie
die mehrstimmige Spielweise auch genannt wird ... könnten Sie es für unsere Leser noch
einmal erklären? AM:
Es ist eigentlich ganz einfach: man bläst einen Ton und singt einen darüber. Und
da kommt es natürlich darauf an, daß das erstens laut genug ist gegenüber dem
geblasenen Ton das muß man trainieren, und ich muß auch jeden Tag mit der Stimme
üben und zweitens muß das sehr gut intoniert sein, sonst entstehen keine
richtigen Klänge. Nur wenn das gut intoniert ist und auch die Dynamik einigermaßen
stimmt, entstehen auch weitere Töne, die auch gut hörbar werden. Also es ist dann nicht
mehr Zweistimmigkeit, sondern Dreistimmigkeit. Mindestens! Manchmal zumindest kommt
es mir so vor sind es auch mehr Töne. MS:
Eines Ihrer Hauptthemen scheint ja das Spannungsfeld amerikanischer/europäischer
Jazz zu sein. Nun sind Sie seit Beginn der 90er Jahre künstlerischer Leiter des Jazzfests
Berlin. Ist es eigentlich in Europa nach wie vor so, daß die Hauptacts bei Festivals aus
den USA kommen und die Europäer froh sein müssen, überhaupt spielen zu dürfen? AM:
Ich muß da einiges klarstellen. Ich habe es von ... 95 bis 2000 gemacht, also
sechs Mal. Ich habe es ja jetzt aufgegeben. Mein Anliegen war, auf dem Jazzfest Berlin
mehr Europäer, speziell auch Deutsche, zu präsentieren, als es bis dato der Fall gewesen
war. Es ist mittlerweile so, daß wir hier in Europa genug Musiker haben, die den gleichen
Standard haben können wie Amerikaner. Und das sollte man schon auch berücksichtigen. Ich
hatte ja das Glück, auf europäischen Jazzfestivals relativ gut vertreten gewesen zu
sein. Aber das gilt nicht für viele andere Europäer. Diese Aufgabe stellte ich mir also
in Berlin, das wollte ich ändern. Gleich im ersten Jahr, weils dann auch genau 50
Jahre nach dem Krieg war, so eine Art Neuanfang, habe ich gleich einen Schwerpunkt
Deutschland gebracht. Was auch gut gelaufen ist. Alles, was ich in Berlin auf die Bühne
gestellt habe, ist auch gut gegangen, was das Publikum usw. anbelangt. Aber es ist ganz
klar, ich will das gar nicht leugnen, daß gerade aus den USA auch immer wieder neue
Impulse kommen können. Aber nicht nur aus den USA, die können auch heute aus Europa oder
aus Japan kommen. Da gibt es schon Einiges, was unbedingt adäquat ist. MS:
Herbert Joos sagte mir vor etwa einem halben Jahr etwas verbittert in einem
Interview: Manchmal hat man den Eindruck, der deutsche Jazz findet nicht
statt. Würden Sie dem zustimmen?
AM:
Es ist ja auch so, das muß auch mal erwähnt werden: wenn diese amerikanischen
Gruppen auf europäischen Jazzfestivals spielen, verlangen sie horrende Gagen, aber wenn
sie dann vielleicht anschließend in Europa auf Tournee gehen und in irgendwelchen Clubs
spielen, dann unterbieten sie noch die einheimischen Gruppen, zumindest die, die hier noch
ganz anständige Gagen kriegen. Das kommt immer wieder vor. WD:
Die machen das oft nur, um einen Tag zu überbrücken, wenn sie gerade unterwegs
sind. AM:
Wenn man sich die Szene ansieht in den USA, wir waren ja unlängst erst dort, da
spielen Musiker für Gagen, zu denen hier keiner auftreten würde, in Etablissements, wo
wir auch nicht spielen würden. Ich mag nicht zum Dinner spielen oder in Kaffeehäusern,
wo keiner wirklich zuhört. WD:
Man muß sagen, zumindest die Leute, die in der New Yorker Szene einen Namen haben,
leben nicht von dem, was sie in New York verdienen oder in Amerika, sondern von den
subventionierten Festivals in Europa. MS:
Und obendrein funktioniert der Austausch in die andere Richtung nicht ... WD:
Es gibt keinen Austausch. Da muß man erst mal was bezahlen, wenn man in den USA
auftreten will. Da muß man erst ein paar hundert Dollar auf den Tisch legen. Uns ist es
unlängst passiert, als wir im Birdland gespielt haben, daß wir zuerst 2000 Dollar
bezahlen mußten, damit sie überhaupt das Equipment bereitgestellt haben
Verstärker, PA. Also das sieht ganz anders aus da drüben. Meine illusionistischen
Vorstellungen voll all den Clubs, in denen Charlie Parker und all die anderen gespielt
haben, sind längst geplatzt. Ich möchte dort nicht existieren müssen, das ist ein ganz
hartes Brot. MS:
Herr Dauner, Sie haben schon sehr früh mit elektronischen Sounds experimentiert,
noch bevor Synthesizer wirklich serienmäßig hergestellt wurden. A.M. ist dafür bekannt,
daß er auf natürliche Sounds steht. Gibt es da Meinungsverschiedenheiten zwischen
Ihnen? WD:
Ja, der Albert macht ja im Grund das Gleiche es ist quasi das Zusammenspiel
von einem Grundklang und etwas Übergeordnetem. Deshalb habe ich auch ein Blasinstrument
angefangen. Mir hat das Starre beim Klavier immer gestört, daß ich nichts mehr mit dem
Ton machen konnte, wenn der mal gespielt war. Deshalb habe ich gesagt: ich brauche ein
Instrument, das es mir ermöglicht, den Ton nachträglich zu verändern. Die Elektronik
ist für mich eine Möglichkeit, um aus diesen wenigen Parametern ausbrechen zu können,
die mir beim Klavier zur Verfügung stehen. Da habe ich vielleicht 30 verschiedene Arten,
den Ton anzuschlagen, aber wenn er erst mal anfängt zu klingen, kann ich nichts mehr mit
ihm machen. Deshalb habe ich mich für die Elektronik zu interessieren begonnen und habe
dann Anfang der 70er Jahre einen der größten Synthesizer gekauft, CD 100 von EMS, da gab
es nur vier auf der ganzen Welt einen in Utrecht, einen in Warschau, einen in
Illinois, und einen hatte ich. Der wog sechseinhalb Zentner und war so groß wie ein
Küchenbuffet, auf dem hab ich meine Fingerübungen gemacht, der hatte eine riesige Matrix
mit 9000 Steckplätzen insgesamt. Das war wahnsinnig zeitintensiv, aber da habe ich viel
gelernt. Da mußte man jeden Ton selber kreieren, mit Steckern und mit Knöpfen, das war
sehr komplex. Und die Sounds waren im Vergleich zur heutigen Digitaltechnik leider nicht
so einfach zurückzuholen, weil die Potentiometer relativ ungenau waren. Weil es ein
analoges Gerät war, ist da immer die Stimmung davongelaufen, wenn es warm wurde. Das war
ziemlich mühsam, aber ich habe ziemlich alles gelernt, was man nachher so gebraucht hat.
Ich habe damals sehr viel Kinderfilme fürs Nachmittagsprogramm im Fernsehen vertont, mit
Geräuschen und verfremdeten Stimmen. Die nächste Generation von Synthesizern, Oberheim
und so weiter, die waren dann schon digital, da konnte man exakt Programme zurückholen. Heute ist es ja so, daß man eigentlich gar nicht mehr
Musik studieren muß, um mit diesen Geräten Musik machen zu können. Das kann jeder. Da
gibt es Begleitfiguren, die kann ein mittelmäßiger Pianist gar nicht spielen. Die sind
gut, und der Sound wird immer besser. Im Bereich Filmmusik oder Effektmusik kann man da
ohne weiteres Sachen machen, die OK sind, weil die ganzen Fragmente vorgefertigt sind
Loops, Rhythmen usw., die man collagieren kann. Und deshalb gibt es heute mehr
Komponisten als je zuvor. MS:
Aber die Elektronik führt nicht zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen
beiden? AM:
Überhaupt nicht. Dieses Duo spielt nicht mit Elektronik. MS:
Im United Jazz & Rock Ensemble kommen aber schon elektronische Keyboards vor
... WD:
Ja, nur ganz bedingt. Ich habe mich auf der Bühne total von der Elektronik
abgewandt, weil man da nicht mehr zum Musikmachen kommt. Es sei denn, man hat ein
Equipment, bei dem man nichts mehr tun muß, wo man nur reinkommt und spielt und den Rest
machen andere. Das elektronische Drumherum, das bereitstellen von Klängen und was da
alles dazugehört, nimmt so viel Zeit in Anspruch und zieht Kreativität ab. MS:
Das klingt auch nicht gerade optimistisch, oder? WD:
Ja, aber es hat einen Vorteil: daß das Livespielen wieder interessanter wird. Da
sagt man wieder: Guck mal, wie der sein Instrument gut spielen kann. Deshalb interessieren
mich auch Aufnahmen, die aus dem MIDI-Studio kommen, überhaupt nicht, egal wie gut sie
sind. Weil ich ganz genau weiß, daß das jeder machen kann, der so ein Equipment hat. Das
habe ich auch zu meinem Sohn schon gesagt, der macht ja HipHop, bei den Fanta 4 spielt er
Schlagzeug: Spezialisiere dich aufs Schlagzeug. Nimm dasComputerding mit, aber sieh zu,
daß du live richtig gut spielen kannst! MS:
Wir haben jetzt schon ein paar Mal das United Jazz & Rock Ensemble erwähnt.
Welchen Stellenwert nimmt das in Ihrem Schaffen ein? AM:
Ach ja, das ist sozusagen Wolfgang Dauners Baby. Er hat das Ensemble kreiert, aber
es ist mir sicherlich genauso wichtig wie ihm, daß man da immer wieder mit Musikern
zusammenkommt, mit denen man sonst nicht täglich spielt. Und es ist halt auch immer eine
sehr erfolgreiche Gruppe gewesen, was ja nun auch wieder dem Eigenen dient, das muß man
ganz ehrlich sagen. Mit dem UJRE sind wir einem Publikum nähergekommen, das vielleicht zu
uns gar nicht gekommen wäre. WD:
Es ist tatsächlich so: wenn was erfolgreich ist, dagegen kann einfach nichts
machen. Wenn das Ding nicht erfolgreich gewesen wäre, würde es heute nicht mehr
existieren. Das war schon so extrem erfolgreich, noch bevor es produziert wurde, daß wir
gar nicht anders konnten, als eine Platte zu machen. Daß es so viele Anfragen gab, hat
den Grund, weil es im Fernsehen gekommen ist. Damit komme ich jetzt wieder auf die
Geschichte zurück, daß wir deutschen Jazzgruppen enorme Schwierigkeiten haben, im
Fernsehen aufzutreten. Man darf nicht unterschätzen, was das für eine Power und
Promotion ist. Dadurch werden ja erst bestimmte Leute mit etwas bekannt gemacht. AM:
Das war damals so, daß wir in einer Sonntagsvormittagssendung gespielt haben
regelmäßig, jeden Sonntag. Das war eine Serie, die nannte sich
Elfeinhalb, das war so eine Familiensendung ... WD:
Ja, das war Politkabarett im gewissen Sinn ... AM:
... und das war bestimmt ein gutes Jahr oder gar mehr, bevor das UJRE überhaupt
mit Konzerten an die Öffentlichkeit gegangen ist. Das war schon zum Großteil diese
Besetzung. MS:
Ihre neueste gemeinsame Einspielung ist Old Friends mit den German Jazz
Masters Klaus Doldinger, Manfred Schoof, Eberhard Weber usw. War das eine
Kopfgeburt von Siegfried Loch, oder war es ein Bedürfnis der beteiligten Musiker, so
etwas einmal zu machen? AM:
Das hat eine Vorgeschichte. Manfred Schoof ist eigentlich der Initiator dieser
Gruppe. Er hatte anläßlich seines 60. Geburtstages in der Kölner Philharmonie ein
großes Konzert und hat sich dafür diese Gruppe zusammengeholt und auch gleich mit diesem
Namen vorgestellt Old Friends. Jeder ist auch mit Manfred Schoof gut bekannt, und
dann hat das auch eine bestimmte Eigendynamik bekommen. Das ist jetzt vier oder fünf
Jahre her, und wir haben auch immer wieder Konzerte oder kleinere Tourneen gespielt, und
irgendwann ist auch Sigi Loch von ACT dahintergekommen und hat eine Platte damit
gemacht. MS:
Und jeder Musiker hat ein paar Stücke dafür mitgebracht? WD:
Ja, wir haben ja auch diese Amerikatournee mit der Gruppe gemacht, und die hat viel
bewirkt. Das haben viele Leute gesehen. Von New York zum Mississippi ... das erste Konzert
war im Guggenheim Museum, dann haben wir in Chicago und in New Orleans gespielt und
schließlich auf den Bahamas. Und dann haben wir in Pleiten, Pech und Pannen
gespielt. Meines Wissens das erste Mal, daß eine Gruppe speziell in so einen Film
eingebunden wurde. Das ist ein sehr lebendiger Film geworden, musikalisch ist nicht immer
so, wie mans gern haben will, weil da einfach andere Aspekte eine Rolle spielen.
Aber allen, die es gesehen haben, hat es sehr gut gefallen, und das hat auch wieder viel
in Bewegung gebracht. MS:
Also diese Band wird es weiterhin geben? WD:
Ja, es ist eine Südamerikatournee geplant. Was halten Sie von den Shooting
Stars der deutschen Jazzszene, wie Till Brönner, Cornelius Claudio Kreusch oder Barbara
Dennerlein? AM:
Nun, das sind doch alles recht gute Musiker, und man kann ihnen den Erfolg nur
gönnen. Man hätte sich in diesem Alter gewünscht, daß es einem so gegangen wäre wie
denen. MS:
Also die haben es leichter? AM:
Ja. MS:
Weil die Ausbildungsmöglichkeiten besser sind? AM:
Ja, das ist aber eine andere Geschichte. Ich glaube aber, daß die Akzeptanz des
Jazz in Europa viel größer geworden ist im Gegensatz zu unserer Jugend. Damals war man
als Jazzmusiker ein Exote. Der Jazz galt auch nicht gerade als salonfähig und hatte immer
so ein Schmuddelimage, und das geht wieder zurück auf die Nazizeit, die den Jazz total
verunglimpft hat. Heute ist da alles viel einfacher, da gibt es für junge Jazzmusiker
Stipendien und Preise und Orden. Als wir jung waren, war das total undenkbar. Insofern
haben sich die ganzen äußeren Verhältnisse geändert. WD:
Es gibt halt auch mehr Geld. Was die heute verdienen, davon konnten wir in diesem
Alter nur träumen. Einfacher ist es aber deswegen auch nicht heute. Die Voraussetzung ist
einmal, daß man gut spielt. Es gibt sehr talentierte Leute hier das sage ich jedem
AM:
Früher gab es in Deutschland oder nehmen wir ruhig Österreich und die
Schweiz mit dazu, denn das war für mich immer ein Gebiet gerade einmal so viel
Jazzmusiker, wie man an zwei Händen abzählen konnte. Ein bißchen mehr vielleicht. Heute
gibt es in jeder Stadt so viele, die den gleichen Standard haben.
MS:
Was steht beim heutigen Konzert auf dem Programm? AM:
Darüber haben wir beide noch nicht geredet, aber wir haben so ein großes
Repertoire, das wird mehr oder weniger spontan vorher zusammengestellt. WD:
Aber ich habe den Club schon gesehen (Anm.: Porgy & Bess), und ich würde mir
wünschen, daß wir in Stuttgart so einen Club hätten. Fantastisch! Er wird gerade eben
im Moment fertig. AM:
Es ist sehr erfreulich zu hören, daß das passiert. Ich war übrigens vor 20
Jahren dabei, als das alte Porgy & Bess eröffnet wurde. Dazwischen gab es ja auch
ganz schlechte Zeiten. Vor etwa zehn Jahren hat mich einmal Dieter Glawischnig
angesprochen, ich solle Bürgermeister Zilk einen Brief schreiben und bitten, daß man das
Porgy & Bess nicht sterben lassen soll. Ich habe auch damals eine Antwort auf meinen
Brief bekommen. Es freut einen, daß es damals erstens nicht kaputtgegangen ist und daß
es heute wieder so aufersteht. WD:
Dann wünsche ich mir noch, daß in jedem Club so ein Flügel steht ein
Bösendorfer Imperial. Es gibt ja wenige Flügel in dieser Qualität. MS:
Aber die Firma Bösendorfer gehört auch schon den Amerikanern. WD:
Ja? MS:
Was hatten Sie eigentlich bisher für Kontakte zur österreichischen
Musikszene? AM:
Bei mir ging das Anfang der 50er Jahre los. Ich war einige Jahre Mitglied bei den
Hans Koller New Jazz Stars. Und dann gibt es eine ganze Menge Musiker, mit denen man immer
wieder zusammen gespielt hat, wie Werner Pirchner, Wolfgang Puschnig, Fritz Pauer,
Karl-Heinz Miklin, Dieter Glawischnig ... man hat eigentlich nicht das Gefühl, daß wir
verschiedenen Nationalitäten angehören. Man ist Kollege und schätzt auch die Kollegen
sehr. WD:
Ich habe auch mit Hans Koller mindestens zwei Platten gemacht Free Sound
& Super Brass. MS:
Ist eigentlich eine neue Duoplatte Mangelsdorff/Dauner geplant? AM:
Ja, das ist das nächste, was wir machen werden. WD:
Wenn wir dazukommen (beide lachen)! MS:
Auf welchem Label? MS:
Gibt es da in Österreich einen Vertrieb? WD:
Es wurde früher von Polydor vertrieben. Aber das ist die gleiche Geschichte: als
der Mensch, der das gut fand, von Polydor wegging, war Schluß. AM:
Das ist so ein Phänomen im Jazz: wenn die Leute, die sich darum kümmern, es nicht
mehr machen, dann stirbt etwas. Da kann man von Jazzszenen in bestimmten Städten reden:
wenn der oder die das nicht mehr machen, vielleicht weil sie dann verheiratet sind und
Kinder kriegen oder weil sie keine Lust mehr haben, daß dann oft das Ganze stirbt. WD:
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Das ist zwar nicht von mir, aber es stimmt
(lacht). Das hat der Friedrich Nietzsche gesagt. MS:
Also es wird demnächst eine Duoplatte geben. Ob live oder Studio, ist noch nicht
klar? WD:
Ach, Studio. Das spielt sich meistens in Stuttgart ab. Albert wohnt dann auch bei
mir, und so liegt das ganz nahe. Wir kennen uns schon seit Jahren, auch die Tontechniker,
was wichtig ist für uns. |