Pipeline: 
Dermot Hyde 
& Tom Hake

Mit ihrer neuen CD haben sich Dermot Hyde & Tom Hake in Höhen gespielt, die von Bands wie Lúnasa und Solás besetzt werden, und markieren den vorläufigen Höhepunkt einer langen Metamorphose des „Celtic Folk“, deren stilistische Innovationskraft noch immer zu wenig Beachtung findet.

Der Hl. Brigid und dem Hl. Seathrún sei Dank: Vorbei die Zeiten, in denen deutsche Hippies in Aran-Pullovern und vor lauter völkischem Enthusiasmus stinkig geschwitzten Schafwollsocken zu irischen Weisen schunkelten – fiedeldiedelidei. Schon damals – in den 70er Jahren – beruhte die kontinentaleuropäische – insbesondere die deutsch-österreichische Aneignung irischer Roots-Musik auf einem folgenschweren Mißverständnis, das irische Musiker tunlichst unangetastet ließen, galt es doch die deutsche Folkkuh bis zur Euterverödung zu melken. Die freakigen Groupies hatten auch einen mächtigen Appetit auf echte irische Bauern, als welche sich die musizierenden Musik- und Architekturstudenten dann nur allzu gerne ausgaben, mit Ausnahme Micho Russels, jenes urigen Whistle- und Flötenspielers aus dem County Clare, der war wirklich ein Bauer – und der amouröse Andrang auf ihn soll so groß gewesen sein, daß er nie zum Wechseln seiner Gummistiefel kam und nach jeder Tournee mit so vielen Hennaflecken auf seinem schlehenblütenweißen Schwimmreifen ins westirische Doolin zurückkehrte, daß er seiner Frau jedesmal die Lüge auftischen mußte, er hätte sich in „Bloody Germany“ wieder mal mit der Gürtelrose infiziert. 
Irish Folk und europäische Folkies. Das irische Publikum interessierte sich wenig für diese Musiker, das deutschsprachige indes zu sehr. Ein junges Publikum, das sich gerade von der Kapitalismuskritik zur Zivilisationskritik, von der außerparlamentarischen Opposition zur Opposition gegen’s rationale Denken zurückgezogen hatte, auf den Bauernhof, um endlich wieder deutsche Erde beackern zu dürfen. Es fehlte freilich noch der geeignete Soundtrack hierzu; „Vom Westerwald, da komm ich her“ hatte zuwenig Blue Notes und war aus irgendwelchen längst vergessenen Gründen out of fashion. 
Das verzweifelte Bedürfniss nach kultureller Identität und „Echtheit“ brannte jedoch unauslöschlich weiter in den Herzen dieser aufrichtigen Menschen, auf daß sie sich Finbar Furey, den dudelsackspielenden irischen Zigeuner kidnappten, in dessen Folge auch Bands wie Planxty und die Bothy Band nachzogen. Die wollten jedoch – und hierin lag das beiderseitige Mißverständnis – der Authentizität ihrer traditionellen Musik entkommen und schufen auf deren Fundament eine Kunstmusik, die zwar wild, aber auch äußerst feingliedrig war, voller Synkopen und kontrapunktischer Arrangements, was freilich im heimatlichen Enthusiasmus der Folkies gnadenlos unterging: Sie klatschten und stampften zu Andy Irvines Bouzoukiriffs im 11/16-Takt weiter im Marschrhythmus und grölten hernach, als hätte ihnen Joseph Goebbels ein Greenpeace-Manifest verlesen. Die irischen „Folk-Avantgardisten“ wußten damals nicht, welche Macht sie da in ihren Händen konzentrierten: Sie hätten die ausverkauften Hallen bloß zur Intifada, zum Sturm auf die Israelische Botschaft aufrufen brauchen, und das Ganze wäre wieder von vorne losgegangen ...

Der langen Rede kurzer Sinn: 
daß an den unausrottbaren Klischees zu „Irish Folk“ weniger dieSubstanz als vielmehr die Rezeption schuld waren. Der irische Folk seit den 70er Jahren, den ich lieber als „Rhythm & Reel“ bezeichnen will, da dem Etikett „Folk“ noch immer das Stigma der Balladenbands der 60er Jahre (Clancy Bros., Dubliners etc.) anhängt, trug nie einen Rauschebart mit Müslisabber drauf, wohl aber seine Fans. Daß sein Potential und das seiner Weiterentwickler so spät erkannt wurde, liegt darin begründet, daß er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Er verpaßte jedes Jahr nur deshalb den letzten Zug zum Wettbewerb „The Most Sensual and Sexy World Music“, weil ihn die Folkies mit ihren aufdringlichen Einladungen zu Guinness und echt irischer Gemütlichkeit im Pub festhielten. Doch die Zeiten sind vorbei. Mit dem selben Recht, mit dem Duke Ellington oder Jimi Hendrix nicht unter der Rubrik „Baumwollpflücker-Blues“ oder Antonio Carlos Jobim unter „brasilianische Heimatklänge“ gehandelt werden wollen, will moderner irischer (und schottischer und bretonischer) Folk die künstlichen Torffeuerwölkchen von sich blasen, ohne die Tradition zu verraten. Jazz-, Funk- und Danceflooradaptionen irischer Melodien haben sich in Clubbings geschlichen – und siehe da: Selbstbewußte AusdruckstänzerInnen scheinen deren melodische Vertracktheit und inneren Puls mit ihren schlangenhaften pseudo-orientalischen Bewegungsabläufen intuitiv besser zu verstehen als die Schunkel- und StampftänzerInnen unter den Folkies. Ja, irische oder schottische Tunes, besonders der sogenannte Reel, wie der in dieser Musik bedeutendste, wild im 4/4-Takt dahinjagende Tanz heißt, können sehr sinnlich sein! Wie einmal mehr die CD-Produktion der in München lebenden Musiker Dermot Hyde und Tom Hake beweist, ein stilistisch ungemein vielfältiges Kunstwerk, das sich mit mitteleuropäischen Irish-Folk-Produkten gar nicht zu messen braucht, weil es bereits internationale Standards überbietet.

Hyde & Hake. 
Der Titel „Pipeline“ bezieht sich auf die Uilleann Pipes, den irischen Dudelsack, der aufgrund seiner Konstruktion, seiner tonalen und spielerischen Möglichkeiten die am weitesten entwickelte Dudelsackform der Welt darstellt. Dermot Hyde meistert auf ihm – sowie auf Scottish Smallpipes, Tin-Whistle und Low-Whistle – höchst komplexe Melodien. Die atemberaubenden Experimente des irischen (und später schottischen Folk) der 70er und 80er Jahre hat er – ehe er sich in München niederließ, um zunächst als Architekt zu arbeiten – aus nächster Nähe miterlebt. Dermot Hyde entstammt dem iroschottischen Clan der Hydes aus Edinburgh. Seine Mutter Nora (der er auf der CD auch eine seiner Kompositionen widmete) kommt aus Malin Head, dem nördlichsten Ort Irlands im County Donegal. Malin Head, so nannten die Brüder Dermot, Brendan und Kevin, allesamt gelernte Architekten, auch ihre Band, mit der sie seit Anfang der 80er Jahre in der schottischen Folk-Szene auf den Plan traten. Malin Head konnten sich mit den großen Bands der damaligen Periode durchaus messen und waren das Sprungbrett für heute erfolgreiche Musiker und Musikerinnen wie Tony McManus und Lorraine Jordan. Sowohl die unterschiedlichen Wohnorte der Brüder (Kevin lebt in Donegal, Brendan in Edinburgh und Dermot in München) als auch ihre beruflichen Verpflichtungen beschränkten die Band leider auf ein informelles Unternehmen, das immerhin bis vor wenigen Jahren fortbestand und dessen Reihen auch durch Tom Hake und den jüngsten musizierenden Sproß des Hyde-Clans aufgestockt wurden: Paddy Kerr, der Neffe der Brüder, ein wahrer Maestro an Bouzouki und der irischen Rahmentrommel Bodhrán mit innovativer Single-Stick-Technik. Besucher des letzten Folk-Festivals in Gutenbrunn konnten ihn als Mitglied der Band Cían bewundern, er spielte außerdem bei der Gruppe Anam, lebt mittlerweile als professioneller Musiker in Galway, Westirland, und trommelt auch zu einigen Tracks der CD „Pipeline“. Ein weiteres informelles Mitglied fanden Malin Head in Nicky Eggl aus Wien, Mitbegründer der legendären Liederlich Spielleut und seines Zeichens Botschafter irischer und schottischer Musik (aber nicht nur dieser) in der Wiener Folk-Szene. Er war es auch, der seinen Freund Dermot einlud, bei der österreichischen Formation Rossavielle einzusteigen, auf deren einziger Platte sich einige atemberaubende Beispiele für Dermots Fertigkeit an den Uilleann Pipes finden. Dermot Hyde machte sich zudem einen Namen als Cartoonist und Buchautor (er schrieb z. B. – ob Sie es nun glauben oder nicht – eine Kulturgeschichte des Furzens!), und sollte er einmal seine Finger verlieren, könnte er noch immer eine Karriere als Stand-up-Comedian starten, allein seine skurrilen bis sarkastischen Ansagen lohnen einen Konzertbesuch.
Tom Hake ist mindestens so witzig wie Dermot Hyde, hat es jedoch um einiges schwerer, weil bei ihm der Authentizitätsbonus wegfällt. Er ist nämlich weder Ire noch Schotte noch Allgäuer, sondern Deutscher unbestimmter Herkunft und camoufliert sich daher – damit der abscheuliche Eindruck eines deutschen Irlandfreaks (Guinness und Good-time-Haben, 300 mal pro Abend „fuuck” sagen und auf James Joyce trinken, den man nicht gelesen hat) gleich gar nicht aufkommt – mit dem morbiden Image eines Alt-Wiener Oberkellners, was ihn – nolens volens – zum Lustobjekt einsamer Frührentnerinnen macht. In der Tat ist er nicht nur ein Fachmann für das Wiener Lied und die Alte Schule des Wiener Kabaretts, sondern ein besonders sensitiver Kenner irischer, schottischer, bretonischer und galicischer Rootsmusik sowie ein formvollendeter Interpret auf Bouzouki, Gitarre, Harfe, Tin- und Low-Whistle und diversen Dudelsäcken. Und wenn er, dessen musikalisches Gespür ihn von Wienerisch bis Plattdeutsch jeden deutschen Dialekt problemlos parodieren läßt, bei seinen irischen Liedvorträgen einen „original“ wirkenden Akzent hinkriegt, dann tut er das nicht, um besonders authentisch zu wirken, sondern weil die Färbung der Silben diejenige der Melodie besser zur Geltung bringt.

„Pipeline”. 
In scharfem Kontrast zum derben Witz ihrer Interpreten steht das elegante Flair und die weiche Melodik der CD, vermittels welcher Dermot Hyde und Tom Hake die harten Kanten irokeltischer Musik abzurunden verstehen. Sie liefern – sowohl was die filigranen Arrangements als auch ihre spielerische Virtuosität anbelangt – Feinarbeit, wie man sie in ihrem Genre nur selten antrifft. Die stets lyrischen Tunes – zum größten Teil aus der Feder Dermots und seines Bruders Brendan – gleichen in ihrer kaskadenhaften Struktur barocken Kompositionen, von überraschenden Breaks und Synkopen durchzogen, angeheizt von einem Swing, der keiner expliziten Jazzitate, einem Drive, der keiner Rockzitate bedarf. Die Bouzoukiriffs Hakes klingen manchmal martialisch-funkig, dann balancieren wieder weiche (etwas an Latin-Jazz erinnernde) Begleitläufe die unablässig soft swingenden Melodiebögen der Hauptinstrumente Pipes und Whistle. Dermot Hydes Stimme bei den drei selbstverfaßten Songs ist nasal, nicht etwa, weil er Polypen in der Nase hätte, sondern weil darin die Echos des traditionellen irischen Gesangsstils „Sean-Nós“ widerhallen. Auch der rhythmische Scatgesang, mit dem er manche der Instrumentals unterlegt, bezieht sich auf die traditionelle Technik des „Liltens“ (mit ihren typischen Silben wie Diddledididdlediduundsoweiterundsofort), swingt dann aber wie der optimistische Soft-Jazz-Scat aus hippen 60er-Jahre-Liebeskomödien; wie etwa bei dem Set „Peacock’s Feather“, wo solch ein gelilteter Reel abrupt in einen wilden, düsteren, von Paddy Kerrs rastlosen Bodhránbeats vor sich hergejagten Low-Whistle-Reel kippt, ehe Uilleann Pipes und Bouzouki wieder einstimmen und das Set sich in einen grausam schönen Melodiefluß ergießt, in dem die ganze emotionelle Leidenschaftlichkeit und Größe, zu der diese Musik fähig ist, zu ihrem Recht kommt. Auch zwei Sets mit traditionellen Nummern aus der nordwestspanischen Provinz Galicien finden sich auf „Pipeline“, u. a. zwei Lieder, die von der berühmten galicischen Sängerin Uxía mit warmer, gehaltvoller Stimme interpretiert und von Hake mit einer sehr südamerikanisch klingenden Harfe untermalt werden. Die Provinz Galicien reklamiert ein keltisches Kulturerbe für sich und beherbergt eine stark an Irland und der Bretagne ausgerichtete Folk-Szene. 
Hydes & Hakes intensive Beschäftigung mit galicischer Musik hängt – nicht nur, aber auch – mit ihrer Freundschaft mit Antonio Martínez zusammen, seines Zeichens Chef von Endirecto Records und Produzent der exzellent abgemischten CD. Martínez war bereits Tourmanager von Größen wie Rubén González und Ibrahim Ferrer gewesen, bevor diese auf der Cubanismo-Welle zu verspätetem internationalen Starruhm schwammen. Dabei blieben diese Grandseigneurs des kubanischen Son stets stärker der Tradition verhaftet, als dies Hake & Hyde sind. Diese beiden großartigen Musiker und Entertainer werden eines tatkräftigen Managements bedürfen, um sie einem breiteren Publikum bekannt zu machen (als es die rotbackigen Pubbanausen darstellen, welche die mitreißendsten Instrumentals stets mit „Dirty-Old-Town“-Rufen zu würdigen pflegen). Mit „Pipeline“ haben sich Dermot Hyde & Tom Hake in die Höhen gespielt, die von Bands wie Lúnasa und Solás besetzt werden, und markieren auf ihre stilistisch unverwechselbare Weise den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die der Piper Paddy Moloney – inspiriert von den Experimenten des Komponisten Seán Ó Riada (1931 – 1971) – Anfang der 60er Jahre mit der Gründung der Chieftains eingeleitet hatte. Eben jener Paddy Moloney, der in die Sleeve Notes von „Pipeline“ schrieb: „Dieses exzellent gemachte Album mit dem wunderbaren Spiel Dermot Hydes ist ein Muß für jeden Liebhaber der Uilleann Pipes und Whistles. Auf jeden Fall ein Album, das Sie in ihrer Sammlung haben sollten. Congratulations.“

Richard Schuberth
Fotos: En Directo

 

 

 


 

 

 

Dermot Hyde & Tom Hake
Foto: En Directo















"Always big fun...":  Dermot & Tom
Foto:En Directo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Der irische Folk seit den 70er Jahren trug nie einen Rauschebart mit Müslisabber drauf, wohl aber seine Fans. Dermot Hyde und Tom Hake ist es stets gelungen, die gängigen Klischees erfolgreich zu umsegeln und mit viel Humor und Feingefühl in die Tiefe der reichen Tradition vorzudringen.
Foto:En Directo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aktuelle CD:
• Pipeline: Dermot Hyde & Tom Hake
En Directo Records ECD 007
vorläufiger Bezug: e-mail@endirecto.com 

Contact/Booking: 
MDM/Contacto Latino, Prinzregentenstr. 142, D-81677 München
Tel: +49-89-4576940
Fax. +49-89-28998137

Webtip
:
www.pipeline-music.co.uk