Über den Worten...

Bobby McFerrin gastierte im Dezember in Wien, wo er beinahe ein Solo-Konzert gab und tatsächlich die Wiener Philharmoniker dirigierte. Glücklicherweise kommt Mitte März auch sein neues CD-Opus in die Läden: Denn „Beyond Words“ ist dazu angetan, den Sänger vor so manchem zweifelnden Fan zu rehabilitieren.

Bobby McFerrin hatte keine Ahnung. Und keine Scheu, dies in entwaffnender Offenheit zu zeigen. Weshalb ausgerechnet dieses Orchester, gleichermaßen auf seinen elitären Ruf bedacht wie in der Auswahl seiner Dirigenten streng, ausgerechnet ihn, den Amateur-Exoten jenes Genres, engagiert hätte? McFerrin konnte nur mit den Achseln zucken: „Ich weiß nicht, warum sie auf mich zugekommen sind. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass ich vor eineinhalb Jahren mit dem London Philharmonic Orchestra auf Tour hier war. Einen Monat später kam die Anfrage aus Wien. Was für mich natürlich ein großes Privileg bedeutet.“

Tatsächlich ging Mitte Dezember ein Raunen durch die Musikwelt. Die Sensation war perfekt, als Bobby McFerrin, Vokal-Ikone par excellence, im Wiener Konzerthaus zwei Konzerte mit der weltberühmten orchestralen „Demokratie der Könige“ leitete. Und selbst unter Eingeweihten konnte man über die Motivation des philharmonischen Musik-Männerbunds zu diesem Schritt nur mutmaßen: Ob das zukunftsträchtige Zusammengehen von Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, das in Wien zweifellos Ängste ausgelöst hat, man könne gegenüber dem großen Rivalen ins Hintertreffen geraten, für etwas frischen Ideen-Wind gesorgt hatte? Ob man sich einfach ein offeneres Image geben und ein jüngeres, ein anderes Publikum erreichen wollte? Letzterer Schluss lag nahe, zumal auch McFerrin nicht sagen konnte, was er, der Paradiesvogel unter den schwarzbefrackten Herren mit dem Taktstock, dem gesetzten, traditionsreichen Klangkörper an neuen musikalischen Impulsen verleihen könnte: „Ich kann nur mich selbst anbieten. Und das bisschen Wissen über Musik, das ich habe.“ Andererseits: „Es gibt Leute wie Danny Kaye, die nicht wissen, wie man Musik liest und doch das New York Philharmonic Orchestra dirigiert haben. Die Musiker sagten, das wäre eine der besten Erfahrungen mit einem Dirigenten gewesen, die sie jemals gemacht hätten. Es ist ein echtes Geheimnis!“

Leonard Bernstein als Mentor. Im Gegensatz zu Danny Kaye ist McFerrins Beschäftigung mit der Interpretation klassischer Orchesterliteratur längst kein koketter Flirt mehr. Ihren Anfang nahm die, sagen wir, unorthodoxe Liaison bereits 1988, pikanterweise im selben Jahr, als er mit „Don’t Worry, Be Happy“ vom Jazz- zum Pop-Star mutierte. Leonard Bernstein, den McFerrin auf dessen Party zum 70. Geburtstag kennen lernte, bestärkte den Sänger in seinem Wunsch, sich doch einmal ans Dirigentenpult zu wagen. Unterricht bei „Lennie“ himself, Seiji Ozawa und vor allem dem profilierten Pädagogen Gustav Meier in Tanglewood folgte. An seinem 40. Geburtstag, im März 1990, debütierte McFerrin mit dem San Francisco Symphony Orchestra, auf dem Programm stand Beethovens 7. Symphonie. Seither haben immer wieder auch prominente Orchester den Vokalisten eingeladen, von 1994 bis 2001 fungierte McFerrin sogar als ständiger Dirigent des Saint Paul Chamber Orchestra in Minneapolis, mit dem er zwei Alben mit Werken von Vivaldi bis Strawinsky bzw. die Klavierkonzerte Nr. 20 und 23 von Mozart (mit Chick Corea als Solist) aufnahm.

Dennoch ist sich McFerrin durchaus bewusst, dass das Interesse an seinen Dirigaten kaum in künstlerischen Kriterien, sondern vielmehr in der Garantie begründet liegt, mittels eines spektakulären Crossover-Acts die Konzertsäle zu füllen und neue, jüngere Publikumsschichten anzusprechen. Was denn auch in Wien bewiesen wurde: Während sich im Auditorium des teilentstuhlten Großen Konzerthaus-Saals Ungewohntes tat – brabbelnde Babies und Applaus zwischen den Sätzen sind bei „regulären“ Philharmoniker-Konzerten verpönt und ließen auf die (erhoffte) konzertungeübte Hörerschaft schließen – gelang es oben auf der Rampe dem schüchtern wirkenden, oft nur Einsätze dirigierenden McFerrin nicht wirklich, abseits respektvoller Bravheit so etwas wie eigene Deutungen der von ihm ausgewählten Kompositionen zu präsentieren: Prokofjews „Symphonie Classique“, Vivaldis g-moll-Konzert für zwei Violoncelli und Orchester, Ravels „Le tombeau de Couperin“ und Rimski-Korsakows „Capriccio espagnole“ klangen wie bei einer soliden Probe – ohne Dirigent.„Ich will einfach nur Spaß haben, egal mit welcher Musik. Es ist schwer für mich, den ,Boss’ herauszukehren, wie man das von Dirigenten verlangt. Als ich zu dirigieren begann, sagte man mir: ,Lächle nie, das Orchester würde dich nicht ernst nehmen.’ Ich breche diese Regel, egal, ob mich die Musiker ernst nehmen oder nicht – und ich fühle mich dabei wohl“, so McFerrin, der damit auch den Eindruck einer eher zurückhaltenden, im Gespräch überaus wachen und sympathischen Persönlichkeit bestätigt. Der schmächtige Mann mit den Rasta-Locken und der Studenten-Brille, dem man seine demnächst 52 Lebensjahre in keinster Weise anmerkt, denkt ohnehin längst in anderen Kategorien. „It’s all jazz“ hatte ihm einst Bernstein, der in den 60er Jahren selbst Kämpfe mit den Philharmonikern durchzustehen hatte, als er ihnen Gustav Mahler auf die Pulte legte, mit auf den Weg gegeben. Auch McFerrins Denkansatz ist in diesem Sinne ein universalistischer, abstrakter: „Ob ich auf der Bühne mit Bluegrass-Musikern arbeite oder als Background-Sänger, ob ich allein dort stehe oder ein Orchester leite – für mich kommt alles aus derselben Quelle. Alles wird vom selben Strom gespeist. Wenn du ein Stein in einem Fluss bist, kannst du sagen, das ist ein Jazz-Stein, das ist ein klassischer, aber das Wasser fließt über beide. Alles ist mit dem Fluss verbunden. Für mich ist alles dasselbe.“

Tatsächlich hatte auch das wenige Tage zuvor gegebene Solo-Konzert an gleicher Stelle etwas von einem orchestralen Dirigat, einem Kommunikationsexperiment, in dem nicht nur die Grenzen der Stilkategorien zwischen Klassik, Jazz und Pop aufgehoben wurden, sondern in dem auch Solist und Zuhörer, Podium und Publikum miteinander verschmolzen. „Ich mache keine Solo-Konzerte mehr“, präzisierte McFerrin, „ich spreche von Publikumskonzerten.“ Zwanglos rekrutierte er Sänger und Tänzer aus dem Auditorium, die er rasch zu einem Background-Chor bzw. als Improvisationswiderpart für seine eigenen Vokalisen umfunktionierte. Erstaunlich willig ließ sich die Hörerschaft auch in einer gemeinsamen Version von Bach-Gounods „Ave Maria“ aus der Reserve locken. Und alles wirkte so, als wäre es die einfachste, natürlichste Sache der Welt. Nur gelegentlich deutete McFerrin in virtuosen Klangfarben-Ketten oder den charakteristischen „Solo-Polyphonien“, in denen durch akrobatische Intervallsprünge zwischen drei Registern ebenso viele kontrapunktische Linien ziseliert zu werden scheinen, das an, was ihn zum Superstar der Vokalmusik gemacht hat. Und wenn er auch stolz verkünden mag, „Don’t Worry, Be Happy“ seit November 1988 nicht mehr im Konzertrepertoire zu führen, so wird McFerrin weiterhin nicht müde, einen noch älteren Hit, seine zugegeben grandiose Version des Lennon/McCartney-Klassikers „Blackbird“, schon 1984 auf „The Voice“ verewigt, dem Publikum als Leckerbissen hinzuwerfen. „Ich versuche ein Non-Performer zu sein“, ventiliert McFerrin über seine auch in Wien evidente Herangehensweise an „Solo“-Konzerte. „Wie in Afrika, wo es eine Kategorie der ,Performance’ gar nicht gibt. Man hat kein Wort dafür. Die Musik beginnt, sobald man aufwacht, sie begleitet einen den ganzen Tag über. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich nicht daran, dass ich auftreten werde. Ich tue mein Bestes, den Performer in mir zu bekämpfen. Ich singe einfach – nur halt in Gegenwart der Leute vor der Bühne.

Über den Worten: „Beyond Words“. McFerrins kommunikative Ader, sein gleichsam holistisches Musik-Verständnis bedingt wohl auch das weite Auseinanderklaffen seiner Live- und Studio-Ästhetik. Auf Letztere muss man zur Zeit seinen Blick und sein Ohr richten, will man tatsächlich wieder den jungen, originellen McFerrin hören. Fünf Jahre nach „Circle Songs“ (1997/Sony), der Arbeit mit dem grandiosen All-Star-Ensemble u. a. mit Sussan Deyhim und Janis Siegal, deren bestrickende, von afrikanischen Rhythmus-Ostinati strukturierten A-capella-Polyphonien sämtlich aus der Improvisation entwickelt wurden, erscheint Mitte März McFerrins CD „Beyond Words“. Ein Werk mit programmatischem Titel, der, durchaus wörtlich, auf McFerrins gesamtes Œuvre bezogen werden kann. Der virtuose Umgang mit Vokalisen in allerlei Phantasie-Sprachen, entwickelt auf Basis der elaborierten Scat- und Vocalese-Technik Jon Hendricks, ist nicht umsonst seit den 80er Jahren sein Markenzeichen. McFerrin: „Ich bevorzuge es, ohne Lyrics zu singen. Wenn ich sie verwende, dienen sie normalerweise nur als Vehikel für die Improvisation. Aber ich verwende gerne eine Art Sprache, eine neue Sprache. Wenn ich auf diese Art singe, kommt sie normalerweise gleichzeitig mit der Melodie. Es wirkt, als hätte die Melodie eine Sprache, in der sie gesungen werden will.“

„Beyond Words“ ist eine intelligente Einspielung, mittels der der Sänger gleichsam auf zwei Ebenen seinen – als gläubiger Christ auch religiös verwurzelten – philanthropischen Universalismus formuliert: Die Botschaft der spontanen, meta-sprachlichen Vokalisen, die eine zumindest partielle emotionale Decodierung wohl in allen Winkeln dieser Erde ermöglichen, wird auch anhand einer impliziten Offenlegung mancher Bezugspunkte nachvollzogen: Die Reise beginnt mit einem spritzigen, äußerst geistvollen improvisatorischen Schlagabtausch mit Chick Corea, stimulierend unterstützt von Bassist Richard Bona und Drummer Omar Hakim („Invocation“), ehe man nach Afrika übersetzt („Kalimba Suite“), weiter nach China fliegt („Silken Road“) und auf dem Rückweg sowohl im Nahen Osten („Dervishes“, „Ziggurat“) als auch in Frankreich („Chanson“) Halt macht. Zurück im trauten Philadelphia lässt sich der Sänger von seinem 20-jährigen Sohn Taylor – ja, der heißt wirklich so! – per Mundperkussion in jetztzeitige Welten entführen, die – mäßig überzeugend – Spuren von Dub und Drum&Bass enthalten („Taylor Made“).

Nur auf den ersten Blick paradox mutet dabei an, dass gerade McFerrins der eigenen Imagination entsprungene Sounds und Worte immer wieder konkrete Identifikationen gezeitigt haben: „Etwa 1984 gab ich in Paris eine Serie von vier Solo-Konzerten“, so hebt die spannende Geschichte an: „Ich denke, es war nach der ersten oder zweiten Nacht, das Konzert war vorüber, ich ging zurück in meine Garderobe. Da klopfte es an der Tür, eine Frau kam herein. Sie stellte sich vor und sagte, sie hätte ein ganzes Jahr an der University of Southern California ausgestorbene afrikanische Dialekte in der Musik studiert. Sie wollte wissen, woher ich diese Sprachen kannte. Als ich ihr sagte, dass ich nichts von diesen Sprachen wüsste, dass ich die Worte bilde, während ich sie singe, antwortete sie: ,Nein, ich hörte Sie deutlich kleine Bruchstücke der Sprachen sagen, die ich studiert habe.’ Nach dieser Konversation diskutierte ich mit anderen Leuten die Möglichkeit eines genetischen Langzeit-Gedächtnisses, das wir in uns tragen, von unseren Ahnen, viele Generationen zurück. Alles was ich tatsächlich weiß, ist, dass ich afrikanische Musik liebe.“

Für „Beyond Words“ versuchte Bobby McFerrin, diesen seinen musikalischen Kosmos in quasi-aphoristischen Piecen zu destillieren. „Besonders an der neuen CD“, so der Sänger, „sind die vielen sehr kurzen Stücke. Ich mag Knappheit. Wenn ich einen Gedichtband aufschlage, suchen meine Augen zuerst immer nach den kürzeren Texten. Ich finde, es ist eine große Herausforderung für einen Schriftsteller, etwas Vollständiges, Umfassendes in einigen wenigen Worten auszusagen.“ Und McFerrin skizziert ein Bild für sein Ideal der konzentrierten Aussage: „Sagen wir, wir führen eine Konversation, sitzen um den Esstisch, und eine Person, die viel zu sagen hält, spricht, hält einen – durchaus interessanten – Monolog. Die Leute diskutieren mit, beteiligen sich am Gespräch. Nur eine Person am Tisch schweigt. Und nachdem sie nach etwa einer Stunde gefragt wird, was sie denkt, sagt sie etwas, vielleicht nur einen Satz – in dem aber alles enthalten ist, die ganze Essenz dessen, was die andere Person in einer Stunde formulierte. Das ist eine echte Gabe. So will ich Musik machen.“ Tatsächlich tragen viele Stücke auf „Beyond Words“ den Charakter von Miniaturen, jene substanzvolle Knappheit und kluge Prägnanz, die man im Zuge der McFerrin’schen Solo-Konzerte vermisst. Vielleicht hat dies auch damit zu tun, dass sich der Sänger, so nicht Chick Corea vorm Flügel sitzt, zum ersten Mal auf einer eigenen Veröffentlichung an den E-Piano-Tasten hören lässt – eine Erinnerung an seine Anfänge mit den Ice Follies in den 70er Jahren – und sich dabei in nobler Zurückhaltung übt. In tänzerischer Leichtigkeit und dennoch voll bedeutungsvollem Ernst schweben die charakteristischen Sounds von McFerrins Kopfstimme über den Instrumenten. Das Orchester, dass dieser Mann wirklich wie kein anderer beherrscht, sitzt nach wie vor in seiner Kehle.

Inverview und Bericht: Andreas Felber
Fotos: Herbert Höpfl
















Ich will einfach nur Spaß haben, egal mit welcher Musik".
















"Es ist schwer für mich, den, Boss herauszukehren, wie man das von Dirigenten verlangt."
















"Als ich zu dirigieren begann, sagte man mir: 'Lächle nie, das Orchester würde dich nicht ernst nehmen.'"
















"Ich breche diese Regel, egal, ob mich die Musiker ernst nehmen oder nicht - und ich fühle mich dabei wohl“ - Bobby McFerrin über seine Arbeitsweise als Dirigent."
















„Ich versuche ein Non-Performer zu sein. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich nicht daran, dass ich auftreten werde. Ich singe einfach – nur halt in Gegenwart der Leute vor der Bühne.“
















"Ich bevorzuge es, ohne Lyrics zu singen. Wenn ich sie verwende, dienen sie normalerweise nur als Vehikel für die Improvisation."
















Bobby McFerrin mit CONCERTO-Mitarbeiter Herbert Höpfl
















CD-Tipp:
• Bobby McFerrin: „Beyond Words“
(Blue Note; Vertrieb: EMI)

• Web-Tipp:
www.bobbymcferrin.com