Blues-Talk, Folge 27:

Roots ohne Grenzen

Die Mannigfaltigkeit der amerikanischen, auf dem Blues aufbauenden Rootsmusik dokumentiert sich Monat für Monat in der Vielzahl der hoch-qualitativen Neuerscheinungen, oft genug auf Independentlabel oder im Eigenverlag. Ab und an begibt sich aber auch der eine oder andere "Superstar" aus Pop oder Rock auf die Pfade dieses Genres. Mein Gesang und meine Phrasierung sind sehr ähnlich jenen Hookers. Ich bin italie-nisch/ irischer Abstammung und auch dies fließt in meine Art des Blues ein. Ich experimen-tiere gerne und in den meisten Fällen funktioniert es, oft weiß ich gar nicht, warum..

Chris-Rea-Live1.jpg (7926 Byte)Gary Moore, Eric Clapton, Bob Dylan, ein kleiner Auszug aus der Riege jener platinüberhäuften Musiker, die immer wieder ihre Liebe für den Blues aufblitzenlassen. Im Fall von Chris Rea stellt sich die Sachlage aber etwas differenzierter dar. Wer Chris Reas Karriere bisher aufmerksam verfolgte, dem musste aufgefallen sein, dass der Engländer von Beginn an immer wieder - vor allem in seinen Konzerten - Rootsbeeinflusstes kompetent von sich gab. Und sich überdies als Meister eines Instrumentes outete, welches untrennbar mit der Geschichte des Blues verbunden ist: der Slidegitarre. Trotzdem überraschte Reas neues (Doppel)Album "Stony Road". Schon im Vorfeld war die Gerüchteküche mit Andeutungen gefüttert worden, der Ausnahmegitarrist und -sänger arbeite an einer Zwölftaktplatte. Während dar-aufhin viele satten Bluesrock erwarteten, legte Rea eine Rückbesinnung auf die Deltawurzeln vor, die gelungener nicht sein könnte. Mit gewaltiger Stimme, zwischen locker und bedrohlich pendelnd, einer ungeheuer atmosphärischen (Delta)Slidegitarre und dem ge-wohnt geschickten Händchen fürs Songwriting zaubert Rea eine dichte Blues- und Gospelstimmung, vorsichtig arrangiert - mit viel Raum für Akkordeon und Banjo - und sorgfältig produziert. Ohne jegliche Rücksicht auf kommerzielle Überlegungen (wenngleich angefügt werden muss, dass er sich diese Haltung angesichts mehr als zwanzig Millionen bisher verkaufter Tonträger wohl auch leisten kann) reifte in Rea während seiner schweren Krankheit, die zumindest die vergangenen beiden Jahre seines Lebens dominierte, der Entschluss, diesmal keine Kompromisse mehr einzugehen. Die Intensität von "Stony Road" lässt an der Integrität des Interpreten keine Zweifel aufkommen, und Reas Liveauf-tritte belegen, dass auch ein breiteres Publikum dieser Art von Musik Begeisterung entgegen bringen kann. Dies ins Stammbuch der noch immer zweifelnden Plattenindustrie geschrieben!

Neben seiner Bedeutung als Unterhaltungsmusik ist der Blues insbesondere auch aus seinem sozioökonomischen Umfeld her-aus zu verstehen. Kritik an den konkreten Lebensumständen der afro-amerikanischen Bevölkerung wurde dabei vielfach in Meta-phern "versteckt", um die Repressionen nicht noch mehr zu verstärken. Otis Taylor wählt heute in seinen Liedern einen wesentlich direkteren Zugang. Er ist einer der wenigen zeitgenössischen Blueskünstler, die diese Musik nach wie vor als Trägermedium gesell-schaftskritischer Kommentare und der Reflexion afro-amerikanischer Geschichte sehen. Keine falsche Sentimentalität sondern bein-harte Tatsachen. Von Lynchjustiz über men-schenverachtende Sozialsysteme, die Kinder angesichts mangelnder Krankenversicherung eher sterben lassen, als Nächstenliebe statt zu predigen auch zu leben, bis zu Obdachlosigkeit und Hunger. In Anbetracht dieses wachen Bewusstseins der noch immer nicht endgültig bewältigten leidvollen Geschichte eines wesentlichen Teiles der amerikanischen Gesellschaft erstaunen dann doch manche Passagen des Taylor'schen Interviews. Denn immerhin hat der Musiker etwa mit "32ndTime" auch einen Song über jene weißen Aktivisten der 60er-Jahre - Freedom Riders genannt - verfasst, die für ihr Ziel, die Afro-Amerikaner an den Wahlen teilnehmen zu lassen, im Süden Amerikas ihr Leben ließen. Musikalisch bewegt sich der nunmehr inBoulder, Colorado, lebende Künstler in der spartanisch aber hypnotisch eindringlichen Tradition eines John Lee Hooker bzw. im Geist der Veteranen des Zwölftakters der ersten und zweiten Generation. Seine Basslinien verbinden afrikanische Momente mit Bluestradition wesentlich stärker, als im gesamten Akustikblues-Revival der Neunziger zu vernehmen war. Dazu kommt eine sparsame aber ungeheuer dichtmaschige Instrumentierung, stark der Atmosphäre der Songs verpflichtet.

Amerikanische Rootsmusik wird in Euro pa nicht selten mehr geschätzt als in ihrem Heimatland. Davon weiß auch der in den letzten Jahren auf unserem Kontinent wieder unermüdlich tourende Willy DeVille ein Lied zu singen. William Boray, geboren 1953 in New York, wendet sich nicht erst kürzlich stark diesen Roots zu, obgleich er mit Mink DeVille der Punkrockszene New Yorks gegen Ende der Siebziger entsprang. DeVilles Stilmix beinhaltet seit jeher starke Cajun- und Blues-einflüsse, kombiniert mit den vielfältigen Farben des French Quarter New Orleans. Konsequenterweise ließ er sich auch einige Zeit in Frankreich nieder, um sich von dort aus eine treue Fangemeinde am alten Kontinent zu erspielen und seinen Ruf als eines der letzten wirklichen Originale der Szene zu festigen. Auch heute umgibt den knapp 50jährigen noch immer eine eigenwillige Aura, sei es als hoffnungsloser omantiker oder als getriebener Rocker. DeVilles Mischung aus Soul, Blues, Latin, Cajun und R&B ist von hohem Wiedererkennungswert und sein Gespür für Melodien kaum zu übertreffen. Das neue Livealbum "Live In Berlin" zeigt vor allem die stillere Sei-te des Künstlers, die im akustischen Gewand den erwähnten Melodien ebenso den Vorrang einräumt wie dem charismatischen Sänger DeVille. Damit wiederum kommt er den Roots ein weiteres Stück des Weges entgegen.

Interview Chris Rea - 4. Dezember 2002, Wien, Museumsquartier

ChrisRea1.jpg (11255 Byte)"Stony Road" scheint tief im Deltablues zu wurzeln. Woher kommt dieser Einfluss?
Da kann ich mich noch gut erinnern. Es war im Schlafzimmer meiner Mutter an einem Samstagabend, als ich noch sehr jung war. Ich kämmte meine Haare dort, da meine Mutter einen schönen Spiegel im Zimmer hatte. Plötzlich ging das Radio an, ein Weckradio,das meine Mutter niemals richtig bedienen konnte. Und da hörte ich zum ersten Mal Charley Patton. Es war eine Art spirituelles Erlebnis für mich. Ich war absolut gefangen davon, wie er sang, spielte und diese spezielle Emotion vermittelte. Ich hatte bis dahin nicht Gitarre gespielt und fragte Freunde, wel-che Art von Gitarre dies sei, die so emotional Einsamkeit, Ärger, Freude, Aggression und Traurigkeit ausdrücken konnte. Ich dachte zunächst, das sei eine Art Violine! Meine Freunde klärten mich dann auf, dass dies eine Slidegitarre, gespielt mit einem Bottleneck war. Diese Episode veränderte mein gesamtes Leben!

ChrisRea2.jpg (12414 Byte)Was bedeutet dir der Blues persönlich?
Für mich ist der Blues eine Form mich aus-zudrücken. Als ich zu spielen begann, saß ich über dem Caféhaus meines Vaters, eines Itali-eners. Es war Winter in einer Industriestadt, und das machte mich sehr depressiv. Ich fand heraus, dass das Gitarrespielen eine Möglichkeit für mich war, mich nicht ganz so schlecht zu fühlen. Jeder kann sich im Blues Zuhause fühlen, nicht "nur" Afro-Amerikaner. Gut gespielter Blues ist einfach eine Transformation eines Gefühls von einem Menschen zu einem anderen durch die Musik. Viele glauben, es ginge darum, besonders schnell Gitarre zu spielen. Das ist ein großer Irrtum. Es gibt heute viele Arten des Blues, es werden viele verschiedene Einflüsse verarbeitet. Ich bin italienisch/irischer Abstammung und auch dies fließt in meine Art des Blues ein. Wo ich beginne unsicher zu werden, ist die "akademische" Behandlung des Blues. Blues sollte nicht als "technische Disziplin" gesehen werden. Blues ist "showtime". Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich nicht mit Blues beschäftigte, als ich jung war. Ich wurde als Teenager nicht von der Bühne angezogen. Selbst heute fühle ich mich dort nicht immer exakt am richtigen Platz.

ChrisRea&hoerb.jpg (9690 Byte)Warum das?
Weil ich im Grunde eher scheu bin. "Stony Road" ist ein sehr intimes Album, sehr still, aber voller Emotion. Ist es die Platte, die du immer machen wolltest? Möglicherweise ist "Stony Road", und zwar das Doppelalbum, jene Platte, die Chris Rea mehr als alles andere, was ich bis dato auf Tonträger herausgebracht habe, widerspiegelt. Es ist die einzige meiner Platten, auf der nichts enthalten ist, womit ich ein Problem hätte. Würde mich jemand fragen, was Chris Rea am besten charakterisiert, so würde ich "Stony Road" antworten. Ich bin ein Jazz/ Blues/Gospelsänger, der Slidegitarre spielt. Das ist mein Job! Ich war es die ersten vier Wochen. Mit Fortdauer der Tournee wird es natürlichimmer anstrengender, ich muss ja auch dauernd mein Insulin nehmen usw. Mehr und mehr wird mir bewusst, dass ich von den Städten, in denen ich auftrete, eigentlich nichts sehe. Gestern München, heute Wien, morgen Stuttgart. Die Lieblingsstadt meiner Frau in Europa ist Wien. Und ich muss ihr berichten, dass ich auch diesmal nichts davon gesehen habe. Woher nimmst du die Kraft, nach deiner schweren Krankheit wieder diese Strapazen auf dich zu nehmen? Man erzählt mir oft, ich wäre immer schon relativ stark gewesen. Ich weiß es nicht genau. Möglicherweise habe ich gerade deshalb die Operationen überstanden. Ich bin jemand, der ständig Beschäftigung sucht. Auch während des Tourens höre ich beispielsweise andauernd Material unseres neuen Plattenlabels, Jazzee Blue. Es hilft, wenn du immer etwas zu tun hast.

ChrisRea&DiHo.jpg (11090 Byte)Hat die Krankheit "Stony Road" stark beeinflusst?
Es gibt viele Dinge, über die ich heute - bedingt durch meine Krankheit - anders denke als früher. Vieles hat sich für mich verän-dert. Ich sehe das Leben nun anders. Aber es hat keinen Sinn, darüber zu dozieren. Bevor du nicht selbst in einer derartigen Situation bist, kannst du die Erfahrungen anderer nicht wirklich antizipieren. So waren zum Beispiel die letzten beiden Wochen, bevor ich wieder ins Business eingestiegen bin, die besten meines Lebens. Das Leben kann so einfach sein! "Stony Road" hat in England bereits Goldstatus erreicht, und viele Manager großer Plattenfirmen sind etwas verwirrt darüber, warum ein Gospel-Blues-Album so viel Erfolg haben kann. Möglicherweise kommt dies daher, dass sie Musik nicht wirklich lieben und auch nicht begreifen, dass Chris Rea immer schon auch diese Musik gemacht hat, besonders live. Trotzdem glaube ich, dass es ohne meine Krankheit nicht zu "Stony Road" gekommen wäre. Es entsprang letztlich dieser speziellen Situation, die mir die Kraft gab, Gospel und Blues auch auf einem Tonträger aus mir herauskommen zu lassen. Es war ein natürlicher Prozess. Allerdings höre ich niemals meine eigene Musik. Ich glaube, wer seine eigene Musik gerne hört, sollte zum Psy-chiater gehen! Wenn du ein bestimmtes Levelerreicht hast, kommt die innere Befreiung nicht daraus, deiner eigenen Musik zuzuhören, sondern sie live auf der Bühne zu spielen. Mit der Malerei ist es ähnlich. Wenn ich ein Bild fertiggestellt habe, hänge ich es nicht an die Wand, sondern ich beginne mit einem neuen.


Bericht/Interview: Dietmar Hoscher
Fotos: Dietmar Hoscher / Herbert Höpfl

Den gesamten Blues-Talk mit Interviews mit Otis Taylor und Willi DeVille lesen Sie in der Printausgabe 1-03, erschienen am 3. Februar 2003. Abo+Gratis-CD