Titelstory www.concerto.at 4 / 2004

Miriam Makeba -

Die unerschöpfliche Kraft der „Mama Africa"

Die Powerfrau aus Südafrika kann man getrost als Weltstar bezeichnen, der über die Grenzen der Musik hinaus auch das politische Zeitgeschehen nachhaltig mitgeprägt hat. Miriam Makeba war die erste afrikanische Sängerin, die internationale Anerkennung erlangte. Sie ist eine Frau, die nie den Weg des geringsten Wider- standes ging, sondern stets bewusst Position bezog. Dadurch musste sie, was ihre Karriere als Sängerin betraf, viele Rückschläge in Kauf nehmen. Doch all diese Erfahrungen scheinen sie nur umso stärker gemacht zu haben. Miriam Makeba gehört zu den wenigen Künstlerinnen, die von sich behaupten können, dass sie die Welt verändert haben. Heute, im Alter von 72 Jahren, ist „Mama Africa“ immer noch stimmgewaltig und voller Energie, wie ihr neuestes Album „Reflections“ beweist.
Genau zum zehnjährigen Jubiläum des Endes der Apartheid erscheint "Reflections", eine Compilation von Makeba-Klassikern in neuem musikalischem Gewand. Die Originalversionen der Songs stammen aus den 1960-er und 70-er Jahren. Makeba selbst hat für die neue CD ihre Lieblingsstücke zusammengestellt und lässt so die Blütezeit ihrer Karriere Revue passieren. Viele der Songs sind in Südafrika bisher unveröffentlicht. Die Künstlerin selbst freut sich darüber, dass sie diese "mit der Energie von heute nochmals aufnehmen konnte, für das südafrikanische Volk und die Welt", wie sie meint.
Die Geschichte einer Kämpferin. Die persönliche Story von Miriam Makeba ist fast eine Geschichte des Nachkriegs-Südafrikas. Geboren wird Miriam Makeba 1932 in Johannesburg als Tochter einer sogenannten Sangoma, einer weisen Frau der Ethnie der Xhosa. Die vermeintlichen Zauberkräfte der Mutter sind den Handlangern des Regimes nicht ganz geheuer. So verbringt Miriam Makeba den Großteil ihres ersten Lebensjahres an der Seite ihrer Mutter im Gefängnis. Dass ihre gesamte Jugendzeit in den Town-ships keine einfache ist, braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden. Die Musik sollte über die allgegenwärtige Unterdrückung hinwegtrösten. Begeistert lauscht Makeba mit ihren Freunden den Platten von Billie Holliday und Ella Fitzgerald. So sind es auch überwiegend Jazzstandards, mit denen Makeba in der Band The Cuban Brothers ihre ersten Erfahrungen als Sängerin sammelt. Bald landet die talentierte Künstlerin bei der zur damaligen Zeit bekanntesten Gruppe Südafrikas, den Manhattan Brothers, als Leadsängerin. Die Tourneen der Band führen Makeba erstmals auch ins Ausland, etwa in den Kongo und nach Rhodesien (später Rep. Simbabwe). 1958 gründet Miriam Makeba das legendäre Frauen-Trio The Skylarks und nimmt die erste Single unter eigenem Namen auf. Die Titelrolle in dem Township-Musical "King Kong", bei dem sie ihren späteren Ehemann, den Trompeter Hugh Masekela kennen lernt, beschert ihr weitere Popularität. Das Musical, dessen Musik vom großartigen Pianisten Todd Mathshikiza stammt, erzählt die tragische Geschichte des Boxers King Kong, der seine Freundin ermordet und schließlich im Gefängnis zu Tode kommt. Das Stück hatte sowohl auf Schwarze wie auf Weiße eine magische Anziehungskraft. Um die vorgeschriebene strikte Rassentrennung bei Veranstaltungen zu umgehen, wurde die Jazzoper oft an Universitäten aufgeführt. Die Produktion wanderte später (1961) übrigens nach London und brachte eine regelrechte Flüchtlingswelle von südafrikanischen Künstlern ins Rollen. Nach Ende der Spielzeit kehrten viele Musiker des Orchesters nicht mehr in ihre Heimat zurück.
Durch ihre Auftritte mit der Gruppe Africa Jazz & Variety von Alf Herberts, der vielen jungen Talenten in Südafrika zum Durchbruch verhalf, wird der amerikanische Filmregisseur Lionel Rogosin auf Miriam Makeba aufmerksam und engagiert die 27jährige für einen kurzen Gesangspart in seiner Anti-Apartheid-Doku "Come Back Africa". Makeba wird zur Präsentation des Films zu den Filmfestspielen in Venedig eingeladen. Kurze Zeit später wird ihr der südafrikanische Reisepass gesperrt und ihr eine Rückreise in ihre Heimat verwehrt.
Großer Bruder Harry Belafonte. In Harry Belafonte findet die junge Sängerin ihren persönlichen Mentor. Die beiden begegnen einander zum ersten Mal in London. Belafonte unterstützt Makeba nicht nur bei der Erlangung der Einreisegenehmigung in die USA, sondern verschafft ihr auch Engagements in den bedeutendsten Clubs von Los Angeles und New York. 1959 debütiert Miriam Makeba im Village Vanguard in Anwesenheit von Leuten wie Duke Ellington, Miles Davis, Nina Simone und Sidney Poitier. Innerhalb weniger Wochen erlangt Makeba einen schier unglaublichen Aufstieg. Bei der Geburtstagsparty von John F. Kennedy im Madison Square Garden 1962, wo Marilyn Monroe ihr legendäres "Happy Birthday Mr. President" zum Besten gibt, singt Miriam Makeba "Wimoweh", welches später oft unter dem Titel "The Lion Sleeps Tonight" gecovert werden sollte.
Ihre leidenschaftliche Rede gegen die Apartheid vor den Vereinten Nationen im Jahr 1963 führt zum endgültigen Bruch mit der Regierung Südafrikas. Ihre Staatsbürgerschaft wird aufgehoben. Miriam Makeba wird für insgesamt 30 Jahre ihr Heimatland nicht mehr betreten. Aber auch ein Verbot ihrer Platten in Südafrika kann nichts an ihrer Popularität ändern. Miriam Makeba avanciert zur Ikone des Widerstandes der Schwarzen gegen die Kolonialherren und genießt in vielen afrikanischen Ländern, die sich gerade in einer Phase des Umbruchs befinden, allerhöchstes Ansehen.
Gemeinsam mit Harry Belafonte gewinnt Miriam Makeba 1965 als erste afrikanische Künstlerin einen Grammy für das Album "An Evening with Miriam Makeba And Harry Belafonte". Die musikalische Freundschaft zwischen den beiden Stars ist bis heute aufrecht. Beim großen Belafonte-Tribute im Madison Square Garden 1997 wird Makeba als Special Guest gefeiert.
Für Politiker unangenehme Zeitgenossin. Mit dem Hit "Pata Pata", den Makeba übrigens bereits in den 50-er Jahren mit den Manhattan Brothers das erste Mal aufgenommen hat, erlangt Makeba nun endgültig weltweite Berühmtheit. Doch auch in den USA sollte die kritische Künstlerin bald in Schwierigkeiten geraten. Nach ihrer Scheidung von Hugh Masekela heiratet Makeba den Führer der Black Panther Partei Stokeley Carmichel. Es dauert nicht lange, da wird Makeba rund um die Uhr beschattet, ihr Plattenvertrag wird gekündigt und ihre Tourneen werden gecancelt. Präsident Sekou Touré bietet dem Paar Zuflucht im westafrikanischen Guinea Conakry. Makeba wird UNO-Delegierte des Landes und erhält eine Vielzahl von Auszeichnungen und Ehrenbürgerschaften afrikanischer Staaten, 1972 überreicht ihr Fidel Castro persönlich einen kubanischen Pass. Aber auch musikalisch bleibt Makeba weiter aktiv und baut mit lokalen Musikern eine neue Band auf. Es entsteht eine Reihe von hervorragenden Alben, wie "Miriam Makeba And Her Guinea Quintet" (Syliphone, 1975). Bei diversen Jazzfestivals in Europa ist sie gern gesehener Gast, etwa in Montreux, Berlin oder beim Northsea Festival. 1977 wird Makeba als inoffizielle Vertreterin von Südafrika zum Pan-Afrika-Festival (FESTAC) nach Lagos eingeladen. Ins globale Musikbusiness klinkt sich Miriam Makeba jedoch erst wieder 1987/88 im Rahmen der Graceland-Tour mit Paul Simon und Ladysmith Black Mambazo ein.

Rückkehr nach 30 Jahren. Im Jahr 1990 bittet Präsident Nelson Mandela Miriam Makeba persönlich, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, was Makeba auch unverzüglich macht. Sie lebt heute in Johannesburg und kann auf eine mehr als ein halbes Jahrhundert währende Karriere zurückblicken. "Ich bin die glücklichste alte Frau, wenn ich mir Oumou Sangare, Angélique Kidjo und Salif Keita anschaue", meint Miriam Makeba, die als spirituelle Mutter unzähliger afrikanischer Musiker gilt und den Beinamen "Mama Africa" nicht unverdient trägt. In den 1990er Jahren führen ausgedehnte Tourneen die Künstlerin rund um den Erdball, mühelos füllt Makeba die größten und berühmtesten Konzertsäle, wie die Royal Albert Hall in London oder das Olympia in Paris.
TStets sozial und politisch engagiert. Aber Miriam Makeba wäre nicht Miriam Makeba würde sie sich nicht gleichzeitig auch sozialen und politischen Themen widmen. Die Künstlerin engagiert sich ganz speziell für in Not geratene junge Frauen in Südafrika. Sie gründet 1997 das "Makeba Rehabilitation Centre For Girls". Makeba will ihrem Beinamen "Mama Africa" in jeder Hinsicht gerecht werden: "Wir müssen die jungen Mädchen von der Straße holen. Sie sind die Mütter von morgen", bemerkt Makeba und betont nicht ohne Stolz, dass die junge Demokratie in Südafrika sich sehr um die Stellung der Frau bemühe. Fast die Hälfte der 400 Parlamentsabgeordneten seien Frauen und auch viele der Diplomatenposten seien mit Frauen besetzt, so Makeba.
Miriam Makeba ist eine aktive Beobachterin des aktuellen Musikgeschehens und meint etwa zum Kwaito, der südafrikanischen Form des HipHop: "Kwaito ist eine wunderbare Musik, weil der HipHop den jungen Leuten eine gute Möglichkeit gibt, sich auszudrücken", meint Makeba und fügt gleich hinzu: "Für mich ist die Musik in Ordnung, so lange die Texte nicht zu vulgär sind."
Das neue Album - eine Retrospektive. Während ihr letztes Studioalbum mit dem Titel "Homeland" (Putomayo) aus dem Jahr 2000 sich ganz den Anforderungen einer modernen Pop-Produktion unterwirft, stellt "Reflections" eine Retrospektive auf die produktivsten Jahre der Sängerin dar und nimmt ganz bewusst auf den Sound der jeweiligen Entstehungsjahre Rücksicht. Produziert wurde "Reflections" vom Kapstädter Musiker Ringo Madlingozi und Makebas Enkel Nelson Lumumba Lee, der auch als Gesangspartner seiner Großmutter in Erscheinung tritt. Ein weiteres Familienmitglied ist im Backgroundchor vertreten, Enkelin Zenzi Lee.
Neue Versionen von "Pata, Pata" oder "Click Song" dürfen auf so einer Compilation natürlich genauso wenig fehlen wie "Mas Que Nada", einem repräsentativen Beispiel aus Makebas brasilianischem Repertoire. "Quit It" ist ein eindringlicher Appell gegen Drogenmissbrauch, ein Song, der aus der Feder ihrer Tochter Bongi stammt, die 1986 im Alter von nur 34 Jahren verstorben ist. Der Song "African Convention" wurde von Hugh Masekela und Stanley Todd als Beitrag zur panafrikanischen Bewegung geschrieben. Für Miriam Makeba bleibt die Vereinigung Afrikas, die Schaffung einer gemeinsamen Identität, der größte Traum: "Seit den 60er Jahren singe ich für die Vereinigung Afrikas, aber keiner scheint auf mich zu hören", sagt Makeba und formuliert es unmissverständlich: "Wir sollten uns auf eine afrikanische Sprache einigen, die jeder lernt, freilich ohne unsere eigenen Sprachen zu vergessen. In zehn Jahren bräuchten unsere Kinder kein Französisch, Englisch oder Portugiesisch mehr zu lernen." Miriam Makeba wird zeitlebens eine Kämpferin bleiben. Vor dieser Frau und ihrem Lebenswerk können wir uns nur verneigen und hoffen, dass sie ihre Stimme noch lange erheben wird. Jörg Weitlaner
CD-Tipp:
„Reflections“ Gallo Records/Exil Musik, Vertrieb: Hoanzl

Diskographie:

Miriam Makeba“ (1960)
  • „An Evening with Belafonte/Makeba“ (1965)
  • „Pata Pata“ (1967)
  • „A Promise“ (1974)
  • „African Convention“ (1979)
  • „Rhythm & Song“ (1980)
  • „Sangoma“ (1988)
  • „Malaisha“ (1989)
  • „Sing Me A Song“ (1993)
  • „The Best Of Miriam Makeba & The Skylarks“ (1994)
  • „Homeland“ (Putumayo, 2000)
  • „Mama Africa: The Very Best Of Miriam Makeba“ (2001)
  • „The Best Of Early Years“ (2003)

    Konzerttermine:
    29.Oktober, Salzburg, Jazzherbst Salzburg, Congress, 19.30
  • Web-Tipp: www.jazz-herbst.at