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20 Jahre Wiener Tschuschenkapelle
Tradition erhalten und einen Schritt weitergehen
Es war ein ereignisreiches, bedeutungsvolles Jahr, in dem die
Tschuschenkapelle gegründet wurde. Viel Wasser ist seitdem die Donau
hinunter geflossen, und in vielerlei Hinsicht ist auf dem Weg zum
Schwarzen Meer kein Stein auf dem anderen geblieben. Seit 20 Jahren gibt
es die Formation um Slavko Niniæ nun dieses Jahr. Begangen wird das
Jubiläum mit Konzert-Festivitäten und einem „Tschuschenfilm“.

Von einem musikalischen Balkanboom konnte keine Rede sein,
als Slavko Niniæ, dessen Familie ursprünglich aus Bosnien stammt und der
in Slawonien aufgewachsen ist, 1972 nach Wien kam. Wohl aber von einem
anderen Boom. Es war die Zeit, in der es gerade eine Woche dauerte, um
eine Arbeitsgenehmigung in der Hand zu halten. Die Konjunktur machte es
möglich. 3 Monate mühte er sich mit Krampen und Schaufel, Kräne waren
damals eher unbekannt. Dann war es genug, und er schaffte sich eine
Gitarre an. Die Baufirma hieß übrigens Lugner, eine noch kleine Firma
damals.
Viele Besetzungen hat die Kapelle im Laufe der Jahre
erlebt, und viele Musiker haben auf den CDs mitgewirkt. Zu den
Bekanntesten zählen Krzysztof Dobrek und Martin Lubenov. Die aktuelle
Tschuschenkapelle rekrutiert sich aus verschiedenen Ländern Südosteuropas
und spielt nun schon eine ganze Weile zusammen. Neben Slavko Niniæ - dem
Mann mit dem Hut -, der wie seit eh und je mit feinem Witz und Ironie die
Moderation übernimmt, singt und die Gitarre spielt, finden sich Maria
Petrova (Perkussion), Mitke Sarlandziev am Akkordeon, Hidan Mamaduv
(Klarinette, Saxofon, Gesang), und Jovan Torbica am Kontrabass. Nach wie
vor setzt sich das Repertoire vorwiegend aus Liedern der Balkanländer
zusammen. Von kroatischen Volksliedern über die bosnische Sevdalinka,
türkisch orientalischen Stücken bis hin zum griechischen Rembetiko. Aber
auch Russisches findet sich, und die speziell eingestreuten
alteingesessenen Wienerlieder werden auf die spezielle Tschuschenart
intoniert.
„We
don´t speak english so much, therefore we play, now“
Weit ist sie schon herumgekommen, die Tschuschenkapelle, von einem
Auftritt in Vancouver ist obenstehendes, legendäres Zitat als
Publikumsbegrüßung überliefert. Doch nicht nur in Kanada hatten sie ihren
Auftritt, sie konzertierten genauso in Simbabwe und Mozambique, in
Marokko, Brasilien und von Belgien bis Italien. Doch noch nie war sie in
jenen Ländern, aus denen viele ihrer Lieder und die meisten der aktuellen
Bandmitglieder stammen. Der Plan, eine Tournee durch die Länder
Ex-Jugoslawiens zu machen, liegt schon einige Jahre zurück und reifte
langsam. Die Reise fand dann voriges Jahr nach längerem Überlegen und auch
persönlichen Bedenken einzelner beteiligter Personen schließlich doch noch
statt. Die Tour bekam den Namen „Sevdah Transversale“. Die Idee stammt von
Peter Kuthan, der sich auch um die Organisation der Tour kümmerte und
schon damals die Band durchs südliche Afrika begleitet hat. Und auch einen
Film haben sie von der Reise mitgebracht, der unter dem Titel „Balkan
Blues“ bereits im ORF gesendet wurde. Regisseur ist Wolfgang Beyer, der
sich schon früher als Autor verschiedener Dokumentarfilme zu musikalischen
und politischen Themen etablieren konnte. Lob erntete er für „Schlurf-Im
Swing gegen den Gleichschritt“ ein Film über Jazz-begeisterte Jugendliche
während der Nazidiktatur. Und auch hier ist Musik und Politik ein
wesentliches Thema.
Sarajevo kann ganz nah sein
Da, wo die Reise ihren Ausgang genommen hat, fand man sich nach Ablauf
eines Jahres zur Filmpräsentation wieder. Es regnete wie aus Schaffeln, an
diesem Abend im Juni am Wiedner Gürtel, nicht weit vom Südbahnhof
entfernt. Im Restaurant „Sarajevo“, wo der Slivo wie Wasser in der Karaffe
auf dem Tisch steht und die Æevapèiæi auch wie Æevapèiæi schmecken, wurde
die Tschuschenkapelle ein Jahr davor von der damaligen Außenministerin
Ursula Plassnik verabschiedet. Mit einem Ess-Paket voller österreichischer
Spezereien und Wein, damit sie nicht verhungern und verdursten, da unten.
Jedenfalls ist die Kapelle gut angekommen in Belgrad, wo sie in einem
Fernsehstudio von einem gestylten Publikum nahezu wie Exoten bestaunt
wurden. Etwas anders gestaltete sich der Auftritt in der gar nicht weit
entfernten Roma-Gemeinde Mladenovac, wo die Tschuschenkapelle von einem
Lastwagenanhänger runter spielt, die Bevölkerung rege teilnimmt und ein
Volksfest organisiert. Die Sorgen der Leute dort artikuliert eine
Roma-Mama, wobei klar wird, Ressentiments gibt es leider überall.
Grenzüberschreitungen
und nicht verheilte Wunden
Der ebenfalls in Wien lebende Jovica Petkoviæ, Akkordeonist und Altmeister
der Sevdalinka , konnte an der Reise leider nicht teilnehmen, ein
Schlaganfall machte es unmöglich. Mit ihm gemeinsam ist ja die letzte CD
der Tschuschenkapelle entstanden. Die ursprüngliche Idee war, ihn nach
Sarajevo zu begleiten, den großen Sohn aus der Diaspora. Doch auch so
findet sich der Höhepunkt der Reise in Bosnien- Herzegovina, der Heimat
der Sevdah- oder Sevdalinka-Musik, die hierzulande noch weitgehend der
Entdeckung harrt. Es ist eine melancholische Musik, die auf eine Art
durchaus mit Fado oder Rembetiko verglichen werden kann. Mit der
Bezeichnung Balkan-Blues liegt man jedenfalls nicht daneben. Der Film
zeigt neben viel Musik immer auch auf sehr persönliche Weise die noch
nicht verheilten Wunden des Krieges. E ist auch als Mahnung zu verstehen,
dass die Dinge, die damals in Jugoslawien passiert sind, auch anderswo in
Europa wieder geschehen könnten, wenn sich der Populismus weiterhin im
Vormarsch befindet. Der Tschuschenkapelle Werk ist jedoch ein zutiefst
völkerverbindendes. Bei dieser Performance und dieser Musik voller Freude
und Menschlichkeit ist schwerlich Hass möglich. Schon gar nicht einer, der
sich aus Nationalismen speist. 9 CDs und Alben sind im Laufe der Jahre von
der Tschuschenkapelle erschienen. Bald soll es ein neues Werk geben.
Vielleicht sogar bis zum 4.Dezember. Slavko Niniæ gibt sich geheimnisvoll.
Oder auch nicht. Auf die Frage, was darauf enthalten sein wird, antwortete
er: Tschuschenmusik! Werner Leiss
CD-TIPPS:
Wiener Tschuschenkapelle & Jovica Petkovic, Bosanske Sevdalinke,
Tschuschenton, Vertrieb: Extraplatte
Best Of Wiener Tschuschenkapelle, Tschuschenton, Vertrieb: Extraplatte
(Als Appetitanreger für den Rest)
WEB-TIPP:
www.tschuschenkapelle.at
LIVE-TIPPS:
11.09.09 World Music Festival, Wiener Neustadt
24.10.09 Festival Kilb, Marktplatz
09.11. 09 Großes Tschuschenkapellefest: 20 Jahre Tschuschenkapelle,
Konzerthaus Wien, Mozartsaal
04.12. 09 Großes Tschuschenkapellefest: 20 Jahre Tschuschenkapelle
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