Couscous oder Schnitzel?
Dhafer Youssef
Er ist ein Kosmopolit im wahrsten Sinn des Wortes. Als er vor zwölf Jahren
seine tunesische Heimat mit vagen musikalischen Plänen verließ, ahnte er allerdings noch
nicht, dass er einmal mit der Crème des internationalen Jazz arbeiten würde. Dhafer
Youssef hat zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen. Mehr als alles
andere ist es aber seine seelenvolle Musik, die Kollegen wie Publikum in ihren Bann zieht.
Unendliche Neugier auf neue Erfahrungen treibt ihn 1989 aus Tunesien
ausgerechnet nach Österreich, wo er zunächst in Graz landet, innerhalb eines halben
Jahres Deutsch lernt und währenddessen als Tellerwäscher oder Fensterputzer arbeitet.
Später übersiedelt er nach Wien, wo er u.a. Jobs als italienischer (!) Kellner in einer
Pizzeria und als Bauchtanzmusiker hat, die ihn naturgemäß wenig befriedigen. Die
Bekanntschaft mit dem Geiger Toni Burger öffnet Dhafer Youssef schließlich die Türen
zur Wiener Musikszene. Ein Engagement als Bühnenmusiker im Theater der Jugend
(Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren) bringt ihn in Kontakt mit Leuten
wie Otto Lechner und Georg Schurl Graf. Wenig später spielt Youssef schon in
der Band Zyriab des Perkussionisten Gerhard Reiter. Ich wollte aber nicht in dieser
Weltmusik-Szene bleiben. Ich bin kein echter Weltmusiker. Ich bin nicht
unbedingt einer, der sagt: Ich zeige euch, wie Couscous gekocht wird. Das interessiert
mich nicht. Mich interessiert die österreichische Volksmusik mehr als die tunesische, das
ist mir näher. Vielleicht weil ich den tunesischen Background immer schon gehabt
habe.
Seine zweite Band in Wien ist schon weit jazziger ausgerichtet: mit Toni Burger, dem
Bassisten Achim Tang und dem indischen Perkussionisten Jatinder Thakur beginnt Youssef
ernsthaft an seinem Konzept einer arabisch inspirierten, aber nach allen Seiten offenen
Musik zu arbeiten, in der er die mystische Tradition der Sufis wie selbstverständlich
neben instrumentale Virtuosität und Jazzästhetik stellt Letztere verkörpert
durch Kooperationen etwa mit Christian Muthspiel und Wolfgang Puschnig. Der
Projektcharakter ist bis heute eine Konstante seines musikalischen Schaffens geblieben;
und auch die aus heutiger Sicht Initialzündung für seine Karriere ist ein
Projekt, nämlich in Form einer Carte-Blanche-Serie im Wiener Jazzclub Porgy
& Bess, die ihm Christoph Huber zwischen September 97 und Mai 98 ermöglicht. Dhafer
Youssef greift zu und beeindruckt das Wiener Publikum mit Konzerten, zu denen er
Stargäste wie Iva Bittová, Tom Cora, Paolo Fresu, Wolfgang und Christian Muthspiel,
Renaud Garcia-Fons, Carlo Rizzo, Arkady Shilkloper, Jamey Haddad, Peter Herbert, Markus
Stockhausen, Nguyen Lê, Patrice Héral und Hélène Labarrière einlädt.
Spätestens
nach dieser Konzertserie (Youssef bezeichnet sie im Interview als seine dritte
Schule nach der Koranschule seines Großvaters und den ersten Erfahrungen in
Österreich) ist das Eis gebrochen: es folgen internationale Auftritte und das viel
beachtete CD-Debüt Malak (1998) auf dem renommierten deutschen Enja-Label.
Dann zieht es den Welt-Menschen (Eigendefinition) wieder in die Ferne,
nämlich nach Marokko und nach New York, wo er u.a. die Bekanntschaft von Szenedrummer
Will Calhoun macht. Die neuen Eindrücke finden sich nun in komprimierter Form auf
Youssefs neuer CD wieder. Auf Electric Sufi vermengen sich mystisch-arabische
Klänge auf selbstverständlichste Art und Weise mit Loops und elektronischen Ambient
Sounds, so als würde jemand den amerikanischen Großstadtdschungel für kurze Zeit in die
Sahara holen. Verschiedenste fein dosierte Soundeffekte ergeben in Kombination mit dem
archaisch anmutenden Oud-Spiel und der faszinierenden 5-Oktavenstimme Dhafer Youssefs eine
Musik, die einen sofort unwillkürlich in ihren Bann zieht.
Anfang August sitze ich einem weiß gekleideten Mann gegenüber, der redet wie ein
Wasserfall, heftig gestikuliert, vorbeigehenden Leuten etwas zuruft und immer wieder in
schallendes Gelächter ausbricht. Dhafer Youssef kennt keine Kontaktschwierigkeiten. Nach
einem gelungenen Duokonzert mit Wolfgang Muthspiel beim Kremser Festival Glatt &
Verkehrt bestens gelaunt, spricht der 34-Jährige über seinen Background, seine
Pläne, die Situation in seinem Heimatland Tunesien, die Zusammenhänge zwischen
Muezzin-Gesängen und Jimi Hendrix und vieles mehr.
Du stammst aus Tunesien. Was waren dort deine ersten musikalischen Einflüsse?
Mein Großvater hatte eine Koranschule und dort wurden auch religiöse Gesänge
praktiziert. Das war weniger eine Musikgruppe im eigentlichen Sinn, sondern eine Gruppe,
die hauptsächlich die Sufi-Tradition gepflegt hat. Ich hatte das Glück, dass mein
Großvater der Leiter dieser Gruppe war.
Dein Gesangsstil ist also von Sufi-Musik beeinflusst?
Auch mein Rhythmusgefühl. Es gibt keine Instrumente in der tunesischen Sufi-Tradition.
Das ist nicht wie in der Türkei dort, finde ich, ist es sehr
touristisch, viel weltlicher als bei den Tunesiern. Es gibt bei uns nur
Trommeln und Gesang und die Sufis tragen wollene Gewänder. Der Name sufi
kommt auch vom arabischen Wort suf für Wolle.

Wie fließt diese Philosophie in deine Musik ein?
Für mich ist nur die mystische Seite interessant. Ich singe auch nie einen
richtigen Text, ich kann keine traditionellen Texte. Ich reagiere da nur auf meine
Mitmusiker, ich improvisiere, es ist Lautmalerei mit irgendwelchen Silben. Aber ich habe
keine Ahnung, was dabei herauskommt, wenn ich den Mund aufmache. Das ist das Geheimnis,
das eigentlich kein Geheimnis ist.
Und deine Kopfstimmen-Technik kommt auch aus der Sufi-Tradition?
Das ist keine Kopfstimme! Das ist alles gepresste Bruststimme mit einer speziellen
Atemtechnik.
Hast du das in Tunesien so gelernt, oder kommt das ganz selbstverständlich?
Ich bin der faulste Sänger, den du dir vorstellen kannst wenn man mich überhaupt
Sänger nennen kann. Ich singe nur mehr auf der Bühne, auch nicht bei Proben. Ich wärme
die Stimme vorher ein bisschen auf und gehe einfach auf die Bühne. Und dann gehts
los oder nicht!
Ist für dich die Stimme oder
die Oud das Hauptinstrument?
Wenn ich zu Hause bin, singe ich nicht, sondern spiele nur Oud. Ich komponiere auch
auf ihr. Sie ist mein Hauptinstrument, das ich jeden Tag berühre und verwende. Ich glaube
aber schon, dass beides für mich wichtig ist.
Warum bist du 1989 aus Tunesien weggegangen?
Ich habe mich in Tunesien nie wirklich zu Hause gefühlt. Musik war aber immer schon mein
Lebensinhalt. Ein paar Monate habe ich auf dem Konservatorium studiert, dann bin ich
weggegangen, weil ich gesehen habe, das ist nicht meine Welt. Dafür wollte ich diese Welt
entdecken, die ich im Radio gehört habe. Ich wusste nicht: ist das Mainstream Jazz, Free
Jazz, Klassik, Pop ... Ich habe das alles einfach als Musik gehört und wollte es immer
schon kennen lernen. Ich wollte nicht nur einfach die Welt rund um den Couscous sehen,
sondern auch rund um das Wiener Schnitzel und Sushi und so weiter. Das fasziniert mich:
Reisen, Begegnungen, jeden Tag etwas anderes erleben, neue Gerüche, andere Musiker kennen
lernen. Deshalb versuche ich immer neue Projekte zu machen, immer viel zu viel!
Ich habe nie Musik studiert im engeren Sinn, ich lebe seit 34 Jahren nur vom Sammeln von
Erfahrungen. Ich kann nicht einfach stehen bleiben und sagen: jetzt weiß ich genug. Ich
habe eher das Gefühl, dass es noch wahnsinnig viel zu lernen gibt für mich.

Und warum bist du gerade nach Österreich gekommen?
Weil es damals das einzige Land ohne Visumzwang für Tunesier war. Außerdem wollte
ich Mozart und Beethoven hören, klassische Musik. Ich bin in Graz zur Hochschule gegangen
und wollte die Aufnahmsprüfung machen. Die haben gefragt: Kannst du Klavier
spielen? Nein. Kannst du Noten lesen?
Nein! Ja, wie stellst du dir das dann vor? Da habe ich einen
Schock gekriegt und durch diese Krise gelernt, dass ich meinen Weg allein gehen sollte.
Sowohl auf Malak als auch auf Electric Sufi findet sich
der Satz Ich widme diese Musik jenen, die ihr schlecht zuhören werden und die sie
nicht mögen werden. Warum?
Das ist natürlich ironisch gemeint. Es gibt einige Menschen, die zu einem Konzert nicht
kommen um zuzuhören, sondern um zu kritisieren. Diese Leute verstehen nicht, dass wir
alle vor allem die Jazzmusiker versuchen eine Geschichte zu erzählen.
Keiner ist wirklich groß die Presse macht die Leute groß. Auch wenn ich jetzt
Platten mache, bin ich noch immer der Gleiche. Wichtig ist, wie ich mich entwickle. Also
diese Widmungen sind für alle diese Leute. Weißt du, wir sind alle nur einfach Musiker
und unser Handwerkszeug ist do-re-mi-fa-sol-la-si-do. Jeder spielt die selben Noten, aber
bei jedem klingen sie anders. Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen und die Leute
sollen uns entweder unterstützen oder in Frieden lassen.
Ich habe noch eine Frage, die mit Nordafrika zu tun hat ...
Politisch?
Nein ...
Na, du kannst auch das schreiben: ich war zwei Tage im Verhör, denn ich habe den
tunesischen Präsidenten in Treffpunkt Kultur kritisiert. Und als ich in
Tunesien aus dem Flugzeug gestiegen bin, haben sie mich mitgenommen. Irgendwelche Spitzel
haben das gesehen. Das sind Barbaren. Tunesien ist zwar ein schönes Land und die
Touristen kommen gern hin, aber politisch ...
Ich habe beim Hören deiner Musik immer das Gefühl, dass viele deiner Stücke
melancholisch, wenn nicht traurig, sind. Ist das einfach Dhafer Youssef oder ist das die
nordafrikanische Seele?
Das ist es, was ich von der Sufi-Tradition übernommen habe. Wenn ich komponiere, ist es
immer melancholisch. Ich kann auch kein Liebesgedicht singen, am ehesten vielleicht eines
für Gott ... aber keine Ahnung, warum.
Wie ist dein Verhältnis zu Wolfgang Muthspiel?
Ich spiele jetzt seit ungefähr zwei Jahren mit ihm, und es ist unglaublich. Der sitzt,
der Typ, der ist ein Monster! Viele Leute sagen: Ja, Wolfgang Muthspiel, Österreicher,
ja, der kann spielen, aber er berührt mich nicht. Auch viele Österreicher sagen das.
Aber er ist ein Motherfucker, wie die Amerikaner sagen. Er ist ein Musiker mit Seele, mit
viel Talent. Ich hätte Schwierigkeiten gehabt, für Electric Sufi einen
anderen Gitarristen mit einer solchen Bandbreite zu finden.
Ich glaube, du spielst in letzter Zeit auch viel mit dem Trompeter Paolo Fresu ...
Für mich ist es, als würde ich mit dem Miles Davis von heute spielen. Voriges
Jahr im Juni habe ich begonnen mit ihm in Sardinien Duokonzerte zu geben. Und bis jetzt
haben wir kein Programm, gerade einmal ein paar Stimmen, die wir im Lauf der Zeit ein
bisschen arrangiert haben. Vor dem ersten Konzert haben wir uns direkt am Flughafen
getroffen und sind auf die Bühne gegangen Soundcheck, und dann haben wir
zweieinhalb Stunden gespielt! Unglaublich! Das kannst du nicht mit jedem Musiker machen.
Die Erfahrung mit Paolo war eine der schönsten im letzten Jahr.
Dann habe ich jetzt auch viel mit Nils Petter Molvaer gearbeitet. Ich stehe total auf
seine Sounds und was er mit seiner Band macht. Und durch ihn habe ich auch jetzt Bill
Laswell kennengelernt und mit ihm gespielt. Es ist wahnsinnig interessant zu wissen, wie
solche Leute arbeiten. Denn Musik ist nicht nur was man spielt, sondern auch wie man
denkt. Ich empfinde es als großes Glück, diese Leute berühren zu können und mit ihnen
befreundet zu sein. Das ist für mich wieder wie eine Schule.
Was hältst du von dem Begriff World Music?
World Music ist Jazz, klassische Musik, alles. Wenn ich den Begriff als solchen nehme,
kann ich ihn akzeptieren. Wenn es sich aber nur um eine kommerzielle Produktion handelt,
um das gut zu verkaufen ... Diese typischen Ethno-Jazz-Geschichten halte ich nicht aus:
irgendeiner macht eine Band und hat einen Oud-Spieler oder Tabla-Spieler dabei, und es ist
oft nicht einmal homogen.

Was bedeutet dir Tradition?
Ich bin kein Traditionalist. Ich glaube, das ist das Verrückteste an einem
Menschen: dass er seine Tradition loslassen kann. Das ist wie bei einer Beziehung: die
kannst du nicht einfach so aufgeben, du brauchst Zeit. Und das könnten auch 20, 30 Jahre
sein. Ich habe die Tradition in Tunesien erlebt, wollte aber diese Musik nie praktizieren.
Heute glaube ich, es war ein Glück für mich, dass ich mich so entschieden habe.
Aber ihr habt an dem Konzept von Electric Sufi trotzdem sehr hart gearbeitet?
Wahnsinnig hart. Ich bin glücklich, dass ich für die Produktion so viel Zeit hatte. Denn
normalerweise kommst du rein, spielst, mischst es ab und passt. Aber in dieser CD steckt
richtige Arbeit, das ist auch eine andere Dimension, sich so genau kennen zu lernen, und
man kann sich auf diese Art wahnsinnig entfalten. Und das ist sehr schön. Ich sage dir
auch, warum ich es Electric Sufi genannt habe. Die Leute in Tunesien, oder
überhaupt im Orient, sind total an elektronische Sounds gewöhnt, und zwar warum? Um drei
Uhr früh hörst du den Muezzin, der singt so: (singt einige Takte). Das klingt für mich
wie Jimi Hendrix, der zum Gebet aufruft. Na wirklich! Also ich meine, die ganze arabische
Welt lebt mit diesem Jimi-Hendrix-Pedalsound. Und dann sagen sie: Nein, das ist die
echte Stimme des Muezzin. Verstehst du: da oben auf dem Minarett stehen vier
Megaphone! Aber sonst sagen die Leute: Wir wollen nichts Elektrisches und wir
bestehen auf unserer Tradition. Dabei sind sie damit aufgewachsen!
Hast du in Tunesien eigentlich ein Publikum?
O ja. Es ist in der derzeitigen politischen Situation nicht so einfach, aber da gibt es
schon Konzerte, wo du vor drei- oder viertausend Leuten spielen kannst. Die sind aber
nicht wie hier oder in Amerika. Die hören anders, mit ... Durst. Hier in Europa ist das
Publikum auch super. Aber du musst wirklich einen Event veranstalten, damit sie kommen,
und du musst Qualität bieten. In Tunesien haben die Leute nicht diese Wahl. Die hören
alles und es ist wichtig für sie, diese anderen Töne zu hören. Wenn ich von
dieser Seite eine Bestätigung bekomme, ist das für mich als Tunesier sehr wichtig.
CD-Tipp:
Electric Sufi, Enja ENJ-9412 2, Vertrieb: Edel Records
Konzerttipp:
Nightmare In Tunisia 3-Tages-Porträt Dhafer Youssef im Porgy &
Bess/Wien:
7.10. 2001, 20 Uhr: Electric Sufi (feat. Wolfgang Muthspiel, Mino Cinelu)
8.10. 2001, 21 Uhr: Mufti 20 (feat. Otto Lechner, Wolfgang
Puschnig)
9.10. 2001, 21 Uhr: Shark Attack (feat. Christian Muthspiel & Orchester)
Text und Interview: Martin Schuster
Fotos: Herbert Höpfl (Interview)
Wolfgang Gonaus (Live)
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