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| Ein Kraftwerk der Gefühle Björk Gudmundsdottir |
Ich bin ein blutiger
Springbrunnen |
Die Isländerin Björk hat in die Popmusik einen unbekannten, neuen Ton mit hohem Wiedererkennungswert eingebracht und hebt sich derzeit damit aus der Menge der flachen, uninteressanten Stimmen am markantesten und am wohltuendsten ab.
Island ist für den Rest der Welt ungefähr so exotisch wie das Taka-Tuka-Land. Wer einmal auf dem Flughafen von Reykjavik zwischengelandet ist und durch das Fenster der Wartehalle auf die Lavalandschaft wie auf einen fremden Planeten geblickt hat, wird das als lebendigen Eindruck in Erinnerung behalten. Recht viel mehr als Aurora Borealis und Vulkane fällt einem Festlandeuropäer zu Island dann aber nicht mehr ein. Vielleicht noch ein Fußballteam, gegen das unsere Nationalmannschaft eventuell eine Chance hätte. Seit ein paar Jahren aber hat Island einen Exportartikel, der in der globalen Popszene, blickt man über den Tellerrand des Exotismus hinaus, ein kleines Wunder darstellt.
Björk Gudmundsdottir, so ihr voller Name, aber der Vorname genügt. Ihre dritte Solo-CD trägt den Titel Homogenic ein Kunstwort aus ihrer persönlichen Geheimsprache, was eher alles über mich als alles gleich bedeutet. Auf der neuen, selbst produzierten Platte von Björk blubbert und wabert es im Untergrund, daß es nur so eine Freude ist. Keine Blasmusik mehr, keine Big-Bands wie auf den vorhergehenden Alben Debut und Post. Es knirscht, zischt und ächzt in diesem elektroakustischen Gebäude, welches den Rhythmus mehr andeutet als ausspricht. Und dazwischen weben sich Streicherklänge, orchestriert von Eumir Deodato, als dramatischer Tonteppich. Das ist gleichermaßen anheimelnd und beunruhigend, und dieser Widerspruch zwischen Natur und Technik, zwischen akustischen und elektronischen Klängen, erzeugt eine dramatische Klangdichte, über der Björks Stimme jubiliert, gluckst, flüstert oder sich durch Texte kreischt, die die Schräglage der Musik nicht unbedingt mindern.
Von ihren Hippie-Eltern hörte Björk Gudmundsdottir Eric Clapton und Jimi Hendrix, bis ihr schlecht war. Mit 11 Jahren nahm sie dann ihre erste Platte auf, auf der sich isländische und englische Pop-Songs fanden. Etwa Fool On The Hill von den Beatles in einer isländischen Version Alfur Ut Ur Hol. Ihre damalige Plattenfirma verkauft inzwischen Fahrräder, und Björks Platte ist heute vergriffen, läuft aber jetzt wieder im Radio und trägt zur Mythenbildung bei. So richtig berühmt gemacht hat sie die Platte bei ihrem Erscheinen im Jahr 1977 auch nicht, aber was heißt das schon auf einer Insel, wo sowieso alle einander kennen. In ihren Teenagerjahren singt sie in Punk- und New Wave-Bands, von denen eine, die Sugarcubes, auch international reüssieren kann. Musikalisch orientierte sich die Band aber immer noch am Gitarrenrock vergangener Jahrzehnte, sodaß 1992 der Entschluß in Björk reift, die Musik, die sie in ihrem Kopf hat, solo aufzunehmen. Auf eine in der Zwischenzeit noch schnell eingespielte CD mit Jazz-Standards folgte dann ihre erste wirkliche Solo-CD Debut, und die wurde, auch aufgrund innovativer Videos und beständigem Airplay auf MTV, zu einem unerwartet großen Erfolg. Nach Post nun also ihre dritte CD, Homogenic, die eine Symbiose elektronischer Musik mit akustischen Instrumenten herstellt. Ein Akkordeon, eine Glasorgel und das Isländische Streichoktett in Verbindung mit Synthesizer und Samples erzeugen einen Klang, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Musik aus einem Zwischenreich, welches die Kunstfigur Björk bewohnt. Es handelt sich dabei nicht um jene Björk Gudmundsdottir, die gegen Fotografen handgreiflich wird, welche ihren Sohn Sindri belästigen, oder die nur knapp der Briefbombe eines irren Fans entgeht, also nicht um den Menschen aus Fleisch und Blut. Sondern es ist jenes Wesen, das uns vom Cover als Fabelfigur entgegenblickt. Eine künstliche Prinzessin mit Kimono, Halsringen und kalten Maschinenaugen vom Planeten Techno, die eine Welt aus blutigen Eisblumen bewohnt.
Jedes der Stücke ist ein musikalisches Minidrama, zum Leben erweckt von Björks Stimme, die Theatralik nicht nur nicht vermeidet, sondern geradezu sucht. Man hat den Eindruck, hier werden die ganz großen Gefühle abgehandelt. Elektronische und akustische Instrumente bilden dabei das Spannungsfeld, in dem sich die Gegensätze von exaltierter Emotion und kühler Distanz umkreisen. Beim Stück The Hunter etwa, das Björk als Jägerin auf der Suche nach einem magischen Preis zeigt, begleitet von seltsam beschleunigter elektronischer Marschtrommel, heimeligem Akkordeon und Streichorchester. Oder auf Joga, einer Hymne an die Ausnahmesituation der Liebe, die in aufgelösten Formen schwelgt. Björks Stimme stockt, preßt die Wörter heraus und nützt die ganze Bandbreite aus zwischen Ersticken und Brüllen. Und dazu elektronische Instrumente, die nichts mehr nachahmen, etwa wenn Björks Stimme als Sample für ein minimalistisches Riff herhält. Die Künstlichkeit ist Konzept. Oft fungieren Streicher und Akkordeon als folkloristische Elemente, die die Verbindung zum Planeten Erde, zur Heimat, wiederherstellen. Oder das Stück All Neon Like, ein äußerst merkwürdiges Liebeslied. Man muß hören, wie Björk die Worte luminous beam nicht etwa nur singt, sondern wie sie sie geradezu zerkaut, formt und freiläßt, allein das ist schon eine intensive Erfahrung und den Kaufpreis wert. Und dank Eric Clapton und Jimi Hendrix sucht man Stromgitarren auch vergeblich in Björks Musik. Live-Auftritte bestreitet sie sowohl in kleinen Clubs, wo sie Platten auflegt, als auch bei Großveranstaltungen, wie etwa im Juni dieses Jahres vor 16.000 Menschen in Ramsey Island, New York. Dort präsentierte Björk das Material dieser CD in der originalen Instrumentation, und zusammen mit dem Isländischen Streichoktett unter der Leitung von Eumir Deodato und dem Keyboarder Mark Bell sorgte sie für eine dichte atmosphärische Performance. Für den Tanzboden ist das Ganze aufgrund seiner Intimität nicht geeignet, aber dafür wird es dann die Remixes geben. Und auch für die Charts ist diese CD eigentlich zu sperrig, in Popkreisen wird ihre Musik denn auch als zu schwierig eingestuft. Für alle anderen sind Björks gesungene Beschwörungsformeln gedacht und unverzichtbar. Heile uns! Gerhard Graml
| Die neue CD: Björk Homogenic, MUMCD9706 539 166-2/4, Vertrieb: PolyGram |