Sweet Little Rock’n’ Roller

Die Kritikerstimmen reichen von „brillanter, eigenständiger Schwyzer-Rock“ über „guter, aber altmodischer Rock“ bis hin zu „Guns & Roses-Verschnitt“. Die Tatsache, daß die Band in ihrer Heimat Superstar-Status genießt und mit Plattenverkäufen aufwarten kann, von denen österreichische Bands nur träumen können, veranlaßt auch das Concerto-Magazin, die Band und ihre neue CD etwas unter die Lupe zu nehmen.

Die Band besteht seit sieben Jahren in unveränderter Form, ihren Bandnamen haben sie bewußt schweizerisch, massiv und erdig gewählt: Gotthard. Steve Lee, charismatischer und liebenwürdiger Leadsänger ist unbestritten das Aushängeschild der Band, seine Stimme erinnert ein wenig an Led Zeppelin-Sänger Robert Plant (was ja durchaus als Kompliment gelten kann). Neu ist ihre Musik wahrlich nicht, alles schon einmal dagewesen. Die Nähe zur Musik der 70er Jahre, in der Art von Deep Purple, Led Zeppelin oder Nazareth, streitet Steve Lee gar nicht ab: „Wir spielen Classic Rock, wir wollen dem Publikum eine gute Zeit bei unseren Konzerten bescheren, sie sollen den Alltag für ein paar Stunden vergessen, das ist unser Beitrag zu einer besseren Welt.“ Ihre Texte sind nicht unbedingt tiefgehend, man singt über die – richtig erraten (!) – Liebe und deren Nebenwirkungen (nähere Informationen geben Texte im Booklet und nicht Arzt oder Apotheker). Ihr Publikum ist mehrheitlich zwischen 25 und 40 Jahren, „es kommt aber auch vor, daß der Großvater mit den Enkeln zu unseren Konzerten kommt“, ergänzt Steve Lee.

Die neue CD
Nach drei Studioalben überredete Produzent Christian von Rohr (produzierte früher die Schweizer Kultband Krokus) zu einem „un-plugged“-Album – eine Idee die auch nicht unbedingt neu ist. Steve Lee widerspricht auch hier nicht. „Wir haben alte Studioproduktionen auf akustisch umarrangiert, jede Hardrock-Nummer bekam ein völlig anderes Klang-Mäntelchen und mit Hilfe einiger Gastmusiker setzten wir diese Arrangements auch bei Live-Konzerten um – daraus wurde die neue CD „Defrosted“. (Fazit: dadurch fand das Album auch den Weg in die Concerto-Redaktion, Anm. d. Red).

Der überwiegende Teil des Albums besteht aus emotionalen Rockballaden, die eventuell, bei nicht romantisch veranlagten Hörern zu einer Überdosis führen können – aber es ist ja schließlich live –, und da darf das Publikum schon einmal ordentlich das Herz ausschütten und die brennenden Feuerzeuge hochheben. Ein paar Reißer zwischendurch, wie z.B. der Altklassiker „Hush“ (von Joe South/später Deep Purple) bringen wieder alles ins nötige Lot.

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Das Phänomen
Das Faktum, daß Gotthard mit ihren letzten beiden Studioalben zumindest je 50.000 Stück in der Schweiz verkauft haben und mit der neuen CD “Defrosted“ auf schwindelerregender Höhe von Doppel-Platin sind (also 100.000 Stück), die Schweizer-Charts vor den Rolling Stones und Elton John anführten, läßt österreichische Musiker nur staunen und fragen, was denn in der Schweiz vorgeht? Sind dort übermäßig viele Konservativ-Rocker beheimatet, sind die Schweizer wahre Patrioten, werden Schweizer Bands bei den Medien großzügig unterstützt? Eine Menge Fragen, die Steve Lee mit Ja beantworten kann. Auf die Frage, was er von Österreich kennt, wird der gesprächige Zürcher stiller: „Hubert von Goisern, sonst äh ...?

Umgekehrt das selbe Spiel: der Bekanntheitsgrad von Gotthard in Österreich ist knapp über dem „Defrost-Point“, also Null. Deutschland hat die Gruppe im Oktober auf einer zweiwöchigen Tournee im Sturm erobert, in Frankreich und Italien erklimmt man bereits die Charts. Im vergangenen Jahr konnte sich die Band auf ihrer Tournee in Japan und Korea einen Namen machen.

Oh, du mein Österreich
Nun will man Österreich erobern, doch das scheint keine „g’mahde Wiesen“ zu sein. Steve Lee sagt: „In Österreich gibt es kaum eine Chance zu spielen, es fehlt am Management und wahrscheinlich auch am Airplay im Radio. Wir haben aber österreichische Fans, die zu unseren Konzerten in die Schweiz oder nach Deutschland fahren, um sich mit Platten einzudecken.“

Daß Ö3 den Hauptanteil an dieser Misere trägt, ist einerseits traurig (aber nicht wert, sich darüber zu ärgern), andererseits fördert dieser Status quo den Aufbau andersartiger Kommunikationen zu den Zielgruppen. Liveauftritte sind ein mögliches Mittel. Im Jänner kommt Gotthard in die Alpenrepublik und stellt das Album „Defrosted“ vor. Wer unbedingt neuen, innovativen Rock oder solistisches Heroentum erwartet, wird enttäuscht werden, wer sich wertfrei Musik der 70er Jahre in den 90er Jahren anhören und entspannen möchte, der sei hiermit eingeladen: „Clap your hands & be happy“, könnte der Slogan von Gotthard heißen. Nachdem sie selbst keinen Anspruch auf Neues erheben, erscheint ihre Musik in angenehmem Licht, in ehrlichem Rampenlicht.         Herbert Höpfl

Konzert-Termine:
8. Jänner, Dornbirn, Spielboden, 20.00
10. Jänner, Wien, Rockhaus, 20.00

Aktuelle CD:
• „Defrosted“, BMG Ariola, 74321513732.
  Vertrieb in Ö und CH: BMG Ariola