Rubrik "Interview"

BluesTalk - Folge 7
Live-Blues im Sommer

Die Zeit der Winter/Frühjahrsdepressionen wird alljährlich mit Beginn der Freiluftmusiksaison ins Reich des Vergessens katapultiert. Auch Liebhaber des Zwölftakters und seiner (vielen) verwandten Spielarten kommen in den letzten Jahren reichlich in den Genuß freudespendender Festivals, beileibe nicht nur im Heimatland des Blues, sondern auch in Europa, wie etwa die Luzerner Blues Session, bei der zwei der nachfolgenden Künstler in diesem Jahr auftreten werden, beweist.

Es gibt wenige Künstler der internationalen Bluesszene, die – über Genregrenzen hinaus – Starstatus erreichen konnten. B.B. King, Stevie Ray Vaughan, neuerdings Jonny Lang. Allen war und ist gemein, daß sie über das Zwölftaktschema hinausgehen und auch in massenkompatibleren Gewässern fischen. Etwas, was Robert Cray von Beginn seiner Karriere an getan und was ihm unter anderem die Bezeichnung "King Of Crossover-Blues" eingetragen hat. Funk und Rock mischen sich in seinen Blues, vor allem aber der gute "alte" Memphis-Soul scheint es ihm angetan zu haben. Dem Publikum gefällt dies offenbar und so ist Robert Cray inzwischen auf den Ehrungsbühnen dieses Erdenrunds ebenso zu Hause wie auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Ein Abonnement scheint er insbesondere auf Grammys zu haben, seinen ersten erhielt er 1985 gemeinsam mit Albert Collins und Johnny Copeland für das Album "Show down!". Während vor allem die vorletzte Platte "Sweet Potato Pie" (1997) etwas orientierungslos und glatt wirkte, möglicherweise vom Bewußtsein beeinflußt, daß dies der finale Tonträger für Mercury Records sein würde, hat der 46jährige Cray mit seinem neuesten Werk "Take Your Shoes Off" sein wohl ultimatives Soulbluesstatement eingespielt. Aufgenommen in Nashville mit seiner langjährigen Band und mit Steve Jordan am Produzentenstuhl, ist "Take Your Shoes Off" eine gelungene, spielwitzige und ebenso tanzbare wie gefühlvolle Angelegenheit geworden, die auch live – unter Mithilfe der legendären Memphis Horns Wayne Jackson und Andrew Love – viel Spaß verspricht.

Im Gegensatz zu Robert Cray dürfte Aynsley Lister zumindest außerhalb seiner englischen Heimat noch kaum bekannt sein. Der zweiundzwanzigjährige Gitarrist und Sänger wird momentan offenbar als britische Antwort auf Jonny Lang aufgebaut. Sein dritter Longplayer, "Aynsley Lister", der erste für ein größeres Label, weist ihn als überaus versierten Saitenzampano aus, der weder mit seiner Jugend kokettiert noch seine Technik übertreibt, wie es zahlreiche seiner Alterskollegen so gerne machen. Lister bewegt sich in der typisch englischen Bluesrocktradition, mit Anleihen an Leute wie Rory Gallagher oder Walter Trout. Härte, gepaart mit Sinn für Melodie und gediegenes Handwerk. Im Gegensatz zu Jonny Lang wird Aynsley Lister nicht jene Hype zuteil, die zwar manchmal geeignet scheint, rasch Bankkonten zu füllen, die aber noch wesentlich öfter jungen Musikern einen Druck aufbürdet, dem sie nicht gewachsen sind. Dem Engländer aus Leicester gedeiht offensichtlich ein ruhigeres Management an, das es ihm ermöglicht, seinen eigenen Stil kontinuierlich zu entwickeln. Bezeichnend ist etwa, daß Lister bereits auf seiner jüngsten CD den überwiegenden Teil der Songs selbst verfaßt hat. Darüber hinaus gelingt es ihm, die Energie und den Druck seines Albums auch außerhalb der Studiotechnik überzeugend auf die Bühne zu bringen. Alles in allem somit ein äußerst vielversprechendes Talent.

Talentproben legte Memo "The Lone Wolf" Gonzalez in seinem Leben schon sonder Zahl ab. Immerhin hat der Amerikaner mexikanischer Abstammung eine bewegte Historie hinter sich. Seit Beginn der Achtziger bewegte sich Gonzalez in der Bluesszene seiner Heimatstadt Dallas, in wechselnden Bands mit wechselnden Besetzungen, auf wechselnden Instrumenten (von Trompete und Hornett über Baß bis zu den heute im Vordergrund stehenden Harmonika und Vocals), aber stets mit vollster Energie und ganzem Einsatz. Sein Ruf als druckvoller, außergewöhnlicher Performer führte tonträgermäßig allerdings lediglich zu einigen wenigen Aufnahmen auf Samplern, etwa der 1987 bei Red Lightnin’ erschienenen Kompilation "Texas Lovers". Ein Auftritt bei der Utrecht Blues Estafette brachte dann den Umschwung. Gonzalez knüpfte Kontakte zum alten Kontinent und kam 1996 zu einer Tournee mit den Bluescasters wieder. Daraus resultierte eine Live-CD für das deutsche Stumble-Label und mittlerweile liegt auch ein ausgezeichnetes Studioalbum vor. Egal ob elektrifizierender Chicagoblues, ob Jumpblues oder Shuffles, Gonzalez wirft seine gesamte Emotion in die Musik und wird dabei von den Bluescasters – Kai Strauss an der Gitarre, Erkan Özdemir am Baß und Ralf Nackowitsch hinter den Drums – kongenial unterstützt. Dabei legt man viel Wert auf eigenes Material, was der Unverkennbarkeit des Ensembles nicht gerade abträglich ist. Motto: "No Mustang Sally!"

"Blues sind Lieder über das Leben" - Interview mit Robert Cray

cray.jpg (14063 Byte) Robert Cray live in Bishopstock

Dein neues Album, "Take Your Shoes Off", wurzelt tief im Soul. Wie kam es dazu?
Die Songs, die ich nach dem letzten Album "Sweet Potato Pie" geschrieben habe, tendierten alle in Richtung Soul, ich glaube, das war eine Art natürliche Entwicklung. Dazu kamen einige Lieder, von denen wir annahmen, daß sie gut zu meinen eigenen passen würden, wie Willie Mitchells "Love Gone To Waste". Und so wurde plötzlich aus der Platte ein Soulalbum.

Wie groß war der Einfluß von Produzent Steve Jordan, der ja immerhin mit Aretha Franklin oder den Neville Brothers gearbeitet hat?
Äußerst groß. Er bringt ungeheure Erfahrung im Studio mit. Zudem hatte er die Möglichkeit, in der Vergangenheit unter anderem mit Willie Mitchell zu arbeiten, dessen Song wir als ersten für die neue Platte aufnahmen. Steve konnte uns sehr motivieren und stimulieren. Das änderte letztlich die gesamte Gestaltung des Albums in Richtung "memphis-sounding record". Ich glaube, etliche meiner eigenen Lieder auf der Platte hätten ohne Steve Jordan nicht diese Richtung genommen.

Du hast deine ersten neun Alben in der Bay Area aufgenommen und bist dann für "Sweet Potato Pie" nach Memphis gegangen. "Take Your Shoes Off" wiederum wurde in Nashville produziert. Das ist für ein Soul/Blues-Album doch nicht gerade alltäglich?
Als wir nach Memphis gingen, lag das Ziel einfach darin, von zu Hause wegzukommen, um sich besser auf die Platte konzentrieren zu können. Außerdem wollten wir auf "Sweet Potato Pie" unbedingt mit den Memphis Horns arbeiten. Hinzu kommt, daß es sich bei Memphis um eine sehr schöne Stadt handelt. Ich glaube, daß sich diese Strategie für uns letztlich ausgezahlt hat. Für "Take Your Shoes Off" wollten wir nun dasselbe Konzept durchziehen, und ich plante auch, wieder nach Memphis zu gehen. Doch Steve Jordans Soundingenieur schlug statt dessen die Woodland Studios in Nashville vor. Sicherlich ist es eher unüblich, in Nashville Soul zu produzieren, aber die Stadt hat unter anderem den Vorteil, daß dort eine überaus große Zahl hervorragender Musiker arbeitet und wohnt. So konnten wir unter anderem Bobby Keys, Jo-El Sonnier oder Jim Horn für uns gewinnen.

Warum bist du von Mercury Records zu Rykodisc gewechselt?
Zunächst mußten wir uns mit der Frage, welches Label zu uns paßt, deswegen auseinandersetzen, da unser Vertrag über sieben Platten mit Mercury Records ausgelaufen war. Während der letzten vier Alben stellten wir uns überdies zunehmend die Frage, ob wir wirklich die nötige Aufmerksamkeit und Unterstützung erhielten. Mercury bot uns eine Verlängerung des Vertrages und auch etliche weitere Plattenfirmen waren an uns interessiert, aber letztlich entschieden wir uns für Rykodisc. Dort mag man viele verschiedene Musikrichtungen, und das kommt unserem Stil entgegen.

Da du von Stil sprichst, wie würdest du selbst jenen der Robert Cray Band charakterisieren?
Nun, wir spielen Blues und R’n’B, integrieren aber auch eine Menge anderer Einflüsse. Es ist eine Mischung, die auch von mir selbst schwer auf einen bestimmten Punkt gebracht werden kann. Sie hängt überdies stark von den Songs ab, die ich schreibe und die wir in unser Programm nehmen.

Haben dich die zahlreichen Grammys, für die du nominiert wurdest und die du gewonnen hast, unter Druck gesetzt?
Nicht der allererste, denn "Showdown!" war ja eine Kooperation von Albert Collins, Johnny Copeland und mir. Aber der erste, den ich sozusagen als Solokünstler erhielt, nämlich für "Strong Persuader", sehr wohl. Da kam Druck von zahlreichen Seiten. Mit dem darauffolgenden Album "Don’t Be Afraid Of The Dark" konnten wir diesen Erfolg aber sofort wiederholen und danach entspannte sich das Ganze.

Was war das auslösende Moment, dich dem Blues und Soul zuzuwenden?
Ich glaube nicht, daß es ein singuläres Ereignis war. Ich liebte diese Stile schon immer. Mit dem Gitarrespiel begann ich natürlich wie alle anderen zu jener Zeit, weil gerade die Beatles auftauchten. Aber Soul, Blues und Gospel hörten schon meine Eltern. Ein bestimmender Faktor für mich war sicher Albert Collins, den ich zu jener Zeit erstmals live, ich glaube auf einer Highschool-Party, erlebte.

Wie gestaltete sich deine Zusammenarbeit mit Albert Collins?
Albert Collins war eine beeindruckende Persönlichkeit. Er war sehr mitfühlend, lustig und kümmerte sich um seine Umgebung. Und er war ein "monster guitar player". Wenn er auf die Bühne kam, nachdem seine Band die Eröffnungsnummer angespielt hatte, und die ersten Akkorde aus seiner Gitarre holte, hatte er das Publikum schon im Griff. Da konnte man eine Menge lernen. Auch wenn er in einem anderen Tuning spielte, hat er meinen Gitarrestil stark geprägt. Sein relativ hartes Picking, der perkussive Ansatz seines Spiels, vor allem aber die Klarheit haben mich beeindruckt.

Glaubst du, daß die Robert Cray Band das Bluesrevival Mitte der Achtziger ausgelöst hat?
Wir waren Teil davon. Da gab es eine Menge Künstler. Es stellt sich auch die Frage, ob es ein Blues- oder nicht doch eher ein Rootsrevival war. Die Plattenfirmen begannen damals verstärkt, roots-orientierte Bands unter Vertrag zu nehmen. Namen wie Stevie Ray Vaughan, The Thunderbirds, Los Lobos und auch Robert Cray Band spielten da eine gewisse Rolle.

Wie kam es dazu, daß dich Muddy Waters als "adopted son" bezeichnete?
Wir bekamen die Gelegenheit, einige Konzerte mit Muddy Waters zu bestreiten. Wie andere auch, konnte ich backstage mit Muddy Waters vor und nach den Shows plaudern. Auf der Bühne spielte ich einige Male mit ihm gemeinsam Gitarre, und er lud mich sogar ein, "Mannish Boy" zu singen. "Adopted son" war eine Auszeichnung von Muddy Waters für Menschen, die er mochte. Es gibt da einige "adopted sons".

Siehst du eine tiefere Philosophie im Blues?
Ich weiß nicht, ob das eine spezielle Philosophie ist, aber Blues sind Lieder über das Leben. Lieder über die Liebe, die Arbeit, über Beziehungen, über die Familie. Ich glaube nicht, daß nur Philosophen von diesen Dingen singen. Der Blues gibt das wieder, was die Menschen beschäftigt, sie bewegt. Jeder hat seinen speziellen Stil, dies seiner Umwelt mitzuteilen.

"Kein Platz für Stereotypen"Interview mit Ansley Lister

Auf deiner neuen CD hast du fast alle Songs selbst geschrieben. Wie wichtig ist das Songwriting für dich?
Ich liebe es, Lieder zu schreiben. Ich schreibe über persönliche Erlebnisse, Dinge, die mir und Freunden passiert sind. Wenn ich meine eigene Musik spiele, bringe ich damit meine eigene Persönlichkeit wesentlich besser ein. Wir spielen auch Coverversionen, aber ich möchte doch in erster Linie mein eigenes Ding durchziehen. Nimm zum Beispiel unsere Version von "All Along The Watchtower"; du wirst zu Beginn den Song wahrscheinlich gar nicht erkennen. Auch hier versuchen wir, eigenständig zu sein.

Was unterscheidet deine neue CD von den beiden ersten?
Zunächst einmal die Tatsache, daß ich nun bei einem Label, eben bei Ruf Records, gelandet bin. Die beiden ersten Platten waren ja Eigenproduktionen, die nur mehr über Mailorder erhältlich sind. Aber auch musikalisch sehe ich die neue CD eher als ein klassisches Debütalbum.

Wie bist du zu Ruf Records gekommen?
Der Organisator eines Bluesfestivals in Großbritannien, an dem wir teilnehmen, kannte Thomas Ruf schon seit sechs oder sieben Jahren und machte ihn auf uns aufmerksam. Thomas hörte sich unsere CD an und lud uns daraufhin nach Deutschland ein. Wir spielten zwei Supportgigs für Bernard Allison, er erlebte uns also auch live und nahm uns unter Vertrag.

Warum spielst du gerade Blues?
Der Hauptgrund liegt wahrscheinlich im Einfluß meines Vaters. Er hat eine riesige Plattensammlung, mit der ich aufgewachsen bin. Er spielte mir seine Platten vor, zeigte mir Videos und so war mir diese Art der Musik immer näher als etwa Popmusik. Ich kann keine Noten lesen, habe den Blues daher von diesen Platten und Videos gelernt. Blues ist für mich die Grundlage jeder Musik. Es liegt an dir, wie du damit umgehst. Du kannst im Blues bleiben oder ihn in andere Gebiete weitertragen, etwas, was ich versuche.

Gibt es eine lebendige Bluesszene im heutigen Großbritannien?
Ja. Natürlich hast du ein kleineres Publikum als etwa im Rock. Ich versuche beispielsweise mit meiner Band, hier einen gewissen Crossover zu schaffen. Das hat uns in England deutlich mehr an Profil gegeben. Der Bluescircuit beschränkt sich dabei keineswegs auf London, sondern findet sich im ganzen Land. Es gibt auch wieder eine Menge Bluesfestivals. Ein gewisser Mangel besteht an Veranstaltungsstätten etwa von der Qualität des Planet Music in Wien, in dem wir heute auftreten.

Wie siehst du im Vergleich dazu die amerikanische Bluesszene?
Blues hat in Amerika einen deutlich höheren Stellenwert, viele der großen Bluesmusiker kommen ja von dort. Ich war 1994 in Amerika, ursprünglich auf Urlaub. Irgendwie bin ich in eine Jamsession geraten und wurde danach eingeladen, einen Gig zu spielen. Es stellte sich als Support für Coco Montoya heraus. Da war ich gerade siebzehn und dementsprechend beeindruckt.

Ist Aynsley Lister die britische Antwort auf Jonny Lang?
(lacht) Ich weiß nicht, aber sicherlich werde ich so vermarktet, als englische Version von Jonny. Das ist in mancher Hinsicht etwas seltsam, denn Jonny ist eher ein Sänger und erst in zweiter Linie Gitarrist, während es bei mir genau umgekehrt ist. Aber auch ich sehe Verbindungen, etwa der Versuch, als junge Musiker dem Blues ein breiteres Publikum zu verschaffen, ihn populärer zu machen. Da zählt etwa auch Kenny Wayne Shepherd dazu. Aber es macht mir nichts aus, mit Jonny Lang ver-glichen zu werden, er ist schließlich gut. Ich fasse es als Kompliment auf.

Bist du aber nicht deutlich stärker im Blues verhaftet als Jonny Lang?
Ich liebe den Blues, integriere aber auch starke Rockelemente und Funk in meine Musik. Ich spiele eher Bluesrock als Blues.

Wie war es, mit Walter Trout zu arbeiten?
Hervorragend. Walter ist mehr auf der rockigen Seite des Blues zu Hause, jener Seite, auf der auch ich mich sehe. Ich habe vor etwa eineinhalb Jahren das erste Mal als Support für ihn gespielt, und er mochte unseren Gig, holte mich auf die Bühne, und wir jammten zusammen. Die Art, wie er uns aufgenommen hat, ist sehr ähnlich jener von Bernard Allison. Das ist großartig, denn in Europa kennt man meinen Namen eben kaum, im Gegensatz zu Walter Trout oder Bernard Allison. Da hilft es ungemein, wenn sie dich auf die Bühne holen und einem größeren Publikum vorstellen.

Wer waren deine bestimmenden Einflüsse?
Zur Gitarre hat mich zunächst Eric Clapton gebracht, das war mit acht. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, hörte ich dann Albert King, B.B. King, Freddie King und dann kam Stevie Ray Vaughan. Er war für viele meiner Generation bestimmend, wenngleich er heute vielfach nur kopiert wird, ohne besondere eigene Individualität. Was die Rockschiene angeht, darf ich natürlich Rory Gallagher nicht vergessen.

Glaubst du, daß Blues heutzutage auch ein jüngeres Publikum erreichen kann?
Absolut, aber ich glaube, es hängt davon ab, wie du ihn spielst. Wenn ich auf die Bühne gehen und versuchen würde, den Blues authentisch zu kopieren, etwa den Blues der Sechziger, bin ich nicht davon überzeugt, daß das funktionieren würde. Es ist wichtig "to give it a new edge". Viele Leute sehen den Blues sehr unterschiedlich. Da kann es zum Beispiel passieren, daß wir auf die Bühne gehen und manche plötzlich meinen: "Der ist doch viel zu jung, um den Blues zu spielen." Das Klischee vom Bluesmusiker als amerikanischem, whiskytrinkendem Schwarzen ist schon noch sehr verbreitet. Aber der Blues kommt aus der Seele, da ist kein Platz für Stereotypen. Manche können’s und manche eben nicht.

"Blues muß von innen kommen"Interview mit Memo Gonzales

gonzales.jpg (9215 Byte) Memo Gonzales

Du hast viele verschiedene Stile gespielt, bis hin zum Reggae. Warum bist du letztlich doch beim Blues hängengeblieben?
Ich bin mit Rhythm’n’Blues aufgewachsen. Als ich ein Kind war, zog meine Familie von einer sehr armen Gegend in West-Dallas in die heute nach dem Love Field Airport benannte Love Field Area. Das war eine vorwiegend von Weißen bewohnte Gegend und nach der Schule durften die Kinder kaum mit mir spielen. Also fuhr ich mit meinem Fahrrad zur anderen Seite des Flughafens, in den schwarzen Sektor der Stadt. Dort hörte ich mit den schwarzen Kids eine Menge R’n’B. Mit sechs Jahren begann ich mich für das Klavier zu interessieren, nachdem meine Schwester ebenfalls dieses Instrument spielte. Meinem Vater paßte das übrigens überhaupt nicht, der wollte mich lieber Football spielen sehen, aber schließlich ließ er sich doch überzeugen. Danach spielte ich in der Highschool Kornett und erhielt sogar ein Stipendium an einer bekannten Jazzschule in Texas. Infolge eines Unfalles, bei dem meine Lunge verletzt wurde, mußte ich das Instrument aber aufgeben. Ich griff zum Baß und begann mich zunehmend auch für Rock und Reggae zu interessieren. Schließlich beschlossen mein damaliger Gitarrist, Felix Reyes, und ich, doch keine Reggaestars zu werden und wandten uns unseren Wurzeln, dem R’n’B, zu.

Wie kam es dann, daß du für ein deutsches Label, Stumble Records, aufgenommen hast?
Ich nahm einige Songs für verschiedene Compilation-Alben auf, spielte viel live und war relativ gut unterwegs. Dann kam diese Einladung, in Europa aufzutreten, und daraus ergab sich die erste CD. Nachdem sie sich gut verkaufte und auch live einiges los war, beschloß ich, ganz nach Deutschland zu übersiedeln, um noch besser zusammenarbeiten zu können.

Du kennst die Ausprägungen des Blues in Amerika und Europa also ziemlich gut. Siehst du Unterschiede zwischen diesen Bluesszenen?
Ich war ziemlich viel in der Texas-Bluesszene unterwegs. Ich mag den Süden, der Norden und der Osten kamen mir nicht so entgegen. Unterschiede zu Europa sehe ich große, wenngleich in letzter Zeit eine Annäherung erfolgt. Ziemlich viele Talente kommen plötzlich auch aus Europa. Die Zugänge zum Blues unterscheiden sich aber. Während hier in Europa die Kenntnis des Blues hauptsächlich vom Hören von Tonträgern stammt, sind wir im Blues aufgewachsen. Das Bluespublikum in Europa wiederum ist deutlich aufmerksamer und anerkennender. Das mag eben daran liegen, daß für sie der Blues etwas Besonderes ist. In Amerika hast du so viele verschiedene Einflüsse um dich herum, daß die Leute zu verwöhnt sind. Blues ist für viele von ihnen Hintergrundmusik. Ich glaube, daß der Blues in Europa mehr "studiert" wird, und das mag ich, denn man hört dir zu.

Wer hat dich als Harmonika-Spieler geprägt?
Charlie Musselwhite, James Cotton und etwas später Little Walter. Große Einflüsse waren auch mein damaliger Gitarrist in Dallas, Felix Reyes und Sam Myers, sie haben mir viel beigebracht. Zur Harmonika kam ich, als unser Drummer zu dieser Zeit, Dave Isacs, unbedingt einen Bassisten, Ronnie Palmer, in die Band bringen wollte. Palmer hatte immerhin schon mit Boz Scaggs und Steve Miller gearbeitet. Felix Reyes riet mir daraufhin, auf Harmonika umzusteigen. Ich kaufte mir also eine und begann sie zu spielen, von oben nach unten. Das mache ich auch heute noch so. Ich spiele die ‘low notes’ also von rechts nach links.

Verkörpert der Blues eine spezielle Philosophie?
Für mich persönlich, ja. Meine Philosophie ist "to live and give to the fullest". Tu, was du tun mußt, aber tu es "big". Du mußt deinen eigenen Stil finden. Ich kann zum Beispiel durchaus wie Little Walter klingen, aber wenn die Leute das wollen, sollen sie nach Hause gehen und Platten von ihm hören. Ich versuche, auch was die Harmonika betrifft, einen eigenen Weg zu gehen. So spiele ich sie nicht nur als Soloinstrument, sondern setze sie vor allem auch im Background ein, was den Sound voller macht.

Wird der Blues im einundzwanzigsten Jahrhundert überleben?
Ohne jeden Zweifel. Aber man muß beachten, daß man nicht stehenbleiben darf. Das habe ich vorhin auch mit dem eigenen Stil gemeint. Es nutzt nichts, den ganzen Abend etwa nur Shuffles zu spielen. Ich versuche, meine Musik wachsen zu lassen. Wir spielen beispielsweise kein "Mustang Sally", kein "Sweet Home Chicago" usw. Du mußt Abwechslung bieten, eigene Songs spielen und damit deinen eigenen Weg finden, dann bist du einzigartig. Wenn das beherzigt wird, wird der Blues auch überleben. Ansonsten könnte der Blues, so fürchte ich, aussterben oder zumindest so etwas wie der Ragtime werden, wo alles erstarrt und uniform wird. Oder alle tragen nur mehr schwarze Anzüge und Sonnenbrillen und spielen Blues-Brothers-Songs. Das fürchte ich wirklich. Daher hoffe ich, daß ich mit meiner Musik dem Publikum verschiedene Stile näherbringen kann.

Wie würdest du einen "Bluesman" definieren? Ist das jeder, der den Blues spielt bzw. singt, oder steckt da mehr dahinter?
Ein "Bluesman" ist für mich ein Mann mit Hunger. Ein Mann, der etwas zum Ausdruck bringen, der ein Zeugnis ablegen möchte. Im Blues mußt du etwas zu sagen haben.Du hast 1991 unter anderem auch in Rußland gespielt. Welche Erinnerungen verbindest du damit?Wir tourten damals in Europa und fuhren von Norwegen nach Nikel in Rußland. Dort aufzutreten war "black and white". Im Grunde war es tragisch, und ich glaube nicht, daß sich inzwischen viel verändert hat. Man war von sehr viel Armut umgeben. Andererseits war ich an derartige Situationen gewöhnt, denn auch ich bin nicht gerade in Reichtum aufgewachsen. Von daher gab es viel gegenseitiges Verständnis. Ich sah Musiker dort, die abgerissene Gitarrensaiten wieder zusammenflickten, um damit spielen zu können. Natürlich ließen wir ihnen alle unsere Saiten zurück. Auch das gehört zu einem "Bluesman". Der Blues muß von innen kommen. Ein "Bluesman" gibt aus dem Herzen.Bericht & Interviews: Dietmar Hoscher