"Funky fraulein" from Munich

Seit 20 Jahren verblüfft die Hammond-Organistin Barbara Dennerlein durch Musikalität und Virtuosität. "Outhipped" heißt ihr neues, sehr dynamisches Album.

How did this fraulein get so funky?" fragte ein Journalist des amerikanischenHarper’s Bazaar, nachdem er sie mit Fingern und Zehen über die Tasten und Pedale ihrer Hammond B-3 flitzen sah. Noch immer versetzt Barbara Dennerlein Jazzfans in aller Welt fast allabendlich in Erstaunen und Begeisterung. Hinter diesem Erfolg steckt zähe, in der Vergangenheit auch oft frustrierende Aufbauarbeit.Die erste Orgel (eine billige elektronische) bekam sie als Teenager von ihrem Großvater geschenkt. Bald darauf wußte sie, daß die Jazzorgel ihr Leben bedeuten würde: "Ich hatte sehr früh meinen eigenen Kopf und wollte meine eigene Musik machen." Auf insgesamt 15 Einspielungen unter eigenem Namen hat sie es bisher gebracht, die zum Teil auf ihrem Label Bebab Records erschienen sind. Seit mehreren Jahren steht sie dazu noch bei Verve unter Vertrag, was ihr erstens Renommé und zweitens die Möglichkeit bringt, mit Studiomusikern der allerersten Liga zu arbeiten. Das hat Barbara Dennerlein denn auch auf ihren letzten Produktionen "Take Off" und "Junkanoo" weidlich ausgenutzt."Outhipped", ihr neuester Streich, bildet da keine Ausnahme. Don Alias, Ray Anderson, James Genus, Antonio Hart, Steve Nelson, Jeff "Tain" Watts – so eine unvollständige Liste der Starmusiker, die mit der Münchner Organistin Jazz auf höchstem Niveau eingespielt haben. Einige der Genannten arbeiteten zum ersten Mal mit ihr – und verpaßten im Studio prompt den ersten Einsatz, weil sie nicht in die Noten, sondern auf Barbaras flinke Füße starrten. Und in der Tat: ihre Pedaltechnik, besonders bei Uptemponummern, hat schon etwas Unwirkliches an sich."Wenn man sich musikalisch durchsetzen will, muß man ein gewisses Selbstbewußtsein haben", sagt Barbara Dennerlein im Gespräch, und: "Eigenständigkeit kann man sich nur erwerben, wenn man seinen Weg geht." Selbstbewußtsein und Eigenständigkeit besitzt sie genügend – davon kann man sich auf der neuen CD "Outhipped" überzeugen, die einen Querschnitt durch die stilistische und kompositorische Wandlungsfähigkeit der Organistin bietet. CONCERTO hat ihr dazu einige Fragen gestellt.

Seit Beginn der 90er Jahre kann man in vielen Musikstilen – nicht nur im Jazz – einen echten Hammond-Boom beobachten. Ist der Höhepunkt dieses Trends schon überschritten, oder hält er noch an?

Überschritten ist er nicht, wobei mich das alles relativ kalt läßt. Ich habe schon mit 15 Jahren professionell mit der Hammond-Orgel in Jazzclubs gespielt, und ich habe mich in den Original-Röhrensound verliebt. Für mich war es immer uninteressant, ob das gerade angesagt war oder nicht. Als ich damals begonnen habe, Konzerte zu geben, haben mich die Leute sowieso angeschaut, als ob ich etwas gestört wäre ... ein junges Mädchen, und dann so ein komisches Instrument. Das hat mich aber nie sehr beeindruckt.

Aber es ist jetzt schon leichter, Orgelplatten zu verkaufen, als vor 10, 15 Jahren?

Ich habe mir mein Publikum kontinuierlich aufgebaut. Ich denke auch, daß ich bestimmt einen gewissen Beitrag geleistet habe zu diesem Orgel-Trend, besonders in Deutschland und Europa, weil ich einfach immer kompromißlos gespielt habe. Es kommt auch darauf an, was man mit dem Instrument macht. Ich spiele nicht nur die typischen, bluesigen Orgelsachen. Ich versuche, es auch für die jungen Leute interessant zu machen, die auf modernere, funkige Grooves stehen.

Deine neue CD "Outhipped" ist soeben auf den Markt gekommen. Was daran auffällt, ist die große stilistische Vielfalt und die sehr farbigen Arrangements. Wodurch unterscheidet sich dieses Album deiner Meinung nach noch von deinen früheren?

Ich habe mich natürlich weiterentwickelt. Und jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich sage: da ist jetzt alles drin, was ich gern habe und gern spiele, vor allem mit einer Band, wo die Chemie gestimmt hat. Vom Zusammenspiel und von den Arrangements her bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Hattest du bei der Auswahl der Studiomusiker freie Hand?

Ja, ich habe immer freie Hand. Ich bin auch nicht bereit, musikalisch Kompromisse zu machen. Ich kann nur mit einer Plattenfirma zusammenarbeiten, wenn sie mir die Freiheit läßt. Natürlich muß man sich absprechen, denn das kostet auch alles Geld. Nur: ich könnte mich nie musikalisch verbiegen, da würde mir irgendwie schlecht werden. Ich muß die Musik, die ich empfinde, ehrlich spielen können: Das merkt, glaube ich, auch das Publikum: ob man so spielt, wie es aus einem herauskommt, oder ob man was macht, weil man Geld verdienen will oder weil es gerade Erfolg verspricht.Ein Titel auf der neuen CD heißt "Strange Passion". Meinst du damit vielleicht, daß es für eine Frau nicht gerade typisch ist, mit einer riesigen B-3 durch die Lande zu ziehen?Das ist eine interessante Interpretation ... nein, das ist eigentlich so eine Anspielung auf die Jazzszene und den Jazz an sich. Ich bin überzeugt, daß viel mehr Leute diese Musik mögen würden, wenn sie wüßten, was Jazz ist. Es gibt nach wie vor diese Vorurteile: Jazz ist verrucht, alle Jazzmusiker sind drogensüchtig, und die Musik ist wildes Gedudel ... das ist sehr schade, und ich sage auch immer: der Jazz bräuchte wirklich eine Imagekampagne, um den Leuten klar zu machen, was das für eine Musik ist.

Eine der ausgefallensten Ideen war wohl, "Satisfaction" von Mick Jagger und Keith Richards zu covern. Wie bist du darauf gekommen?

Plattenfirmen haben immer so komische Wünsche ... da gab es einmal so eine Idee, ich sollte gewisse Dinge covern, und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich spiele ja meistens eigene Sachen, und wenn ich Fremdkompositionen spiele, dann weil sie mir am Herzen liegen. Ich hatte aber vor Jahren schon einmal "Satisfaction" in einer jazzigen Version gespielt, weil’s mir irgendwie Spaß gemacht hat. Dann ist es mir wieder zufällig in die Hände gefallen, und ich habe herumprobiert und noch einen neuen Teil dazukomponiert.

Ray Anderson spielt darauf Tuba ...Ich habe ihn vor Jahren einmal an der Tuba gehört und fand das super. Dann habe ich ihn gebeten, ob er nicht mal mit der Tuba spielen könnte. Er meinte zuerst, daß er schon so lange nicht mehr darauf gespielt hätte, und ich sagte: "Komm, Ray, bring sie doch einmal mit!" Dann hat er im Studio mit Don Alias herumgejammt, und daraus entstand dann dieses Marching-Band-Intro. Später geht es in einen Funkrhythmus über ... ich stehe total drauf, ich finde, es ist ein witziges Stück geworden.

Aber Jagger/Richards werden es noch nicht gehört haben ...Ich weiß nicht. Aber es würde mich schon interessieren, ob sie es gut oder blöd finden.

Normalerweise brauchst du ja keinen Bassisten. Deine flinken Füße auf den Orgelpedalen sind ja schon fast sprichwörtlich. Wieso spielt mit James Genus trotzdem ein Bassist auf manchen Stücken?

Wir spielen manchmal sogar gleichzeitig, und auf einem Stück, "Bloody Mary", liefern wir uns ein Soloduell. Es sollte eine "akustische" CD werden, ohne Synthis, und ich wollte den Eindruck einer akustischen, live eingespielten Musik erwecken, sehr trocken, so daß einen die Instrumente anspringen. Weil ich ein totaler Kontrabaß-Fan bin, habe ich also James Genus für ein paar Nummern engagiert. Vom Klang her paßt es gut hinein, weil mein Baßsound ja auch ein gesampelter Kontrabaß ist. Live spiele ich aber immer mit den Füßen!

Dann gibt es noch suitenartige Stücke wie "Mabuse". Was hat dich an dieser Filmfigur fasziniert?

Meine Musik erzählt immer irgendeine Geschichte, und ich könnte mir viele meiner Stücke auch gut als Filmmusik vorstellen. Der alte Schwarzweiß-Film "Dr. Mabuse" von Fritz Lang hat mich immer schon fasziniert, wie generell diese alten Stummfilme. Das Tolle daran sind die Figuren, aber auch diese kubistischen Bauten. Da gibt es diese Szene, wo Mabuse an die Orgel geht und so wirr und wild spielt. Ich hatte Lust, diesen Film musikalisch umzusetzen, und ich glaube, dank meinen Mitmusikern ist es ganz toll geworden, gerade auch durch Ray Anderson und seine Posaunensounds.

Wie sehr ist deine Musik eigentlich vorarrangiert? Hatten die Solisten viel Freiraum?

Wenn ich so etwas wie "Outhipped" mache, betrachte ich es wie eine Big Band im kleinen, aber mit mehr solistischem Freiraum als bei einer Big Band. Im Jazzbereich hat man im Studio nicht ewig Zeit, sondern das muß ruck-zuck gehen. Es war eine aufwendige Produktion mit vielen Musikern, daher habe ich vorher die Arrangements komplett fertig gemacht. Die Musiker haben auch vorher Noten und Demos bekommen. Das mache ich seit meinen letzten CDs so, und das hat sich gut bewährt. Natürlich war mir wichtig, daß sich jeder mit seiner Persönlichkeit einbringt. Ich habe die Musiker sehr sorgfältig ausgewählt, weil ich bestimmte Erwartungen hatte. Mitch Watkins, Don Alias und Ray Anderson sind ja alte Bekannte, und dann gab es einige Neue, mit denen ich unbedingt mal arbeiten wollte. Es war ein Glücksgriff, denn es hat toll harmoniert, und es war ein Riesenspaß.

Macht es denn Sinn, mit Musikern wie Ray Anderson oder Jeff "Tain" Watts im Studio aufzunehmen, wenn diese Leute dann für Liveauftritte praktisch nie zur Verfügung stehen?

Man kann mit denen natürlich nicht auf Tour gehen, so wie ich das mit meiner Tourband hier in Europa mache. Aber es gibt auch in Europa sehr gute Musiker. Für meine Musik ist es wichtig, daß ich es live so bringen kann wie auf CD, auch wenn es jetzt nicht die große Besetzung ist. Ich kann aber jedes Stück der CD mit der gleichen Energie sogar im Duo oder solo spielen.

Interview und Text: Martin Schuster
Foto: Wolfgang Gonaus

Aktuelle CD:
• "Outhipped", Verve 547 503-2,
Vertrieb: Universal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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