BluesTalk – Folge 10, Fortsetzung

 

"Blues ist kein Klagelied"

Als Kärntner spielst du Musik, die nicht unbedingt dieser Gegend entstammt. Wie bist du dazu gekommen?
Begonnen hat die musikalische Karriere – wie üblich – als Kind mit der obligatorischen Flöte. Danach kam das Klavier und daneben ab dem dreizehnten Lebensjahr die Gitarre. Gelernt habe ich hauptsächlich von Platten, zunächst Sachen wie Donovan und Paul Simon, später Mark Knopfler und J.J. Cale. In Österreich selbst waren Hans Theessink und auch Peter Ratzenbeck erste Einflüsse. Nach dieser „Plattenphase“ wollte ich neue Dinge probieren und spielte mit vielen unterschiedlichen Musikern, etwa Chuck LeMonds, mit dem ich auf Tour in Ostdeutschland war. Nach dieser Woche hatte sich mein Gitarrenspiel tatsächlich verändert, war deutlich funkiger geworden. Meine Liebe gehörte immer schon der Slidegitarre, und da kam nun dieser Funktouch dazu. Mit Michael Langer ist mir Ähnliches passiert, auch nach der Zusammenarbeit mit ihm hat sich mein Stil verändert. So modifiziert sich der Groove ständig. Irgendwann faßt du dann all diese Eindrücke zusammen und machst etwas Neues, Eigenständiges daraus. Andernfalls wäre die Sache auch zu langweilig. Momentan interessiert mich südamerikanische Musik, und zwar unabhängig von den Dingen, die Ry Cooder gerade macht. Da hat mich vor kurzem ein anderer Kärntner Gitarrist beeindruckt, Walter Haberl, der unter anderem am Mozarteum in Salzburg unterrichtet. Wenn du verschiedene Stile aufsaugst, kannst du dich musikalisch freier bewegen. Ein guter Musiker sollte meiner Meinung nach überall mitspielen können. Da geht es nicht um überwältigende Technik, sondern um die Seele, die dahintersteckt.

Etwas, was gerade auch für den Blues von entscheidender Bedeutung ist. In dieser Hinsicht habe ich zum Beispiel von Bob Brozman viel gelernt.Wie kam es dann zur Begegnung mit dem Blues?
Auch hier war wieder eine Platte entscheidend, nachdem ich immer nur andere über diese Musik reden gehört habe, etwa über Robert Johnson und die ganzen, mit dem Blues verbundenen Mythen, die gerade wir Europäer so lieben. Irgendwann fiel mir dann eine Platte aus der Document-Serie von Johnny Parth in die Hände: Blind Willie McTell. Das war mit achtzehn oder neunzehn Jahren. Kurz darauf konnte ich die Scheibe bis ins letzte Detail nachspielen, so hat mich diese Musik gefesselt! Der nächste große Eindruck war Big Bill Broonzy. Auch diesen Stil wollte ich beherrschen, obwohl du natürlich niemals den speziellen Groove eines Musikers kopieren kannst. Robert Johnson habe ich eigentlich erst Jahre danach gehört, und er hat mich deutlich weniger mitgerissen. Die Gitarre Johnsons ist natürlich super, aber mit seiner Stimme kann ich mich weniger anfreunden, da gefällt mir die Kraft eines Son House besser. Außerdem ist mir Mystifizierung an sich schon suspekt, und gerade Robert Johnson wird in diesem Bereich stark präsentiert.Du bist aber auch in vielen anderen Stilen zu Hause:Ich spiele insbesondere viel Fingerstyle-Gitarre, wobei „Fingerstyle“ eigentlich ein eigenartiger Ausdruck ist. Neben meiner erwähnten Liebe zur Slidegitarre beginne ich auch zunehmend „Blechgitarren“ ohne Bottleneck zu spielen, etwa im Stil der zwanziger Jahre. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan des legendären Kornettisten Bix Beiderbecke, der eine völlig eigene Ausdrucksweise entwickelt hat, indem er „falsche“ Töne einbaute und geradezu gänse-hauterzeugend hielt. Überhaupt faszinieren mich Resonatorgitarren, an denen ich auch gerne herumbastle. Auf der nächsten CD möchte ich diesbezüglich unter anderem mit Woody Mann arbeiten, der übrigens hervorragend Klarinette spielt und vorzüglich synkopiert.

Deine CDs erscheinen im Eigenverlag. Ist das Strategie?
Eigentlich habe ich mich nie besonders darum gekümmert. Im Grunde kannst du kaum Stückzahlen absetzen, die für Plattenfirmen wirklich interessant wären. Andererseits ist es wichtig, daß du in den Geschäften erhältlich bist, aber momentan fehlt mir dazu noch die nötige Popularität. In unserem Genre produzieren fast alle selbst, letztlich geht es also um die Frage des Vertriebs. Außerdem habe ich mit Erik Spitzer einen erstklassigen Produzenten, der in der Lage ist, das Optimum aus dir herauszuholen.

Wie siehst du die Liveszene in Österreich?
Veranstaltungsorte gibt es reichlich, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Gagengestaltung. Ich hatte außerdem immer das Glück, daß die Veranstalter auf mich zugekommen sind. Manche Auftritte sind relativ hart, aber gerade als Bluesmusiker mußt du da durch, das ist keine Schande. In Wien gibt es eine musikalisch ganz eigene, relativ große Szene, aber im internationalen Vergleich ist Wien eben eine der kleineren Hauptstädte. Vor kurzem habe ich zum Beispiel in London gespielt, wo ich an der London Music School unterrichtete, und da kannst du jeden Abend in einem anderen Club auftreten und wirst immer andere Gesichter im Publikum sehen, da ist also die Szene wieder ganz different strukturiert. In Wien ist die Szene dagegen wesentlich familiärer, man besucht sich förmlich gegenseitig bei den Gigs. Jeder hat natürlich seine Eigenheiten, aber ich pflege zu praktisch allen ein sehr gutes Verhältnis, ob das nun Erik Trauner, Peter Kern, Sigi Fassl oder viele andere sind.

Welche spezielle Philosophie hat der Blues für dich?
Der Blues ist kein Klagelied. Er ist irgendwie ein Weg zur Freiheit. Blues war historisch gesehen für viele Schwarze, darunter auch viele Blinde, eine Möglichkeit, in einer ihnen feindlich gesinnten Umwelt zu überleben. Dabei war Blues eben keine Klage-, sondern eine Unterhaltungsmusik, zu der man tanzte und Spaß hatte. Aber natürlich entstand er auch aus Armut und Elend. In diesem Sinne hat der Blues eine spezielle Philosophie, da er eine ganz spezifische Genesis besitzt. Blues ist letztlich etwas sehr Positives.

Bericht & Interviews: Dietmar Hoscher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gottfried David Gfrerer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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