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2 / 2004

Man bezahlt für alles im Leben...

„Sir“ Oliver Mally

Im Grunde verleiht die altehrwürdige Queen Adelstitel. Aber in Einzelfällen kann man sich das schmückende Kürzel vor dem Namen auch durch ehrliche Arbeit aneignen.
Ich wollte mit dem "Sir" nicht zu dick auftragen und außerdem noch Aufstiegsmöglichkeiten haben, z.B. zum "King"", schmunzelt "Sir" Oliver Mally. Seit zwanzig Jahren (Originalton: "zwanzig Jahre schlechte Luft") steht der 1966 in Wagna geborene Steirer nun schon auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten und lässt dabei eine Konsequenz erkennen, die nicht nur in heimischen Landen selten geworden ist. Zu behaupten, Oliver Mally hätte es sich jemals besonders leicht gemacht, wäre grob fahrlässig. Ein Workaholic der besonderen Sorte, geht er auch nach zwei Jahrzehnten mit der Entschlossenheit eines Besessenen und einem für manche fast unverständlichen Übermaß an Selbstkritik in jeden Gig. Gerade dieses oftmalige "sich selbst nicht genügen" treibt Mally andererseits in kreative Höhenflüge. "Stillstand wäre Rückschritt" scheint als Motto nur allzu dienlich und wird als Auftrag begriffen, unermüdlich in neue Projekte zu investieren. So wird die Stammcombo der Blues Distillery ergänzt um Solo-, Duo- und Trioprojekte, kommen die Big Time Maniacs ins Spiel, wird auch schon mal der Strom ausgestöpselt und akustisch gejammt. Die Bandbreite des Sängers, Gitarristen und Songwriters Oliver Mally beschränkt sich dabei keinesfalls auf klassischen Zwölftakter sondern driftet insbesondere auch in das Genre der Singer/Songwriter. "Ich gehe niemals auf Tour ohne ein Steve-Earle- oder Townes-Van-Zandt-Album im Gepäck", offenbart Mally deutliche Präferenzen, und in der Tat hat er mit "Bad Boy's Blues" vom Album "Bulletproof" auch die ultimative Steve-Earle-Hommage zu Tonträger gebracht.

Die erste Begegnung
mit dem Blues verdankt der "Sir" - wie so viele - dem "King". "Elvis war der Hammer und ist es für mich immer noch. Seine 50er/60er-Sachen sind unglaublich stark. Später kamen dann irgendwann die Stones und über die bin ich auf Muddy Waters gestoßen. Das zeigt, dass man Contemporary Blues und Music nicht verfluchen sollte! Denn diejenigen, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, fragen auch nach und geraten dann ohnehin zu den Wurzeln der Musik - also dem Blues. Übrigens, ihr lieben Puristen, bitte in Deckung gehen: ich bin auch bekennender Sex Pistols und Red Hot Chili Peppers Fan!"
Die erste Gitarre stellte sich bei Oliver Mally relativ spät, mit fünfzehn, ein, danach gab es allerdings kein Halten mehr und der alsbald gegründeten Wild Turkey Blues Band ("mein Lieblings-Whiskey") folgte die Distillery. "Vor 15 Jahren spielten wir einen Gig - eine wilde Sache - und unser Bassist hatte bereits den einen oder anderen zuviel getrunken. Also ging er in der Pause Luft schnappen ... und ich sah ihn erst Tage später wieder. An der Bar stand Walter "Shakey" Kreinz, von dem ich wusste, dass er Bass spielte. Walter sprang ein und ist seitdem in der Band. Hans Irsic war damals schon in der Gruppe", reminisziert der Bandleader. Die Besetzung Mally/Irsic/Kreinz blieb bis 2001 unverändert und legte ein solides Fundament. Dann kam - für viele überraschend - die Umbesetzung. "Der Umbruch vor drei Jahren war überlebensnotwendig. Die Band trat auf der Stelle, ich war unglücklich. Und bekannterweise hilft gegen Unglück ja nur eines: die vorherrschende Situation zu ändern." Der ruhende Pol und sichere Anker der Distillery, Walter Kreinz, dessen Qualitäten am Bass nur noch von seiner stillen, gelassenen Liebenswürdigkeit übertroffen werden, blieb, aber Hans Irsic räumte den Drummersitz für Willy Hackl. "Als Hans absprang, war Willy für mich erste Wahl. Wir kannten uns schon von vorher, haben etwa gemeinsam die Big Time Maniacs gegründet. Willy bringt ganz andere Komponenten in die Band ein, er ist auch ein wunderbarer Arrangeur und sehr zuverlässig." Bereits vor diesem Wechsel war die Blues Distillery immer wieder mit Keyboardern, etwa Ripoff Raskolnikov, aufgetreten, nun kam der junge Raphael Wressnig, der sich mittlerweile auch mit seinem Organic Trio einen Namen machte, als fester Bestandteil hinzu. "Raphael ist ebenfalls eine unglaubliche Bereicherung, nicht nur des Bandsounds sondern auch der klimatischen Verhältnisse innerhalb der Gruppe wegen. Willy und Raphael sind wie Walter absolute Herzblutmusiker und für mich nicht mehr wegzudenken!"
 

Dass ein kreativer Kopf
wie Mally sich gerade dem Blues und seinen mannigfaltigen Verwandten verschrieben hat bzw. von ihm "befallen" (Zitat) wurde, nimmt kaum Wunder. Trotz seiner Bandprojekte ist er stets ein hochgradiger Individualist geblieben, dessen konzentrierte Arbeit ihn manchmal - etwa unmittelbar vor Auftritten - etwas unnahbar erscheinen lässt. "Ständig in Bewegung bleiben" ist eines seiner Ziele. Mally entspricht keinen Klischees, weder jenen des Rock noch jenen des Blues. Ohne Zweifel hat er Charisma, jedoch eher subtil als vordergründig plakativ. Das "double tough and twice as cool" der Anfangsjahre ist einer ausgeprägten Musikerpersönlichkeit gewichen, die ihre An- und Einsichten zu artikulieren in der Lage ist, ohne aufgesetzt zu wirken. "Als Bluesmusiker muss dir bewusst sein, dass du Minderheitenmusik machst. Und nicht nur das - aufgrund dieser Tatsache wird man natürlich auch von den Medien stiefmütterlich behandelt, Musiker und Veranstalter sind in Sachen medienwirksamer Werbung eingeschränkt. Das wiederum führt immer öfter dazu, dass Veranstalter kaputt gehen. Subventionen ohne Quote gibt's natürlich auch keine und so ist ein "verdienstunfreundlicher" Kreislauf hergestellt. Du musst sehr hart arbeiten - oft zu schlimmen Konditionen -, um über Wasser zu bleiben. Die großen Radiosender schweigen diese Musik tot. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, auf diesen Radiostationen in den letzten Jahren Blues gehört zu haben, mit der löblichen Ausnahme von Ö1. Die großen Stationen liefern Einheitsbrei und unterstützen den Starmania-Kult, fördern damit den schlechten Geschmack. Ich kenne einige, die sich darüber den Mund zerreißen aber dann wieder vor dem Fernseher hocken, wenn diese schreckliche Sendung läuft und dadurch deren Quote nach oben treiben, was wiederum die Fortsetzung dieser "Schmierenkomödie" garantiert. Vor allem die Akteure tun mir echt leid - kurz ausgepresst und weggeschmissen".
In dieser Umwelt profimäßig überleben zu wollen, heißt naturgemäß über die Grenzen der Heimat hinauszuwachsen. Und während in einigen Teilen unserer Alpenrepublik "Sir" Oliver Mally als Marke noch (immer) ein Geheimtipp ist, wurde das Ausland bereits durchaus aufmerksam. So vermerkte Blues In Great Britain: "...Mally is an expressive guitarist has versatile vocals and is a striking songwriter", Heritage FM Radio im fernen Australien hält Mallys Musik für "refreshing", Bruce Iglauer - legendärer Gründer und Chef des Chicagoer Blueslabels Alligator Records - schreibt über das Album "Bulletproof": "...I was more impressed by this album than by any that I've received from a non-American blues artist in a long time", der texanische Musiker und DJ Rocky Zharp äußert den Wunsch: "I would love to play harmonica with that cat" und der momentan wahrscheinlich beste weiße Akustikblueser, Doug MacLeod urteilt "..he never f... with the guitar, he never overplays. He's got so much talent, man. He's got what the great ones had and have got. He can do a lot of good things for the blues on this side of the world. He's got a fan in me!"
In logischer Konsequenz ist Mally auch beim alljährlichen CONCERTO-Poll als Abonnement-Sieger vertreten und nennt unterdessen Urkunden aus den Jahren 1999, 2001, 2002 und 2003 sein eigen. Tourneen durch die Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Slowenien, Ungarn oder Schweden, Auftritte und Sessions an der Seite von Künstlern wie Big "Lucky" Carter, Steve James, Larry Garner, John Mooney, Doug MacLeod, Sugar Blue, Johnny Yarddog Jones, The Griswalds oder Louisiana Red führten auch zu Konzerten beim Bluesfestival Dresden, Jazzfestival Gronau, den Rother Bluestagen, dem Mississippi Blues Festival Berlin, dem Walkin' The Blues Utrecht, der Bres Blues Night Vilvoorde aber auch dem Jazzfes-tival Wien, der Mojo Blues Parade und - man ist geneigt anzumerken "selbstverständlich" - dem Vienna Blues Festival 2003.
Hinzu tritt sein eigenes, alljährlich in Leibnitz veranstaltetes Austrian Blues Masters. Die Probleme der heimischen Bluesszene sind aber auch für Mally offensichtlich. "Vor allem krankt diese Szene daran, dass die meisten Musiker - mit wirklich wenigen Ausnahmen - zu Konzerten der Anderen gehen, um darüber zu lästern. Oft hört man: "...so kann man das nicht spielen, weil der hat das damals anders gemacht" usw. Ich kann das nicht mehr hören! Musik ist da, um sich "frei" zu spielen! Aber wie soll das gehen, wenn ich dauernd damit beschäftigt bin zu klingen wie jemand vor sechzig Jahren. Ich passiere hier und jetzt und nicht vor vielen Jahrzehnten! Und wenn das jemandem nicht passt, kann er den Club, in dem ich gerade spiele, gerne durch die Türe verlassen, durch die er ihn betreten hat. Ich persönlich finde es eben spannender, mit verschiedenen Musikstilen zu kokettieren, habe aber nichts dagegen, wenn das andere nicht mögen und wollen. Außerdem mache ich meine Sache nicht gleich zu einem "Gesetzesentwurf"."

Musikalisch
hat Oliver Mally über die Jahre einen höchstpersönlichen Gitarren-sound perfektioniert, der in seiner elektrischen Variante durch markante, kurze Soli besticht, welche die hohe Kunst des Weglassens atmen. Darüber hinaus ist er als Sänger unüberhörbar gereift, auch seine Vocals sind inzwischen prägnantes Markenzeichen geworden. Was Mally aber vor allem aus der Masse heraushebt und damit auch international mehr als konkurrenzfähig macht, ist das eigene Songwriting. Schon früh ging der Steirer das Risiko ein, auf Selbstverfasstes zurückzugreifen und dies hat sich letztendlich bewährt. "Sir" Oliver Mally ist dadurch von einem ambitionierten und talentierten Musiker zu einer Trademark geworden. Dabei beherrscht er alle Spielarten zwischen Chicago, Texas und Kalifornien, stellt Humorvolles neben Shuffle, Slowblues, Rock und Singer/Songwriter-Folk, bietet Songs wie "It Ain't None Of Your Business" (aus "Blue Raindrops"), die das Zeug zu Bluesklassikern haben und gar Chansonartiges ("Rain" aus dem Album "Triple Trouble"). Klangschattierungen zwischen Robert Johnsons Mississippi-Crossroads und der regennassen Abenddämmerung Montmartres. Bei ein klein wenig mehr medialer Aufgeschlossenheit wäre mit der Ballade "You Got My Heart Tattooed" von der Platte "Certified Heartbreak" sogar ein veritabler, formatradiotauglicher Hitsong darunter. Trotz aller Vielfalt und differenzierten musikalischen Vorlieben von John Lee Hooker und Albert Collins über seinen "Lieblings-King" Albert und Muddy Waters bis zu Jimi Hendrix, John Coltrane, Miles Davis, Ry Cooder oder John Martyn leugnet Mally doch nie seine tiefe Zuneigung zum und seine Heimatsuche im Blues. "Die spezielle Philosophie des Blues liegt für mich darin, sich gänzlich zu öffnen. Immer zu versuchen, in die Vollen zu gehen, d.h. Gefühlszustände ob positiv oder negativ zuzulassen und auszuloten. Und sich niemals etwas für den Rückweg aufzusparen, also sich selbst auf der Bühne bedingungslos preiszugeben, was oft sehr viel Heimarbeit erfordert. Denn um sich öffnen zu können und dabei nicht zu "schwindeln", bedarf es eines ehrlichen, kritischen Umgangs mit sich selbst. Außerdem: das Publikum merkt, wenn du lügst, weil du selbst spürst, dass etwas nicht stimmt und das überträgt sich natürlich." Blues ist für Oliver Mally letztendlich eine Lebenseinstellung, die sich in einem "Feeling" für leise und auch laute Zwischentöne manifestiert.

Ungeachtet der Beschwerlichkeit
des (Blues)Seins, fehlt in Mallys Musikerleben aber auch die humorvolle Komponente in keinster Weise. Dabei dokumentiert sich sein bisweilen trockener Witz in etlichen Anekdoten, die sich "zwangsweise" angehäuft haben. "Vor Jahren hat Steve James zwei Wochen bei mir residiert. Er war, wie er es nannte, auf einer "Heartbreak Tour", da er sich gerade von seiner Freundin getrennt hatte, und ich stak ebenfalls in einem "Trennungs-Schlamassel". Wir spielten viel live, waren jede Nacht bis spät auf und haben wirklich über alles Mögliche gequatscht. Auch über Filme. So kamen wir auf Bela Lugosi, einen der ersten Dracula-Mimen zu sprechen. Lugosi war bekannt dafür, in sehr schlechter Verfassung gewesen zu sein, weil er zwanzig Jahre lang Morphium gespritzt hatte. Nach einer dieser sehr langen Nächte, in der wir auch ein klein wenig zuviel abgefeiert hatten, stand ich morgens ziemlich schwer auf und meinte: "Steve, I feel like Bela Lugosi". Steve schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte: "No man, you look like Bela Lugosi!"


Bleibt die Frage, wohin die weitere Route des "Sir" Oliver Mally und auch seiner Distillery in künstlerischer Hinsicht führen soll. "Da ist so ziemlich alles möglich - außer einer Zusammenarbeit mit DJ Ötzi und Vertretern der Moik'schen Volksmusik. Wir sind ganz gut im Rennen - arbeiten ständig an einem musikalischen Fortschritt und lassen uns von "schlechter Witterung" nicht beeinflussen. Man bezahlt ohnehin für alles im Leben - aber am meisten für die Dinge, die man nicht tut!" Dietmar Hoscher. Fotos: Wolfgang Gonaus


Die gesamte Fotoserie von Oliver Mally können Sie auf der Website unseres Fotografen Wolfang Gonaus sehen: www.gonaus.com

CD-Tipp:

  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Rough Brand", Extraplatte EX 156 (1992)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Beware Of Cats", Fab Records 93102015 (1993)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Rough'n Tough", Blue Light Records CD-0101 (1995)
  • "Sir" Oliver Mally/Ripoff Raskolnikov/Hans Irsic "Late In The Evening", Blue Light Records CD-0102 (1995)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Wild Streak", ATS Records CD-0472 (1996)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "I Wanna Ball Tonight", Blue Danube Records/EMV 0000632X (1997)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Blue Raindrops", ATS Records CD-0504 (1998)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Live And Lost At The Labyrinth", ATS Records CD-0516 (1999)
  • The Big Time Maniacs "Certified Heartbreak" ATS Records CD-0525 (2000)
  • "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery "Bulletproof", ATS Records CD-0533 (2001)
  • "Sir" Oliver Mally "I Picked Myself Up", Extraplatte EX 496-2 (2001)
  • "Sir" Oliver Mally/Raphael Wressnig/Bernie Mallinger "Triple Trouble", Extraplatte EX 557-2 (2003)
  • "Sir" Oliver Mally/Raphael Wressnig "Bound For Nowhere", ATS Records/Echo Zyx 0563 (2003)

    Website:
  • www.sir-oliver.com

    Live-Tipps
  • 17. April 2004, "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery + Sugar Blue, Leibnitz, Kulturzentrum
  • 21. April 2004, "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery + Sugar Blue, Wien, Tunnel