interview www.concerto.at 3 / 2004

Interview mit Heli Deinboek

Franz Richter sprach mit dem Wiener Enfant Terrible anläßlich seiner CD-Präsentation

Bitte um einen kurzen Steckbrief zu Beginn, ich nehme an du bist geboren, wann, warum und so weiter?
Ich lege immer Wert darauf zu sagen: ich wurde geboren, das drückt gut aus, was eine Geburt ist, die hat man sich nämlich nicht ausgesucht. Ich wurde geboren in Wien Währing am selben Tag wie Elvis Presley, am 8.1.1955, nicht im selben Jahr natürlich. Volksschule, Mittelschule, mit schwerem Bauchweh maturiert, Mathe war immer mein Hauptgegner und Latein auch. Später habe ich Latein zu lieben begonnen, weil mir romanische Sprachen taugen. Dann Ausbildung zum Sozialarbeiter, da habe ich lange in ganz Wien gearbeitet und dort bin ich auch zur Musik gekommen, als Texter, Literat oder Liedermacher, wie es damals geheißen hat.

Wann bist du somit zur Musik gekommen?
Mit 10 habe ich klassische Gitarre gelernt, wozu mich meine Mutter angehalten hat, mit 15 habe ich aber schon begonnen Country-Blues zu hören und nachzueifern. Sehr viel damals in Englisch. Lightnin´ Hopkins, Brownie McGhee und Sonny Terry, habe ich mir gerne angehört. Die Gitarre war also das erste Instrument das meine Liedermacherei begründet hat, das Texten kam erst später dazu, etwa zur Maturazeit. Da konnte ich dann meine Gedanken mit meiner Musik verbinden und ungefähr mit 20 fühlte ich mich zum ersten Mal als Songwriter.

Waren deine Texte immer Deutsch oder Wienerisch, oder auch Englisch?
Eigentlich immer Deutsch, nur ganz zu Anfang als ich die Country Blueser nachgesungen habe, habe ich auch englisch gearbeitet. Da gibt es noch etwa 12 Kassetten aus dieser Zeit die ich einmal auf meinem Label veröffentlichen werde, für meine Hardcore Fans. Als ich aber im Dialekt zu texten begonnen habe, bin ich dabei geblieben.

Es gibt viele CD´s von dir?
Ja, mit dem Kinderliedern sind es 14 CD´s.

Nicht schlecht!?
Alles relativ, ich bin 25 Jahre aktiv, also nur jedes 2. Jahr ein Album, es gibt fleissigere Musiker, aber meine ganze Kraft ging in die Live-Auftritte. Ich habe sicherlich von allen Österreichern am meisten Live gespielt, da bin ich einmal hochrechnungsmäßig auf 2000 Gigs in 25 Jahren gekommen. Früher habe ich etwa 4-5 Mal pro Woche gespielt. Damals war es auch noch leichter zu Gigs zu kommen, bei jeder Gelegenheit wurde gespielt

Wie siehst du dich eigentlich, als kabarettistischen R & Blueser oder als rockenden Kabarettisten?
Weder, noch. Kabarettist möchte ich nicht sein, sondern Literat. Ein Kabarettist ist für mich ein Alleinunterhalter bzw. Unterhalter, das ist das erste was mir nicht gefällt und das zweite ist, Kabarettisten müssen sehr zeitaktuell agieren, mit Bezug zu politischen, wirtschaftlichen Entwicklungen etc., während ein Literat mehr philosophisch agiert und zeitlose Aussagen zu treffen versucht, die man sich auch noch in 10 Jahren anhören kann. Ich würde mich daher nie als Kabarettisten bezeichnen, sondern ich bin ein ganz normaler Songwriter, aus meiner Sicht. Aber in Österreich vermischt sich das insbesondere für bunte Hunde wie mich, auf den viele Genres zutreffen.

Für mich bist du ähnlich einem Qualtinger mit seinen Moritaten, oder auch einem Kurt Sowinetz mit „Alle Menschen san ma zwider“. Wenn man deinen Song „Stehaufmanderl“ hört, klingt das wie eine Fortsetzung des klassischen, bissigen Wienerliedes?
Das sind auch meine großen Vorbilder. Der Sowinetz war ein echter Moritaten-Lieder-Sänger, der sehr wienerisch, larmoyant schräge Sachen gemacht hat. Gleichgelagert der Qualtinger, mit seinen unbekannteren Sachen wie die schwarzen Lieder, das ist alles Material das in diese extrem schräge Richtung gegangen ist. Es war zwar weniger populär als der „Wilde mit seiner Maschin´“ oder der „Gschupfte Ferdl“ aber nicht minder gut. Das eine waren Volkssongs, das andere damals unbekanntere Werke, die erst jetzt Klassiker geworden sind, wie „Heurige und gestrige Lieder“ von Qualtinger/Heller. Das waren meine Vorbilder, aber auch Pirron und Knapp aufgrund ihrer Sprachspiele, wie etwa das „Tröpferlbad“.

Wie siehst du eigentlich deine Beziehung zur Heurigenmusik? Auf der neuen CD „Nimm da nur“ klingt einiges wienerisch. Glaubst du es gibt eine Verbindung zwischen R & B und Heurigenmusik?
Es gibt einige Songs mit speziellem New-Orleans-Groove, wie „Alte Freund“, mit Ziehharmonika, oder auch „Stehaufmanderl“ - auch von Harmonieführungen -, da gibt es eindeutige Paralellen zum Wienerlied. TexMex Musik etwa, a la Ry Cooder, diese schmalzigen Grooves und Heurigenlieder, etwas weinerlich, verinnerlicht, sind sehr verwandte Musikstile. Ich habe das nicht absichtlich versucht zu erzielen, aber wenn ein Wiener den Blues spielt bringt er sich selbst ein, d.h. aber auch seine Wienerliedwurzeln, ob er es will oder nicht. Bläser im „Stehaufmanderl“ erinnern etwas an Randy Newman und der hat wieder Ähnlichkeiten mit Qualtinger-Liedern, bewusste Dissonanzen, die den Refrain tragen und dann etwas ins Unheimliche ausufern. Das ist auch bei Tom Waits zu finden und Ambros konnte ihn recht gut nachsingen, da es eben verwandte Stilrichtungen, Blues und Wienerlied sind. Ich glaube an das Prinzip der Entsprechungen, wo in einem Raumzeitkontinuum bestimmte Entwicklungen an verschiedenen Orten gleich abgelaufen sind, sowohl geschichtlich, aber auch von der Mentalität her und der Kultur die sich daraus entwickelt hat. Sonst wäre nicht erklärbar warum 50 % aller Ry Cooder Songs auch Wienerlieder sein könnten, umgesetzt mit Steel Gitarre und Slide ergibt sich erst das Amerikanische. Die schmalzige Harmonika von Flaco Jimenez passt wiederum dazu

Mich hat diese Musik wieder zum Wienerlied zurückgebracht.
Mich auch und durch den Blues habe ich festgestellt, dass man das Wienerlied gar nicht übergehen kann, besonders wenn du in unserer Gegend aufgewachsen bist. Roland Neuwirth bewundere ich da ganz besonders, der ja ganz bewusst eine Brücke zwischen verschiedenen Stilwelten schlägt und musikalisch viel profunder zu den Wurzeln des Wienerliedes zurückgekehrt ist. Bei mir hat sich immer die Liebe zum Groove durchgesetzt und mir war daher der rhythmische Aspekt immer wichtiger, als das pure Wienerlied

Du hast jetzt einige Vorbilder genannt, aber du wirst auch als einer der besten R & B Musiker in Österreich genannt. Wen hast du da als Vorbild?
Angefangen hat das alles für mich mit dem karierten Hemd von John Fogerty von Creedence Clearwater Revival. Das war meine Band aus dem amerikanischen Bereich und aus England ist dann Alvin Lee dazugekommen. Die beiden Bands haben mich in der Jugend geprägt und auch auf erdige, schnörkellose Live-Musik konditioniert. Erst später kam dann der Reiz des Soul dazu, mein absoluter Star dort ist James Brown und seine Bläserwelt, die mir ab dann gefallen hat. Diese ganze Musik ist von Schwarzen geprägt und du spürst da die Wiege der Menschheit, Afrika bis in die Zehenspitzen und du spürst die lange Evolution. Lange Rede, kurzer Sinn, ich bin über die Persönlichkeiten zu dieser Musik gekommen

Mir ist es genauso gegangen, nur haben für mich die Stones die größte Rolle gespielt.
Die haben mir auch immer gefallen, aber in der Prägungszeit habe ich sie noch nicht so realisiert. Für mich waren sie immer die Bösen und ich habe ihre Grooves geschätzt. Die Beatles waren die Guten, ihre Lieder kannte man auch, aber ich habe sie damals nicht so geschätzt, sie waren mir zu anständig, mir gefielen mehr die Frechen. Etwa Alvin Lee oder Fogerty.

Wie lange hast du an der neuen CD gearbeitet, nachdem es mit den Rechten zu einer J.J. Cale CD nicht so schnell geklappt hat?
Vom Material hatte ich einiges herumliegen, aber das meiste habe ich erst heuer geschrieben und produziert, dazu musste ich im Winter auch eine neue Software lernen. Ich habe die gesamte Scheibe zur Gänze allein aufgenommen und das macht mich stolz. Es war ein ganz bewusst angelegtes Robinson-Crusoe-Projekt. Ich wollte das Album schnell, um nach 5 Jahren wieder was zu veröffentlichen und ich habe alles so gemacht wie ich es egoistisch hören wollte. Egozentrisch, aber nicht unbedingt wegweisend für die Zukunft. Die Live-Vorstellung ist bereits anders, einige Grooves werden völlig anders gespielt werden als im Studio.

Zu den Songs. Ich möchte lieber nichts über deine Einstellung zur Kirche wissen, der Song „Warum Hochwürden“ und auch andere Live-Geschichten sagen ja viel aus.
Als kritischer Satiriker kommst du immer wieder zu den selben Themen. Wodurch etwa wurde eine Kultur geprägt? In unseren Breiten ist es eben der Katholizismus und als Satiriker musst du automatisch antreten gegen dieses Weltbild. In meiner Jugend habe ich auch genug negative Erfahrungen mit der Kirche gemacht, gegen meinen Willen die Kommunion, etc. Ich habe einen ausgeprägten Hass auf den Katholizismus, das hat aber nichts mit meiner Gottesfürchtigkeit zu tun, das ist eine andere Geschichte. Mir geht es mehr um diese Falschheit, die die Kultur prägt und die dazu führt, dass so viele Menschen mit Schuldgefühlen, innerer Feigheit und Resignation durchs Leben gehen. Als Satiriker landest du bei diesen Themen, aber das Album ist kein Anti-Opus-Dei, sondern zeigt nur Aspekte auf, die auch einen Hochwürden zu einem ganz normalen Menschen werden lassen, wenn ihn etwa sein Messner mit dem Staubsaugerröhrl verbunden findet. Aber es stimmt: bei meinen Konzerten würde ich den kirchlichen Aspekt nie auslassen, er ist fixer Bestandteil.

Was verbindet dich mit Nestroy, außer ein Ring?
Eine gute Freundin, die über Nestroy dissertiert und dabei viel recherchiert hat. Nestroy war total schüchtern im Leben, aber auf der Bühne hat er sich völlig verwandelt. Er hat dem Volk aufs Maul geschaut und das dann zu Literatur gemacht, ein ewiges Wechselspiel zwischen Live-Performance und Stückeschreiben. Das verbindet mich mit Nestroy, ich weiß was es heißt, solche Belastungen zu durchleben. Mit geht es ebenso, ich versuche zu antizipieren wie die Leute die Songs aufnehmen werden, die Literatur verbinde ich mit der Kommunikation mit dem Publikum. Das verbindet mich mit Nestroy, auch der hat für die Leute geschrieben, auch wenn einige Couplets zeitlos sind. Nestroy war auch ein respektloser Revoluzzer, der aber mit ziemlichen Konsequenzen rechnen musste, deutlich schlimmere als heutzutage, er hatte mit seinen Texten wirklich großen Mut, kein Vergleich zu mir


Was gibt es sonst noch zu den Songs zu sagen?
Einige meinen, es ist jeder wie ein Bild, von dem dann eine Geschichte erzählt wird und das macht mich ungemein stolz. Jeder Song ist eine Geschichte. „Ghoid Mi“ etwa ist so eine Geschichte, eine schöne und auch gescheite Frau, plötzlich kommt ihr Freund und du fragst dich, wie passt diese Percht zu dieser Frau? Das war für mich der Grund zum Lied. Eine Provokation für die Frauen, warum bleibst du bei einem Mann der dir fast nichts bedeutet. Ich bin ein Headline-Texter und komme immer von einer Kernidee, die ich dann zu einem Song forme. Wichtig ist der Motor, d.h. die erste Idee, dann geht eigentlich alles schnell. Einen Song dann zu schreiben, dauert vielleicht ein bis zwei Stunden.


Und was hat dich bei der „Gusto Polka“ geritten?
Es war die Absicht, in der Volksmusikwelt etwas zu machen, was absolut nicht in diese verlogene Schunkelwelt passt. Es sollte absolut schockierend sein, daher muss man ins Gegenteil denken, eben ein Song, wo alle Bundesländer verspeist werden. Wobei die Wiener bei den Bundesländern sehr oft unbeliebt sind und das war der Ausgang.


Und trotzdem hast du dich aus Wien zurückgezogen?
Ja, nach St. Pölten. Mir war es in Wien zu laut.


CD-Tipp: Heli Deinboek "nimm da nur", sxt012004A, AstorMedia
Bezug: www.deinboek.at

Live-Tipps:
26. Juni, Donauinselfest Wien, Planet Music Bühne
27. August: Lesung von Heli Deinboek "BluesMinus", Wien, Theater am Spittelberg, 20.00

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