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„Mir können sie keine Schmähs erzählen“ Im Gespräch mit Ludwig „Wickerl“ Adam
Von Martin Schuster, CONCERTO (www.concerto.at ) (Zur Information: Die Story
zum Interview lesen Sie in der CONCERTO-Ausgabe 4-06,
Gräbt man in den Archiven der österreichischen Rockszene, so stößt man recht bald auf den Namen Wickerl Adam. Der Doyen des Austro-Rock hat mit seiner legendären Band Hallucination Company eine veritable Kaderschmiede geschaffen, aus der spätere Stars wie Hansi Lang, Falco, Tini Kainrath und andere hervorgingen. Das Schönste aber: er ist nach wie vor aktiv.
Man schreibt das Jahr 1977. Die Besetzung der Wiener Arena ist vor einigen Monaten mit deren Abriss beendet worden, The Sex Pistols veröffentlichen ihr erstes Album, und der 28-jährige österreichische Musiker Ludwig Adam gründet die Hallucination Company. Im Lauf der nächsten 8 Jahre absolviert dieses relativ lose MusikerInnenkollektiv, dem u.a. Polio Brezina, Mo, Thomas Rabitsch, Hansi Lang, Karin Raab, Andi Baum, Harri Stojka, Mario Berger und Hansi Hölzl (der spätere Falco) angehören, an die 1400 Gigs in ganz Mitteleuropa. Mit äußerst qualitätvoller Musik, ausgeklügelten Arrangements, kritisch-ironischen Texten und einer positiven Love&Peace-Message begeistern sie Publikum wie Presse – als „Die Genies aus der Donaumetropole“ werden sie etwa in Deutschland angekündigt.
Ludwig „Wickerl“ Adam wirkt als Mastermind der Hallucination Company, aber auch als charismatischer Frontmann, der seine MusikerInnen aufbaut und ihnen auf die ersten Stufen der Karriereleiter hilft. Nach einer 2-jährigen Schaffenspause ruft Adam mit u.a. Geri Schuller, Tini Kainrath, Michael Schuberth und Gerald Gradwohl (dem späteren Gitarristen von Threeo) die nächste Generation der Hallucination Company ins Leben. In den Jahren 1988-1997 finden u.a. die „Special Nights“ im Wiener Metropol statt. Die HC, wie sie ihr Gründer liebevoll nennt, besteht mit Unterbrechungen bis heute; mittlerweile ist die vierte Generation mit Bassist Rü Kostron, Schlagzeuger Siggi Meyer und Gitarrist Zebo Adam am Werk. Allerdings hat Wickerl Adam in den letzten Jahren auch mit seinem Frank-Zappa-Projekt Schlagzeilen gemacht. Gemeinsam mit Gitarrist Conrad Schrenk hat er die Sex Without Nails Bros. gegründet, die sich ausschließlich der Interpretation von Zappa-Kompositionen verschrieben haben.
Im Mai dieses Jahres bekam Wickerl Adam den Pop-Amadeus für sein bisheriges Lebenswerk verliehen und kündigte in seiner Dankesrede ein neues Projekt an: die Adams Family. Darüber und über vieles andere sprach CONCERTO vor kurzem mit ihm.
Was waren deine ersten Gedanken, als du erfahren hast, dass du den Amadeus Award 2006 für dein Lebenswerk bekommst?
Meine erste Reaktion war: He, der Montag fängt gut an! Ich habe dann nachgedacht und bin draufgekommen, dass das ja der einzige Musikpreis ist, den wir in dieser Sparte haben – also eigentlich eine schöne Sache. Wie ich dann noch gehört habe, dass ich ohne Gegenstimme gewählt worden bin, habe ich mich richtig gefreut. Ich bin ja ein Grenzgänger, ich gehöre ja nicht zu dieser Mischpoche, die sich dem Mainstream hingibt und der es nur ums Geldverdienen geht. Für mich kam immer zuerst die Kunst. Natürlich will ich auch Geld verdienen… Aber dieser Preis könnte doch auch anderen Grenzgängern Mut machen – dass man ja doch nicht nur für die Blinden arbeitet oder so, sondern dass man zur Kenntnis genommen wird.
Hast du dir vor der Preisverleihung eine Rede oder Dankesworte überlegt?
Ich wollte der Musikwirtschaft sagen, dass es mir nicht passt, was da so abläuft – und ich wollte meine Familie nicht vergessen. Als ich es mir dann im Fernsehen nachher angesehen habe, fand ich es lieb, weil man merkt, wie verunsichert ich eigentlich bin… dann bin ich aber in den Fluss hineingekommen, und der Fluss wurde zur Natürlichkeit, und am Schluss war ich mit mir zufrieden. Diese Rede hat aber viel mehr Wirkung erzeugt, als ich mir überhaupt gedacht hätte. Auf einmal sind dann Leute zu mir gekommen und haben gesagt: „Super! Endlich einmal einer, der die Wahrheit sagt.“ Dann kommt der Hohenlohe und sagt: „Wickerl, Glückwunsch! Übrigens: Super-Rede. Und: Wer außer dir soll denn das können? Du bist doch schon so lange dabei.“ Und da dachte ich mir: Da hat er auch recht. Mittlerweile bin ich in einem Alter, wo ich zurückblicken kann und wirklich einen Überblick habe, und mir kann keiner ein X für ein U vormachen in der Musikbranche. Und mir können sie keine Schmähs erzählen.
Besteht da nicht auch etwas die Gefahr, als Enfant Terrible eingeordnet zu werden, das eben manchmal ein wenig das Nest beschmutzen darf?
Der Fendrich hat einmal vor Jahren in der Stadthalle zu mir gesagt: „Servas Wickerl, na, wie geht’s dir? Sitzt oben auf deinem Berg, schaust auf uns herunter und lachst dir über uns Trottel einen Ast ab, gell?“ Arg, was sich der denkt über mich, wie mich der einteilt! Oder der Toni Polster kommt zu mir und sagt: „I waaß, du bist ja ganz a Großer, di sieht man ja kaum.“ (Lacht) Nein, nein, das Enfant Terrible in Österreich war und ist immer der Stefan Weber. Ich gelte als der Entdecker, der Förderer, der aus unbekannten Musikern bekannte macht, aus mittelmäßigen sehr gute. Ist OK. Ich hätte mich auch gefreut, genauso als Entertainer zur Kenntnis genommen zu werden. Denn wo immer ich spiele in meinem Leben, erfülle ich meine Pflicht als Entertainer und komme immer gut bis sehr gut an. Drum hatte ich auch niemals Probleme, auf einer Bühne neben einem Hansi Lang oder Falco zu stehen – ich weiß, was ich wert bin, und ich weiß, was andere wert sind.
Wie war und ist eigentlich dein Verhältnis zu Stefan Weber?
Drahdiwaberl gibt’s ja schon viel länger. Drahdiwaberl war ursprünglich der Keyboarder, der Joe, der dann Mitte der 70er von Stefan entfernt wurde. Joe war das Hirn von Drahdiwaberl, und die Band hat es dann nicht mehr gegeben. Ich habe 1977 die Hallucination Company gegründet. Nach der Premiere kommt der Stefan Weber in die Garderobe und sagt: „Das ist ja super, was du da machst. Das hat mir jetzt so einen Kick gegeben, ich fang jetzt mit Drahdiwaberl wieder an.“ Für seinen ersten Drahdiwaberl-Auftritt damals hat er sich alle Musiker der Hallucination Company ausgeborgt – nur um das einmal klar zu stellen. Wir haben nie eine Feindschaft miteinander gehabt, auch wenn die Medien das oft heraufbeschworen haben. Hallucination Company unterscheidet sich von Drahdiwaberl dermaßen! Das einzig Ähnliche ist, dass sich auf der Bühne Menschen bewegen, die nicht nur Musiker sind. Aber Drahdiwaberl ist eine exzessive Schockband, während HC immer eine qualitativ hoch stehende, ein wenig „far oute“ Geschichte war, mit Botschaften von Liebe, Hippietum und Freiheit, „spaced out“ ein bisschen – auch starke politische Aussagen, aber immer in Bildern. Es ist bei uns nicht darum gegangen, auf der Bühne eine pissende Frau zu haben; das war uninteressant für mich, das hat nichts mit Leistung zu tun.
Zu einem anderen Kapitel: Hat sich dein Verhältnis zu Falco geändert, als er nicht mehr in deiner Band spielte und „berühmt wurde“?
Da hat es eine Wellenbewegung gegeben. Am Anfang, als er mit seinem ersten Album herausgekommen ist und mit dem „Kommissar“ einen Hit hatte, spielte er seinen ersten Gig in der Stadthalle. Da rief er mich an und sagte: „Bitte Wickerl, setz dich nach hinten in die Nähe des Mischpults und beobachte, und ich möchte, dass wir nachher brainstormen – was war gut und was war weniger gut…“ Das ging bis zu einem Punkt, wo ich ihn im Alten Tabakmuseum bei einer Modenschau getroffen habe und wo er nicht mehr aus der Rolle kam, nur mehr mit Mänteln mit aufgestelltem Kragen und Sonnenbrillen herumlief… Da habe ich schließlich gesagt: „Hans, i bin’s, der Wickerl! Ka Journalist is in der Nähe, was is’n los?“ Kurz vor seinem Tod haben wir uns dann bei einem Konzert von Kula Shaker in der Stadthalle getroffen. Wir hatten ein sehr schönes Gespräch, und ich habe ihn eingeladen mit uns 20 Jahre Hallucination Company zu feiern. Wir haben uns im alten Proberaum getroffen, alle, die zu diesem Zeitpunkt von der alten Besetzung noch gelebt haben, nämlich der Peter Kolbert am Schlagzeug, eben der Hölzl am Bass, Thomas Rabitsch an den Keyboards, an der Gitarre der Gerald Gradwohl, der damals in der aktuellen HC-Besetzung spielte. So haben wir geprobt, unter anderem „Zahuana“, bei dem der Hans die Basslinie erfunden hatte. Und er hat sie nicht mehr richtig spielen können… Dann haben wir uns verabschiedet wie in alten Zeiten. Aber er ist nicht zum Gig gekommen, er hat sich angeschissen. Er ist schon im Flugzeug gesessen am Weg in die Karibik und hat sich dem nicht gestellt. Also, wir haben damals auf diese Weise Abschied voneinander genommen. Ich weiß aber, dass mich der Hans als Musiker und als Person immer sehr geschätzt hat. Das habe ich z.B. gemerkt, wenn er mich anderen Leuten vorgestellt hat. Es gibt ein Interview von ihm mit Rudi Dolezal, in dem er sagt: „HC ist die wichtigste Band, die es in diesem Land je gegeben hat.“ Das sind so die kleinen Orden, die man von Ex-Musikern dann bekommt.
Anlässlich deiner kleinen Rede bei der Amadeus-Verleihung hast du auch gesagt: „So, und jetzt werden wir es einmal richtig krachen lassen“, d.h. du hast wahrscheinlich zum 30-jährigen HC-Jubiläum irgendetwas vor…
Genau, das ist eigentlich ein guter Anlass, daran habe ich noch gar nicht gedacht… Mich hat neben anderen beim Amadeus einer aufmerksam gemacht, der hat gesagt: „Ist dir klar, dass du einen Kreis geschlossen hast?“ Ich darauf: „Wieso?“ Und er: „Na ja, der Adam hat begonnen, und was hast du denn als Letztes gemacht? Das Zappa-Projekt! Du bist von A bis Z gekommen, und jetzt fängst du wieder beim A an mit der Adams Family…“ (lacht) … und da ist mir diese Symbolik klar geworden. Und du gibst mir jetzt die nächste Symbolik dazu. Also: Ich habe vor, noch einmal eine Band zu machen. Das Grundprinzip der Adams Family heißt „4 Jahrzehnte Rock- und Popmusik“. Der jüngste in der Band wird 17, der älteste werde ich mit 58 sein. Und wir werden einen Musikmix erfinden, der diese ganze Zeitspanne beinhaltet. Ich stehe auf HipHop, ich stehe auf diese Grooves, ich stehe auf R&B. Ich stehe aber auch auf Pink Floyd und Hendrix. Und was entsteht aus einer Symbiose von Scratchern, Rappern, alten Rockern, die aber nicht nur Schweißrock draufhaben, sondern wo es um tolle Musik geht? Die Grund-Message dieser Band wird Liebe sein. So wie ich das jetzt sage. Die Welt wird immer liebloser, es geht nur mehr um Cash. Auf der Bühne wird etwas stattfinden, wie es auch bei der HC immer war: a brotherhood of man, ein Miteinander. Ich freue mich schon sehr darauf. Es ist auch davon abhängig gewesen, ob mein Sohn Sebo mitmacht. Und ich würde es nicht ohne meinen Sohn machen.
Das Theater ist für dich ein zweites Standbein, oder wie würdest du es sonst bezeichnen?
Ich würde gern mehr spielen. Aber ich werde nicht gekauft. Ich war 4 Jahre lang Mitglied von AMOK – Aktionsmotorische Kommunikation im Dramatischen Zentrum Wien. Und darum sind HC-Musiker anders: jeder muss bei mir einen Körpertheater-Workshop machen, also 8 Tage ohne Instrument arbeiten. Und darum unterscheiden sich auch die Musiker, wie sie auf eine Bühne gehen. Meine Musiker wissen, dass die Bühne eine heilige Stätte, eine Kultstätte ist, und wir sind die Magier. Und wir können die Menschen zum Lachen bringen, zum Weinen, zum Verzweifeln, zum Wegrennen – wir haben es in der Hand! Also ist das doch ein unglaublicher Beruf. Und wenn man den mit Respekt behandelt, kann man so schöne Sachen erleben. Dieses Wissen haben meine Musiker, und dadurch gehen sie auch mit einer anderen Einstellung auf die Bühne, so wie es z.B. Pflicht ist, sich umzuziehen. Bei mir geht man nicht mit Straßenkleidern auf die Bühne. Ich mag Amerika nicht, damit das klar ist, denn die haben meine Indianer umgebracht. Aber im Showbusiness kennen sie sich aus, da sind sie die besten. In Österreich ist das anders: Kleines Land, jeder versteckt sich… Genauso wie ich meinen Musikern sage: Wenn ihr angesagt werdet, bitte präsentiert euch! Jeder Musiker wird einzeln angesagt und soll an den Bühnenrand nach vorn, soll das in Empfang nehmen und nicht nur irgendwo ein Buckerl machen. Zelebrieren wir das Ganze!
Text und Interview: Martin Schuster
Diskografie: - Hallucination Company „Vision“ (1982) - Hallucination Company „A Special Night/Live At Metropol“ (1988) - Hallucination Company “Keine Angst vor nix” (1992) - Sex Without Nails Bros. „Bonsai’d Ornaments On A Dry Wobble Landscape“ (2005)
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