Soundpiraten, acoustic DJs oder was?

Deishovida entwickelten sich vom Folkduo zum abenteuerlichen Ethno-Punk-Kraftpaket

Die neue CD des steirischen Quartetts deishovida sorgt für Furore. Die deutschen Musikkritiker formulieren in gewagten Wortkonstruktionen ihre Lobeshymnen – einerseits, um die eigenwilligen Klänge stilistisch erfaßbar zu machen (eigentlich unmöglich), andererseits, um ihrer Begeisterung Luft zu machen (sicherlich notwendig).

Dabei darf man sich, vielmehr soll man sich dem Werk der vier schrägen Musikanten getrost kritisch nähern. Also, was hören wir da: Klezmer-Klänge, funkiger Baß, Zigeuner-Weisen, ein virtuos in Szene gesetztes Akkordeon, französische Folklore, swingende Geige, Balkanmusik, eine ausrastende Drehleier, Reggae, Kosakenchöre, Franz Schubert und The Pogues bei einer Jamsession oder ist es Jacques Brel im musikalischen Clinch mit Jimi Hendrix?

Was in Worten ausgedrückt wie ein heilloses Durcheinander aus den Rezeptbüchern wirrer Klang-Alchemisten klingt, hört sich in der Praxis tatsächlich wie jener Stoff an, der Steine in Gold umwandeln kann. Und Erfolg haben sie, die Herren Bauer, Lässer, Loibner und Pongatsch. Zwar sind ihre Säcke noch nicht voll Gold, aber die strenge deutsche Musikkritik liegt ihnen zu Füßen. Und die österreichische nehmen sie sich jetzt vor.

„Not 4 U“ wurde bei Konzerten in Deutschland aufgenommen, wo deishovida im Vorjahr gehörig Fuß fassen konnte. Warum in Deutschland? „Tatsächlich ist es so, daß wir in den letzten Jahren im Ausland überraschend gut angekommen sind“, weiß Matthias Loibner zu berichten. „Vor allem in Norddeutschland fahren die Leute auf dieses Balkanfeeling total ab.“ Exzellente Virtuosität im instrumentalen Bereich, schräge Komik und kabarettistische Vokalpassagen prägen die Selbstinszenierung auf der Bühne – das ist es, was das Gesamterlebnis deishovida so unwiderstehlich macht.

Emotionell & multikulturell
Das Publikum in Deutschland ist Perfektion gewöhnt, aber wir kombinieren unser exaktes Spiel mit einer gewissen Schlampigkeit und vielen versteckten Improvisationen. Da steckt jedoch keine Strategie dahinter, sondern sehr viel Emotion. Es sind die Gefühlsausbrüche auf der Bühne.“ Für das Erscheinen und die Qualität der neuen CD gibt es aber auch noch andere Gründe. „Wir haben viele Freunde in den deutschen Journalistenkreisen gewonnen. Der WDR und der Hessische Rundfunk haben Konzertauftritte mitgeschnitten, bei denen die Stimmung optimal gepaßt hat. Wir hatten unheimlich viele Konzert- und Rundfunkauftritte, das ist nicht zuletzt auch auf unser sehr gutes Deutschland-Management zurückzuführen.“

Also quasi eine deishovida-Lobby bei unseren Nachbarn, und bei uns? „In Österreich haben der Kurt Bauer und ich als Duo begonnen und sind sofort unter Folk eingereiht worden. Das hängt uns heute noch etwas nach. Hierzulande mußten wir uns in den letzten beiden Jahren erst als Quartett mit weitem musikalischen Horizont etablieren. In Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden oder in Deutschland sind wir als sehr eigenständige Gruppe aufgetreten und vom Publikum sofort akzeptiert worden.“

Wer steckt also hinter deishovida?
Kurt Bauer – ein anarchistischer Paganini, der mit einem gewissen Augenzwinkern so ziemlich alles zitiert, was in den letzten hundert Jahren auf einer Geige intoniert worden ist, und eine gewisse Vorliebe für das Spannungsfeld zwischen Balkan-Musik und Swing nicht leugnen kann.

Traditionelle Elemente sind für uns nicht so sehr an Regionen gebunden,“ holt Matthias aus, „vielmehr geht es um die eigenständige Kommunikation, die zwischen den Musikern verschiedener Volksgruppen so selbstverständlich funktioniert, eben auf der musikalischen Ebene, das ersetzt jede Sprache.

Matthias Loibner gilt seit Jahren als Guru und als Enfant terrible der Drehleier. Er ist der erste Drehleierspieler, der den Verzerrer als Stilmittel einsetzte und seinem Instrument Heavy Metal-Klänge entlockte, was ihm den Beinamen „Jimi Hendrix der Drehleier“ einbrachte. Es geht kaum ein Workshop oder ein Bordunmusik-Treffen über die Bühne, zu dem er nicht eingeladen wird. Beim traditionsreichen Drehleiertreffen in St. Chartier/Frankreich räumte er 1994 den ersten Preis als Solo-Instrumentalist ab. Jedoch nicht, ohne vorher die Jury in zwei Lager zu spalten. Seine gewagten Interpretationen der in Frankreich besonders gepflegten Drehleiertradition riefen gleichermaßen Empörung und höchste Begeisterung hervor.

„Eine gewisse Kontinuität ist sehr wichtig. Wir haben uns wirklich intensiv mit den Volksmusik-traditionen der verschiedensten Regionen auseinandergesetzt“, erzählt Matthias. „Wir studieren die Phrasierungen und legen sehr viel Wert auf die emotionellen Aspekte. Das sind Dinge, die lassen sich nicht in Noten festhalten. Wir proben auch nicht nach Noten, sondern nach Emotionen. Es geht um das Wesen eines Stückes, nicht um seinen mathematischen Aufbau.“

 

 

Lothar Lässer ist einer jener Akkordeonisten, die mit der Vielseitigkeit dieses Instruments tatsächlich was anzufangen wissen. Das weiß auch der Klezmer- Musiker Joshua Horowitz zu schätzen, der Lothar vor Jahren in sein Ensemble Budowitz geholt hat. Sein Auftreten auf der Bühne ist über weite Strecken Understatement pur, ist er doch maßgeblich am multikulturellen Klangbild von deishovida beteiligt.

„Wir sind irgendwo Perfektionisten, wir wiederholen die Stücke bei den Proben sehr oft, bis wir wirklich zufrieden sind. Wir lassen uns dennoch genügend Spielraum für versteckte Improvisationen auf der Bühne“, plaudert Matthias aus dem Musikeralltag. „Jeder von uns bringt seine Vorlieben mit ein. Die einzelnen Nummern entstehen meist in gemeinsamer Arbeit, denn da kann man die unterschiedlichsten Einflüsse am besten aufeinander abstimmen.

“Walter Pongatsch schafft es tatsächlich, den treibenden Funkbassisten und den einfühlsamen Cellisten in einer Person zu vereinen. Seine Rolle im Klangkonstrukt deishovida ist eine sehr wesentliche. Sein Spiel wechselt immer wieder zwischen geslappten Baßlinien und lyrischen Melodiebögen hin und her. Er versteht es, in den Hintergrund zu treten, wenn die virtuosen Kollegen loslegen, aber auch nach vorne zu drängen, wenn rockiger oder funkiger Unterbau gefragt ist.

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„Not 4 U“ – die neue CD
Man kann sich das Wesen der neuen deishovida-CD folgendermaßen vorstellen: Ein wirklich guter DJ kreiert aus einer Unmenge von Klängen, Rhythmen und Melodiefetzen ein völlig neues Musikstück, das im Optimalfall eine Eigendynamik entwickelt, die den Zuhörer einerseits fesselt, andererseits zu einer Reaktion in Form von Tanzen, Singen, Klatschen oder ähnlichen emotionalen Ausbrüchen verleitet. Deishovida geht einen Schritt weiter. Die vier Musiker greifen auf eine profunde Kenntnis der unterschiedlichsten Kulturtraditionen zurück und schaffen ein dichtes Klangbild, das regionale und stilistische Grenzen ignoriert. Es ist die Verbrüderung von Avantgarde mit Volksmusik, Punk mit Klassik, Rock mit Romantik. Daß das Ergebnis in gleichem Maße Spaß macht und Spannung erzeugt, ist wohl die herausragendste Eigenschaft. Der Umstand, daß die CD bei mitreißenden Konzertauftritten aufgenommen wurde, ist der Tupfen auf dem I. Der deishovida-Hit „Natasha From Russia“ leitet auf spaßige Weise die CD ein, ein Remix desselben von John McEntire untermauert die Aufgeschlossenheit der Gruppe gegenüber neuen musikalischen Abenteuern. Und Abenteurer sind die Herren von deishovida ohne Zweifel.

Die CD wird im Rahmen einer Konzerttournee ab 3. Dezember in Österreich präsentiert. Ein Extrazuckerl ist die erweiterte Besetzung im Rahmen der Präsentations-Tour: Tunji Beier, ein ungewöhnlich eigenwilliger Percussionist aus Australien, und Turnmaster Tim, Szene-DJ aus Graz, werden die mit Überraschungen gespickten Auftritte von deishovida zusätzlich bereichern.      Manfred Ergott

Diskographie:
„Fast Folk“, 1995, EX 204-2/Extraplatte „Not 4 U“, 1997, EX 304-2/Extraplatte Europaweit über Indigo/Almaviva 5956-2, Deutschland