pepl1w.jpg (28919 Byte) „Man könnte Klavierspielen müssen" – Harry Pepl

„Harry Pepl, Piano" steht auf seiner neuesten CD. Was einen international arrivierten Gitarristen dazu bewegt, sich im Wiener Musikverein an den Steinway zu setzen, und was das mit seinem Blutdruck zu tun hat, verrät er im folgenden CONCERTO-Interview.

Ein trüber Freitagnachmittag im verrauchten Café Museum am Wiener Karlsplatz. In einer Ecke sitzt Harry Pepl, spricht mit tiefer, sanfter Stimme, spielt imaginäre Gitarrenläufe, kichert über ein Bonmot, um im nächsten Moment wieder ernst zu werden und mit ausladenden Bewegungen musikalische Konzepte zu erläutern.

„Ich bin ein Mensch der Gegensätze – oft sehr lustig oder ironisch und dann wieder sehr traurig. Wahrscheinlich hört man das auch in meinem Spiel ... ich mag sehr gern schöne, angenehme Melodien, und im nächsten Moment kann sich das völlig ändern." Harry Pepl ist einer der individuellsten und gleichzeitig kompromißlosesten Jazzgitarristen. In den letzten Jahren hat er sich aber nicht nur als Instrumentalist, sondern auch vermehrt als Komponist profiliert.

Schon als Teenager beschäftigte sich der gebürtige Wiener pausenlos mit Musik, schrieb untertags Tanzmusikarrangements, um nach seinen abendlichen Kommerzgigs bis in die Morgenstunden Solos von Jim Hall oder Wes Montgomery zu studieren. Dann ließ ihn der Jazz nicht mehr los; er ging ans Konservatorium, spielte mit Harry Neuwirth, Erich Kleinschuster, der ORF Big Band. Mitte der 70er Jahre lernte er den Tiroler Vibraphonisten Werner Pirchner kennen. Damit war das Jazz-Zwio, eine der erfolgreichsten Duoformationen der damaligen Zeit, geboren. „Wir haben uns ganz spontan gut verstanden – menschlich wie musikalisch. Wir waren auch beide gleich verrückt und probierten gern komische Sachen aus ... Das war damals eine tolle Zeit, eine richtige Aufbruchstimmung. Einige Jahre lang haben wir intensiv gespielt: Berliner Jazztage, Montreux, Saalfelden und alle möglichen anderen Festivals."

Werner Pirchner, der heute hauptsächlich als Komponist arbeitet (z.B. stammen die neuen Ö1-Signations von ihm), war allerdings nicht der einzige musikalische Partner Harry Pepls in den 70er und 80er Jahren: Dave Liebman, Jack DeJohnette, Adelhard Roidinger, Wolfgang Puschnig, Dave Holland, Jon Christensen, Herbert Joos oder Tony Oxley wären hier u.a. zu erwähnen. 1980 unternahm Pepl während eines kurzen Engagements bei Benny Goodman einen Ausflug in Swing-Gefilde: „Einerseits ein ehrenvoller, andererseits auch ein harter Job, weil Benny oft ohne Vorankündigung die Tonart oder das Arrangement wechselte."

Harry Pepls unverkennbarer Gitarrenstil ist ein Zusammenwirken verschiedenster (auch nicht-gitarristischer) Einflüsse und großer Experimentierfreude – vor allem auf klanglichem Gebiet. „Ich weiß auch nicht, warum ich gerade so spiele, wie ich spiele. Als Baby habe ich wahrscheinlich dauernd Count Basie und so gehört, weil mein Vater ein Riesen-Jazzfan war. Bei meiner Tante, wo ich aufgewachsen bin, gab es nur Oper – ich habe da am Akkordeon Opernarien gespielt. Meine Großmuter wiederum hat Schrammellieder gehört, und ich habe mich auch einige Zeit für Hillbilly interessiert ... all das bleibt dann irgendwann hängen. Bei den Sounds, aber auch bei der Spieltechnik, habe ich immer nach etwas gesucht, das anders als alle anderen klingt. Als dann die MIDI-Technik kam, war das eine faszinierende, neue Welt für mich."

„Real-Time Composing"

Interessanterweise waren es gerade die Möglichkeiten der MIDI-Gitarre und der Computernotation, die Harry Pepls musikalisches Schaffen immer mehr in Richtung Komposition lenkten. Mit seinen Streichquartetten und anderen kammermusikalischen Werken positioniert er sich in der Nähe der 2. Wiener Schule (Schönberg, Webern, Berg) bzw. der Neuen Musik – wobei er daneben, wohlgemerkt, nach wie vor seine Jazzprojekte verfolgt. Bei der Niederschrift dieser Werke, die u.a. vom Kronos Quartet oder dem Ensemble Kontrapunkte aufgeführt worden sind, verwendet Pepl die Methode des „real-time composing": eine auf der MIDI-Gitarre frei improvisierte Stimme wird aufgezeichnet, weitere Stimmen entstehen durch spontanes Reagieren auf diese erste Stimme, und das Gesamtergebnis wird als Partitur ausgedruckt. Die Verwandtschaft dieser Kompositionstechnik zum Jazz ergibt sich aus der Tatsache, daß nichts nachkorrigiert oder „geschönt" wird, nachdem es im Augenblick des Entstehens aufgezeichnet wurde.

Klavier als Therapie?

Mehr als 20 Jahre arbeitete Harry Pepl unermüdlich, absolvierte unzählige Auftritte – vom Wiener Musikverein über das Pariser Centre Pompidou bis zur New Yorker Knitting Factory – und unterrichtete „nebenbei" noch an der Grazer Musikhochschule. Dabei stieß er an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit: „Mein Hauptproblem ist der hohe Blutdruck. Wieder ein Gegensatz: nach außen erscheine ich vielleicht ruhig, aber innen rennt es in mir herum wie wahnsinnig. Der Fehler war wahrscheinlich, daß ich in den ganzen 20 Jahren nie eine Pause gemacht habe."

Nach zwei Schlaganfällen mußte sich Pepl nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch in seinem Leben neu zurechtfinden. Lange rührte er die Gitarre überhaupt nicht mehr an, weil er die Aufregung und die damit verbundene Blutdrucksteigerung fürchtete. „Musik bedeutet für mich Emotionen und Erinnerungen. Und sogar wenn ich etwas spiele, das mir nicht so gefällt, geht der Blutdruck rauf, weil es mir dann auf den Wecker geht."

In dieser für ihn nicht einfachen Zeit Anfang der 90er Jahre begann Harry Pepl das Klavier zu entdecken; ein Instrument, das erstens für ihn nicht mit so vielen Emotionen und Erinnerungen behaftet ist wie die Gitarre und das es ihm zweitens ermöglicht, zwei Linien gleichzeitig zu spielen, also „real-time"-Improvisation und -Begleitung. „Ich hatte nach der zweiten Gehirnblutung bei der Gitarre nur mehr den analytischen Blick auf Technik und Fingersätze, war nicht mehr frei genug. Da dachte ich mir, ich versuche es einmal mit dem Klavier. Obwohl ich nie etwas übe, kann ich interessante Sachen darauf spielen, ziemlich verdrehte Sachen, die ich z.B. auf der Gitarre gar nicht machen könnte."

 

 

„Flow" – Musik, die fließt

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Vor diesem Hintergrund entstand Pepls erste Solopiano-CD, die im März 1996 im Brahmssaal des Wiener Musikvereins aufgenommen wurde und nun unter dem wahrhaft programmatischen Titel „Flow" vorliegt. „Nachdem ich schon so viel mit Computermusik gearbeitet habe, hat es mich interessiert, etwas ohne Technik zu machen. Ich habe ja vorher unheimlich viel mit Sounds experimentiert, Bratpfannen und bulgarische Chöre gesamplet, Ende nie. Deshalb jetzt auch die totale Reduktion: ich setze mich hin und spiele nur Klavier, nichts sonst."

Die Musik auf „Flow" ist pure Improvisation und Assoziation; nicht ein einziges Motiv oder Thema, geschweige denn ein ganzes Stück, wurde vorbereitet. Ein Ton ergibt den nächsten, es ist die Inspiration des Augenblicks, begünstigt durch das Ambiente und die außergewöhnliche Akustik des Wiener Musikvereins. „Ich wollte, daß man auf der CD auch den Raum hört. Der Musikvereinssaal hat ein gewisses Eigenleben. Das hört man gut auf dem zweiten Stück, ‘Silent Water’: ich spiele ganz wenig, höre, was da passiert, wie die Klaviertöne wieder vom Raum zurückkommen, und irgendwo in der 14. Reihe knistert ein Sessel ... das gefällt mir extrem gut."

Natürlich kann sich Pepl technisch nicht mit „gelernten" Pianisten messen – das will er auch gar nicht. Sein Vorteil ist, daß er an die spontane Realisierung seiner musikalischen Einfälle weit unbelasteter herangehen kann als jemand, der pianistische Schemata, „richtige" Fingersätze etc. im Hinterkopf hat. Er läßt die Linien (um solche handelt es sich hauptsächlich, weil er kaum akkordisch arbeitet), die in seinem Inneren entstehen, auf unmittelbare und ungefilterte Weise aus sich herausfließen. Die Tatsache, daß er dies mit Gitarristenhänden tut, gibt „Flow" einen eigenwilligen, exotischen Charakter. „Hätte ich sehr viel geübt, hätte ich mir gedacht: diese Stelle mußt du noch schöner spielen oder anders spielen ... aber das ist hier nicht der Fall, es passiert. Es ist so, wie ich es an diesem Tag gespielt habe." Mit kleinen Einschränkungen: bei zwei Stücken hat Pepl eine zweite Klavierspur über die erste gelegt, und einige Stellen wurden aus Gründen der Straffheit auf Anraten seines Sohnes Daniel editiert, sprich: gekürzt. „Aber ansonsten ist jeder Ton dieser Aufnahme genauso, wie ich ihn wollte."

Die 12 Echtzeitkompositionen auf „Flow" sind lyrisch-versponnene, bisweilen aufwühlende und insistierende Diskurse des Improvisators mit sich selbst. Wollte man diese Musik schubladisieren, könnte man sie zwischen J.S. Bach, Cecil Taylor, Arnold Schönberg und Keith Jarrett ansiedeln, ohne sie dadurch auch nur annähernd beschrieben zu haben.

Die Stücke „Improv 2" und „Grace And Gary" nehmen auf Jugenderlebnisse Harry Pepls Bezug – das erste eine eigenwillige Neudeutung eines Schubert-Impromptus, das zweite eine Auseinandersetzung mit dem Film „High Noon", in der man die Uhr ticken hört und die Spannung steigen spürt. „Fast Mail" mutet wie eine romantische Postkutschenfahrt über Stock und Stein an; dicht ineinander verwoben sind die „2 Klavierpianos". Das musikalische und wohl auch programmatische Herzstück der CD ist „Man könnte Klavierspielen müssen", bei dem Pepl vielleicht auf Parallelen zwischen der eigenen Klavierbesessenheit und jener von Glenn Gould anspielt. Es beginnt als vorwärtsdrängende, dennoch nicht vom Fleck kommende Pseudo-Fuge, verdichtet sich dann nach und nach zu einem flirrenden Klanggewebe, um sich völlig unerwartet in Wohlgefallen aufzulösen.

Als nächstes: Schlagzeug

„Klavier ist für mich etwas Besonderes", sagt Harry Pepl. „Ich spiele aber auch wieder Gitarre. Bei mir zu Hause experimentiere ich mit verschiedensten Instrumenten, wobei mich derzeit das Schlagzeug am meisten interessiert. Ich gehe das jetzt genauso an wie damals mit der Gitarre: man hört etwas und findet heraus, wie es geht. Ich möchte aber kein HipHop-Schlagzeuger sein, sondern spontane Ideen umsetzen können – vielleicht swingt es einmal, und dann spiele ich einen Walzer ..."

Harry Pepl hat in den letzten Jahren gelernt, auf die Stimme seines Körpers zu hören und auf sich aufzupassen. Sicher ist es für ihn nicht leicht, mit dem großen Paradoxon in seinem Leben umzugehen: daß es gerade die über alles geliebte Musik ist, die seinen Blutdruck immer wieder in gefährliche Höhen schnellen läßt.

Seine Pläne für die nähere Zukunft: CD-Reissues der beiden legendären Aufnahmen „Gegenwind" und „Montreux 81" mit dem Jazz-Zwio („Da bin ich gerade wegen der Rechte am Verhandeln"), ein New Yorker Trio mit Wunschdrummer Gene Jackson und eine weitere Solo-CD, auf der er mehrere Instrumente spielen will.

„Ich würde unheimlich gern unterrichten und ununterbrochen spielen, aber mein Problem ist, daß ich nicht darf. Im vergangenen Herbst habe ich beim Inntöne-Festival mit einigen tollen Leuten musiziert: Michel Portal, Franz Hackl, Wolfgang Reisinger, Toninho Horta ... aber frage nicht, was nachher mit meinem Blutdruck war!"

Martin Schuster

Auswahldiskographie:

• Werner Pirchner/Harry Pepl/Jack DeJohnette, ECM 1237 (1983)

• Harry Pepl/Herbert Joos/Jon Christensen – „Cracked Mirrors", ECM 1356 (1988)

• Airmail – „Light Blues" (mit Wolfgang Puschnig, Mike Richmond, Wolfgang Reisinger), Amadeo 835 305-2 (1988)

• Harry Pepl Quartet – „NYC Impressure" (mit Claus Stötter, Paul Nowinski, Jojo Mayer), Extraplatte EX 203-2 (1994)

• Benny Goodman – „Berlin 1980" (mit B. Goodman, Don Haas, Peter Witte, Charlie Antolini), TCB 43022 (1996)

Aktuelle CD:

• Harry Pepl, Piano – „Flow", PAO 10140-2, Vertrieb: Hoanzl (A), Plainisphere (CH)