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„Liebe und Widerstand, Widerstand aus Liebe“

Stefan Sterzinger legte zuletzt mit dem Sextett Sterzinger Experience ein sowohl musikalisch wie auch textlich äußerst facettenreiches, überaus spannendes und in vielerlei Hinsicht mehr als bemerkenswertes neues Album mit dem Titel „Ashanti Blue“ vor. Daneben treibt er weitere interessante Projekte voran. Concerto traf den Akkordeon spielenden Entertainer zum Interview. 

Was unterscheidet die neue Experience-Formation von der alten?

Ich arbeite nur mit KollegInnen, die mich als Persönlichkeiten wirklich interessieren. Die alte Besetzung war große Klasse, hat aber ihr Ende durch Überlastung der beiden anderen AkkordeonistInnen gefunden. Das hat mir sehr lange sehr leid getan. Jetzt gibt es eben rund um die bewährte Rhythmusgruppe etwas Neues. Schlagzeuger Jörg Mikula zaubert diesmal auf sorgfältig nach klanglicher Qualität ausgewählten Pappendeckelschachteln (cardboard beatbox), Maestro Franz Schaden ist am Bass, neu dazugekommen sind die unglaubliche Maria Craffonara, Gesang und Kalimba, Thomas Castaneda, ein Tastenkaiser ganz nach meinem Herzen, und Kristian Musser als Saitengott. Erstmals, und ich bin ja keine zwanzig mehr, ein beinahe „normales“ Klangbild, erneut eine hochkarätige Besetzung. Einfach anhören die CD, grandios gespielt von den KollegInnen, vielfältigst die Kompositionen und Arrangements, herzerwärmender Sound, erfrischende Grooves und gesagt, was zur Zeit zu sagen ist. Genau, produziert haben wir wieder im renommierten Wavegarden Tonstudio in Mitterretzbach in Niederösterreich.

Wie kann das neue Werk „Ashanti Blue“ in eigenen Worten beschrieben werden?

Es ist wieder ein Konzeptalbum, anders könnte ich gar nicht. Ich wollte schon lange eine Arbeit machen zum Thema Ashanti Dorf, exemplarisch für die Völkerschauen im 19. Jahrhundert und den bis heute zwiespältigen Umgang Europas mit dem Fremden, dem Exotischen. Wienerlieder Rock´n Roll mit afrikanischer Attitüde und einem Priserl vom Jazz war die Vorgabe. Bei zwei aus zwölf Liedern haben wir uns Abweichungen erlaubt, wie es sich gehört am Weg zur Erfüllung, sehr kulinarisch, sicher meine bisher kommerziellste Arbeit. Selbstverständlich Viennese Worldmusic, so Kategorien notwendig sind, im Sinne von bewusst verortet sein und „hinaustragen“ wollen. Oft versteh ich die Welt ja nicht, weder die kleine, noch die große. Ich blicke um mich und denke mir „Gnade!“ Darum geht es inhaltlich bei „Ashanti Blue“, um Liebe und Widerstand, Widerstand aus Liebe. Wenn es egal wäre, müsste man ja nicht dagegen sein. Davon ist die Textarbeit bestimmt. Ist Fremdes, Befremdliches, eine Bedrohung oder eine Bereicherung, ob beruflich, im eigenen Bett oder aus fernen Kontinenten? Diese Ambivalenz, den Grad zwischen Wohl und Wehe, finde ich zum Fürchten schmal. Im Spagat zwischen Weihnachten und Widerstand, Umsatz und Anspruch wollte ich diesen schmalen Grat untersuchen - aus einer satirischen Position, ich bin doch Entertainer. Die Welt ist ja in keinem guten Zustand, wir wollten immer eine bessere und sind radikal gescheitert, keine Ahnung wann und warum. Die Herzlosigkeit und Dummheit, mit der wir unseren Alltag durchschreiten, trotz alledem, jeder weiß oder spürt es wenigstens, Apokalypse coming, völlig sinnloser Turbokapitalismus, als Folge großflächiger Aufstand der Benachteiligten im Namen wessen auch immer, die kleinsten und die größten Schrebergärtner bestehen bis zur Selbstvernichtung auf ihrer Pfründe. Unfassbar, schaurig und faszinierend zugleich. Mir fällt auch nix Gescheites ein dagegen. Genau, deshalb die Satire, und weil ich Entertainer bin. Aber keine Angst, es ist eine wunderschöne, kulinarische CD geworden, unauffällig fünfsprachig by the way, meine kommerziellste Arbeit bisher. Einfach anhören, oder?

Woran wird noch gearbeitet, was kommt?

Ich arbeite seit kurzem wieder mehr via Homepage und Newsletter als Kommunikationsmittel. So es Neues gibt, ist es als erstes immer dort zu finden. Oder eben Facebook, wer es braucht. Spread the word ist die Devise, Videos werden notwendig sein, endlich wieder im „Ausland“ performen, aber nicht gratis, es gibt zu tun ohne Ende! So viele Konzerte als möglich spielen mit dem grandiosen neuen Sextett. Die solo Performance und das orientalische Wienerlieder Trio Shisha Boogie vorantreiben, die Schwesterprojekte Irgendetwas Schönes und Belofour weiterentwickeln. Und versuchen möglichst lange noch jeden Tag neu die Freude am Anderssein des anderen zu (er)leben. Inshallah! 

Interview: Werner Leiss

 

Aktuelle CD

Sterzinger Experience, „Ashanti Blue“, Monkey Music

Konzert- Tipps

18.02.: Wien, Kulisse, Sterzinger & viele mehr bei Gebrüder Moped

01.03.: Wien, Rabenhof, Akkordeonfestival- Sterzinger Experience Gala

13.03.: Wien, Nazim Hikmet, mit Belofour

15.04.: Wien, Sargfabrik, mit Sterzinger Experience

18.07.: Salzburger Festspiele, Eröffnungsfest mit Sterzinger Experience

Web- Tipp

www.sterzinger.priv.at

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