Nenad Vasilic - Eine Menge Holz, vier Saiten und ein Mann

Nenad Vasilic liebt Holz, wenn’s ein Kontrabass ist. Holz(köpfe) mag er nicht, wenn Holz den Schubladen dient, in die kreative Musiker gesteckt werden. Als Jazz-Musiker ist er damit nicht auf dem Holzweg.


Schon einmal einem Kontrabass gegenüber gestanden? So ein massives Holzding ist meistens eine Kopflänge größer als sein potentieller User. Und es stellt, wie jedes Instrument ganz eigene Anforderungen. Flöten und Mundharmonikas, die können so klein sein, dass Virtuosen sie sogar mit der Nase spielen. Oder eine Gitarre, eine Geige: Die kann man sanft mit den Händen umfassen und in einem Koffer leichtfüßig durch die Stadt tragen. Mit einem Kontrabass geht das so leicht nicht. Und wer jemals ein Akkordeon auf dem eigenen Bauch hat liegen gehabt, das voller Luft noch selbstständig einige Atemzüge macht, ganz so, als schliefe ein asthmatischer Bernhardiner seinen Rausch aus, der ahnt: Mit einem Kontrabass wäre das so nicht möglich. Der ist anders.

          Möglicherweise liegt dieses Anderssein im Dunkel der eigenen Geschichte beschlossen. Die Legende will es, dass die heutige, im Jazz- und in der Pop-Musik übliche Spielweise, bei der die Saiten gezupft und selten gestrichen werden, sich einem Unglück im Jahr 1911 verdankt. Damals soll der Bassist der Original Creole Jazz Band in New Orleans, Bill Johnson, seinen Bogen beim allzu enthusiastischen Spiel zerbrochen haben. Folglich musste der arme Bill den ganzen abendlangen Auftritt auf den vier Saiten seines Instrumentes herumzupfen, um so den schweren Holzkasten zur rhythmischen Grundlage des swingenden Spiels der Original Creole Jazz Band zu machen. Ob diese Anekdote wahr ist? Egal. Auf alle Fälle ist mit ihr ein programmatischer Anspruch verbunden: Bassisten sind verdammt erfindungsreiche Musikanten.

          Genau von diesem speziellen Erfindungsreichtum spricht die Geschichte des Jazz. Wer etwa in den fünfziger Jahren sich über das Bass-Spiel im Jazz erkundigen wollte und zu einem Buch griff, etwa zu Joachim-Ernst Berendts Jazz-Buch, wurde auf fünf Seiten über alles Erwähnenswerte informiert. Knappe fünfzig Jahre später braucht die aktualisierte 2006er Ausgabe des Jazz-Buchs über 30 Seiten, um überhaupt nur kursorisch alles Notwendige zu erfassen. Nicht nur, dass Generationen an Musikern und Musikerinnen nachgewachsen sind, daneben gibt es von neuen Spielweisen und Techniken, von sechssaitigen E-Bässen und eben der Emanzipation des Basses zu berichten: Im 21. Jahrhundert hat der Bass, wie auch Gitarre und Schlagzeug, den Weg vom rhythmischen Begleitinstrument hin zu einem gestaltenden Solo-Instrument beschritten. Ein Hoch auf den Erfindungsreichtum aller Bassisten!

 

Bass’n’Balkan

           Foto: Rainer RygaliGenau so einem Kapuzunder des Kontrabasses kann man in Wien begegnen. Er heißt Nenad Vasilic, wurde 1975 in Nis (Serbien, Ex-Jugoslawien) geboren, ist eingebürgerter Österreicher und dürfte zumindest treuen CONCERTO-Lesern seit dem Jahr 2002 bekannt sein, als sie ihn zum „Weltmusiker des Jahres“ kürten. Als ich ihn 2006 zum ersten Mal interviewte, schwangen mir noch die Worte der Kollegin Birgit Gabler in den Ohren, die mir Vasilic als Vertreter einer Musik empfahl, die mit Themen und Rhythmen seiner Heimatregion Serbien, des Balkans und des zeitgenössischen Jazz spiele. Damals, 2006, galt Wien als Zentrum des so genannten „Balkan-Booms“, der in Wien vor allem von jungen, zumeist akademisch gut ausgebildeten Musikern des Balkan-Raumes und einigen österreichischen Musikern aus Graz und Wien angetrieben wurde. Veranstalter und Musiker gaben sich die Klinken der Clubs in die Hände, und es gab nicht Besseres, als in Wien in einem Taxi zu sitzen und von unerschrockenen Taxifahrern mit Musik aus ihrer jeweiligen Balkanheimat beschallt zu werden.

          2006 war ein besonderes Jahr für Nenad Vasilic. Hinter ihm lag das Jahr 1995, als er in Graz am Jazz-Institut der Musikhochschule sein Studium anfing. „Ich kam nicht als Flüchtling“, betont er heute stolz. „Ich kam wegen der Musik.“ Klavierspielend hatte er begonnen, wechselte dann zum Kontrabass und spielte als Fünfzehnjähriger in einem Sinfonieorchester seiner Heimatstadt. „Natürlich bestand das Programm aus Klassik und Folklore. Mein erster Einfluss war aber Rock, Deep Purple.“ Beim Erwähnen der Hardrock-Briten kommt ein freudiger Glanz in seine Augen, aber erst als er Johann Sebastian Bach erwähnt, kommt Bewegung in den ganzen Mann. „Bach! Schon als Achtjähriger liebte ich ihn. Wie sich in seiner Musik das Spiel der linken und rechten Hand miteinander verzahnen, das ist perfekt für alle, die Cello oder Kontrabass spielen wollen. Bach war im Herzen eigentlich Bassist! Und in Deep Purple steckt natürlich wahnsinnig viel Bach!“

            Von Bach nach Graz und schließlich nach Wien führte ihn ein Weg des Lernens: „ Ich fand es immer ganz wichtig, dass man als Musiker ganz viele Standards kennt. Einige hundert Songs sollten es schon sein. Als Jazz-Musiker sollten es schon 500 Standards sein, in der Volksmusik brauchst du schnell 1000 Titel.“ Und, ganz wichtig sei, fügt er hinzu: „Du musst die Giganten hören, von ihnen lernen.“ Und wer, neben Bach und Deep Purple, waren aus dem Jazz-Bereich seine persönlichen Giganten? „Ray Brown!“, sagt er. „Aber nur kurz, dann kamen die Bands von Chick Corea, Weather Report, Miles Davis, Charlie Haden, Paul Chambers. Das sind Giganten, die haben eine Präsenz, auch wenn ihre Musik schon älter ist.“

Vasilic übte sich, ganz in diesem Sinn, wirklich ein, und am Anfang seiner Karriere spielte er in Salsa- und Tangobands und natürlich Jazz mit den amerikanischen Professoren der Grazer Musikhochschule, mit Mark Murphy, Sheila Jordan und Steve Gut. „Ich spielte auch oft als Freelancer mit Leuten wie Richie Beirach, Tamara Obrovac, Laurie Antonioli, Martin Lubenov! Meine eigene Band habe ich seit 1998. Ich habe immer gleichzeitig mit mehreren Bands, mit Künstlern als Sideman gespielt und als Bandleader gearbeitet.“ Mit dem Martin Lubenov Orkestar oder mit Dobrek Bistro war er zu hören, nahm mit der Sängerin Natasha Mirkovic ein Album serbischer Pop-Songs auf, lud sich andererseits Musiker wie Lubenov, Bojan Z, Klemens Pliem, Vladimir Karparov, John Hollenbeck, Armend Xhaferi zu seinen Alben ein. 2006 waren fünf Alben erschienen, nach „Yugobassia“ 2001 „Folk Songs“, 2002 „Joe Jack“, 2003 das Live-Album „Joe Jack Is Back“ und dann eben im Jahr 2006 das epochale „Honey And Blood“, ein perfektes Vehikel für seine speziellen Klang- und Rhythmusvisionen. Diesen Visionen entsprangen - so Vasilic beim damaligen Interview - „Geräuschmonster: Da gibt es zum Beispiel den ‚Balkan Blues’, dessen Groove so klingt wie eine alte kaputte Metalldrehmaschine, die schon seit 100 Jahre lang in einem Fabrikgebäude steht und Millionen von diversen Schrauben oder was auch immer produziert hat; sie funktioniert noch immer, allerdings braucht sie ein bisschen Zeit, um sich aufzuwärmen. Dann läuft sie aber perfekt – besser als jede neue Maschine. Und sie hat viele Geschichten zu erzählen. Über diesen robusten "Kaputte-Maschinen“-Groove läuft aber eine sehr romantische, altmodische Melodie.“

Man hört’s und ist im Jahr 2015 immer noch begeistert. Vasilic nickt. „’Honey And Blood’ war ein großartiges Album. Das machte es aber schwer, dem etwas Gleichwertiges folgen zu lassen.“ Mit den Alben „Beyond Another Sky“ (2008) und „Just Fly“ (2010) ging es weiter, wobei die letztgenannte Aufnahme als ein Experiment angelegt war, um sich auch von dem Druck frei zuspielen, der durch die künstlerische Dominanz von „Honey And Blood“ entstanden war. „Und das Experiment hat geklappt.“ Zu dieser Zeit war Vasilic längst, im wahrsten Sinne des Wortes, in der Wiener Jazz-Szene angekommen und ihrer Enge gleichzeitig schon wieder entkommen. Als Arrangeur, Komponist und Bassist ist er längst international arriviert, führt ein eigenes High-End-Studio in Wiens 7. Bezirk, ist ein vom Saitenspezialisten Thomastik Infeld großzügig geförderter Musiker, mittlerweile sogar ein offiziell ernannter „Integrationsbotschafter“ und hat dabei als Musiker längst österreichische Grenzen überschritten. „Meine CDs haben sich im Ausland besser verkauft als in Österreich, ich habe in den USA, in Grenoble und in Paris gespielt. Als ‚Tschusch’ ist es nicht leicht in Österreich. Ich spiele immer auch gegen die Fremdenfeindlichkeit in diesem Land an. Deshalb musste ich Umwege über das Ausland beschreiten.“ Umwege sind nicht einfacher, führen aber manchmal auch ans Ziel. Vor allem, wenn man, wie er, das Ziel fest im Auge hat. „Ich bin Jazz-Musiker, kein Volksmusiker. Natürlich hängt mein Herz an serbischer Volksmusik, ich komme schließlich aus Nis und habe die dortige von Roma-Musikern inspirierte Szene sehr genossen. Aber ich habe Jazz studiert, ich habe nicht aufgehört, hinzu zu lernen.“ Dass er heute als internationaler Jazz-Musiker verstanden werden kann, hängt natürlich auch mit dem Ende des so genannten Balkan-Booms zusammen. Schon 2006 wollte er nicht zu diesem Hype gezählt werden. „Eigentlich spiele ich Nenad Vasilic-Musik. Das ist gleichzeitig Jazz, Ethno, Klassische Musik, Improvisierte Musik, Heavy Metal ,Rock ,World, Trash ...! ‚Internationaler Jazz mit Balkan-Flair’ – diese Bezeichnung würde ich wahrscheinlich gerade noch für meine Musik gelten lassen. Ich wollte immer schon diese ungeraden Grooves, die auf dem Balkan so präsent sind, mit der gleichen Selbstverständlichkeit spielen mit der Charlie Haden im 4/4-Takt spielt.“ Die Verbindung von Balkan Sounds und Jazz führt zu experimentell anmutenden Songs mit Vierteltönen, südamerikanischen und orientalischen Rhythmen und Sounds und dringt mit den Mitteln des Jazz noch weiter in den molekularen Kern der Balkan-Traditionen ein. Das heißt auch, dass die Tanzbarkeit der Folklore dem intellektuellen Anspruch des Jazz geopfert wird. Anstelle rustikaler Beweglichkeit rückt kammermusikalische Intensität, liedhafte Melodik, Rhythmik und Improvisation bestimmen weiträumig das Klangbild. Die Bezeichnung “Balkan Jazz“ mag er dabei so gar nicht: „Das ist so, als würdest du sagen: Jazz-Bass, Jungle-Drums oder Austro-Jazz. Das klingt nach einem billigen Cyberstore. Nach Schubladen. Das machen Veranstalter oder Labelchefs, um alles leichter zu verkaufen. Also jeder, der Balkan-Musik spielt, ist gleich ein ‚Balkan Jazz’-Musiker, obwohl das, was er tut, vielleicht nichts mit Jazz zu tun hat. Und gleichzeitig spielt jeder Jazzmusiker, der vom Balkan kommt, ‚Balkan Jazz’, weil er irgendwann ein Volkslied bearbeitet hat.“

Er hingegen setzt sich andere Ziele: „Meine Musik muss leben, eine Kraft haben, von Herzen kommen“. Die Gegenfrage, dass das alle sagen, kommt schnell, seine Antwort auch: „Wir lügen alle. Aber sagen wir es so: Ich will meinen Weg gehen, als Serbe in Europa, als Jazz-Musiker jenseits vom amerikanischen Jazz, aber auch jenseits vom überintellektualisierten europäischen Jazz.“ Eine klare Ansage.

Kontrabass-Kapuzunder

Um seinen Weg gehen zu können, beschreitet er Umwege. Sein aktuelles Album „The Art Of The Balkan Bass“ ist eine lustvolle Übung in Sachen Bass-Spiel. Elf Etüden lang gib es kurzweiligen Solo-Bass entlang jazziger Riffs und folkloristischen Umspielungen. Die hohe Kunst des Solo-Bass-Spiels, demonstriert von einem Meister, ohne je in kunsthandwerklichem Selbstzweck zu erstarren, sondern schlicht eine Demonstration der höchsten Kunst des rhythmischen und zugleich melodischen Tiefengebrummels Anfang des 21. Jahrhunderts. „Ich weiß, dass es ein Risiko ist, ein Album mit Solo-Bass-Stücken einzuspielen. Aber für mich war es wesentlich, einmal den Bass in seiner ganzen Vielfalt klingen zu lassen. Ohne technische Spielereien, keine Overdubs. Bass pur.” Innerhalb des Bass-Spiels im Jazz dürfte dieses Album bereits heute eine Sonderstellung einnehmen. Vasilic lacht verlegen. „Darum ging es mir nicht. Du solltest dieses Album nicht isoliert hören. Eigentlich gehört es zu ‚Seven’!“ So hieß sein von einem Sextett eingespieltes 2012er-Album, das, von balkanesken Melodien und ruhigen Rhythmen getragen, eine ähnlich große innere Ruhe ausstrahlt wie „The Art Of The Balkan Bass“. „Alles, was ich zu sagen haben, sage ich durch meine Musik. Wenn ich gegen die Xenophobie bin, dann sage ich auch, dass man vergeben muss. Zu hassen ist halt auch sehr anstrengend und nicht sehr spirituell. Eine Musik, die zum Vergeben einlädt, ist viel schöner. Vergeben ist eine hohe Kunst.“ Möglicherweise erlernt man ja diese hohe Kunst mit einem Instrument, das mindestens einen Kopf größer ist als ein normaler Mensch.   Harald Justin

AKTUELLE CDS

Nenad Vasilic „Seven“, Galileo

Nenad Vasilic “The Art Of The Balkan Bass”, Galileo

WEB-TIPP

www.vasilic.com

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