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Edi Nulz: Ritter zu Krachberg

Edi Nulz ist an und für sich recht nett. Sie ist im Kern ihres Wesens fügsam und anthrop. Nur ist sie halt furchtbar unberechenbar und neigt zu musikalischen Vulkanausbrüchen. Edi Nulz ist eine Band.

Foto: Antonia Renner

Damit wir jetzt nicht durcheinander kommen: Das Trio Edi Nulz widmet den Bandnamen dem legendären Ritter gleichen Namens, der die Ortschaft Krachberg gegründet und mit Hilfe seines Pferdes und seines Knappen Boingo den förchterlichen Drachen Gurglblast geschlachtet hat. Womit wir in der ganz persönlichen Mythologie und Phantasiewelt Edi Nulzens eingetaucht wären. Eigentlich ist alles rund um Edi Nulz abenteuerlich, witzig, ironisch oder ein Tsunami an Kreativität und ungehemmt musikalischen Konstruktionen. In diesen Tagen erscheint das 3. Album der erst 2011 gegründeten Band: „An der vulgären Kante“. Klingt anrüchig und macht neugierig; biedert sich jedoch auf keinen Fall an und schreckt alle ab, die in gemütlichem Mainstream schwimmen wollen.

Edi Nulz nach einem Auftritt in Innsbruck, Treibhaus.

Spaß ohne Bass

Trotz neuem Label, Unit Records, bleibt die Besetzung natürlich die gleiche. Siegmar Brecher bläst die Bassklarinette, Valentin Schuster schlägt die Drums, und Julian Adam Pajzs komplettiert das Trio mit der Gitarre. Jetzt kommt es zum verzweifelten Luftschnappen des eher puritanischen Jazz-Experten: Wo ist bitte der Bass; mein Gott, wie soll das klappen? Schuster weiß die beruhigende Antwort auf die dringliche Anfrage für den vielleicht noch nicht eingeschworenen Edi Nulz-Fan: „Entstanden ist die Besetzung, da Pajzs (git) und ich (dr) jahrelang im Duo auftraten. Wir wollen die Band (Edi Nulz) klein halten, um uns beim Improvisieren größtmögliche Flexibilität zu bewahren. Sowohl Bassklarinette (Brecher) als auch Gitarre können die Melodie- oder Bassfunktion übernehmen, was eine große klangliche Bandbreite birgt. Wir sind sehr daran interessiert, durch noch stärkeren Einbezug von Effekten oder Electronics die Instrumente auszureizen.“ Recht hat er, der Valentin. Wenn man die CD in Ruhe angehört hat, stimmt man zu. Es klappt vorzüglich ohne die ersehnte Bassgitarre. Apropos Ruhe: Edi Nulz als Distraktion nach stressigem Arbeitstag in den Player zu schieben, wird eventuell in einer Verstörung enden. Die Fusion aus Jazz, Rock, Punk und Electronic streut einem eher Pfeffer in den Popsch, animiert zum Tanzen und jagt die Stimmung in lichte Höhen. Lesen Sie also klugerweise die Gebrauchsanleitung beim Händler ihres Vertrauens! Schon mit dem Debütalbum „Jetzt“ (2012) kam Edi Nulz in den Blickwinkel des anspruchsvollen Jazz-Liebhabers. Eine Vielzahl an Konzerten in Österreich, Deutschland und Tschechien türmte einen beachtlichen Fanstock auf, der bald das nächste Album, „Ultrakarl“ (2013), dankbar käuflich erwerben konnte. Der 2. Tonträger schaffte den endgültigen und massiven Durchbruch von Edi Nulz und bestärkte die 3 Musiker, den eingeschlagenen Weg mit festem Schritt weiter zu gehen. So wanken uns auf dem Cover der aktuellen CD 3 in Taucheranzüge gezwängte Gestalten entgegen, die eben aus einer anderen Welt aufgetaucht sind und uns mit Songs wie „Gehirn 2015“, Hundshübel Hot Tub“ oder „Mexikanischer Beistand“ konfrontieren. Es hat keinen Sinn, über die Namen der Tracks zu grübeln; Namen sind Schall und Rauch. Relevanter ist, sich in das brodelnde, unruhige und lautstarke Gewässer zu stürzen, das von Edi Nulz in einem Crossover-Becken eingelassen wurde. 

Zurück in der Old School

Wiederum der Valentin auf die Frage, wie sich die CD von den Vorgängern unterscheidet: „Der Sound der Aufnahme ist etwas mehr „Old School“. Wir haben teilweise mit Vintage-Instrumenten oder alten Mikrophonen aufgenommen. Auf digitale Effekte haben wir beim Aufnehmen und Mischen fast verzichtet. Die Musik ist konkreter geworden. Solopassagen der einzelnen Musiker treten mehr in den Hintergrund, wenn es längere offene Parts gibt. Dadurch wird eigentlich eher kollektiv improvisiert, und wir verlassen nie den Bezug zum Song. Früher war unsere Musik noch mehr von moderner Fusion, Free-Jazz und Rock beeinflusst. Neuerdings integrieren wir z.B. Beat-Musik oder verschrobene lateinamerikanische Musik.“ Als wirksamen, unkonventionellen Inspirator nennt Valentin Schuster die aus San Francisco stammende Indie-Rock-Band Deerhoof. Bezüglich explodierender Energie und Fusion im Turbo-Format hat allerdings Edi Nulz die Nase eindeutig vorne. Dass es prima läuft bei der Band, hat sicher auch damit zu tun, dass gemeinsam komponiert wird. Edi Nulz, eine zusammengeschweißte Partie! Ernst Weiss 

CD-TIPP: „An der vulgären Kante“, Unit Records, Vertrieb: Harmonia Mundi

WEB-TIPP: www.edi-nulz.com

LIVE-TIPPS:

  • 18.02.: Budapest, Opus Jazz Club
  • 19.02.: Wien, Porgy & Bess
  • 20.02.: Festival Keltika Cerkno (SLO)
  • 26.02.: Bern (CH), Jazzwerkstatt

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