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Innenraumklänge - Die Klangwelt der Maja Osojnik

Maja Osojniks Reise in die Welt der Klänge führte bislang durch die Spukwelten ihrer alten slowenischen Heimat, konfrontierte uns mit Jazz, Folk, Alter Musik und Musiken, für die es jenseits keine Bezeichnungen gibt. Außer: Maja Osojnik-Musik. Ihrer höchst eigenen Musik ist sie mit ihrem aktuellen Solo-Album einen Schritt näher gekommen.

Foto: Rania Moslam

„Let Them Grow“ heißt das neue Album der Musikerin, die aus Slowenien stammt, aber in Wien lebt. Das Leben in zwei Welten hat Vor- und Nachteile. Zu letzteren gehört, so erzählte sie anlässlich ihres Debütalbums “Oblaki so rdeci” (2006), dass sie Heimweh habe. „In meinem Kopf spuken die Lieder der alten Heimat.“ Was also tun in der neuen? Glücklicherweise bietet Wien den Vorzug vieler musikalischer Talente. Also entstand vor zehn Jahren rund um die Talentschmiede der Jazzwerkstatt ihr Debüt mit auf Jazz getrimmten Liedern aus Slowenien. Klage- und Todeslieder, Geschichten aus der Nachbarschaft, mithin eine Sammlung der, so sagt sie, „traurigsten, mir liebsten slowenischen Volkslieder.“ Die Verjazzung indes machte nicht immer glücklich: Da störten modernes Jazz-Piano-Spiel oder Scat-Gesang die Anmut slowenischer Lieder schon ein wenig. Wenn allerdings Maja Osojnik mit ihrem vom dunklen Timbre bestimmten Gesang die Lieder zur Gänze bestimmte, wenn die Bandmitglieder als Kollektiv und weniger als Solisten aufspielten und damit allein den Liedern dienlich waren, dann konnte man mit ihr auf eine Reise gehen, die bis heute andauert.

Maja Osojnik live am Jazzfestival Saalfelden 2015. Foto: Rainer Rygalik

Die mittlerweile mit Preisen und Kompositionsaufträgen prämierte und von 14 Alben getragene Reise durch den Kosmos der Klänge hat die Komponistin und Blockflötenspielerin bislang mit diversen Formationen unternommen. Neben dem nach ihr benannten Quintett zeugen Projekte wie das Low Frequenzy Orchestra, Rdeca Raketa oder die Subschrubs von den Aktivitäten der Wahlwienerin. Ob Alte oder Neue Musik, Jazz oder Folklore, Improvisation oder Noise, letztendlich aber war in jedem Projekt genug Maja-Stoff enthalten, um den Schritt zum Solo-Projekt vollkommen logisch erscheinen zu lassen. Schon beim 2006er Debüt steuerte sie sogenannte „Field Recordings“ bei, und zehn Jahre später ist mit „Let Them Grow“ ein Album entstanden, das sich komplett aus „Field Recordings“ zusammensetzt. „Ich habe eine Vorliebe für alle diese ‚rejects“, für Klänge, die normalerweise ausgesondert werden. Übersteuertes, Verzerrtes, Absonderliches, Unidentifizierbares. Ich experimentiere auch mit den Klängen von Küchengeräten oder der Rhythmik von fallenden Ping-Pong-Bällen. Das sind Klänge, die im normalen Verwertungsprozess niemand haben will. So habe ich Pianos aufgenommen, die sich verstimmt haben, weil niemand auf ihnen gespielt hat. Ich nenne sie ‚verlassene Klaviere’. Die entwickeln eine ganz eigene Harmonik.“ So piept und zischt es, wenn sie sich auf die Spur des Eigenlebens der Klänge macht. Das verstimmte Klavier tönt einsam, die elektronisch verfremdete Klangpoesie der Dinge entfaltet sich in Clustern und Drones, und nicht einen Moment möchte man ihre Behauptung, dass sie mit diesem Album „eine ganze Bibliothek der kaputten Klangabfälle“ einrichtet, in Abrede stellen. Selbst die in der Pressemappe leicht hochgestochen anmutende Beschreibung dieses Albums als „anthroposophischer Seelenstriptease zwischen dystopischem Chanson, primordialem Mantra und Musique Concrete“ ist nicht unwahrscheinlich genug, um nicht wahr zu sein.

Richtig ist wohl auch, dass die Soundscapes der 16 in englischer Sprache gesungenen Songs das Resultat eines „Rückzugs, einer Innenschau und Neuaufstellung“ sind. „Ich sammle“, so fügt sie zudem hinzu, „seit Jahren diese Trash-Klänge. Mittlerweile sind sie zu meinen Klängen geworden. Ich benütze sie, um auf diese Weise mir und der Welt mit all ihren Problemen näher zu kommen. Diese Bibliothek der Klänge gehört zu mir, sie sind Teil meiner Neugier, und sie wird nie vollständig sein. Ich möchte nie aufhören zu lernen. Um es mit Christoph Schlingensief zu sagen, ich möchte fliegen lernen.“ Ihr Solo-Flug mit „verlassenem Klavier“, Ping-Pong-Bällen und sonstigen Klangabfällen klingt spooky, knüpft deshalb auf einer höheren Ebene dort an, wo sie 2006 mit Bandnothilfe startete: Maja-Musik!............  Harald Justin

CD-TIPP

Maja Osojnik „Let Them Grow“, UN Records, www.unrecords.me

Live-Tipp:

  • 20.02: Wien, Brut, Karlsplatz 5 (CDPräsentation)
  • 05.03.: Graz, Forum Stadtpark, Tripledecker Festival u.a. mit Maja Osojnik & Patrick Wurzwallner
  • 21.04.: Graz, Interpenetration, Maja Osojnik & Ingrid Schmolliner
  • 27.04.: Linz Stadtwerkstatt, Maja Osojnik & Patrick Wurzwallner

WEB-TIPP

http://mo.klingt.org

http://maja.klingt.org

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