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„Ich war seit jeher irgendwie ein lebendes Paradoxon“ - Al Cooks Autobiographie

Diesem Buch gerecht zu werden, ist nicht einfach. Zweifelsfrei ist Al Cook, geborener Alois Kurt Koch, der Vater der heimischen Bluesszene. "Pionier und Legende" nennt er dieses Faktum und hat damit vollkommen Recht. Er war es, der unzählige Musiker stark beeinflusste, wenn nicht sogar prägte. Dabei hat Cook sich niemals verbogen oder angebiedert, ist stets kompromisslos seinem selbstauferlegten Konzept der Authentizität gefolgt, koste es, was es wolle. Und gekostet hat es ihn einiges.

Ein polarisierendes Werk: Die Autobiografie von Al Cook

Diesem Buch gerecht zu werden, ist nicht einfach. Zweifelsfrei ist Al Cook, geborener Alois Kurt Koch, der Vater der heimischen Bluesszene. "Pionier und Legende" nennt er dieses Faktum und hat damit vollkommen Recht. Er war es, der unzählige Musiker stark beeinflusste, wenn nicht sogar prägte. Dabei hat Cook sich niemals verbogen oder angebiedert, ist stets kompromisslos seinem selbstauferlegten Konzept der Authentizität gefolgt, koste es, was es wolle. Und gekostet hat es ihn einiges.

770 Seiten lang, aufgeteilt in 5 "Bücher", kann man nun die bisherige Lebensgeschichte des Künstlers nachlesen. Eine Lebensgeschichte, welche von etlichen Schicksalsschlägen begleitet wurde, aber auch von Highlights, die anderen verwehrt blieben. In den 1970ern etwa war Al Cook mit seinem Blues im Radio ebenso vertreten wie im TV, hatte "einen günstigen Vertriebsvertrag mit Bellaphon Records", und selbst Tourneen in Deutschland ergaben sich. Auch seine Rockabilly-Zeit in den 1980ern brachte ihm etliches an medialer wie publikumsmäßiger Aufmerksamkeit. Immerhin gelang es Cook dadurch, laut eigener Aussage, 1973 "der Arbeitswelt endgültig den Rücken zu kehren", einer Arbeitswelt - etwa als Mechaniker bei Siemens - in der er sich unablässig gemobbt fühlte und für die er heute nur mehr Bezeichnungen wie "Proletenhölle" und "Proletenbrut" findet. Aber auch seine ausführlich geschilderte Abstammung und die damit verbundenen Probleme seiner Kindheit und Jugend, wie der dominante Vater - den er allerdings ebenso wie die geliebte Mutter bis zu deren Tod aufopfernd betreute -, sowie Krankheiten, welche ihn in katastrophale Kinderheime brachten, dürften bei dieser Sicht der Dinge eine wesentliche Rolle spielen. Bereits aus den ersten Kapiteln (= Bücher) erhellt sich somit manches zur Charakterisierung der oft polarisierenden Persönlichkeit Al Cooks und trägt zu deren besserem Verständnis bei. Es entsteht dabei der Eindruck, dass der Künstler Cook das Mittel der bewussten Provokation durchaus gezielt einsetzt, um im Gespräch zu bleiben und seine Botschaft des Blues zu vermitteln. Gegen Ende des Buches hält er denn auch fest: "Dadurch, dass ich über Internet und deftige Konzertansagen das Publikum teils polarisierte und in gewisser Hinsicht auch fallweise brüskierte, war ich wieder in aller Munde." Ein in der Populärkultur, und nicht nur bei ihr, nicht selten anzutreffender, nahezu immanenter Wesenszug. Die "moderne Popkultur" lehnt Al Cook indessen vehement ab, beschreibt sie als "schrankenlose Akzeptanz des Anästhetischen, Amoralischen, Anormalen und Abartigen seit den 60ern" und sieht sich sogar als deren "lebende Antithese". Gleichzeitig findet sich aber seine Anmerkung, er sei "1974 ein nicht zu übersehender Teil der damaligen Populärkultur geworden."

Was die historisch-biographischen Abläufe und Meilensteine angeht, liest sich das Buch durchaus spannend und informativ, das eine oder andere subjektive Statement zu sozialen Phänomenen ("Sozialstudie") regt zum Reflektieren an. Dass Cook sich "objektivierbaren Erkenntnissen" indessen "nie ... verschloss", ist in einigen Passagen allerdings nicht nachvollziehbar, etwa in seiner "Abrechnung mit dem Vienna Blues Spring". So attestiert er dem Festival, heimische Künstler wären benachteiligt worden, obwohl der Vienna Blues Spring über "ausreichende Sponsorgelder" verfügte. Dass sich diese Konzertreihe nahezu ausschließlich über Eintrittsgelder finanzieren muss, was in Pressekonferenzen auch stets dargelegt wurde, wäre leicht recherchierbar gewesen. Ebenso wie die Unhaltbarkeit des Pauschal-Vorwurfes hinsichtlich der heimischen Szene. Unter den großen, europäischen (Blues)Veranstaltungen gibt es wohl keine mit einem auch nur annähernd so hohen Anteil an heimischen Acts, Arrivierten wie Newcomern. Al Cooks Nichtberücksichtigung in den letzten Jahren ist dann natürlich gemäß seinem Empfinden auf eine "schandbare Tour" zurückzuführen und keinesfalls darauf, dass er den Veranstalter in einer Internetkolumne unter der Gürtellinie brüskierte.

Und genau darin begründet sich das große Manko des Buches. Al Cook liegt mit vielen Kritikpunkten, auch in Hinblick auf die Populärkultur und deren Protagonisten oft nicht so falsch, doch die Wortwahl - und dies nicht nur in Einzelfällen, sondern nahezu als roter Faden - schreckt ab. Die große Frage ist, warum es ein Künstler vom Format eines Al Cook nötig hat, beispielsweise Elvis Presley - sein erstes Vorbild, dem er zugesteht ein "unschlagbares Gesamtkunstwerk" zu sein -, in dessen musikalischer Phase nach der Armeezeit das Bild eines "kastrierten Schmusesängers", der "bis zu seinem fetten Ende" nur mehr "Hawaiischeiße" produzierte und für "muschilose Barbiepüppchen" bzw. "grässlich überschminkte Gruftpuppen, deren Höschen nur mehr der Inkontinenz halber nass wurden", zuzuordnen. Und dies nur auszugsweise. Die Rolling Stones seien für ihn eine "abstoßend ekelhafte Rotzlöffelpartie mit Primatenfratzen aus Brehms Tierleben", Michael Jackson und Prince "Schießbudenfiguren" sowie "absolute Schlusslichter der Afro-Amerikanischen Musikkultur", Eric Clapton - mit dem er eine Zusammenarbeit ablehnte - und "Konsorten" der Londoner Psychedelic-Szene "stratocasterbewehrte Gitarrenwixer", Ami Winehouse eine "drogensüchige Schnapsdrossel", Popa Chubby ein "ungustiöser Fettsack" und "Kotzbrocken", Udo Jürgens ein "Paradeopportunist", die Vertreter der Saturday-Night-Fever-Ära "dandyhafte Discoschwuchteln" usw. Selbst Kollegen, denen Cook durchaus zugetan scheint, wie Hans Theessink und Erik Trauner, müssen sich - wenn auch deutlich schaumgebremster - vorhalten lassen, sie hätten "nicht nur bewusst den bequemeren Weg gewählt, sie mussten auch nie spielen, wie wenn es um ihr Leben und ihre Selbstachtung geht". Roland Neuwirth, welcher dereinst in Cooks Band den Bass gab, schreibt er eine "von zeitgeistigen Zugeständnissen entstellte Musik" zu, Norbert Schneider wiederum wird zwar "geniale Virtuosität" zugestanden, aber auch eine "krampfige Sucht, auf Biegen und Brechen Karriere machen zu wollen". Jedem, selbstverständlich auch Al Cook, ist erlaubt, sein Weltbild in seiner eigenen Sprache artikulieren zu dürfen. Doch die andauernden Beleidigungen trüben den Lesegenuss erheblich. Das ist schade, zumal diese Autobiographie durchaus ihre amüsanten und bewegenden Momente hat und der Autor sich auch in glaubhafter Selbstkritik übt. Also lassen wir Al Cook zum Ende noch einmal selbst zu Wort kommen: "Ich weiß nur zu gut, dass ich oft ungewollt verletzend oder grob war, wenn mir etwas nicht gepasst hat, aber ich war stets ehrlich in meinem Tun und schadete mir dadurch oft selbst am meisten." Dem ist nichts hinzuzufügen. -Dietmar Hoscher-

Buch-Tipp:

Al Cook "Kein Platz für Johnny B. Goode", Epikuros Verlag, Wien, 770 Seiten, ISBN 978-3-9503934-2-2

Website
www.alcook.at 

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