Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 1/2017 > Harry Sokal

Harry Sokal „Melodie besteht aus den Pausen zwischen den Tönen“

Eine Legende des österreichischen Jazz widmet ihre neueste CD einer weiteren Legende: Harry Sokal zieht den Hut vor seinem Freund und Mentor Art Farmer, in dessen Quintett er ab 1979 fast 20 Jahre spielte. So verbinden sich auf „I Remember Art“ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

FotoCredit: Alexander Bernold

Es begann damit, dass ich hier und da bei Fritz Pauer Unterricht nahm. Wir hatten Ende der 1970er Jahre eine Band namens Hedgehog und spielten im Stil von Herbie Hancocks Headhunters. Die Proben fanden immer in der Villa der Familie von Joris Dudli im 19. Bezirk statt, wo ein Steinway-Flügel stand. Eines Tages hatte sich Fritz Pauer angekündigt; er wollte mit Art Farmer zu einer Session kommen." Der 25-jährige Harry Sokal trifft also auf den US-amerikanischen Trompeter und Flügelhornisten Art Farmer, der damals - man schreibt das Jahr 1979 - in Wien lebt und als Solist in der ORF Big Band und im Erich Kleinschuster Sextett arbeitet. Ein Schlüsselerlebnis für den aufstrebenden Saxofonisten, besonders als Art Farmer nach der Session zu ihm sagt: "Harry, if you want, come to my apartment and we'll practise a little bit."

Einige Monate später ist Harry Sokal fixes Mitglied im Art Farmer Quintett, wo er alles lernt, was ein reifer Jazzmusiker braucht: Repertoire, Timing, Voicing, Solieren, spontanes Reagieren - und vor allem, welche Bedeutung einer Melodie zukommt und wie wichtig Stille in der Musik ist. "Art Farmer war ja der Balladeninterpret schlechthin. Von ihm habe ich gelernt, dass Melodie aus den Pausen zwischen den Tönen besteht. Wenn ein Musiker diese Pausen vollpfropft, dann ist alles überladen, und es gibt keine Melodie mehr. Für mich liegt die Melodie in der Stimmung, in der Stille dazwischen. Und dieses Bewusstsein lebe ich auf dem Album 'I Remember Art' neu."

Foto: Aleksandra Prünner

Konzentration auf das Wesentliche

Seit 25 Jahren unterrichtet Harry Sokal mit viel Einsatz und Herz an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. "Im Lauf der Jahre haben mich einige meiner Studenten sehr inspiriert, auch durch die Unbekümmertheit, mit der sie an alles herangehen. Ich mache oft spontanen Unterricht, lasse mich von meinen Studenten anregen und fange dann in meiner Geschichte zu kramen an. Da stellen sich Fragen wie: Wie habe ich etwas in meiner Jugend erlebt, wie habe ich damals geübt, was war für mich wichtig oder nicht wichtig?"

Der aus Tirol stammende Gitarrist John Arman ist einer dieser Jungspunde, die einen bleibenden Eindruck bei Harry Sokal hinterließen. Trotz seiner erst 30 Jahre hat er schon mit Leuten vom Schlag eines Richie Beirach gespielt und leitet sein eigenes Organ Trio mit Christian Wegscheider und Wolfi Rainer. Sokal über Arman: "John hat ein sehr feines melodisches und harmonisches Wissen. Ich halte ihn für den passenden Gitarristen, weil es bei 'I Remember Art' einerseits um die Jazzgeschichte geht, aber auch darum, die Reduktion und die Konzentration auf das Wesentliche zu finden."

Das aus der Tschechischen Republik stammende Gespann Martin Kocián (Kontrabass) und Michał Wierzgoń (Schlagzeug) vervollständigt Sokals neues Quartett. Die beiden hoch begabten Studenten waren ebenfalls bereit, sich auf das Forschungsprojekt mit dem Saxofonisten einzulassen. "Michał und Martin entwickeln schon zu zweit eine unheimliche Eigendynamik; die haben bereits in Ostrava zusammengespielt, das harmoniert einfach. Und für mich ist es auch toll, wie ich mit den beiden durch die Musik sprechen kann."

Musik, aufregend und pur

Apropos Forschungsprojekt: Harry Sokal gestaltete den gesamten Produktionsprozess von "I Remember Art" als Lehrveranstaltung für seine Studenten. Im JIM-Studio der im Herbst 2015 eröffneten neuen Bruckner Universität demonstrierte er an einem Best-Practice-Beispiel, was alles zu einer CD-Produktion gehört, von der Auswahl des Programms über die Arrangements, die richtige Aufstellung im Studio und die Solo-Reihenfolge bis zu technischen Details wie Verkabelung, Trennwände, aber auch Schnitt und Mischung (mit dem professionellen Tontechniker Reinhard Buchta) sowie Marketing.

"Meine Studenten waren die ganze Zeit dabei, haben z.B. auch die Aufnahmen live mit Kopfhörern verfolgt. Die Bruckner Universität erlaubt mir zum Glück diese großen Freiheiten. Dass ich das neue Studio verwenden durfte, war ein Testlauf." Und so fügen sich für Harry Sokal mehrere Ebenen zu einem großen Ganzen: "Mir ist es inzwischen wichtig geworden, mein künstlerisches und technisches Wissen zu vermitteln und all das mit diesen jungen, unvoreingenommenen Studenten gemeinsam zu erleben. Das ist Musik pur, und es bekommt so eine Klarheit, eine pure Ästhetik."

v.l.n.r: Fritz Pauer, Art Farmer, Mario Gonzi, Harry Sokal, Paolo Cardoso (1997 im Wiener Jazzland. FotoCredit: Peter Brunner

Die Unendlichkeit in der Melodie

Nicht nur einmal erwähnt Harry Sokal im Gespräch, dass Art Farmer ein sehr spezielles Bandbook mit eigens für ihn geschriebenen Arrangements hatte, darunter auch selten gespielte Tunes von Horace Silver und Duke Ellington, die er besonders schätzte. Die CD "I Remember Art" schlägt genau in diese Kerbe und beinhaltet neben zwei Sokal-Kompositionen und dem Farmer-Original "Farmer's Market" denn auch "Moonrays" und "Home Cookin'" von Silver, "TGTT" und "Melancholia" von Ellington, "Context" von Kenny Drew sowie Fritz Pauers "Cherokee Sketches", wobei sich durch die Quartettbesetzung ohne Trompete und ohne Klavier schon rein klanglich neue Aspekte auftun.

",Moonrays' war im Art Farmer Quintett meistens die erste Nummer im Programm. Ich habe damals die Musik wirklich studiert, habe an den Melodien und Harmonien gearbeitet. Da geht es nicht nur darum, dass man eine Nummer auswendig kann, da geht es viel eher um das Erleben der Melodien und um das Experimentieren in der Improvisation."

Ein besonderer Moment im Programm ist für Harry Sokal seine minimalistische Ballade "Help To C": "Es hat eine ganz besondere Stimmung, wo mit ganz wenig viel passiert, da bist du melodisch fast nackt." Der Schluss drückt für ihn so etwas wie eine Ahnung von Unendlichkeit aus. "Die Melodie und die Stimmung gehen weiter, obwohl das Stück schon aufgehört hat."

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Fragt man Harry Sokal, welche künstlerische Bilanz er über das Jahr 2016 zieht, spricht er von "Inspirationsschüben in verschiedenste Richtungen". Mit dem Schweizer Bassisten Heiri Känzig spielt er schon seit fast 4 Jahrzehnten zusammen, und die Band Depart feiert ihren 30. Geburtstag. Um Routine zu vermeiden, haben Sokal, Känzig und der Drummer Martin Valihora für die nächsten Konzerte einen spannenden Gast eingeladen: den Ausnahmegitarristen Jean-Paul Bourelly. Das äußerst erfolgreiche "Groove"-Projekt mit Raphael Wressnig an der Hammond hat durch Neuzugang Alex Deutsch (dr) eine Frischzellenkur erfahren, und dann ist da noch die Wertschätzung, die Sokal durch die Verantwortlichen der Bruckner Universität und seine Studenten erfährt.

"I Remember Art" darf als geglücktes Experiment bezeichnet werden: Es ist mehr als eine Aufarbeitung der Jazzgeschichte und der Lebensgeschichte Harry Sokals, weil es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einzigartige Weise verknüpft. "Ich glaube, ich habe noch nie so gut gespielt wie auf dieser CD. Ich musste und wollte niemandem etwas beweisen und war ganz in der Seele der Musik. Es war wie eine Rückreise in die eigene Geschichte, wie wenn du einen Pfad, den du im früheren Leben kennengelernt hast, auf einer neuen Bewusstseinsebene wieder gehst."

Artikel: Martin Schuster

CD-Tipp:

Harry Sokal "I Remember Art" (Alessa Records, Vertrieb: Sounddesign)

Web-Tipp:

www.harrysokal.com

Live-Tipps:
2017

28.03.: Depart feat. Jean-Paul Bourelly, Zwerndorf, 3er Wirtshaus
29.03.: Depart feat. Jean-Paul Bourelly, Wien, Porgy&Bess
19.04.: Harry Sokal Groove, Brno, Jazzfestival
12.05.: Ostinato Revival, Wien, Gasometer
28.06.: I Remember Art feat. Thomas Gansch, Wien, Jazzland
29.06.: I Remember Art feat. Thomas Gansch, Wien, Jazzland
30.06.: I Remember Art, Purkersdorf, Die Bühne 

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!