Eine Band ist eine Band. Und keine Band ist wie ... EDI NULZ

Ein österreichisch-deutsches Freundschaftsprojekt öffnet sich multistilistisch der Intensität einer Musik, die grenzpolizeiliche Restriktionen mit Lust und Laune locker überspringt. Und eine Bandbeziehung pflegen die Teufelskerle auch noch!

Edi Nulz - Siegmar Brecher, Valentin Schuster, Julian A. Pajzs (v.l.n.r.) / FotoCredit: Antonia Renner

Who the fuck is Edi Nulz? Aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Musikmagazins wissen die Antwort auf diese Frage, können sie doch auf Porträts oder Rezensionen verweisen, in denen sich Mitarbeiter wie Ernst Weiss, Karl Gedlicka oder Jörg Weitlaner als begeisterte Nulz-Fans outeten. Und das seit dem Debütalbum „Jetzt“ aus dem Jahr 2012. Wer bislang allerdings an einem Aufmerksamkeitsdefizit bezüglich Nulz leidet, muss nun das Versäumte nach holen.

Denn er scheint ein guter Typ zu sein, dieser Edi, mit gleichsam kulinarischem und musikalischem Geschmack, eine, so heißt es auf der Website eines Untergebenen, „Kombination aus unbremsbarem Spielwitz, Humor und Wahnsinn, der in der Lage wäre, aus russischem Kaviar und rohen Kartoffeln ein Wiener Schnitzel zu zaubern und das ganz ohne E-Herd. Schließlich ist man ja nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen.“ Zudem ist die Rede von „kammermusikalisch anmutenden Kompositionen“, die mit „Punk-Ethos“ und der „Schlagkraft einer Rockband“ vorgetragen werden. Ein Tausendsassa voller „kollektiver Improvisationen mit Songstruktur“, eine „Jazzband ohne Bassist, eine Rockband ohne Sänger“. Wiens oberster Jazz-Scharfrichter Andreas Felber sprach vom „räudigen Kammerpunkjazz“, doch letztendlich muss sich natürlich jede Hörerin und jeder Hörer ein eigenes Verständnis von Edi Nulz erarbeiten.

So wie Concerto-Mitarbeiter Martin Schuster, der Vater von Valentin Schuster ist, seines Zeichens Schlagzeuger der Band. Und nein, das sei vorab gesagt, vom Papa gab es keine Weisung, einige freundliche Worte über seinen Sprössling zu schreiben.

Julian Adam Pajzs/ Foto: Herbert Höpfl
Siegmar Brecher / Foto: Herbert Höpfl
Valentin Schuster / Foto: Herbert Höpfl

Der Name? Mehr als ein Rätsel!

Insofern sitzt der Autor dieser Zeilen, durch das vorausgegangene kulinarisch-musikalische Lob beeindruckt und neugierig gemacht, im Wiener Café Möbel und fragt sich, wer dieser Edi Nulz denn nun eigentlich ist. Siegmar Brecher, Bassklarinettist der Combo, hat zum Meet ’n’ Greet geladen, ausgerechnet am Tag der Heiligen Drei Könige. Der Termin ist passend gewählt. Denn die Band bildet ja ebenfalls eine Art Dreigestirn.

Doch den Namen nach ist keiner der drei Herren mit Edi Nulz verwandt oder verschwägert. Neben Brecher und Schuster gibt es da nur noch den Gitarristen Julian Adam Pajzs. Kein Nulz in Sicht- oder Hörweite.

Ältere Ratsuchende, denen schon gefühlte hundert Jahre Jazz- oder Musikerfahrung in den Knochen stecken, mögen sich die bange Frage stellen, ob dieser Edi Nulz nicht vielleicht ein nur jugendlichen oder sonstigen Subkulturen zugänglicher Held ist, irgendein Manga-Hero, eine Figur aus der lesbisch-schwulen-transgender Community oder eine Heldengestalt aus der kryptischen, aber schwer angesagten Gothic- oder Indie-Szene Neuseelands. Ist man nicht auf dem Laufenden, so wie es das immer schneller um sich kreisende Hip ’n’ Chic-Hamsterrad erfordert? Wer also ist Edi Nulz? Brecher gewährt lachend Aufklärung. Doch dazu später.

Erst einmal gilt es zu klären, warum er allein gekommen ist. Wo sind Schuster und Pajzs? „Die ‚Jungs’“, so nennt er seine Mitmusiker mit einem liebevoll-wehmütigen Lachen, „sind in Berlin. Die Stadt ist halt angesagt. Für mich ist Berlin keine Alternative. Berlin ist überlaufen mit jungen Musikern, die sich gegenseitig im Weg stehen. Und die Auftrittsbedingungen sind schlechter als hier. Da kann ich gleich in Wien bleiben.“

Die räumliche Distanz scheint kein Hindernis für die Zusammenarbeit zu sein. „Wir kommunizieren täglich. Zwischen uns gibt es einen ‚never ending flow’ von Informationen. Valentin und Julian kennen sich schon lange, die haben früher als Duo zusammengearbeitet. Ich bin später hinzugekommen. Zudem bin ich einige Jahre älter. Dass sie in Berlin sind und ich in Wien, das ist kein Hindernis. Wir sind viel zusammen unterwegs, geprobt wird anlassbezogen, mitunter mal eine ganze Woche. Auf unserer aktuellen CD, die wir im März im Porgy & Bess präsentieren werden“, er holt „El Perro Grande“ aus der Tasche „haben wir keinerlei Kompromisse gemacht. Es sind Stücke, die wir alle ausdiskutiert haben, so lange, bis wirklich jedes Bandmitglied mit jedem Ton einverstanden war. Entstanden ist ein wirkliches Bandalbum.“

Um den Fakten die Ehre zu geben, sei hinzugefügt, dass Brecher 1978 in Graz geboren wurde, an der dortigen Uni u.a. bei Karlheinz Miklin studierte, auch von Klaus Dickbauer unterrichtet wurde und als wichtige Lehrer und Inspiratoren auch Heinrich von Kalnein, Gerald Preinfalk und Charlie Mariano nennt. Tatsächlich ist er einige Jahre älter als der 1986 in Niederösterreich geborene Valentin Schuster, der ebenfalls in Graz studierte. Auch Pajzs studierte in Graz, ist ein Jahr jünger als Schuster, wurde aber 1987 nicht in Österreich, sondern im oberbayerischen Weilheim geboren. Dass es das deutsch-österreichische Freundespaar nach Berlin zog, trägt dort immerhin Früchte wie PeroPero, ein Duo-Projekt, das mit einer Mixtur aus Progressive Rock, Stoner-Metal und „psychoaggressiven Sprechgesängen“ die Szene aufmischt. Nebenbei bleibt Pajzs noch Zeit, bei seiner Mutter in Wien vorbei zu schauen und sie mit Edi Nulz zu begleiten. Seine Mutter tourt auf Lesereisen mit dem Werk des Kultautoren Douglas Adams „Die Letzten ihrer Art“, seine Mutter ist Adele Neuhauser, TV-„Tatort“-Kommissarin und politisch bewegt genug, um gegen die Verschandelung der Welt das Wort zu erheben und die Aufklärung von Verbrechen nicht nur im Bereich der Tele-Fiktion zu belassen. Nulz ist auf ihrer Seite.

Edi Nulz /Foto: Antonia Renner

Von der Band zur Musik

Der Bandgedanke, den Brecher so emphatisch für das gemeinsame Projekt mit Schuster und Pajzs veranschlagt, ist keine ganz neue Idee, weder im Rock, noch im Jazz. Aber es steckt mehr dahinter als ein juveniles „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt“, wie es das Credo im Rock vorgibt.

Es fängt schon damit an, dass keiner der Protagonisten sich eindeutig zu irgendeiner musikalischen Größe bekennt, keinem Idol wird huldigende Ehrung erwiesen. Früher gehörte es zum guten Ton, dass junge Musiker sich auf ihre Helden beriefen. Quer durch die Genres wurden Namen wie Miles Davis, B.B. King, Thelonious Monk oder Paco de Lucia genannt, und wer noch vor wenigen Jahren sich in der hiesigen Szene umhörte und Musiker des Vienna Art Orchestras nach ihren Vorbildern befragte, dem erzählte Harry Sokal etwas über John Coltrane, dem erklärte Mathias Rüegg die Partituren von Duke Ellington. Die Solitäre der Musikgeschichten glänzten noch.

Wenig davon findet sich bei den Mitgliedern unseres jungen Powertrios. Die Schubladen, die sie aufmachen, umfassen gleich ganze Stilrichtungen: Heavy Metal, Progressive Rock, ja, auch Punk, Jazz. Kolportiert werden Vorlieben für einzelne Bands wie The Flying Luttenbacher, für die Fake-Jazzer Lounge Lizards, für die Pop-Dekonstruktionisten Deerhof. Das sind aber eher Gleichgesinnte, weniger Idole. Ansonsten verstehen sie sich eher wie „ein autonomes Kollektiv, wie Monty Python“. Na, das kann ja lustig werden. Tatsächlich lacht Siegmar Brecher. „Ich kann schon sagen, dass mein Bassklarinettenspiel von Eric Dolphy beeinflusst ist. Ich weiß von Julian, dass er viel Hendrix gehört hat.“ Die wilde Poesie Dolphys, das bluesgrundierte Spiel von Hendrix, dazu subtil-brachiales Powerdrumming, ok, plus die Vorliebe für Surfmusic, Spaghetti-Western, Punk, Metal und Fake-Jazz, das mag die Mischung sein, aber ... Brecher unterbricht den Gedankengang: „Aber Dolphy und Hendrix sind schon lange tot. Ich kenne viele junge Musiker, die können Coltranes Musik nachspielen, die sind technisch unglaublich versiert. Denen fehlt es aber an Seele. Unser Ansatz ist ein anderer. Vielleicht können wir deswegen nicht mehr mit Idolen dienen. Wir müssen weiterdenken. Deshalb holen wir uns aus allen möglichen Musikrichtungen das, was uns zu einer Intensität verhilft. Uns geht es um Intensität, um neue Energie.“

Hinzu kommt ein reflektiertes Verhältnis zur amerikanischen Szene: „Ich hatte ein Förderstipendium in New York und musste erkennen, dass jeder schwarze Streichholzverkäufer lässiger und cooler ist als ein Weißer, der in Europa Jazz zu spielen versucht. Als Österreicher fehlt mir die spezifische afroamerikanische Erfahrung, um diesen Jazz, diese so urtypisch amerikanische Musik so hier zu spielen, dass es echt klingt. Ich werde amerikanischen Jazz nie so spielen können wie ein Afroamerikaner. Der Versuch würde auch gar keinen Sinn machen. Mein Background als studierter Musiker und in Wien als Europäer lebend, ist ein anderer als der eines Musikers in Amerika.“ Stimmt schon, die Erfahrung der Schwarzen mit einem weißen Rassismus in den USA fehlt österreichischen, weißen, wohlstudierten Bürgerkindern. Österreichischer Jazz der Gegenwart kommt ohne den achtungserheischenden Bezug auf die amerikanischen Vorbilder aus, er klingt nach Europa. Und selbst in Europa hört sich aktueller Jazz aus Frankreich anders an als der aus England oder Schweden, deutscher Jazz anders als der aus Italien, der Schweiz oder gar Österreich. Gleichwohl gibt es Gemeinsamkeiten, Tendenzen, Perspektiven.

Dass der Verlust amerikanischer Dominanz im Jazz in Europa mit der Aufwertung von regionalen und ländertypischen Spielweisen einherging, ist eine Sache. Zeitgleich stellte sich der europäische Jazz in den neunziger Jahren neu auf. Günther Huesmann, der das legendäre „Jazzbuch“ von Joachim-Ernst Berendt kongenial nach dessen Tod weiterführte, erklärt, wie der Jazz seitdem, wie die Musik von Edi Nulz zu verstehen ist: „Es gibt im Jazz der neunziger Jahre kein allgemeines stilistisches Leitbild, das die Bandkonzepte dominiert, kein hierarchisches Über- und Untereinander von Szenen. Die neunziger Jahre haben dem Jazz eine weitere Explosion der Stilvielfalt gebracht – mit einer kaum zu überblickenden Kombination von Spielweisen und Werten.“

Offensive Pluralität bestimmt den Ton. Das seit den Neunzigern so wirksame Prinzip der Multistilistik hilft nicht nur die Musik von Edi Nulz zu verstehen, sondern erklärt auch die Schwierigkeiten der Kritiker, die Musik des Trios stilistisch zu verorten. Dabei korrespondiert die offensive Stilpluralität mit einer neuen Aufwertung des Bandgedankens. So erzählt Huesmann nicht nur von vielen multistilistisch arbeitenden Bands der Neunziger, sondern füllt die Seiten mit Zitaten von Musikern, die der Bedeutung des Bandgedankens und den besonderen Formen der Interaktion huldigen. Ob ein Brad Mehldau, ein Louis Sclavis, ein Wynton Marsalis, sie alle stellen den Bandcharakter als besonderes Alleinstellungsmerkmal ihrer Musik heraus. Es gehe um das zu erlernende Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitspieler, um das gegenseitige Bemühen, die jeweiligen Mitspieler gut klingen zu lassen. Dabei geht es nicht um eine Form der Psychohygiene, um einen würdigen Umgang miteinander, sondern um die Essenz des Jazz: „Das macht“, so wird Brad Meldau zitiert, „Jazz für mich so besonders, dass er einen essentiell sozialen Charakter hat. Was immer ich an Miles Davis oder an John Coltrane bewundere, ist ja nicht in erster Linie der Solist Miles Davis oder der Solist John Coltrane, sondern es sind die Bands, die sie hatten. Wenn ich an sie denke, dann denke ich an die ganze Band, an die Art und Weise, wie sie sich als Gruppe zueinander verhalten. Das ist der ‚spirit’ von Jazzmusik. So kam sie zustande – als kollektive Improvisation.“

Edi Nulz live beim Jazzfestival Saalfelden 2016 / Foto: Herbert Höpfl

Wie zur Ergänzung dieser Ausführungen erzählt Brecher: „Als Band spielen wir mit allen Stilen und lassen uns keine grenzpolizeilichen Bestimmungen gefallen. Wir suchen die Intensität in allen Musiken, egal, wo sie herkommen. Das ist wahnsinnig spannend, etwa Musiker aus Finnland zu treffen. Oder aus Belgien, Holland, wir können von allen lernen, uns gegenseitig etwas beibringen, uns begeistern. Wir müssen uns offen halten.“ Als Charakteristikum einer modernen österreichischen Musik ist diese Weltoffenheit natürlich die passende Antwort auf eine waldschratartige, um Inzucht bettelnde „Österreich zuerst“-Mentalität, die in der Musik noch nie funktioniert hat.

Bleibt noch das Rätsel um den Namensgeber. Einige Erklärungen sind im Umlauf, bringt man sie auf einen gemeinsamen Nenner, dann entsprang der Name einem jener Gedankenspiele, denen sich Schuster und Pajzs mit diabolischer Freude am Spaß so gerne hingeben: Ihrem gemeinsamen Projekt „Krachberg“ schrieben sie einen fiktiven Ort und, je nach Version, den ebenso fiktiven Ortschronisten oder den Ritter Edi Nulz zu, der den „fürchterlichen Drachen Gurglblast“ erschlug. Brecher lacht. „Manchmal wird einer von uns tatsächlich für Edi Nulz gehalten. Oder die Leute fragen nach. Mir soll es recht sein, so bleibt unser Name im Gespräch.“ Stimmt. Man spricht über Edi Nulz im multistilistischen Musikkontinuum. Harald Justin


AKTUELLE CD

Edi Nulz "El Perro Grande", Boomslang Records

WEB-TIPP

www.edi-nulz.com


LIVE-TIPP

09.02.: Jazz in der Schellingstraße, München

10.02.: Stadttheater Landsberg am Lech (D)

16.02.: Schauspielhaus Graz, mit Adele Neuhauser "Die Letzten ihrer Art" + Graz Composers Orchestra

17.02.: MUTH, Wien, mit Adele Neuhauser "Die Letzten ihrer Art" + Graz Composers Orchestra

04.03.: Bflat, Berlin

08.03.: Jazz im Kunsthaus, Linz

09.03.: Marenzikeller, Leibnitz

10.03.: Stockwerk, Graz

14.03.: Snow Jazz Festival, Bad Gastein

16.03.: Porgy & Bess, Wien

17.03.: Syrnau, Zwettl

29.03.: Blue Note, Dresden

31.03.: White Cube, Hamburg

04.04.: Forum Gleisdorf, mit Adele Neuhauser "Ich war mein größter Feind"

05.04.: Schloss Traun, mit Adele Neuhauser "Ich war mein größter Feind"

 

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