Neues von Skylark-Production: Musik als emotionale Notwendigkeit

Schaut nach kompromissloser Emanzipation aus. 3 absolut erfolgreiche und international etablierte Jazz-Musiker kappen die Leine zu kommerziellen Plattenfirmen, blocken gegen den Einfluss von Konzernen, gründen ihr eigenes Label und lassen ihr Lercherl („Skylark“) fliegen.

Homegrown: Paul Urbanek, Wolfgang Puschnig, Lukas König, Raphael Preuschl (v.l.n.r) / FotoCredit: Skylark

Das Triumvirat in Sachen Jazz setzt sich aus Wolfgang Puschnig, Paul Urbanek und Patrice Héral zusammen. Alles Musiker, die seit langem für Qualität, Virtuosität, Akzeptanz fremder Kulturen und kreatives Bemühen um Eigenständigkeit bekannt sind. Mit ihrem Brand „Skylark“ sollte eine Unabhängigkeit geschaffen werden, die bei der Auswahl der Musiker_innen und Bands einzig und allein dem Geschmack der 3 Herren entspricht.

Fern vom Mainstream

Finanzielle Erwartungshaltungen, Korrekturen, um ein etwaiges Image oder Geschäftsmodell zu beschädigen, werden nicht in Betracht gezogen. Im Interesse stehen z.B. Spontaneität, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, den Mitmusikern zuzuhören und eine demokratische Kommunikation anzustreben. Die Philosophie der Labelgründer ist es, sich völlig von Einflüssen unerwünschter Art abzuschirmen und u.a. eigene musikalische Entwicklungen auf Tonträger zu dokumentieren. Dazu kommen eventuell Produktionen von Musiker_innen und Bands, deren Output man schätzt, oder Wiederveröffentlichungen früherer, wichtiger Alben. Pro Jahr sollten mindestens 3 CDs auf den Markt gebracht werden, es darf aber auch ein bisserl mehr sein, wenn eine Notwendigkeit erachtet wird. 2 der 3 Labelinhaber (Wolfgang Puschnig und Paul Urbanek) werden durch aktuelle Projekte (Homegrown, Spirit) detaillierter erörtert werden. Patrice Héral, 1965 im französischen Montpellier geboren, ist als Schlagzeuger und Perkussionist einer der flexibelsten und begehrtesten Musiker seines Faches. Seit 1990 ist Héral vermehrt in Wien tätig. In Österreich machte sich der unbändige Freigeist durch Kooperationen mit u.a. Alegre Correa oder Andi Manndorff einen Namen, international reüssierte er u.a. mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko. Eine markante Domäne des Südfranzosen sind jedoch multiethnische Projekte mit Kolleg_innen verschiedenster Provenienz wie Afrika oder Tuwa/Russland.

Heimischer Jazz

Auf der CD „Cultivation“ von Homegrown gelingt „Skylark“ gleich einmal ein dynamisches, aufregendes Album, dessen Musik zwischen Blues, Hardbop und Funk oszilliert, gerade deshalb einen fulminanten Spannungsbogen aufbaut und permanent stabilisiert. Homegrown ist ein Quartett der Superlative, das 2 Generationen an Musikern integriert. Raphael Preuschl (geb. 1977) spielt den E-Bass und eine sensationelle Bass-Ukulele, Lukas König ist mit seinen 30 Jahren das Nesthäkchen und sitzt an den Drums. Immer wieder entwischt der St. Pöltener konventionellen Erwartungen und experimentiert mit schrägen Sounds auf der Suche nach ironisch provokativen Klangbildern. Preuschl zählt ca. seit 12 Jahren zu den interessantesten Bassisten jüngerer Generation, der sich nicht nur als Virtuose an seinem Instrument beweist, sondern auch gerne bereit ist, in mannigfaltigsten Stilen seinen potenten Individualismus einzubringen. Die reifere Hälfte von Homegrown verquickt sich aus Wolfgang Puschnig (geb. 1956, Altsaxophon, Flöte) und Paul Urbanek (geb. 1964, Klavier und Keyboards); sehr gewichtige Namen in der Landschaft des Jazz, vor allem der Kärntner Puschnig erblies sich eine Karriere, die gespickt von internationalen Meriten blitzt und blinkt. An Paul Urbanek ist marginal bemerkenswert, dass er musikalischer Autodiktat ist. Paul ist sicher für unsere Wiener Free-Jazz-Ikone Fritz Novotny ein unverdorbener und somit idealer Musiker, da er selbst gerne gegen akademische und universitäre Ausbildung eines Jazzers wettert. Zu verkopft, eingegrenzt und belastet sind dem guten Fritz g´studierte Jazzer_innen. Befürchtungen genannter Art treffen auf Urbanek keineswegs zu. Ob mit Hans Koller, David Murray, Linda Sharrock oder Ornette Coleman, ob mit Kim Dok Soo (Samul Nori), Sainkho Namchylak oder Alegre Correa, Paul wurde souverän mit jedem musikalischen Abenteuer fertig. Will man den Pianisten in einer anderen Band als Homegrown checken, wird’s mühsam, da er schon auf an die 100 Tonträgern seine flinken Finger im Spiel hat. Ein Leckerbissen unter vielen wäre wohl die CD „Voyeur, Voyeur“ vom italienischen Startrompeter Enrico Rava. Urbanek probiert stets, so nahe wie möglich an einer spontan aufgetretenen Idee dran zu bleiben und ein Klangbild zu schaffen, das erst in zweiter Linie durch ihn, sondern vor allem durch die Energie der mit ihm jammenden Musiker zustande kommt.  

Spirit sind Patricia Moreno, Robin Gadermayer, Lukas Böck und Paul Urbanek / Foto: Skylark

Blicke über den Tellerrand

Weisheiten über Wolfgang Puschnig im eingeweihten Zirkel auszuposaunen, wäre Eulen nach Athen zu tragen. Der aktuell mit einem lustigen Vollbart dekorierte Saxophonist ist seit ca. 45 Jahren auf der Bühne und im Studio aktiv, um einen Jazz zu beschwören, der mutig über den Tellerrand blickt und Schulterschlüsse mit Frauen, anderen Generationen, Hautfarben, Sprachen und musikalischen Nischenaposteln empfiehlt. Nach beinahe 20 Jahren mit dem einmaligen Vienna Art Orchestra, das er 1970 mit Mathias Rüegg gründete, sind Puschnigs Meilensteine u.a. Projekte mit Hans Koller, ein Engagement in der Band von Carla Bley oder Kooperationen mit dem koreanischen Perkussionsensemble Samul Nori; und dass die Amstettener Blasmusi aus dem Mostviertel weltberühmt wurde, verdankt sie auch dem Puschnig, der sie bei Alpine Aspects mit einer Jazzband kuppelte. Auf „Cultivation“ gibt es eine Fülle an mitreißend zeitlosem Jazz, furiose Soli von Puschnig, Preuschl und Urbanek, einige Titel mit Puschnig an der Flöte („Tresor!“, „Soundcheck“, „Third World Technologies“) oder locker groovendem Scat-Gesang. Fazit: Homegrown debütiert mit einer erstklassigen CD.

Offene Geheimnisse

Auch eine 2. neue CD wartet im Skylark-Regal auf uns: Spirit mit „Can You Keep A Secret“. In dem Falle, würde ich ´mal vorschlagen, betreiben wir keine Geheimniskrämerei und erfreuen uns an der vorzüglichen Sängerin Patricia Moreno, einer waschechten Steirerin aus Bruck an der Mur mit venezolanischen Wurzeln, die auch international, seit sie 2011 die „Bobby McFerrin Audition“ gewann und happy mit Mister McFerrin in Boston ein Konzert gab, steil reüssierte. Auf dem Skylark-Album stellt sie 13 neue Songs vor, die meist in einem moderaten Jazz-Funk gehalten sind und oft etwas gezähmt wirken. In Morenos Quartett besetzt einer der Label-Bosse, Paul Urbanek, das Klavier und die Keyboards. Zwei profunde, talentierte und natürlich schon aufgefallene Musiker, Robin Gadermayer, b, und Lukas Böck, beherrschen die primäre Rhythmussektion. Ein prominenter Gast am Saxophon mischt auch mit: Wolfgang Puschnig. Ernst Weiss  

Spirit "Can You Keep A Secret?"
Homegrown "Cultivation"

CD-TIPPS:

- Spirit, „Can You Keep A Secret?“

- Homegrown, „Cultivation“

beide CD Skylark Production, Vertrieb: Naxos









WEB-TIPPS:

www.skylarkproduction.com und www.patriciamoreno.at


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