Ein Stern, der deinen Namen trägt

 

Wehendes Haupthaar und ein Gitarrenspiel voller Energie, das die Ohren flattern lässt, das ist das Markenzeichen des amerikanischen Saitenzauberers Mike Stern. Zusammen mit dem famosen Jazzrockdrummer Dave Weckl sucht er einmal mehr Österreich heim.

Mike Stern / Foto: Sandrine Lee

Die Musik des amerikanischen Jazzrockgitarristen Mike Stern, für den der Schlager "Ein Stern, der deinen Namen trägt" geschrieben sein könnte, hört sich ganz anders an als der discozelttaugliche Mitgrölstampfer. Mike Stern sieht auch anders aus als der Schlagersänger.

Stern ist außergewöhnlich und sieht entsprechend aus. Erst einmal trägt er seine Haare lang und damit allen modischen Trends, vom Undercut hin zur Kurzhaarfrisur mit Nazi-Chic und zum erigierten Gelbürzel, entgegen. Einzig die leichte durch das Älterwerden bedingte Grautönung deutet an, dass sich die Zeiten verändert haben, seit er, gleichermaßen behaart, 1980 sein Gitarrenspiel auf dem sogenannten Comeback-Album "The Man with the Horn" von Miles Davis erklingen ließ. Wer den 1953 in Boston, Massachusetts, geborenen, in Washington aufgewachsenen Saitenakrobaten heute sieht und hört, ihn bestenfalls auf der Bühne erlebt, wer zudem seine Geschichte kennt, wird erstaunt feststellen müssen, wie viel und wie wenig er sich und die Konzeption seines Spiels geändert hat. Wie ein Fixstern steht er am Himmel, und die Geschichte läuft und läuft und läuft. Er scheint sich nicht verändert zu haben, während um ihn herum der Bär steppte.

Diese Ansicht ist natürlich zugleich falsch und richtig.

A Star is born

Blättern wir also zurück in den Geschichtsbüchern. Aufschlussreich ist bereits die Erzählung von Miles himself, wie Stern in seine Band kam. Davis erzählte seinem Biografen Quincy Troupe, wie es bei den Aufnahmen zu dem genannten Album zuging: "Eines Abends spielte Barry (Finnerty) diesen Scheiß auf seiner Gitarre, den ich nicht ausstehen kann. Ich sagte ihm also, er soll damit aufhören, aber er spielte weiter, wie er wollte. Nachdem sich das ein paar Mal wiederholte, sagte ich ihm, er soll rausgehn und dort für sich selber spielen und dann wieder reinkommen und das spielen, was ich will. Nun ist Barry ein sehr guter Musiker, aber er ist auch ein sturer Kerl, der's nicht ausstehen kann, wenn ihm jemand Vorschriften macht. Nach einer Weile kam er wieder rein, wir fingen von vorn an, und er spielte wieder das Gleiche. Ich sagte ihm, er soll ganz aufhören, ging in die Küche, holte eine Flasche Heineken und kippte ihm das Bier übern Kopf. Er regte sich furchtbar darüber auf und meinte, er hätte einen Schlag kriegen können, weil er elektrische Gitarre spielt. Ich sagte nur noch: 'Hör auf mit dem Scheiß, ich habe dir gesagt, du sollst diesen Akkord nicht spielen, Motherfucker, und damit meine ich: nicht spielen. Und wenn du ihn unbedingt spielen musst, dann mach's auf der anderen Straßenseite, wie ich's dir gesagt habe.' Danach wurde er richtig kleinlaut. Am nächsten Tag spielte Mike Stern Gitarre. Er war der andere Gitarrist auf 'The Man with the Horn, und er blieb in meiner Band."

Zumindest blieb Stern bei Davis bis 1983, bis John Scofield übernahm. Drei Jahre bei Miles Davis, die können eine Ewigkeit sein. Die, wie das Beispiel von Barry Finnerty zeigt, ganz schnell mit einer Flasche Bier über den Kopf beendet sein kann. Von Davis, dem begeisterten Hobbyboxer und Musikerdirigenten, war man derlei Haken und zudem noch mehr Winkelzüge quer durch die Geschichte der amerikanischen Musik gewohnt. Seit seinem Beginn im Bebop und Cool Jazz, seiner modalen Phase, dem Jazzrockstarter mit "Bitches Brew" (1969) und den darauffolgenden Funk-Experimenten, Davis bestand auf seinem Eigensinn. Dass dabei die Wahl auf Stern fiel, kam schon einem Ritterschlag gleich.

Empfohlen wurde er durch den Davis-Saxofonisten Bill Evans, und es gab für Davis wohl genug Gründe, sein Spiel zu mögen: Denn Stern wuchs mit den Klängen der weißen Popmusik auf, er schätzte die Beatles, und Miles wollte von den Beatles vor allem eines: den Erfolg. Jemand, der die Beatles mochte und Erfolg versprach, war ihm genau so recht, wie jemand, der Rock spielen konnte. Stern konnte, eines seiner Vorbilder hieß Eric Clapton, seine Lehrzeit hatte er in der Rockjazzband Blood, Sweat and Tears abgeleistet. Und Stern liebte den Blues, von B.B. King bis Jimi Hendrix; Miles Davis suchte immer Musiker, die sich auf den Blues in all seinen Schattierungen verstanden. Zudem empfahl sich Stern durch ein Studium an der Berklee School of Music bei Pat Metheny und Mick Goodrick und der Mitarbeit in der Band des Jazzrockers Billy Cobham. (Dass Cobham einst bei den bahnbrechenden Jazzrock-Alben von Miles Davis wie "Bitches Brew" beteiligt war und 1971 mit dem ehemaligen Miles-Davis-Mitspieler, dem britischen Gitarristen John McLaughlin, das Mahavishnu Orchestra gegründet hatte, dürfte sich ebenso positiv auf die Empfehlung von Evans ausgewirkt haben. Und Stern verstand sich auf das schwitzige Miteinander des Funk; Miles sagte später, dass die Alben, die er während dieser frühen achtziger Jahre einspielte, vor allem das Miteinander betonten: "Wir waren ein Team." Über ein Team schüttet man kein Bier aus. Teams aber lösen sich auf, sie sind vergänglich.

Böse Worte von Miles über Stern sind nicht bekannt, die besorgten die Kritiker. Jazz-Kritiker, die feinziselierte Gitarrenarbeit favorisierten und denen die Fusion von Jazz und Rock sowieso ein Gräuel waren, schimpften in der gleichen Tonlage weiter, die sie bereits bei "Bitches Brew" angestimmt hatten. Stern, so die Kritik, spiele auf "The Man with the Horn" wie ein "austrainierter Gitarrist aus der Heavy-Fraktion", er klinge "wie ein Hardrock-Kraftprotz" und könne "sich kaum in ein filigranes Jazzensemble integrieren". Auch beim 1981er Live-Album "We want Miles", weiß Kritiker Peter Niklas Wilson, dass der Gitarrist die Stimmung der Finesse "durch den Bombast seiner Heavy-Metal-Klangwände" aufbricht. Immerhin, es gab auch Lob; Jazzkritiker Jörg Konrad fand, dass er zumindest auf einem (!) Stück "einmal nicht die Rolle des pathetischen, alle an die Wand spielenden Rockgitarristen" einnehme. Er untermale "mit griffigen Funky-Licks, findet in seinem Solo eine ideale Balance zwischen rhythmisch betontem und beeindruckend filigranem Jazzspiel."

Aber: Kritik ist mindestens ebenso vergänglich wie Musik. Nur Haarmoden sind manchmal, aber eben auch nur manchmal, noch vergänglicher. Stern, mit der Gnade des nicht vergänglichen Haupthaares beglückt, kann mit Fug und Recht darauf hinweisen, dass er, wie die Kritikerzitate belegen, seinen Personalstil und seine Frisur schon bei Miles Davis gefunden hat. Immerhin hat er mit siebzehn Alben unter eigenem Namen, sechs Grammy-Nominierungen und mehreren Auszeichnungen als "bester Jazz-Gitarrist des Jahres" sich seinen Platz für die Ewigkeit im Olymp der String-Virtuosen längst gesichert.

Foto: Rainer Rygalyk

Kleine Stern-Kunde

"Greif nicht nach den Sternen", sang einst Österreichs Schlagerkönig (und Jazzfan) Peter Alexander in seinem gleichnamigen Hit. Wir wollen lieber nicht genau wissen, wie er das meinte, verstehen seine Empfehlung aber als Hinweis, Mike Sterns Spiel nicht allzu leichtfertig zu kategorisieren. Ja, er kann Riffs wie ein Rocker raushauen, aber er kann mehr. Er kann funkige Rhythmen spielen, haarscharf genau auf den Punkt den Beat, aber das ist noch lange nicht die Grenze seines Spiels. Dank seiner ausgewiesenen Kennerschaft des "Great American Songbook", wundervoll demonstriert auf seinem 1992er Album "Standards (And Other Songs)" zeigt er sich den traditionellen Aufgaben eines Jazzgitarristen in der Tradition von Bebop und Hardbop ebenso gewachsen wie als Schöpfer von außerirdischen, mit außergewöhnlicher Härte aufgetürmten Soundgewittern. Ein Rockgitarrist, ein filigraner Funkrhythmiker, ein Heavy-Metall-Bombastler, ein sensibler Jazzer - ein normaler Gitarrist wäre wohl schon zufrieden, auf nur einem dieser musikalischen Felder seine Duftmarke hinterlassen zu können. Aber der Mann scheint ein Alleskönner zu sein. Oder etwa doch nicht? Hat der Volksmund Recht, wenn er sagt "Wer alles gut kann, kann nichts gut"?

Sinnigerweise ist sich die Jazz-Kritik sehr uneinig. Im "All Music Guide to Jazz" erhält "Standards" (And Other Songs) die Höchstwertung von fünf Sternen (!), verbunden mit der Empfehlung, dass dieses Album wohl das beste seiner Karriere sei. Im "Rough Guide Jazz" wird dieses Album gar nicht erst erwähnt, während "Odds and Ends" (1991) und "Is What It Is" (1993) in höchsten Tönen gelobt werden. Beide Alben schneiden im "All Music Guide" mit jeweils zwei Sternen recht schlecht ab.

Wer es nicht besser weiß, wird derlei Wertungen auf bloße Geschmacksurteile zurückführen. Möglicherweise aber haben die unterschiedlichen Stern-Wertungen aber auch mit dem eher amerikanischen, eher traditionellen Jazz-Verständnis des "All Music Guide" und dem eher rockaffinen Musikverständnis des britischen "Rough Guide" zu tun. Dazwischen liegt mehr als der Atlantik, dazwischen liegen musikalische Moden und kulturelle Identitäten. So waren die achtziger Jahre, das Jahrzehnt, in dem Mike Stern bei Davis zu großer Form auflief, auch das Jahrzehnt, in dem erstmals ein Afroamerikaner nicht zum "King of Soul", sondern zum "King of Pop" avancierte, schwarzer Schönheit abschwor, sich mittels Gesichtsoperationen in einen Weißen zu verwandeln versuchte und sich musikalisch so weit wie möglich von seinem Erbe distanzierte. Gleichzeitig zum "King of Pop" beschädigten afroamerikanische Rapper das Bild der afroamerikanischen Kultur so nachhaltig, dass ihre Gleichsetzung mit Verbrechen, Protzertum und Frauenfeindlichkeit heute nahezu automatisch gelingt. Das Schlagwort hieß "White-washing", und niemand brachte diesen, alle kulturellen Äußerungen en détail umfassenden Umschwung genauer auf den Punkt als Sterns früherer Arbeitgeber Miles Davis: "Als ich (1981) nach meinem jahrelangen Rückzug wieder in der Musikszene auftauchte, war genau das passiert, was ich schon lange erahnt hatte. Die Gitarre war zum wichtigsten Instrument geworden. Das lag einmal an der Popmusik und dann an den Kids, die wirklich auf dieses Instrument abfuhren." Und: "Immer weniger schwarze Musiker spielten Jazz, und ich wusste, warum: Jazz wurde langsam Musik fürs Museum."

Mit anderen Worten: Die Gitarre hatte spätestens in den achtziger Jahren Saxofon, Klavier oder Trompete als tonangebendes Instrument im Jazz abgelöst. Und Jazz war entweder reif fürs Museum oder eben ein Fall für weiße Kids, die von Rock oder Pop musikalisch inspiriert waren und die ihr Handwerk auf Universitäten, aber eher selten in der Kirche oder auf Touren durch den schwarzen Chitlin Circuit erlernt hatten.

So ist es wohl andererseits kein Zufall, dass sich Sterns musikalische Freunde bis auf wenige Ausnahmen aus weißen Berklee-Mitstudenten wie Bill Frisell, John Scofield, Bob Malach und den Brecker Brothers oder Jazzrock-Legenden wie Dave Weckl rekrutieren. (Mit Weckl, der einst bei Chick Corea trommelte und als vitaler Drummer mit Lust am Ornament gilt, kommt er zusammen mit dem Saxofonisten Bob Francesschi, dem Bassisten Tom Kennedy und Weckl als Co-Leader übrigens heuer nach Österreich.) Die Fusion von Rock mit Jazz, einst als schnell vergängliche Mode verschrien, wird von ihm frisch gehalten. Nicht zuletzt, weil er im Vergänglichen das Unvergängliche sucht.

Dave Weckel, kongenialer Partner von Mike Stern / Foto: Rygalyk

Sternstunden

Denn Stern gilt als begnadeter Live-Musiker. Das lässt sich nicht unbedingt von allen Rock- und meistens nicht von Jazz-Musikern behaupten. Der Amerikaner aber verausgabt sich bei seinen Konzerten und spielt auf einem hohen Energielevel. Es ist diese Energie, die er sich und seinen Mitspielern abverlangt und mit denen er den Jazzrock an seine Grenze bringt und ihn mit energetisch belebenden Funkelementen sogar in Richtung ekstatischer Noise-Music treibt, dorthin, wo die Energie eine Kraft ist, die die Grenzen zwischen Weiß und Schwarz sprengt. Es ist diese Energie, die lautstark aus den Verstärkern dröhnt, die seine Konzerte zu unvergesslichen Erlebnissen macht. Dass er im November 2018 im Wiener "Porgy & Bess" auftrat und nun, nach kurzer Zeit, wieder in Österreich ist, zeigt, wie ernst es ihm mit der eigenen Vergänglichkeit ist: Im Handgepäck hat er sein aktuelles Album "Trip", und es entstand nach einem schweren Unfall im Jahr 2017, der beinahe das Karriereende bedeutet hätte. Noch nicht einmal das Plektron konnte er halten, das Gitarrespielen musste er erst wieder erlernen. "Jeder", erzählt er, macht gute und schlechte Zeiten durch. Doch du musst einfach wieder aufstehen und weitermachen. Ich hätte nicht gewusst, wie mein Leben ohne die Musik weitergeht. Aber wenn man etwas wirklich will, wenn du dir ein Ziel setzt, dann kannst du es erreichen. Du musst es versuchen, wirklich hart dafür kämpfen." Alles hätte zu Ende sein können. Aber er ist wieder zurück, besser denn je, dank einem guten Stern, der ihm mit energetischem Lebensmut die Richtung weist. Harald Justin

LIVE-TIPP

The Mike Stern/Dave Weckl Band

10. April 2019

St. Pölten, Cinema Paradiso
Nähere Info

CD-TIPP

Mike Stern "Trip", Heads Up (2017)

WEB-TIPP

www.mikestern.org 

www.daveweckl.com 

Kontakt

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