Chuffdrone - Autonomie der Einheit

Mit viel Ausdruck unterstreichen die fünf Mitglieder des österreichischen Klangkollektivs Chuffdrone, dass die Hierarchie der Band gänzlich flach ausfällt. Im Sinne der vollständigen Autonomie bewegen sich die einzelnen Musiker im Sinne einer Einheit von streng durchkomponierten Passagen ganz unscheinbar in frei improvisierten Sequenzen, inmitten welcher stets neue Wege eingeschlagen werden. 

ChuffDrone /FotoCredit: Ralph Kühne

Führen lässt sich die Gruppe dabei von ihrer musikalischen Intuition wie auch von den jeweiligen Impulsen der einzelnen Mitglieder: eine Verkettung von Aktion und Reaktion also. Dieser musikalischen Mechanismen ist sich die Gruppe natürlich bewusst und verleiht ihrem zweiten Studioalbum den entsprechenden Titel "re:actio". Die duale Wechselwirkung ist im Kontext des neuen Albums jedoch nicht nur für den musikalischen Aspekt gültig, sondern gleichermaßen auch für den physischen. So erscheint eine Hälfte der Veröffentlichung im CD-Format mit dem Namen "re:actio", die andere als Schallplatte und trägt den Namen "actio"; eine ambitionierte Spielerei, die sich kommerziell ein Bein stellen könnte, jedoch in ihrem Konzept aussagekräftig und durchdacht ist: "Uns ist es für dieses Album wichtig, dass die demokratische Auslegung unserer Band auf jedmögliche Art und Weise dargestellt wird, da diese Ausgeglichenheit unser Zusammenspiel besonders ausmacht und stets im Fokus stehen soll.", erklärt die Bassistin der Gruppe, Judith Ferstl.

Zur Erzeugung des tosenden rhythmischen Fundaments gesellt sich neben Ferstl außerdem Judith Schwarz am Schlagzeug. Mit Lisa Hofmaninger an Saxophon und Bassklarinette handelt es sich bei den Dreien um die verbleibenden Mitglieder der ersten Stunde. Der Berner Pianist Jul Dillier sowie der Saxophonist Robert Schröck lösten 2018 ihre Vorgänger ab und reihen sich nahtlos in das musikalische Gefüge ein. Die besondere Chemie und der respektvolle Umgang zwischen den Österreichern und dem Schweizer spiegeln sich auch in der ausgeglichenen Autorenschaft wider: jedes Mitglied steuert mindestens zwei Kompositionen bei. Um die Stücke ohne zusätzliche Hilfe den jeweiligen Komponisten richtig zuordnen zu können, müsste man lange und intensiv suchen, denn sobald eine Idee mal in die Runde geworfen wird, verfärbt jeder mit seinem eigenen Ton die Struktur, und ein neuer, selbstständiger Charakter entsteht: er klingt einzig und alleine nach Chuffdrone. Hofmaninger unterstreicht diesen Punkt: "Es war noch nie so ausgeglichen. Das sieht man alleine daran, dass von jedem von uns mindestens zwei Kompositionen dabei sind, ohne dass diese Aufteilung bewusst entstanden wäre. Und obwohl wir alle sehr unterschiedliche Kompositionen mitbringen, entsteht ein ganz bestimmter, neuer Bandsound, sobald sich jeder einmischt."

ChuffDrone/Foto: Kühne

Nur weil von einem kohärenten Klang die Rede ist, heißt das noch lange nicht, dass die Instrumentalisten sich in ihrem stilistischen oder technischen Vermögen limitieren würden. Im Gegenteil: in noch größerem Maße als es beim Debütalbum der Fall war kommt auf "re:actio" eine bunte Klangvielfalt zur Geltung. Vom Griff ins Gehäuse des Klaviers, dem Einsatz von kleinen Vibratoren auf den Klaviersaiten und Trommelfellen, bis hin zum experimentellen Umgang mit den Klappen der Klarinette, formen spannende Texturen eine aufregende Gegendynamik zu den harmonischen und melodischen Leitfäden. Judith Schwarz erklärt: "Jeder hat sich im Laufe der letzten Jahre persönlich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Wir spielen alle auch jeweils in anderen Projekten mit und bringen hier unsere diversen Einflüsse und individuelle Stilistik auf einen gemeinsamen Nenner". Ferstl stimmt zu: "Eine hauptsächliche Veränderung im Hinblick auf unser Debütalbum ist, dass wir heute viel mehr Farben in unser Spiel bringen und auch keine Scheu vor klanglichen Experimenten haben, die vielleicht von einem Instrument angestoßen und dann vom nächsten aufgegriffen werden".

Harte Breakdowns lösen subtile Melodien ab, vorsichtige perkussive Beatgestaltungen entwickeln sich zu freien Plattformen, in denen Dissonanzen den harmonischen Rahmen in Frage stellen - am Ende wird häufig zur Ursprungsform zurückgefunden, und die Tonalität ist wieder in Sicherheit gewogen. Auf "re:action" wird eine akustische Fusion Ästhetik geboten, die zeitweise kontemporäre Einflüsse aus Hip-Hop oder RnB, klassischem Bop oder Swing vorzieht, aber nichtsdestotrotz zweifellos im Jazz zu Hause ist. Chuffdrones Kreativität brodelt hier in jedem Takt und scheint nicht gebändigt werden zu können. Friedrich Kunzmann

CD-Tipp:

Chuffdrone - re:actio

Live-Tipp

07.02.20: JazzArchitekt, Wiesbaden

14.05.20: Jazz in Sarnen

15.05.20: Le Singe, Biel

20.06.20: Jazz an einem Sommerabend, Burg Linn Krefeld

Web-Tipp:

https://chuffdrone.com

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