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Cristina Branco Unwiderstehliche Eva!

Die Neo-Fado-Sängerin Cristina Branco erfindet sich einmal wieder neu, den Frauen, sich selbst und der Freiheit zur Freude.

Cristina Branco live on stage / FotoCredit: José Frade

Cristina Branco dürfte, neben Mariza mit ihren stets platinblond eingefärbten Haaren, die wohl bekannteste Sängerin portugiesischer Musik sein, die in Wien auf der Bühne des Konzerthauses die Österreicher mit der Kunst das Fado bekannt machte. Fado, (lat: fatum, engl.: fate), ist, richtig gehört, also Schicksalsmusik, sie wird durch Molltöne bestimmt, und das rückt den Fado aus Portugal in eine Musikfamilie, deren andere Mitglieder der spanische Flamenco, Blues und Jazz aus Amerika, der Tango aus Argentinien, ja sogar das Wienerlied sind. Und ja, Fado ist mehr als eine Musik, er ist ein in Musik gegossenes Lebensgefühl.

Und wer über den Fado spricht, darf, bevor er über Cristina Branco redet, über Amália Rodrigues nicht schweigen. Es heißt, was Umm Kulthum für ägyptische Musik, Celia Cruz für den Salsa, La Nina de los Peines für den Flamenco, Edith Piaf für das Chanson, Bessie Smith für den Blues, Billie Holiday für den Jazz waren, das sei Amália Rodrigues (1920 - 1999) für den Fado gewesen. Die Urmutter des Genres also. So will es jedenfalls die verklärende Rückschau.

Tatsächlich ist der Fado älter als sie. Wie bei fast allen Genremusiken liegt sein Ursprung im 19. Jahrhundert. Als Rodrigues 1939 die Bühne betrat, hatte sich der Fado gerade tot gespielt, erstickt von den Tugendwächtern der reinen Fadolehre, die nahezu zeitgleich ebenso im Flamenco und im Jazz die jeweils "reine Lehre" propagierten. Für all diese Musikformen wurde ein Kanon verpflichtender Spielweisen und Lieder bestimmt, wer gegen das Regelwerk verstieß, wurde exkommuniziert. Für diejenigen, die sich etwa als Vertreter des "wahren Jazz" verstanden, hörte die Jazzentwicklung nach dem Hot Jazz auf, alles danach war kein "richtiger Jazz" mehr. Auch im Fado galt das Repertoire als abgeschlossen. In einem Interview anlässlich ihres Konzertes im Wiener Konzerthaus bestätigte Branco 2019 auf Anfrage der Wiener Zeitung diese doch recht eingrenzende Situation: "Du kannst aus 180 Musikstücken auswählen. Das ist der herkömmliche Fado." Die Grundformen sind da, mitunter werden neue Texte geschrieben, aber der Rest ist halt konservierende Bestandspflege. (Dass es sich im Blues nicht viel anders anhört, wissen die Kenner. Es gibt die immer wieder variierten Klassiker, und entweder man mag die 1001. Version von "Dust My Broom" oder nicht.) Branco wäre jedenfalls bei den Unzufriedenen mit dieser Art der Repertoirepflege zu finden. Sie will mehr. Aber was?

Cristina Branco / FotoCredit: Joana Linda

Times are a-changing

Zurück zum klassischen Fado. Lange galt er als reine Männermusik, entstanden in den armen Vierteln der Stadt, gesungen zumeist in Kaschemmen, beim gemeinschaftlichen Essen und Trinken bei alkoholschwangerer Stimmung. Da durfte beim Gesang, der nur von zwei Gitarren begleitet wurde, schon einmal in den Rotwein geheult werden.

Amália Rodrigues änderte die Regeln. Allein schon, weil sie es wagte, als Frau ihre Stimme zu erheben. Zudem hielt sie sich nicht an den Kanon vorbestimmter Texte, sie vergab Textaufträge an "freie" Dichter. So verschaffte sie sich Freiraum gegen die "Fadopolizei", Freiraum, den sie nützte, um etwa mit dem Jazzgiganten Don Byas ein (nicht so gutes) Album einzuspielen oder gar "American Songs" wie "Blue Moon" oder "Summertime" aufzunehmen. Gershwin traf auf Fado, traf auf arabeske Gesangseskapaden. Erst recht verstieß sie gegen die reine Lehre, als sie dem Fado mit seiner spärlichen Zwei-Gitarren-Begleitung den Gehorsam insofern kündigte, als sie begann, ihn mit großorchestraler Begleitung zu singen. Wer hatte je in einer Kaschemme diese Sehnsuchtsmusik mit Oboen- und Klarinettenklängen gehört, unterstützt von einem Orchester? Aus der einstigen Kaschemmenmusik wurde dank ihr eine Kunstmusik. Für Puristen, die das Alte am liebsten unter einer Käseglocke konserviert hätten, anfänglich ein Graus. Bis sie entdeckten, dass Rodrigues trotzdem die Seele des Fado nicht an den Teufel verkauft hatte. Von da an liebten sie alle die große Amália Rodrigues.

Allerdings markiert ihr Auftreten auf der historischen Bühne auch tiefergehende Veränderungen in Portugals Lebenswelten. So wie sie den Fado verändert hatte, ihn öffnete für alle Musiken der Welt, so sehr hatte sich das Lebensgefühl in Portugal verändert. Seit der Entstehung des Fado waren das Land und seine Bewohner zugleich moderner und rückwärtsgerichteter geworden. Die rechtskatholisch-faschistische Salazar-Diktatur versuchte das Rad des Fortschritts stillstehen zu lassen oder gar zurückzudrehen. Unterstützt wurde dies dabei ausgerechnet von den USA, der Supermacht der Moderne, deren musikalische Botschafter ausgerechnet Jazz-Musiker waren, die in Amerika aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert wurden und zufällig eine Musik machten, die ebenfalls mit einem eingebauten Sehnsuchtsfaktor funktionierte. Sinnigerweise warben beide Länder mit Musiken für sich, die aus Not, Leid, Unterdrückung und Sehnsucht geboren waren. Ob Jazz, Blues oder Fado, für Amerika und Portugal dienten diese Musikgattungen als Legitimationsausweis: Wer Duke Ellington oder Louis Armstrong als musikalische Botschafter durch die Welt schickte, konnte unmöglich im eigenen Land etwas mit Rassismus zu tun haben. Und wer eine Diva wie Amália Rodrigues für sich singen lässt, kann keine ganz böse Diktatur sein.

Die Sängerin, die einen internationalen Ruf genoss, wurde vom Salazar-Regime irrigerweise als Aushängeschild benutzt. (In Wirklichkeit unterstützte sie den Widerstand und ließ sich Texte von kommunistischen Dichtern schreiben.) Und anstatt sich von der Welt abzukapseln, wie es Portugals nationalistische Machthaber wollten, tourte sie um die Welt, trat u.a. in der Sowjetunion auf oder nahm fern von Lissabon Alben in Studios auf, deren Equipment mehr bot als die in der Heimat. (1952, als an die Beatles noch nicht zu denken war, sang sie bereits in den später legendären Studios in der Abbey Road.)

Mit dem Einzug der Moderne durch die USA in Portugal war ein Clash der Kulturen vorprogrammiert, das Salazar-Regime ging aus diesem Kampf nicht als Sieger hervor. Es endete 1974.

Wer in der Diktatur aufwuchs, erlebte den Fado als ihre Begleitmusik. Jugendlichen wie Cristina Branco, 1972 geboren, galt er als muffig und spießig, als Musik der älteren Generation, die sich mit der Diktatur arrangiert hatte. Kein Wunder, dass Cristina Branco als Jugendliche eine andere Musik erkor als die, die das Regime ihr als portugiesische Nationalmusik ans Herz legen wollte. Gegen die klerikal-faschistische Dumpfheit und Beschränktheit halfen nur Jazz und Rock, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Janis Joplin oder Joni Mitchell. Bis zu jenem Tag, der ihr 18. Geburtstag war, an dem ihr der Großvater, keinesfalls ein Sympathisant des Regimes, eine Schallplatte von Amália Rodrigues schenkte. Eine singende Frau in ihrer Muttersprache, die all das Lebensgefühl der Sehnsucht in ihrer Stimme trug, das man als 18-Jährige halt in sich fühlt, das war mehr als es die weit entfernten transatlantischen Herzschlagechoklänge einer Billie Holiday vermitteln konnten.

Cristina Branco / FotoCredit: Pedro Ferreira

Von Amália zu Cristina

Der Rest ist Geschichte. Sie beginnt mit einem legendären Auftritt im holländischen TV, einem sensationellem Debütalbum, dem weitere gefeierte Alben folgen sollten. Näheres mitsamt den Nebenfolgen entnehmen Sie bitte der nimmermüden Chronik bei Wikipedia! Zu den Nebenfolgen gehört, dass bereits der erste Satz falsch ist. Branco gehöre, so heißt es, nicht mehr der "ungebrochenen Tradition des Fado" an. Das stimmt nur insofern, indem sie den Fado nicht in den Straßen Lissabons kennen lernte, sondern ihn per Schallplatten in ihrem Geburtsdorf weit weg von der portugiesischen Hauptstadt "erlernte". Recht verstanden aber erlebte schon Amália Rodrigues die Fado-Tradition als eine gebrochene, ja, sie selbst durchbrach die Traditionen, wenn sie mit Orchestern aufspielte, den Fado aus den Kaschemmen herausholte und ihn nicht mehr aus seinen eigenen Konventionen heraus entwickelte. Es heißt nicht zu Unrecht, dass sie alles singen konnte und aus allem einen Fado machte. Während der Fado eben nur Fado blieb. (Auch hier liegen die Parallelen auf der Hand: Billie Holiday konnte Schnulzen wie "What a little moonlight can do" in Blues verwandeln, ein Ray Charles konnte alles singen und machte selbst aus Beatles-Schnulzen wie "Yesterday" noch einen Blues.)

Obwohl Cristina Branco als Fadista berühmt wurde, will sie heute nicht mehr auf allein dieses Genre beschränkt werden. "Ich bin mehr als eine Fado-Sängerin. Ich bin eine Sängerin, die auch Fado singen kann.", erklärt sie seit einigen Jahren wiederholt in mehreren Interviews. "Ich kann mehr, ich will keinen Stillstand. Wir müssen uns weiterentwickeln.", erzählt sie. "Ich bin mit Jazz und Rockmusik großgeworden, und ich habe mittlerweile Musik aus Marokko und aus Afrika gehört, die Zeit ist nicht stehen geblieben. Wir dürfen vor der Zukunft keine Angst haben."

Rein theoretisch hätten diese Sätze auch von ihrem weltoffenen Vorbild Amália Rodrigues stammen können, aber zu ihrer Zeit gab es sich so modern anhörende Bezeichnungen wie "Neo-Fado", mit der Cristiane Branco heute bedacht wird, noch nicht. Und es ist gar nicht so sicher, ob die Bezeichnung "Neo-Fadista" Cristiana Branco gefällt. Ihr sind die Genregrenzen längst zu eng geworden. "Mein neues Album ist auch ein Plädoyer für Freiheit", sagt sie und meint wohl zugleich die Freiheit gegenüber musikalischen Grenzziehungen als auch die Freiheit, die Menschen generell als Lebenselixier brauchen.

Wobei zu ergänzen ist, dass die moderne Musikerszene allein mit dem Erbe von Amália Rodrigues höchst differenziert und frei umzugehen weiß. Auf der 2004er Compilation "A Tribute to Amália Rodrigues" sind 17 Beiträge enthalten, einer von Franco, die höchst geschmackvoll Songs der Diva variieren, aber von der reinen Fado-Lehre weit entfernt sind und eher zwischen Pop, Jazz und Folk anzusiedeln sind. Aber es geht auch anders, auf der Compilation "Amálie Revisited" (2004) machen sich Elektronic-Mixer ans Werk, um die Musik der Diva aufzupeppen. In den Linernotes heißt es, dass die Electronica nichts seien, was der Musik der Rodrigues oder dem Fado schade. Denn letztlich verstärken sie nur, was alle Musiker Portugals gemeinsam haben: das Portugiesische. Und das sei eh vielfältig. Alles ist möglich.

Genau deshalb sprengt sie mit ihrem aktuellen Album einerseits tatsächlich Genregrenzen. Die haben allerdings schon lange keinen Bestand mehr. Viel wichtiger ist, dass sie dorthin zurückfindet, wo sie einst aufgebrochen ist. Ihre Basis ist Portugal, aber eben auch die Einflüsse aus Jazz und Rock. Ella Fitzgerald, Joni Mitchell plus Amália plus Umm Kulthum. "EVA" ist Teil einer Trilogie, die mit den Alben "Menina" und "Branco" begonnen wurde und nun zu einem wahrlich beglückenden Höhepunkt kommt. Begleitet von einer auserlesenen Schar musikalischer Feinmotoriker richtet sie eine recht poppig klingende Versuchung aus Jazz, Indie-Rock und Pop an. Alles geschmackvoll arrangiert, voller lusophoner Klänge, gleichwohl mit jazzigem Kolorit. Alles ist möglich, alles ist auch Portugal. Elektronische und perkussive Klänge, polyphone Backgroundgesänge und dazu die Stimme der neuen Eva, glockenhell und vibrierend in der Fragestellung, die sie dem Album mit auf den Weg gibt: "Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie kann ich frei sein?" Es ist, so sagt sie, ausdrücklich ein Album, das sich an Frauen richtet. Aber Adam wäre nicht Adam, wenn er diesen Apfel von EVA verschmähen würde. Die ersten Kritiker zeigen sich jedenfalls begeistert.

Was auf alle Fälle geblieben ist, ist die Poesie eines Lebensgefühls. Wenn es heißt: "Ich trage einen versteckten Fado in mir/Dort, wo der Fado am meisten spürbar ist/Wo sich, bevor der Fado entsteht, ein Meer befindet", dann fangen diese Zeilen sowohl Cristina als auch Eva ein.

Dass sie ihre Fans in Wien, die sie mit Konzerten in der Sargfabrik und dem Wiener Konzerthaus für sich gewinnen konnte, herzlich grüßen lässt, versteht sich. Gerade auch, weil Corona bedingt, mehr Weltschmerz, Saudade, in ihrem Gruß liegt als zu den üblichen Zeiten. Harald Justin

CD-TIPP

Cristina Branco, "EVA", O-Tone Music, Vertrieb: Edel

Web-Tipp: 

O-Tone Music

Cristina Branco

 

 

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