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Martin Lubenov - Lebensjongleur mit Akkordeon

Eitle Musiker gibt es genug. Und es gibt die anderen. Bescheiden im Auftreten, freundlich und trotzdem Weltklasse-Musiker. Martin Lubenov ist einer von ihnen.

Vor einigen Jahren besuchte ich mit Richie Winkler, einst Saxofonist beim Sandy Lopicic Orkestra und heute beim Salonorkestra von Großmütterchen Hatz, ein Jazz-Festival. Ein damals recht bekannter Akkordeonist quetschte mit Mühe Töne aus seinem Instrument. Winkler meinte nur: "Der Martin Lubenov hat mehr Gefühl in seinem kleinen Finger als der in seinen zwei Händen." Nun gut, Lubenov war einst wie Winkler im Sandy Lopicic Orkestra, also ein Bandkollege, und Musiker mögen es normalerweise nicht, wenn sie derartig gegeneinander ausgespielt werden. Sogenannte "Cutting-Contests" sind, anders als in Amerika, hierzulande nicht sonderlich beliebt. Andererseits stimmt es schon und ist auch von anderen Musikern zu hören: das Lob auf den aus Sofia stammenden bulgarischen Akkordeonisten. Bassist und CONCERTO-Titelstar Nenad Vasilic erinnert sich ebenso gerne an vergangene Zeiten des Zusammenspiels wie die Sängerin Natasha Mirkovic. Und dass Lubenov in dem Buch zum Balkan-Hype der 2000er Jahre, "Balkan-Boom", als "die" zentrale Position des Wiener Netzwerks der Balkan-Musikerszene bezeichnet wird, dürfte seiner Wertschätzung kaum schaden. Glücklicherweise ahnt er, der zu Zeiten stärkeren Lebendgewichts schon einmal als "bulgarischer Bär" bezeichnet wurde, nichts von seinem Ruf. Bescheiden wie vor zehn Jahren, als er mit seiner Jazz Prasta Band und dem Martin Lubenov Orkestra gerade seinen Ruf als Akkordeon-Virtuose aufzubauen begann, sitzt er in einem dieser international unüblichen, nur noch in Wien zu findenden gesundheitsschädlichen Rauchercafés. Ins verrauchte Nichtraucherabteil rüberzugehen, das bereitet ihm keine Schwierigkeiten. Er ist halt freundlich.

Am Abend vorher hatte er im Rahmen des Akkordeonfestivals im "Reigen" sein aktuelles Jazz Prasta - Album "Impressions" vorgestellt. Bereits als er mit flirrenden Händen seinem Instrument die ersten Töne entlockt, ist klar: Hier ist ein Großmeister am Werk. Und Gitarrist Angel Demirev und Bassist Mihail Ivanov sind bestaunenswerte Mitstreiter bei einem Programm, das es in sich hat: Den Titeln nach handelt es sich um ein Souvenir-Album, mit dem an musikalische Hot-Spots erinnert wird. Einmal geht es an den "Wiener Gürtel", dann nach Paris oder Istanbul, eine Komposition ist gar Managerin "Madame Sabina Schebrak" gewidmet. Das ist Jazz? Das ist vor allem internationale Musik, die nach Frankreich, der Türkei oder Österreich klingt, gespielt allemal mit dem Temperament bulgarischer Musiker. Im September wird er dem Jazz Prasta-Album eines mit seinem Orkestra, "Don't orry, Be Gypsy" genannt, folgen lassen. Schon jetzt weiß er, er ist halt nicht nur freundlich, sondern auch bestimmt, was er nicht will. "Ich will nicht in diese 'Balkan-Ecke' gedrängt werden. Musik vom Balkan, das sind nicht nur die Speed-Bläser. Das ist Musik aus Albanien, Mazedonien, Bulgarien, Rumänien, Kroatien und zu vielfältig, um die Musik in eine Schublade zu stecken. Ich spiele eigentlich Lubenov-Musik. Nenne es Jazz, meinetwegen. In Frankreich wird ein Akkordeonist wie Richard Galliano wie ein Star gefeiert. Und gefördert. Das gibt es hier nicht. Warum ist es in Paris oder London möglich, als Musiker geehrt zu werden, ohne in Schubladen zu enden?"

Die Frage nach dem Ende ist eine, die sich automatisch anschließt, wenn man die Verhältnisse von vor zehn Jahren mit denen von heute vergleicht. Früher war nicht alles besser, aber anders: "CDs werden kaum noch gehört. Musik ist etwas zum Downloaden, alles soll gratis sein, und die Aufmerksamkeitsschwelle beträgt nur noch einige Sekunden. Ich habe Musik in einer Soundcloud gespeichert, da komme ich auf 10.000 Clicks. Aber die bezahlen nicht die Miete. CDs werden, wenn überhaupt, nur noch als Souvenirs verkauft, und für die Presse ist meine Musik offenbar kein Thema. Ich habe schon Veranstalter von Jazz-Clubs erlebt, die von mir verlangten, keinen Jazz zu spielen. Aber ich kann nicht anders, als meine Musik zu spielen. Egal, wie du sie nennst. Meine Musik ist mein Leben, und mein Leben erzähle ich in meiner Musik. Und um dieses Leben zu leben, musst du ein Jongleur sein."

Er lacht, und wer genau hinhört, der hört in diesem Lachen die gleiche Urlust und Melancholie, die seine Musik und sein Akkordeon-Spiel auszeichnen. Richie Winkler hat Recht. Harald Justin

AKTUELLE CD

Martin Lubenov's Jazz Prasta "Impressions", Unit Records

WEBB-TIPP

www.martinlubenov.eu

www.unitrecords.com

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