Christoph Pepe Auer - Der Klangreisende

Manchmal sind es gerade die leisen Töne, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Christoph Pepe Auer ist kein Musiker, der sich lauthals in den Vordergrund drängt; vielen gilt er dennoch als einer der interessantesten österreichischen Jazzer der Generation 30+. Dieser Tage ist mit „Songs I Like“ ein sehr persönliches Album des sympathischen Tirolers erschienen.

Vieles an seiner bisherigen Karriere verlief nicht ganz so, wie man sich das landläufig vorstellt. Christoph Pepe Auer aus Rum bei Innsbruck lernte zwar als Halbwüchsiger Klarinette; die Aufnahme in die örtliche Blasmusik blieb ihm allerdings verwehrt, war er doch schon auf das „zu moderne“ Altsaxofon umgestiegen. Dann kam ein kurzes Zwischenspiel als Heavy-Metal-Schlagzeuger („Wir probten in unserem Keller, haben mit lauter Musik die Nachbarn gefordert…“) und später das Angebot, in einer Schulband Jazz zu spielen – was Auer anfangs mit Skepsis tat.

Die Entscheidung für den Musikerberuf fiel erst nach der Matura: „Als Hobby fand ich es schön, aber ich hatte Bedenken, dass man sich als Profi die Lust daran verdirbt. Bei der Militärmusik habe ich viel geübt und nebenher am Konservatorium bei Florian Bramböck studiert. Da ist die endgültige Entscheidung gefallen. Dann habe ich die Aufnahmeprüfungen in Graz und Linz bestanden. Florian meinte: In Graz gibt’s die besten Übungskojen! Das war ein schlagendes Argument, also ging ich dorthin. Ich war dann 4 Jahre lang sehr fleißig.“

Auer studierte bei Karlheinz Miklin und Heinrich von Kalnein, wobei ihm der unterschiedliche Zugang dieser beiden Lehrer sehr weiterhalf. „Ich konnte mir bei beiden genau das mitnehmen, was mir gefallen hat. Bei Miklin war es die natürliche Musikalität, so richtig erdig. Bei Kalnein habe ich Harmonien genau auszuspielen gelernt und wie wichtig eine gute Time ist. Nach dieser tollen Studienzeit ging ich zu Klaus Dickbauer nach Wien, der mich mit Spielfreude überschüttete und mir zu verstehen gab: Lass das ganze Studium einmal einsickern und spiel alles hinaus!“

Mit der Bassklarinette auf Klangreise

Sein Studium absolvierte Auer also am Altsaxofon, die anderen Instrumente sind nach und nach „dazugewachsen“. Das ist auch der Grund, warum er seinen eigenen Stil an der Bassklarinette entwickelt hat. „Für einen klassischen Klarinettisten ist mein Ton zu hauchig, ich setze aber diese Nebengeräusche als Stilmittel ein. Wahrscheinlich bin ich auch der leiseste Bassklarinettist weit und breit, aber das ist eben meine Klangvorstellung. Ich finde, beim leisen Spielen hat man noch mehr Klangmöglichkeiten. Das passt auch zu meiner Persönlichkeit.“

Dass sich die Bassklarinette zu seinem Lieblings- und Hauptinstrument entwickelte, war nicht geplant. Einer seiner Studienkollegen hatte so ein anmutiges Instrument: „Ich habe sie bei ihm probiert, und beim ersten Ton wusste ich, dass ich mich nach diesem Klang sehnte.“ Es waren weniger die technischen oder historischen Aspekte (Stichwort: Eric Dolphy), die für Christoph Pepe Auer im Vordergrund standen: „Ich komme bei der Klarinette, anders als beim Saxofon, nicht aus der Jazztradition. Mein Weg zur Bassklarinette führte über den Klang. Ich habe mich immer an anderen Instrumenten orientiert. Das hat im Duo Living Room mit Manu Delago begonnen, wo ich perkussive Muster mit dem Instrument umzusetzen versucht habe, und ging dann weiter zu japanischen Flötenklängen oder auch zum E-Bass.“

Schon während des Studiums entwickelte sich diese Faszination für den Klang. „Dafür habe ich viel Zeit beim Üben investiert, nicht nur in die Licks und was man sonst alles übt. Ich wollte immer schon einen wirklich schönen Sound haben, das war für mich die Basis. In den letzten Jahren hat sich das noch verstärkt, ich will mehr und mehr hineintauchen in den Klang, wie mit einer Lupe hineinschauen: Was ist in so einem einzelnen Ton drin?“

So befindet sich Christoph Pepe Auer seit mindestens 15 Jahren auf einer Reise, die ihn zu immer neuen und überraschenden Sounds und Klangkombinationen führt, sei es das erwähnte Duo mit Manu Delago, bei dem Hang und Bassklarinette sich auf schönste Weise ergänzen, sei es das von ihm entwickelte Pepephon, ein Blas- und Perkussionsinstrument aus Spielzeug und anderen Plastikteilen. Und weil er ein selbstkritischer Musiker ist, hat es auch ganze sieben Jahre gedauert, bis er wieder eine CD unter eigenem Namen veröffentlicht. Nicht, dass er in dieser Zeit untätig gewesen wäre; er hat unzählige Living Room-Konzerte in aller Welt gespielt (u.a. letztes Jahr in Australien), hat Projekte wie „Vienna Sessions“ und die „Artist in Residence“-Serie durchgeführt, mit der Sängerin Lylit oder dem Akkordeonisten Christian Bakanic im Duo gearbeitet, hat das Label Session Work Records ins Leben gerufen, wurde zwei Mal mit dem Hans Koller Preis ausgezeichnet und ist nicht zuletzt seit 2009 Mitglied der Jazz Big Band Graz.

„Songs I Like“

All diese Erfahrungen sind in das neue CD-Projekt geflossen, welches als ein Resümee der letzten sieben Jahre gesehen – pardon: gehört – werden kann. Die Bassklarinette, die bei Pepe Auer einmal wie ein Cello, dann wie ein Bass, dann für die Melodie- oder Rhythmusfunktion eingesetzt wird, kommt in jedem Stück wie ein roter Faden vor. Es gibt keine Band im engeren Sinn, weil jede der Kompositionen für eine andere Klangidee steht. Und: Auer spielt kein einziges Solo auf der CD.

Das Konzept? Es ging bei „Songs I Like“ nicht darum, die Arbeit einer bestehenden Band zu dokumentieren, sondern, von Klängen ausgehend, ohne fixe Besetzung eine CD-Dramaturgie zu planen. „Es ist eine sehr persönliche CD, wie der Titel vermuten lässt, deshalb mussten die Musikerinnen und Musiker darauf Leute sein, die mir nahestehen und mit denen ich teilweise diese Songs live entwickelt habe.“

Ein Großteil der CD entstand im intensiven Austausch mit Gregor Hilbe, den Auer bei der Jazz Big Band Graz kennenlernte und den er nicht nur als Schlagzeuger, sondern auch als Soundtüftler und Spezialisten für programmierte Beats schätzt. „Gregor hat eine genaue Vorstellung, wie diese elektronischen Elemente klingen sollen oder können und wie man das mit den Naturinstrumenten mischt. Ihn zu treffen war der Türöffner, der das ganze Projekt auf eine andere Ebene gehoben hat.“ Gleich der erste Track, quasi ein Remake des erfolgreichen YouTube-Videos „Warming Up On A Bass Clarinet“, könnte beispielhaft für die Herangehensweise des Duos Auer/Hilbe stehen: „Wir haben verschiedenste Atem-, Blas- und Klappengeräusche aufgenommen, um anschließend daraus Grooves zu basteln.“

Das Stück „Nebensonnen“, eine Bearbeitung des gleichnamigen Lieds aus Schuberts „Winterreise“, ist u.a. mit Akkordeon (Christian Bakanic) und Drehleier (Matthias Loibner) besetzt. Auer schätzt an beiden Kollegen, dass sie nicht nur Virtuosen an ihren Instrumenten, sondern auch musikalische Freigeister sind – was sie für dieses Klangreiseprojekt bestens qualifiziert.

Stets geht es auf „Songs I Like“ um außergewöhnliche Sounds und Strukturen, so auch in „Chokladkaka“, dem ältesten Stück der CD, das vor mehr als einem Jahrzehnt während eines Schwedenaufenthalts entstand und sich nun in neuem Kleid präsentiert. Dafür wurden Aufnahmen verwendet, die vor einiger Zeit bei einem „Dunkelkammer“-Konzert im Porgy & Bess gemacht wurden. Christoph Pepe Auer trat dabei im Duo mit dem Maler Bogdan Pascu auf und nahm dessen Mal- und Wischgeräusche mit Pickup-Mikrofonen auf, die sich in der Neubearbeitung zu rhythmischen Patterns verdichten. „Die 2015er-Version von ‚Chokladkaka’ klingt durch die Pinsel- und Spachtelgeräusche völlig anders – eine wertvolle Ressource. Ich glaube auch, dass man bei jedem Hörvorgang wieder neue Details entdecken kann.“

Vergangenheitsbewältigung à la Pepe

Als einer, dessen Teenagerzeit in die 1990er Jahre fiel, hat der Tiroler Multiinstrumentalist auch eine intensive Ö3-Phase hinter sich. „Später habe ich mich darüber gewundert, dass ich nur diesen Sender gehört habe.“ Er begann dann, ausgehend von einem Trioprojekt mit Raphael Preuschl und Herbert Pirker, diese Klänge unter dem Arbeitstitel „The 90’s Therapy“ auf ironische Art einer Nachbehandlung zu unterziehen. „Damals hörte man einerseits die Eurodance- Sachen, diese ganz schlimme Techno- und Rave-Welle; manche sagen heute ‚Euro-Trash’ dazu. Weiters gab’s die Grunge-Ecke, vor allem Nirvana, und dann wahnsinnig viele Pop-Schnulzen.“ Auer nimmt das Material aus seiner Jugendzeit und therapiert sich sozusagen selbst, indem er es auf eine andere Ebene hebt. „Wir greifen Thematisches aus dieser Zeit auf und denken es weiter. Auf ‚Songs I Like’ spielen wir aus dieser Serie drei Stücke: etwas Grungiges, etwas Schnulz-Poppiges und etwas aus der Euro-Trash-Ecke, das ergibt eine Art Mini-Suite.“

Auf einem der drei Tracks ist die berührende Stimme von Lylit zu hören; Christoph Pepe Auer hat mit der oberösterreichischen Sängerin im Rahmen der „90’s Therapy“, aber auch im Duo in den vergangenen Jahren eine Reihe von Konzerten absolviert. Weitere Gäste auf „Songs I Like“: Johannes Dickbauer, Violine, und die Cellistinnen Sophie Abraham und Marie Spaemann. „Die Streicherstimmen sind zum Teil von mir ausnotiert, teilweise haben die Drei aber auch improvisiert.“

Der Musiker als Labelbetreiber

Christoph Pepe Auer ist, wie schon erwähnt, nicht nur ein sehr beschäftigter Musiker; vor mittlerweile siebeneinhalb Jahren hat er sein Label Session Work Records gegründet, heute das größte spezialisierte Jazzlabel Österreichs mit einem beachtlichen Katalog von 80 Produktionen. Die Idee dahinter: Es ist kein Produzentenlabel, sondern ein Musikerlabel mit hohem Qualitäts- und Originalitätsanspruch. „Alle, die bei uns CDs veröffentlichen, versuchen ihr eigenes Ding zu machen. Wir arbeiten auf Basis von Eigenproduktionen, somit finanziert jeder selbst seine CD, und ich biete eine Struktur, sprich: eine Plattform, Vertriebswege, einen Webshop – alles Dinge, die man als Einzelner normalerweise nicht hat.“

Ein Label also von Musikern für Musiker, auf dem schon viele veröffentlicht haben, die zur kreativen jungen Jazzszene in Österreich zählen – von Martin Reiter, HI5, Manu Delago, Falb Fiction, Christian Bakanic und Raab/Helbock bis zu Edi Nulz, dem Michael Lagger Trio, Phoen, Julia Noa Fischer und dem Jazzorchester Vorarlberg. Der Katalog ergibt einen repräsentativen Querschnitt durch die vielfältige Jazz- und Songwriting-Landschaft des Landes, wie das dritte Session Work Festival Anfang Februar im Porgy & Bess wieder eindrucksvoll bewiesen hat. „Wir halten die künstlerische Freiheit sehr hoch. Die Idee ist: Das Label ist für die Musiker da und nicht umgekehrt. Niemand verkauft seine Seele, wenn er zu uns kommt. Bei diversen anderen Deals gibst du ja oft alle Rechte ab und bist im schlechtesten Fall noch auf Jahre gebunden.“

„Musikmachen ist eine Lebenseinstellung“

Christoph Pepe Auer ist mit Leib und Seele Musiker, der es auch genießt, Teil einer wachsenden Community zu sein und über sein Label Kolleginnen und Kollegen fördern zu können. Mit 33 Jahren befindet er sich in dieser interessanten Phase seiner Karriere, wo man einerseits schon Rückblick halten kann, andererseits das Musikerdasein lockerer betrachtet und sich mit Offenheit neuen Aufgaben, aber auch Langzeitprojekten widmet. Das Duo Living Room mit Manu Delago ist so ein Dauerbrenner, aber auch das Saxofonquartett Phoen mit Pepe Auer, Viola Falb, Arnold Zamarin und Florian Fennes, das am 10. April im Wiener Musikverein 7 Uraufführungen gemeinsam mit der Sängerin Agnes Heginger und Raphael Meinhart am Marimbafon präsentieren wird.

Und er ist froh darüber, dass das Musikerleben kein 9-to-5-Job ist: „Musikmachen ist eine Lebenseinstellung. Wenn man es als Job sieht, dann läuft etwas falsch. Sehr vereinfacht gesagt, gibt es eigentlich nur zwei künstlerische Wege: Entweder du spezialisierst dich und versuchst in einem einzigen Gebiet weltweit an die Spitze zu kommen. Oder du bist vielseitig und versuchst viele Dinge zusammenzuführen und dadurch etwas Neues zu kreieren. Das sind beides anspruchsvolle Wege, für mich ist aber letztendlich der zweite der spannendere.“

Die Klangreise ist noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: Sie hat gerade erst begonnen. 
Martin Schuster

 

CD-Tipp:

Christoph Pepe Auer „Songs I Like“ (Session Work Records, Vertrieb: Lotus Records)

CD-Release-Konzerte „Songs I Like“ (mit Gregor Hilbe, Christian Bakanic, Matthias Loibner):

15.04.: Graz, Orpheum

17.04.: Salzburg, Jazzit

18.04.: Innsbruck, Treibhaus

05.05.: Wien, Radiokulturhaus

08.05.: Imst, Tschirgart Festival

18.07.: Graz, Murszene Festival

Phoen Extended:

10.04.: Wien, Musikverein

Web-Tipps:

www.pepeauer.com

www.sessionworkrecords.com

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