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Gregroy Porter und die alte, neue Kunst des Jazz-Gesangs

Gehe hin und verkünde es vom Berge!

Was gesagt werden kann, kann auch gesungen werden. Im Jazz und Blues war es immer schon die Regel, dass die Schönheit des Gesangs nicht dort endet, wo das Elend der Welt beginnt. Gregory Porter ist ein freundlicher Mann. Und er tritt dem Jazz-Gesang nicht auf die Kehle, wenn es gilt, dass sie als „healing force of the universe“ gehört werden kann.

FotoCredit: Shawn Peters

Ein Berg von einem Mann. Der Berg hat einen Namen. Gregory Porter. Fast wäre er Profi-Footballer geworden, mit einem Kampfgewicht von nahezu einhundert Kilo. Um ihn vom Ball zu trennen, ihn gar von den Beinen zu reißen, brauchte es einiges an Wumms. Einer, sein Name sei auf immer und ewig vergessen - oder gepriesen? -, schaffte das, und nach einer schweren Verletzung begrub der Mann-Berg seine Träume von der Profi-Liga ganz tief unter sich. Das war das Ende des Sportlers und der Beginn des Sängers Gregory Porter. That's life. Man muss es sportlich nehmen.

         Dass er heute, im Jahr 2016, als einer der meistgefeierten Sänger des Jazz-Genres gilt, er sich mit "Liquid Spirit" sogar eine Grammy ersingen würde, das war beim unfreiwilligen Ausstieg aus dem Sport natürlich noch nicht zu erahnen. Oder etwa doch? Wollte er nicht eigentlich Stadtplaner werden, hatte er nicht ganz andere Träume? "Ich träumte davon, dass Nat 'King' Cole mein Vater sei!", erzählte er in einem der vielen Interviews, die er seit seinem Erfolg mit "Liquid Spirit" (2013) geben musste. Mit Nat "King" Cole als Vater hätte er es wahrscheinlich zumindest in seiner Jugend finanziell leichter gehabt. Denn er wuchs als jüngstes von acht Kindern einer allein erziehenden Mutter auf. Arm geboren, für immer arm? Das muss nicht sein. Aber in Amerika stehen die Chancen gut, dass es so bleibt. Und das zeigt die Geschichte des Gregory Porter bereits auf den ersten Blick: der herrschende Rassismus bietet Schwarzen bis heute nur zwei ehrenwerte Möglichkeiten, dem Getto zu entkommen. Entweder macht man sein Glück als Sportler oder als Musiker.

         Cassius Clay, heute besser bekannt als Muhammad Ali, entschied bereits als Zwölfjähriger, dass er es leid war, immer verprügelt zu werden und Angst zu haben. Singen konnte er nicht, aber boxen. Vor und nach ihm gingen viele Afroamerikaner diesen Weg der individuellen Befreiung. Andersrum funktionierte es auch, viele Blues- und Soulmusiker waren zuerst Boxer, wie Willie Dixon oder Champion (!) Dupree, bis sie entschieden, sich nicht mehr länger verprügeln zu lassen und stattdessen lieber Musik zu machen. Sprich: Wann immer wir von einem afroamerikanischen Sportler oder Musiker hören, der eigentlich einen ganz anderen Berufswunsch hegte, sollten wir die Alltagserfahrung des Rassismus mit in die Überlegungen einfließen lassen. In die Überlegungen? Ja, und in die Bewertung der sportlichen Leistung. Oder in das eigene Hörvermögen. Denn möglicherweise macht es ja doch einen kleinen, aber feinen Unterschied in der Grundierung einer Musik aus, ob ein weißer Mitteleuropäer, der Rassismus nur vom Hörensagen kennt, einen Blues spielt, oder ob ein Afroamerikaner, immerhin erster Adressat rassistischer Umtriebe, das Lied von der, wie es früher einmal hieß, "Urerfahrung des amerikanischen Negers" singt.

FotoCredit: Shawn Peters

"Old spirit, reborn!"

"Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen, und nicht matt werden, dass sie wandeln, und nicht müde werden." So heißt es in der Bibel, und das Zitat hat der Schriftsteller James Baldwin 1952 seinem Welterfolg "Gehe hin und verkünde es vom Berge" als Motto vorangestellt. In dem Roman beschreibt er eindrucksvoll das Leben in einer afroamerikanischen Community in Harlem, die zwischen religiöser Inbrunst, kollektiven Erweckungsgesängen, zwischen Ängsten und Hoffnungen auf ein besseres Leben hin- und hergerissen wird. Wer die Lektüre diese Buches mit der Biografie von Gregory Porter vergleicht, kann verstehen, weshalb die Jazz-Diseuse Dee Dee Bridgewater ihn als "old spirit, reborn" bezeichnet. Er ist eine alte Seele, neu geboren. Das hat nichts Mystisches an sich, sondern verdankt sich einer Alltagserfahrung, die es nicht zulässt, dass das Harlem der fünfziger Jahre auch nur einen Deut besser war als der Alltag in Bakersfield in Porters Jugend.

Da müssen alte Seelen halt immer wieder neu geboren werden, um erlöst zu werden. Und als Porters Familie nach Bakersfield zog, da erlebte der kleine Gregroy am eigenen Leib, was so eine Wiedergeburt heißt. Als eine der ersten schwarzen Familien in einer weißen Nachbarschaft waren sie Opfer des weißen Pöbels: "Sie haben eine Zeitlang jedes Wochenende mit Wassermelonen die Fenster eingeworfen. Sie haben auf meinen Bruder geschossen, zweimal. Und nur, weil er in Stadtteile ging, in die man als Schwarzer nicht gehen durfte. Unser Auto wurde angezündet, direkt vor unserer Haustür. Und denke nicht, dass ich mit einem weißen Mädchen hätte ausgehen dürfen. Das hätte böse geendet. Wir Schwarzen waren einfach nichts wert. Und dieser Rassismus existiert noch immer!"

Der Mann mit der schwarzen Ohrenmütze und dem immer penibel geknöpften Anzug sagt das freundlich. Bestimmt. Ganz in sich ruhend. Damals, in Wien, im Porgy & Bess, nach einem grandiosen Auftritt, noch bevor der Erfolg kam, vor einem von vielen weiteren Auftritten, die ihn wiederholt nach Wien brachten. Ein Berg, von dem die Verkündigung ausgeht. Aber seine Freundlichkeit, seine Ruhe ist doppelbödig. Er lacht die Probleme nicht weg. Die alte Bluesweisheit "Laughing to keep from crying" bestätigt sich einmal mehr. "Ich werde oft gefragt, warum ich diese Lieder von Unterdrückung, Leid und Rassismus singe. Das wären doch altmodische Themen!", sagt er seufzend. "Aber ich kenne diese Geschichten nicht nur aus den sechziger Jahren. Ich habe sie mir nicht ausgedacht, angelesen. Ich habe sie erlebt. 1980 und heute. Rassismus hat mich und meine Familie mein ganzes Leben lang begleitet. Er bestimmt, was ich singe, wie ich singe, was ich schreibe. Und egal, welche Musik du liebst, ob Punk, Grunge oder Rock 'n' Roll, es steckt immer etwas von deinem Leben, von deiner Seele drin!" Die gute alte Seele. Neben dem Lachen ist unter der Oberfläche des Berges folglich eine Menge Wut, Enttäuschung und Zorn enthalten. Darum singt er in "1960 What?" von der Ermordung Martin Luther Kings, beschwört den Wunsch nach Freiheit in "Free" und besingt die heilende Kraft der Liebe in "When Love was King". Ja, er singt auch Lieder, die nach dem ersten Höreindruck als recht unpolitisch verstanden werden könnten. Wenn da nicht dieses gewisse Timbre in seinem Bariton wäre. Porter ist nämlich nicht nur ein technisch versierter Sänger, sondern lässt zudem in seinem Gesang eine Tiefe erahnen, die zum Zuhören, zum Mitfühlen verführt. In seinem Bariton ist Platz für alle Widersprüchlichkeiten des Lebens - für Wut und Zärtlichkeit, für Maskulines und Feminines, für Enttäuschung und Zuversicht. "Glück, Trauer, Wut, Verwegenheit, all das höre ich in seinem Gesang", sagt eine begeisterte Zuhörerin, und sie hat richtig gehört. Die Ganzheit des prallen Lebens, eingefangen mit einer Stimme. Und die verdankt sich allerdings nicht nur einem erfahrungsgesättigten Leben, sondern auch einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung, die seine Stimme tiefer hat werden lassen. Alles hat seine zwei Seiten?

FotoCredit: Shawn Peters

Der breite Strom afroamerikanischer Musik

Wenn es so einfach wäre, dann hätte sein Erfolg nicht so viele dumme Kommentare zur Folge gehabt. In mehr als einer Zeitung war davon die Rede, dass Porter dem Jazz seine politische Dimension zurückgegeben hätte. Wie bitte? Wann hat der Jazz denn seine politische Dimension verloren? Und wenn ja, wieso, weshalb, warum? Wer hat sie ihm geraubt?

Wer schreibt, Porter setze mit seiner gesungenen Sozialkritik das Erbe von James Brown, Bill Withers oder Marvin Gaye aus den sechziger Jahren fort, unterschlägt, dass allen afroafrikanischen Musikformen, ob Jazz, Blues oder Gospel, Klage und Anklage von Beginn an eingeschrieben waren und immer noch sind. Charley Patton und Bessie Smith, Big Bill Broonzy und J.B. Lenoir, Billie Holiday, Archie Shepp, Charles Mingus und die Last Poets mögen der Vergangenheit angehören, aber noch Solomon Burke sang in diesem Jahrhundert "None Of Us Are Free", ein Wynton Marsalis hat seine Erfahrungen nie verheimlicht, Gil Scott-Heron hörte bis zu seinem Tod nicht auf, seine Wut in Sprechgesangsform zu veröffentlichen, von den Rappern mal ganz zu schweigen. Und was wäre der Blues ohne die Feststellung vom Mississippidelta-Bluesmann Willie King, der nach 9/11 sang: "Ihr Weißen redet jetzt von Terror? Mann, ich wurde mein ganzes Leben lang terrorisiert!" Es gehört schon einiges dazu, diesem breiten, nie abgerissenen Strom des Protests nicht zuhören.

Richtig ist allerdings auch, dass etwa ein Jamie Cullum zu den Erfahrungen mit dem amerikanischen Rassismus wenig beisteuern kann. Und dass es tatsächlich ein Publikum gibt, das nicht sonderlich geneigt ist, sich mit der Alltagserfahrung von afroamerikanischen Musikern auseinander zu setzen. Und dass es Jazz-Kritiker gibt, die in dem amerikanischen Fachmagazin "Down Beat" noch vor wenigen Jahren in einer breiten Diskussion dem Rassismus keine Relevanz für den Jazz zugestanden. Ganz davon abgesehen, dass einige europäische Jazz-Kritiker ihren Jazz, den europäischen, sowieso favorisieren.

Viel wichtiger sind da die Worte von Konfuzius. Der erkannte bereits vor langer, langer Zeit, dass Musik ihren Charakter durch die sechs Emotionen, die sie ausdrücken kann, enthüllt: Trauer, Befriedigung, Freude, Zorn, Frömmigkeit und Liebe. Laut Konfuzius befindet sich gute Musik in Harmonie mit dem Universum und stellt damit wieder Ordnung in der physischen Welt her. Und so wenig es "die" Österreicher gibt, so wenig gibt es "die" Jazzmusiker, die allesamt immer und ewig und dauernd "zornige junge Männer" sind. Es kommt eben auf die Balance der sechs Emotionen an, und so falsch es wäre, Gregory Porter auf das Image eines Protestsängers zu reduzieren, so angemessener ist es, sein aktuelles Album "Take Me To The Alley" im Zeichen der Balance zu hören. Zwölf Titel, eingespielt teilweise mit den Musikern, die bereits "Liquid Spirit" zum Erfolg machten. Chop Crawford sitzt wieder am Piano, Aaron James zupft erneut den Bass, Emanuel Harrold darf einmal mehr trommeln. Der Grundton stimmt also schon einmal. Und die Songs? Mit dem titelgebenden "Take Me To The Alley" fordert Porter uns auf, die Energie und Zuwendung, die wir den Prominenten schenken, doch einmal den Ärmsten der Armen zukommen zu lassen; mit "Fan The Flames" ruft er zum friedlichen Protest gegen Ungerechtigkeiten auf. Dann wird es schon wieder privater, dann singt er von seinem Sohn und dessen Spielen. Er scheut sich nicht, Liebeslieder und einen Dank für seine Mutter anzustimmen. Alles ist da, Trauer, Befriedigung, Freude, Zorn, Frömmigkeit und Liebe.

Keine Frage, ein großartiges Werk. Konfuzius hätte seine Freude an "Take Me To The Alley". Damit wäre Konfuzius' Ruf als Musikkritiker gesichert. Ob aber das Album den Erfolg des Vorgängeralbum wiederholen kann, das sich weltweit über eine Million Mal verkaufte und als das meistgestreamte Jazz-Album aller Zeiten erwiesen hat, wird die Zukunft zeigen. In der Gegenwart allerdings gilt es erst einmal die Tour abzuwarten, die diesen Sänger wieder nach Wien bringen wird. Und dann geht hin und verkündet die frohe Botschaft von dem Mann, den bei YouTube ein Fan mit den Worten preist, Gregory Porter habe den "Soul eines Bluesmannes, die Stimme eines Gospelsängers und den Stil eines Jazzers.       Harald Justin

Aktuelle CDs:

  • Gregory Porter “Take Me To The Alley”, Blue Note, Vertrieb: Universal

Konzert-Tipp:

  • Fr. 08.07., 14:00 Uhr, Eisenstadt, Schlosspark, Schloss Esterhazy (im Rahmen der Nova Jazz & Blues Night), Vorverkauf: www.oeticket.com

Web-Tipp: www.gregoryporter.com/live

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