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Klaus Doldinger: Juveniler Inspirationssammler

Dass von Klaus Doldinger nach nicht einmal einem Jahr nach "En Route" schon wieder eine CD erscheint ("Doldinger"), ist ungewöhnlich, hat aber seinen triftigen Grund. Der jugendliche Kreativitätsvulkan wird 80.

Klaus Doldinger /FotoCredit: Jim Rakete

In Causa Klaus Doldinger vergessen wir ruhig gleich einmal negativ besetzte Begriffe wie Altern, Geburtstage mit ungut hohen Zahlen oder Kräfteverschleiß. Brauchen wir nicht. Wir reden von einem Jubilar mit unvermindert hohem Arbeitspensum, auch längerfristigen Plänen und sprühender Vitalität. Der Berliner erblickte 1936 das Licht der Jazz-Welt und übersiedelte mit seinen Eltern 1940 nach Wien, von wo er 1945 nach Düsseldorf wechselte. Später zog es Doldinger mit seiner Frau Inge wieder gegen Süden, und er wohnt nun am Lande in der Nähe Münchens. Seit Beginn der 50er Jahre spielt der Klarinettist und Saxophonist in Bands und legte eine Karriere hin, die sich - salopp gesagt - gewaschen hat. Klaus Doldingers Musik kennt jeder/jede; auch wenn man nix mit Jazz am Hut hat.

Kein Tatort ohne Doldinger

Nachdem täglich im TV mindestens ein „Tatort“ am Programm steht, kommt man nicht umhin, die Titelmelodie der Erfolgsserie zu hören. Die stammt nämlich von dem ärztlich bestätigten Workaholic, der für über 130 Filme den Soundtrack schuf. Darunter sind Erfolgsproduktionen wie „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ oder „Ein Fall für Zwei“. Also, man kommt an Doldingers Musik nicht vorbei. Und das ist gut so. Unser Geburtstagskind erwies sich in all den Jahren nicht nur als heiß begehrter Filmmusikkomponist, sondern auch als international anerkannter Jazzer oder Jazz-Rocker, der Trends setzte und immer wieder talentierte Musiker in seine Bands nahm und ihnen zu Ruhm verhalf. Nach einer Vorgängerband, Motherhood, die mit nur 2 LPs nicht alt wurde, gründete Klaus Doldinger 1971 Passport und bläst daher seit 45 Jahren einen gewichtigen Ton in der internationalen Jazz-Szene.

Im Jahresrhythmus eine neue CD

Studiert man die Discographie von Doldinger´s Passport, kommt man auf ca. 40 LPs oder CDs! Man veröffentlichte also seit 1971 beinahe einen Tonträger pro Jahr. Das ist gewaltig und untermauert abermals den Verdacht, dass Doldingers Tag mehr als 24 Stunden besitzt. Die Geburtstags-CD des Energiebündels ist auf jeden Fall etwas Besonderes, da sie neben attraktiven Gästen Titel in Erinnerung ruft, die schon früher in der Hitparade gepunktet hatten. Mit Classic Passport wurden 2 Nummern, „Will-O´The-Wisp“ (mit faszinierendem Sopransax-Solo Doldingers und starkem Beitrag Di Gioias) und „Jadoo“ aufgenommen. Die 3 Bandmitglieder aus früheren Passport-Besetzungen, Curt Cress (dr), Wolfgang Schmid (b) und Roberto Di Gioia (kb), garantieren ein genussvolles Wiederhören. Besonders der geniale Funk-Bassist Schmid demonstriert knochentrocken auf „Jadoo“ seine Relevanz für Passport. 10 Titel geben jedoch der aktuellen Besetzung von Passport Gelegenheit, ihre Qualität zu demonstrieren. „How I Started“ bläst Doldinger solo zur Eröffnung, mitten drin jammt der amtlich beeidete Blödler Germanys, Helge Schneider, der ja eigentlich ein versierter Jazz-Musiker ist, mit Klaus im Duo. Schneider sitzt an der Orgel und improvisiert über den New Orleans Klassiker „St. James Infirmary“. Die Brüder Martin (git) und Patrick (b) Scales, Michael Hornek (kb), Biboul Darouiche und Ernst Ströer (perc) und Christian Lettner (dr) präsentieren Passport 2016 und werden auch mit Klaus Doldinger im April und Mai in Deutschland touren. Allseits bekannte Gäste erweisen mit ihren Beiträgen dem Gewürdigten die Ehre und flößen der CD spezielles Flair ein. Sting-Gitarrist Dominic Miller bringt sich bei den Balladen „Jungle Song“ und „Auryn“ ein und ist für einen schwebend entrückten Sound mit verantwortlich. Durch den schwedischen Superstar Nils Landgren und seine virtuos gespielte Posaune wird „Soul Town“ zur schwitzigen Delikatesse. Gewohnt flexibel und mit tiefer Empathie gesegnet, singt Max Mutzke Marvin Gayes Klassiker „Inner City Blues“, der durch ihn frisch belebt wird. Auch der deutsche Pop-Star Sasha, der ja parallel seine Begeisterung für Rockabilly in die Karriere einflicht, liefert auf „New Moon“ eine Vorstellung, an der kein Makel zu finden ist. Sasha restaurierte den Doldinger Smash-Hit mit viel Charme und Professionalität, dem live Zuspruch garantiert wäre. 

FotoCredit: Rainer Rygalik

Der Greis ist heiß

Der Schlusssong gehört Udo Lindenberg, der gewohnt schnoddrig "Der Greis ist heiß" raunzt und seinem ehemaligen Bandleader für den 12. Mai Glückwünsche ausspricht. Faktum ist, dass Passports Sound durch 2 Perkussionisten ein Fest der Rhythmen ist und die mannigfaltigen Inspirationen des Meisters immer wieder wunderbare Überraschungen zu lassen. Man merkt, dass es für Doldinger keine Horizonte gibt. Intensiv sucht der Wahl-Bayer z.B. Fusionen mit der Musik Nordafrikas, Südamerikas oder der fernöstlichen Welt. Diese Neugierde hält Klaus Doldingers Passport am Leben und verspricht seriös immer wieder innovative Variationen des Jazz-Rock.

Um dem geschätzten CONCERTO-Leser/der interessierten CONCERTO-Leserin auch Klaus Doldingers persönliche Statements näher zu bringen, führte der CONCERTO-Redakteur ein längeres, sehr freundlich gehaltenes Telefonat mit dem Künstler.

Lieber Herr Doldinger, nachdem Sie ja einen Teil ihrer Kindheit in Wien verbrachten, darf ich Sie wohl Weanerisch anreden oder?

Natürlich können Sie das, ich verstehe sie schon. Ich lebte ja von 1940 bis 1945 im 19. Bezirk in der Huleschgasse. Ich war 9 Jahre, als wir Wien panikartig verließen, weil wir als Reichsdeutsche die russische Wehrmacht fürchteten. Innerhalb eines Tages flüchteten wir aus unserer Wohnung, fuhren in einem offenen Lastwagen zum Westbahnhof, und ab ging es Richtung München. Nie werde ich die Massen an Vertriebenen vergessen, vor allem aus Osteuropa, die ihr Heil im Davonlaufen suchten.

Kommen wir zur Musik. Was ist das Besondere an Ihrem neuen Album "Doldinger", wie lautete das Konzept?

Natürlich steht mein 80er hinter allem, ansonsten würde ich nicht nach so kurzer Zeit schon wieder eine neue CD auf den Markt bringen. "En Route" erschien ja erst im Mai 2015. Wir nahmen "Doldinger" live und spontan im Studio auf. Alle 14 Titel sind schon irgendwann auf Platte oder CD publiziert worden. Ich verwendete also keine neuen Arbeiten, da ich "alte" Songs in neuer Form, in modernerer Art und auch von unkonventionellerer Perspektive interpretieren lassen wollte. Einige wenige Nummern spielte ich mit einer der frühesten Formationen meiner Band Passport ein. Wie gesagt, nicht in der allerersten Zusammensetzung. Doch ist ein Musiker von den Ur-Passport dabei: Udo Lindenberg, der allerdings nicht mein Sänger, sondern mein Drummer war. Gemeinsam machten wir dazumal nur eine gemeinsame Langspielplatte.

Foto: Rainer Rygalik

Unter welchen Gesichtspunkten suchten Sie ihre Gäste aus?

Das Gros der Lieder auf "Doldinger" spielt meine aktuelle Band. Mit mir sind wir ein Septett. Zu meinen Vorstellungen und meinem Konzept gehörte auch, dass ich Gäste ins Studio einlud, mit denen mich im Laufe der vergangenen Jahre viel Musikalisches verband. So spielt bei "Soul Town", einem Titel, der für den Film "Ocean´s 13" Verwendung fand, der schwedische Posaunist Nils Landgren mit. Weiters singen Max Mutzke und Sasha je ein Lied auf "Doldinger". Beide junge Kollegen waren schon mehrere Male mit uns auf der Bühne und kamen immer phantastisch beim Publikum an. Sasha singt zum Beispiel "New Moon", das ja schon einmal ein wirklich großer Hit war und durch ihn wiederum eine gänzlich neue Stimmung vermittelt.

Inkludierten Sie in ihre aktuelle Band auch österreichische Musiker?

Natürlich. Österreich hat immer wieder tolle und talentierte Musiker. Mein Pianist Michael Hornek ist waschechter Tiroler. Mein Schlagzeuger Christian Lettner ist ein Oberösterreicher aus Mondsee und eine wahre Passport-Stütze.

Sie spielten in Ihrer unglaublichen 60 Jahre währenden Karriere mit einer Vielzahl an wahren Superstars des Jazz. Wer beeindruckte Sie am meisten?

Das kann ich gar nicht oder schwer beantworten, da ich keinen Kollegen hervorheben und damit andere zurücksetzen will. Es ist auch nicht klug, Wertungen aufzusetzen, da jede Künstlerpersönlichkeit andere Stärken oder Schwächen hat. Manchmal war ein vielleicht gar nicht so berühmter Musiker für mich effektiver als ein amerikanischer Mega-Star, da seine Möglichkeiten, meine Musik zu interpretieren, viel freier, offener waren.

Also wird die nächste Frage für Sie genauso unbeantwortbar sein: Was waren bis jetzt absolute Höhepunkte in Ihrem Musikerleben?

Genau. Es gibt derer so viele, dass ich lange aufzählen müsste. Am beeindruckendsten waren für mich natürlich meine ersten Erfolge, als ich z.B. 1960 in den USA mit meiner Dixie-Band, den Feetwarmers, tourte; oder als ich erste Erfolge mit Oskar´s Trio feiern durfte. Oskar war übrigens damals mein Spitzname. Wahre Höhepunkte waren etwa auch meine erste Südamerika-Tour 1965 oder meine Konzerte beim Montreux-Festival.

Sie sind ja auch, wenn nicht mehr, als Komponist von Filmmusik bekannt. Schlägt Ihr Herz für diese Tätigkeit so stark wie für den Jazz?

Natürlich. Filme zu vertonen, war für mich stets eine immense Inspirationsquelle. Die Begegnungen mit Autoren, Regisseuren und Schauspielern brachten mich permanent weiter. Viele Stücke aus Filmen übernahm ich ja auch für Passport und machte sie erst recht zu Hits.

Hat das Genre Jazz-Rock heute das Gewicht wie ab 1970, als Sie mit Passport reüssierten?

Derartige Musik oder meine eigene Musik wird immer gut ankommen, weil sie Jazz, Rock und Musik aus allen Erdteilen dieser Welt fusioniert und dadurch immer wieder unendlich spannender Crossover rauskommt.

Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche im Namen der Redaktion des CONCERTO alles Gute zum Geburtstag! Artikel & Interview: Ernst Weiss

CD-TIPP: "Doldinger", Warner Music

BUCH-TIPP: Rainer Thieme, "Klaus Doldinger", Kamprad Verlag, 2011

WEB-TIPPwww.klaus-doldinger.de

LIVE-TIPPS

02.04. und 26.05.: Köln, Philharmonie;
08.04.: Hamm, Jazzfestival;
09.04.: Herford, Schiller;
12. und 13.05.: Düsseldorf, Tonhalle;
20.05.: Gelsenkirchen, Veltins-Arena;
25.05.: Münster, Jovel Music Hall;
27.05.: Worpswede, Music Hall

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