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Jean-Paul Brodbeck - Die Geschichte des Klavierjazz neu schreiben?

Die Geschichte des Klavierjazz neu schreiben? Das will Jean-Paul Brodbeck nicht. Ihm geht es um die Klangdynamik, um das Ausloten der Tiefe, wo Groove, Klassik und Jazz zusammen kommen.

FotoCredit: Tobias Stahel

Als die Schlagerwelt noch in Ordnung war, sang Vico Torriani: „Im Sommer scheint die Sonne/Im Winter da schneit’s/In der Schweiz, in der Schweiz/Die Mädchen sind von besonderem Reiz/In der Schweiz, in der Schweiz!“. Nachdem also die Wetter- und Frauenfrage geklärt sind, können wir uns den wichtigen Fragen widmen, die das Nachbarland Österreichs so umtreiben. Als da wären?

Etwa Uhren und Banken? Sie haben einen gewissen Ruf zwischen „gut“ und „böse“. Laut Asterix ist, neben Schokolade, Fondue die Leibspeise der Helvetier. Ziegelsteindicke Mehrfunktionstaschenmesser und Kräuterbonbons sollen sie erfunden haben, und sie nehmen sich die Freiheit, sonntags Buben Äpfel vom Kopf zu schießen. Und während Alm-Öhis noch in den Bergen jodeln und nach „Heidi“ rufen, wurde einst in Zürich der Dadaismus erfunden und Lenin Exil gewährt. Wer ironisch sein möchte, bezeichnet sie als die „Brasilianer der Alpen“ und denkt an den Komiker Emil, der seine Gags mit nationaltypisch erscheinender Langsamkeit zündete. Lucky Luke schießt schneller als sein Schatten, aber die Schweizer sind langsamer als ihr Echo. So sind sie, in der Schweiz. Wahrscheinlich sind sie aber ganz anders.

Jean-Paul Brodbeck ist anders. 1974 in Basel geboren, redet er schnell und vollkommen akzentfrei. Was bei einem Land, das sich mit vier Amtssprachen verständigt, keine Selbstverständlichkeit ist. Seit 2002 spielt er im eigenen Namen Aufnahmen ein. Dass das aktuelle Album, sein neuntes, gerade bei Yellowbird erschienen, einem Ableger des traditionsreichen Enja-Labels in München, mit dem Titel „Extra Time“ auf die gewisse landestypische Zeitverzögerung anspielt, will er, lachend, so nicht bestätigen.

Im Jahr 2007 kam mit dem Album „Songs Of Tchaikowsky“ der internationale Durchbruch. Der Titel verweist auf sein Spiel: Er wurde als klassischer Pianist am Konservatorium Basel ausgebildet und ist sich sicher, dass „ich ohne die Grundlage der Klassik sicherlich als Pianist nicht so gut wäre. Das klassische Fundament, die Klassik, läuft bei meinem Spiel immer mit. Auch auf dem aktuellen Album sind zwei Kompositionen von Schumann und Brahms dabei.“ Andererseits war da schon seit früher Jugend der Jazz, die Improvisation. Bereits als Fünfzehnjähriger nahm er an Jamsessions teil. Ein Highlight für den damals Fünfzehnjährigen: Er stand mit Lionel Hampton, dem Swinggroßmeister und Vibrafonisten auf der Bühne. „Das war in den Neunzigern, Hampton kam jedes Jahr nach Basel, er war ganz unkompliziert.“ Auch mit Herbie Mann jammte er und schwärmt: „Ich mag sein Album ‚Memphis Underground’, mit ihm zu spielen, das ergab sich einfach.“ Auf „Memphis Underground“ ist der Flötist im Zusammenspiel mit dem Gitarristen Larry Corryell und dem Vibrafonisten Roy Ayers zu hören. Weiß man zudem, dass Brodbeck mit dem Vibrafonisten David Liebman spielte, könnte man meinen, dass er eine Vorliebe fürs Vibrafon hat. „Oh nein“, lacht er, „ich habe da eher eine Affinität zu Saxofonen.“

Doch er hat auch unter Pianisten Vorbilder, deren Wahl seine Spielhaltung verdeutlicht. „Bebop-Pianisten wie Bud Powell sind mir schon wichtig. Und alle Pianisten, die bei Miles Davis gespielt haben. Insbesondere Bill Evans.“ Dessen Spiel vermischte klassisch impressionistische Muster von Debussy oder Ravel mit der abstrakten Formensprache des neuen Jazz. Harmonisch komplexe Klangfarben trafen auf ein lyrisches Spielverständnis, und insofern lässt Brodbeck eine Frage ziemlich kalt. Sie lautet, inwiefern er mit seiner Musik die Geschichte des Piano-Trios noch neu zu schreiben gedenkt. Wurde nicht bereits alles gesagt, also gespielt? Art Tatum, Bud Powell, McCoy Tyner, Esbjörn Svensson – was kann da noch Neues kommen? „Das ist nicht mein Ansatz. Mir geht es nicht darum, die Geschichte des Jazz-Pianos neu zu schreiben. Was mich interessiert, das ist die Auslotung des Klangs. Die Räumlichkeit des Klangs, die Dynamik des Spiels, das ist mir wichtig, da liegen noch Möglichkeiten! Insofern liebe ich das klassische Piano-Trio. Das ist die Basis. Melodie, Harmonie, Rhythmus, da kommt alles zusammen.“ Zusammen kommen, das heißt für den Pianisten, dass er von Lukas Traxel am Kontrabass und Claudio Strüby am Schlagzeug begleitet wird. Beide Schweizer sind international geschätzte Sidemen, haben sich diverse Preise erspielt und sind bewährte Mitstreiter von u.a. Nils Wogram, Tim Berne oder Kurt Rosenwinkel und Joey Barron. Sie verstehen sich auf die internationale Sprache des Jazz ebenso wie der Namensgeber des Trios. Brodbeck beeilt sich, zu seinen bekannt gewordenen Vorbildern aus Klassik und Jazz noch einen Teil seiner Biografie hinzu zu fügen: „Als Jugendlicher habe ich in einer Hip-Hop-Band gespielt, mit Andy Scherrer. Chapter 12, da haben wir richtig Gas gegeben. Das war die Zeit des Acid Jazz, wir waren sogar Vorgruppe von Jazzmatazz. Von 2007 bis 2010 war ich Mitglied im Quartett von Wolfgang Muthspiel, seit 2009 arbeite ich mit Johannes Enders.“ Wenn man Namen zu lesen versteht und sie mit Musik verbindet, dann sind diese Kooperationen beredt. Sie weisen über die allseits präsente Klassik hin zu Hip-Hop und Acid Jazz bei Chapter 12, über den lyrischen Jazz des Österreichers Muthspiel hin zu dem Ambient-Jazz-Alternative-Rock-Sound des Deutschen Johannes Enders und damit auf eine Musiksprache, die kaum Grenzen zu akzeptieren scheint, international antritt und sich um musikalische Nationalismen wenig schert. „Ich nehme die Musik einfach, wie sie ist“, meint er. Dieser sehr pragmatische Ansatz ist auch eine Antwort auf die Frage nach dem Klang seiner Musik.

Jean-Paul Brodbeck Trio / Foto: Tobias Stahel

 

In der Schweiz, in der Schweiz ...

 

Das (Hör-)Bild seiner Musik ist zudem mit den Worten von Florian Keller beschrieben: "In ihrem modernen feingetunten Trio-Sound amalgamieren sie zentrifugale Kräfte der klassischen Romantik und des Groove der 70er Jahre zu einem anmutigen Klangkörper, der sich elegant durch mannigfaltige musikalische Szenerien bewegt. Dieses Trio ist ein musikalischer Organismus, der sich über die Gravitationskraft des Schematischen hinwegsetzt, wenn er schwerelos in der Weitläufigkeit das Balladesken schweift, um dann mit derselben Gelassenheit leichtfüßig durch hartkantige Groove-Landschaften zu fegen." Aber dieses (Hör-)Bild bliebe unbestimmt und unscharf, wenn dazu nicht wenigstens im Hinterkopf die Geschichte des Jazz in der Schweiz mitschwänge. Dessen Geschichte fing nicht mit der Musik Brodbecks an.

Als die (afro)amerikanische, Jazz benannte, Musik nach Europa kam, Anfang des 20. Jahrhunderts, breitete sie sich von den Metropolen aus, die im historisch engsten Kontakt mit der Neuen Heimat standen. In London und Paris tanzten zuerst Menschen nach Jazz-Rhythmen. Als Ragtime bekannt, dienten die schnellen Rhythmen vor allem als Tanzmusik. Nach dem 1. Weltkrieg kamen Städte wie Amsterdam, Brüssel, Berlin, Bukarest und Wien dazu. Was zu hören war, das war laut, schnell, klang exotisch und für europäische Ohren ziemlich verrückt. Jazz war Begleitmusik für Tanz, Exotik und Erotik, er war ein Lifestyle-Symbol für junge Menschen, Tanzwütige, Künstler, Intellektuelle. Gespielt wurde er selten von amerikanischen Musikern, erklang also selten im Originalton, sondern vornehmlich in Versionen von europäischen Unterhaltungs- und Tanzmusikern. In den Kurorten der Schweiz, wo es ein internationales Publikum gab, war er erstmalig zu hören. Danach fasste er in der Westschweiz Fuß. Bands wie die von Jo Grandjean, Edmond Cohanier oder René Weiss sind legendär, allein schon, weil es aus der Frühzeit des Jazz in der Schweiz kaum Tondokumente gibt. Als Mitte der zwanziger Jahre die ersten Schallplatten von afroamerikanischen Musikern wie Jelly Roll Morton oder King Oliver ihren Weg nach Europa fanden, überboten sich europäische Bands, insbesondere die in der Schweiz, darin, das Wilde, Exotische, "Ungeschliffene" dieser Klänge zu zivilisieren. Die erste amerikanische, rein weiße Band, die von Frank Guarente, gastierte 1926 im Züricher Esplanade, die erste Schallplattenaufnahme einer rein schweizerischen Band entstand im Jahr 1929: Die Basler Amateurband Lanigiro Syncopated Melody Kings nahm "Me And The Man In The Moon" auf. Zwei Jahre später, 1931, gründete der Pianist Ernest Berner die erste Schweizer Jazz-Zeitschrift "Jazz", und so langsam verbesserte sich durch spezialisierte Fachgeschäfte in Lausanne, Genf, Bern und Zürich die Versorgungslage für Fans, die Schallplatten von Duke Ellington, Fats Waller, Bix Beiderbecke oder Louis Armstrong hören wollten. Ab und zu kamen Musiker wie Armstrong oder Coleman Hawkins in die Schweiz und wurden von einheimischen Musikern begleitet. Im Gegenzug reisten Musiker aus der Schweiz ins Ausland, rund um den Genfer See bildete sich eine Szene, deren Musik uns heute eher an Glenn Miller und flott gespielte Tanzmusik als an Swing erinnert. Isolation vom Weltgeschehen, das Bedürfnis nach Unterhaltung und die Sympathie für die Alliierten gaben bis in die vierziger Jahre den Ton an. Eine Umfrage des Schweizer Radiohörerverband ergab 1944/45 allerdings, dass nur 2 % der Hörer dem Jazz gegenüber positiv eingestellt waren, 71 % aber Jazz wenig abgewinnen konnten. Schweizer Berufsmusiker spielten Walzer, Tangos, Rumbas, Märsche und ab und wann einmal einen Jazz-Titel. Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich wenig, außer, dass der international spät gekommene Schweizer Jazz die Kinderkrankheiten mitmachte, an denen der Nachkriegsjazz weltweit krankte: Mit dem Ende des Big Band Jazz und dem Aufkommen des Be Bop spaltete sich das Publikum. Traditionalisten, die zurück zum New Orleans Style wollten und als reine Amateure weiterspielten, und Modernisten, die mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie den Anschluss an aktuelle Spielweisen bevorzugten, bekriegten sich in der Schweiz ebenso wie in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, wobei die Idole in der Schweiz mehrheitlich Gerry Mulligan, Stan Getz und Lee Konitz hießen, also Vertreter des vornehmlich weißen Cool Jazz waren. Und, wie andernorts, begannen sich jugendliche Hörer vom Jazz abzuwenden und Rock 'n' Roll und Rhythm 'n' Blues zu bevorzugen. Der sogenannte Amateurjazz konnte nahezu ein Jahrzehnt lang auf Festivals mit großem Musiker- und Publikumsandrang den Jazz dominieren, 15.000 Menschen auf einem Festival waren keine Seltenheit. Trotzdem setzte sich die Moderne durch, Anfang der sechziger Jahre war die Lage insofern geklärt, als dass der Amateur Jazz vorwiegend nur noch auf dem Land von Dorfkapellen gepflegt wurde, während moderne Spielweisen in den Städten und Industrieregionen gespielt wurde. Ende der Sechziger und Anfang der siebziger Jahre erlitt der Jazz durch das Aufkommen des Free Jazz noch einmal einen Popularitätseinbruch, aber da befand sich die Szene schon in einem grundlegenden Umbruch.

 

Schweizer weltweit

Während es, so urteilten die Herausgeber einer 1997 erschienenen, vierteiligen CD-Dokumentation über den Jazz in der Schweiz zwischen 1930 und 1975, schwierig war, an Tondokumente vor 1970 zu kommen, wuchs die Jazzproduktion seit 1970 exponentiell, und alleine eine sechsteilige (!) Labeldokumentation des Labels Unit Records verzeichnete 2012 mehr einheimische Musiker als die besagte vierteilige Dokumentation über 45 Jahre Schweizer Jazzentwicklung. Viele der besten Musiker gingen ins Ausland oder pendelten hin und her, Internationalität wurde sozusagen heimisch, stilistische Offenheit zum Prinzip. Daniel Humair, Pierre Favre, Gorge Gruntz, Pierre Cavalli oder Hans Kennel und Irène Schweizer kümmerten sich nicht um Landesgrenzen, wenn es um die Musik ging. Und mit dem Wahlwiener Mathias Rüegg bekam auch Österreich seinen Anteil vom Schweizer Jazzboom ab.

Längst gehört es zum normalen Umgangston, dass man in New York, Paris, Wien oder Berlin Helvetier im gemeinsamen Spiel mit Amerikanern, Österreichern, Deutschen, Franzosen oder gar Afrikanern findet. Längst haben sich Festivals wie das in Montreux oder Luzern als internationale Begegnungsstätten etabliert, längst gilt die schweizerische Jazzförderung als ebenso vorbildlich wie die in den skandinavischen Ländern. Doch gleichzeitig wurden die Grenzen und Qualitäten des Schweizer Jazz bewusst: von einer einheitlichen Jazz Marke Schweiz kann nicht die Rede sein. Gegensätzlichkeit, Genre- und Stilabgrenzungen und Sprachhindernisse behindern und fördern eine Partikularisierung. So entwickelte sich in der Deutschschweiz eine Affinität zum deutsch-holländischen Post-Free Jazz, in der Romandie bevorzugten die Musiker den zeitgenössisch-französischen, von Post-Hard Bop und Neoklassik geprägten Jazz, während sich die Südschweizer in Richtung Italien orientierten.

Es ist die Gesamtheit dieses Erbes, das auch in Brodbecks Musik mitschwingt, das auszuloten Sache seiner Hörer ist. Wir müssen mit Fondue, dem Wetter, der Klassik, dem Groove und dem Überschreiten von Grenzen rechnen. Beim Jazz allemal. Brodbeck jedenfalls freut sich auf die anstehende Tour durch gleich drei Länder. Harald Justin

CD-Tipp:

Extra Time“, Enja/Yellowbird

Konzert-Tipp:

19.05: Schwaz/Tirol, Eremitage

Web-Tipp: 

http://www.jpbrodbeck.ch/

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