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Wir wurden von der Musik gefunden! Zum 70er von Hans Theessink

 

Normalerweise werden runde Geburtstage jenseits des Fünfzigers zum Anlass genommen, ausgiebig Rückschau zu halten, Erreichtes zu reflektieren, Bilanz zu ziehen. Das Schwelgen in Erinnerungen nimmt zunehmend Raum ein, wobei – je nach Persönlichkeitsstruktur – auch schon mal romantisch verklärt oder aber verbittert resigniert wird. All dem ist Hans Theessink indessen abhold. Aus mehreren Gründen. Zum ersten kommt er aus dem Blues. Und da sind 70 Lenze noch lange kein Grund, sich vorwiegend mit Vergangenem zu beschäftigen. Zum zweiten zeigt ein Blick auf seinen Tourneeplan, dass der Mann keine Anzeichen von Müdigkeit an den Tag legt. Zum dritten war es noch nie eine besonders ausgeprägte Eigenschaft des von Wien im liebevollsten Sinne des Wortes vereinnahmten Holländers sich selbst zu feiern. Also ist auch bei den dieser Tage im Metropol zu Hernals mit zahlreichen illustren Gästen zu begehenden Birthday Bashs zu erwarten, dass der Jubilar entspannt und unaufgeregt sein breites Schaffen, das ihn in seiner Vielseitigkeit längst aus den engen Grenzen des „klassischen“ Zwölftakters hinein in das weite Feld der Songster verortet hat, zum Besten geben und eher etwas verlegen in den Hintergrund treten wird, sobald die Geburtstagstorte die Bühne entert. Unter diesen Vorzeichen traf CONCERTO Hans Theessink in seinem Domizil im Liebhartstal zu einem entspannten Plausch.

Hans Theessink - Zuhause im Wiener Liebhartstal. - Foto: Dietmar Hoscher

Welchen Stellenwert hat der Birthday Bash für dich?

Irgendwie ist dieser Termin für das Publikum bereits fast ein Fixtermin. Sie wissen, dass da etwas passieren wird, vor vollem Haus, und warten schon darauf. Die Leute reisen von überall her an, sind das seit zehn Jahren gewohnt und fragen schon lange vorher an, was beim Birthday Bash diesmal los sein wird. Ich halte diese zeitliche Kontinuität – wie etwa auch beim Vienna Blues Spring – für wichtig. Aber du hast Recht, ich sehe das eigentlich gar nicht so sehr als Geburtstagsfeier. Es ist einfach ein guter Grund, Freunde auf die Bühne einzuladen und zu musizieren. Jetzt, nachdem ich 70 werde und doch schon lange Zeit mit verschiedensten Künstlerinnen und Künstlern aufgetreten bin, habe ich gedacht, es wäre fein, viele von diesen Formationen zu den „Theessink-Metropol-Festspielen“ zu bitten und sie Revue passieren zu lassen.

Wie lange vor einem Birthday Bash startest du mit den Vorarbeiten?

Gerade mit den Anfragen an die Gäste muss man sehr früh beginnen. Anfang April scheint aber eine gute Zeit zu sein, da sind viele (noch) nicht auf Tour. Aber im September/Oktober des Vorjahres sollte man schon beginnen. Ursprünglich hatten wir für dieses Jahr drei Tage Birthday Bash geplant. Aber vor zwei Jahren bin ich mit den Blind Boys Of Alabama in Dänemark aufgetreten und als sie mir erzählten, dass sie gerade zur richtigen Zeit 2018 in Europa unterwegs seien, haben wir den vierten Termin fixiert. Darauf freue ich mich besonders! Ein großer Wermutstropfen in diesem Jahr ist aber natürlich der tragische Tod von Terry Evans. Terry hatte für den Birthday Bash – wie auch für den Vienna Blues Spring – schon zugesagt und sich riesig darauf gefreut. Leider war es ihm und uns nicht mehr vergönnt, ihn dazu begrüßen zu dürfen.

Du hast die Blind Boys Of Alabama erwähnt. Gospel hat in deiner Musik immer schon seinen Platz gehabt.

Ich bin viel in den USA und in Kanada unterwegs. Da gibt es bei Festivals oft tagsüber Workshops, zu allen möglichen Themen. Sonntag Früh etwa kannst du sicher sein, dass es einen Gospel-Workshop gibt. Und da habe ich über die Jahre mit vielen Musikern zusammen gespielt, wie The Mighty Clouds Of Joy. Da merkt man, dass Blues und Gospel sehr verwandt sind. Die Texte sind halt unterschiedlich, aber die guten Bluessänger haben vielfach das Singen in der Kirche gelernt. Das war oftmals die erste musikalische Inspiration. Diese Kombination finde ich großartig! Leute wie Ray Charles haben Gospel ins Entertainment transplantiert. Zudem liebe ich in der Musik die Stimmen, die Vocals. Soul und Gospel liefern hier phantastische Beiträge!

Ich entnehme deiner Website, nämlich deinem Tourneeplan, dass du nach wie vor ungeheuer viele Konzerte gibst und zwar international, auch in den USA. Das ist durchaus ungewöhnlich.

Also im Kopf schalte ich da schon zurück! (lacht) Aber irgendwie gelingt es dann doch nicht so ganz. Früher habe ich an die zweihundert Konzerte im Jahr gespielt, und jetzt sind es noch immer über 120. März bis Juni ist es beispielsweise immer sehr geballt. Ich bin gerade zurückgekommen von der Folk Alliance International Conference in Kansas City, im Februar. Es fand da auch ein Blueskonzert, organisiert von der Blues Foundation in Memphis, statt, zu dem ich eingeladen wurde. Da nimmt man dann natürlich gerne teil! Ich fahre immer gerne in die Staaten, das ist eine gute Inspirationsquelle. Auf der anderen Seite fühle ich mich indessen zu europäisch, um mich dort ganz niederzulassen. Karrieremäßig wäre es vielleicht nicht schlecht gewesen, aber ich bin zu sehr verbunden mit Europa.

Aber genießt du als europäischer Künstler in den Staaten nicht so etwas wie einen „Exotenbonus“?

Das kann man schon sagen. Die Leute merken natürlich beim Sprechen, dass man nicht dort geboren wurde. Und wundern sich dann umso mehr, dass sie beim Spielen und Singen keinen Unterschied mehr erkennen. Es überrascht sie, dass die Musik der Südstaaten so weit gewandert ist. Aber mittlerweile kennen mich die meisten ja. Als ich in den 1970ern und 1980ern in den USA aufgetreten bin, war das Erstaunen, gerade auch unter den alten, ansässigen Bluesmusikern, natürlich noch sehr groß. Die konnten sich nicht vorstellen, dass sich außerhalb ihrer kleinen Kreise überhaupt jemand für diese Musik interessiert.

Wenn du dir nun zwar mental zurecht gelegt hast, etwas zurückzuschalten, es gelingt dir aber nicht, heißt dass doch, dass die Nachfrage eben so groß ist?

Wir buchen nicht „aggressiv“. Ich rufe keine Veranstalter an und frage „wann buchst du mich endlich“. Es ist aber natürlich oft schwer, „nein“ zu sagen, wenn du um Auftritte gebeten wirst. Das gibt dir aber die Möglichkeit, ein wenig aussuchen zu können. Alles muss man dann doch nicht mehr machen. Für einen Gig nach Oslo, das spielt es dann nicht mehr.

Dein letzter Tonträger ist nun doch schon einige Zeit her. Gibt es diesbezüglich Pläne?

Ich habe mit Terry Evans im vergangenen Jahr, im Supersense in Wien, eine Platte im Direktschnittverfahren aufgenommen. Das wäre eigentlich das nächste Projekt gewesen. Ich hoffe also, dass es relativ bald zu einer Veröffentlichung kommt. Davon abgesehen haben wir derzeit nichts konkret in Planung. In Dänemark, wo ich mit Knud Moeller unterwegs bin, werden wir die Konzerte mitschneiden. Vielleicht entsteht daraus eine Liveplatte. Einige weitere Ideen schwirren mir schon im Kopf herum, aber im Moment ohne konkrete Zeitpläne.

Hans Theesink & Terry Evans - Foto: Dietmar Hoscher

Diese Aufnahmesession mit Terry Evans und dir bei Supersense war schon sehr speziell.

Direkt aufzunehmen, ohne die Möglichkeit einer Nachbearbeitung, war eine sehr interessante Erfahrung! Eigentlich eine Aufnahmetechnik, die in die Fünfzigerjahre zurückgeht. Heutzutage kannst du im Studio aufnehmen und nachträglich einfach alles wieder ändern. Früher hat man mit höchstens zwei Mikrophonen aufgenommen. Der Sänger stand vorne, die Band dahinter und wer am lautesten war, musste in den letzten Winkel. (lacht) Fehler durften nicht gemacht werden. Für junge Musiker ist es heute natürlich einfacher. Du kannst praktisch überall aufnehmen und das Ergebnis mit modernen Techniken und Vertriebsmöglichkeiten herausbringen. Ich habe meine erste Platte mit einer Skiffleband 1964 in Holland gemacht und meine erste Soloplatte, eine EP, 1970. Das war damals eine ganz großartige Sache, dass man eine eigene Platte hat. Als ich Big Bill Broonzy das erste Mal im Radio hörte, wusste ich gar nicht, wer und welche Musik das ist. Heute kannst du über das Internet das alles sehr rasch recherchieren und erfassen. Das war damals unvorstellbar. Auch das Erlernen von Instrumenten, etwa der Gitarre, erfährt dadurch völlig neue Möglichkeiten. Ich hatte etwa keine Ahnung, wie Big Bill Broonzy sein Spiel gestaltete. Das musste ich mir selbst beibringen. Heute siehst du dir dies einfach im Internet an. Dadurch sind viele junge Musiker heute technisch perfekt ausgebildet, tolle Talente! Das hätte es vor dreißig Jahren nicht gegeben.

Abgesehen von diesen technologischen Revolutionen, hat es deiner Erfahrung nach andere, große Verschiebungen im Musikbereich gegeben?

Ich finde eigentlich keine großartigen, markanten Änderungen abseits des Internets. Die Szene hat sich nicht wahnsinnig geändert.

Ist dieser nahezu legendäre, fast familiäre Zusammenhalt in der Blues- wie auch der Jazzszene immer noch gegeben?

Das ist noch immer da. Das habe ich zum Bespiel beim schon erwähnten Festival in Kansas City wieder erlebt. Es waren rund 3.000 Menschen, darunter sicherlich 2.500 Musiker anwesend. Und das war wie eine Familie, man hat in den Hotelzimmern gespielt, miteinander gejammt. Eine sehr enge Community. Gerade in unseren Nischen, ich komme ja eigentlich aus dem Folk und Folkblues, ist das sehr spürbar. Das, was wir machen, ist ja kommerziell in Nischen angesiedelt. Die Musiker in unserem Genre wurden von der Musik gefunden. Das lieben sie und wollen nichts anderes spielen. Da kann der Musikerkollege im Nebenhaus mit Volksmusik oder Pop hunderttausende Platten verkaufen, das ist uninteressant. Du machst diese Musik, weil sie dich in der Seele berührt. Deswegen sind wir vielleicht „familiär“ mehr verbunden. Wir nehmen uns nicht gegenseitig die Gigs weg. Im kommerziellen Bereich, wenn es um das große Geld geht, mag das Konkurrenzdenken anders sein. Das heißt aber nicht, dass man vom Blues nicht auch gut leben kann. Da bin ich sehr glücklich, dass ich etwa mit der Musik, die ich ohnehin in jedem Fall spielen würde, auch erfolgreich bin.

Wenn nun junge Musiker zu dir kommen, die ebenfalls vom Blues und von den Roots befallen sind, welche Ratschläge würdest du ihnen geben?

Nun, wie es genau geht, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ein Bestandteil, um erfolgreich sein zu können, ist einfach, so viel live spielen als es überhaupt geht. Zudem ist es wichtig, nicht introvertiert zu spielen, sondern das Publikum zu unterhalten. Ich habe früher sehr viel Straßenmusik gemacht. Da lernt man sehr viel. Man muss ständig dran bleiben, auch wenn die Gigs manchmal nicht besonders gut bezahlt sind. Als ich begonnen habe, war das außerdem keine Berufswahl. Man hat einfach gespielt, und plötzlich hat jemand dafür bezahlt. (lacht) Wahnsinnig wichtig ist auch, dass man über die geographischen Grenzen hinausgeht, gerade, wenn du aus einem kleinen Land kommst. Du kannst nicht im selben Lokal ums Eck zehn Mal im Monat auftreten. Du musst hinaus. Zudem kannst du heute relativ einfach über das Internet herausbekommen, wo es Auftrittsmöglichkeiten gibt. Da musst du dich aber dann selbst melden. Das ist natürlich harte Arbeit. Dass das Glück einen findet, passiert eher selten. Man muss also schon selbst die Initiative ergreifen. Ich glaube aber, dass das in jedem Beruf so ist. Ich habe aber auch von vielen „alten Hasen“ gelernt, wie man Entertainment in die Musik bringt. Bei Bluesern wie etwa Lightnin’ Hopkins oder Charley Patton, da war sehr viel Unterhaltung mit im Spiel. Wunderbar spielen können viele, aber du musst das Publikum auch seelisch berühren und es „einfangen“, es zu dir bringen. Am besten wird es, wenn das Publikum im Laufe des Konzertes zu einer Art „Einheit“ wird und gemeinsam mitgeht.

Weil du dies von den Platten erwähnst: Du hast dich selbst zu einer Zeit, als Vinyl völlig „out“ war immer auch zu diesem Format bekannt und legst außerdem großen Wert auf Audiophiles. Wie sehr freut dich nun der anhaltende Vinylboom unserer Tage?

Das ist wirklich großartig! Die Qualität der Aufnahmen war mir immer sehr wichtig. Meine erste Platte bei Flying Fish, „Baby Wants To Boogie“, kam 1987 heraus. Damals wollte ich, dass dieses Album auch auf CD erscheint, worauf mir Bruce Kaplan, der Labelchef, entgegnete: „In den USA kauft keiner CDs“! (lacht) Nur um mir eine Freude zu machen, brachte Bruce die Platte dann tatsächlich auf CD heraus. Es war die erste CD auf Flying Fish. Drei Jahre später haben sie die Vinyls in Kisten ausverkauft! Vinyl war mir immer wichtig. Außer digitale Liveaufnahmen haben wir daher auch immer in diesem Format veröffentlicht. Dass gerade auch junge Leute heute wieder Schallplatten in die Hand nehmen, ist eine große Freude. Zu dem tritt die Unvergänglichkeit des Vinyls. Ich besitze alte CDs, die bereits nicht mehr abspielbar sind.

Zum Abschluss, die unvermeidliche Frage zu einem Jubiläum, wie diesem: Gibt es in deiner langen, musikalischen Karriere eigentlich irgendetwas, was du heute anders machen würdest?

Für mich hat eigentlich alles zu seiner Zeit gepasst. Vielleicht habe ich die frühen Platten etwas zu schnell aus der Hand gegeben, hätte an der einen oder anderen Stelle etwas verbessern können. Aber im Großen und Ganzen habe ich immer die Interessen meiner Zeit verfolgt und das getan und gespielt, was mir wichtig war und Spaß bereitet hat. Dietmar Hoscher

LIVE-TIPP:

  • 4. – 7. April 2018, Hans Theessink Birthday Bash, Wien, Metropol

CD/VINYL-TIPP:

  • Hans Theessink „Wishing Well“, Blue Groove

CD-TIPP:

  • Hans Theessink & Terry Evans „True & Blue“, Blue Groove

BUCH-TIPP:

  • Dietmar Hoscher „Hans Theessink – Big Bill’s Guitar“, Echomedia

WEB-TIPP:

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