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Schauspieler der Malerei – Christian Ludwig Attersee

Interview, 4.3.2019, Wien, Atelier Attersee

Ludwig von Attersee in seinem Atelier / Foto: Dietmar Hoscher

Wie lange haben Sie in die Ausstellung "Attersee.Feuerstelle" investiert?

Die letzten drei Jahre. Ich habe in dieser Zeit keine Ausstellungen gemacht. Da ich bald Achtzig werde, musste ich natürlich auch sehr viel Detailarbeit selbst erledigen, da es ja keine Kuratoren in meinem Alter gibt, die sich erinnern könnten. (lacht) Mit der wahnsinnig guten Kuratorin dieser Ausstellung, Britta Schmitz, arbeite ich aber schon sehr lange, auch in Deutschland. Dadurch ist es auch gelungen, international nach den Bildern zu forschen, denn die meisten, die wir gesucht haben, sind ja verkauft, etwa nach Deutschland, Holland oder in die Schweiz. Die Spur vieler Exponate verliert sich im Erbwege oder über Auktionshäuser. Trotzdem ist eine perfekte Auswahl gelungen, welche in einigen Jahre wahrscheinlich gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Die ersten drei Jahre meiner Karriere, in welcher auch schon Bilder entstanden sind, haben wir ausgelassen, somit beginnen wir, sehr passend, mit meinem "Österreichbuch" aus dem Jahr 1965. Als Gerhard Rühm das Buch sah, schrieb er Texte dazu. So begann unsere Zusammenarbeit. Das Thema zieht sich bis heute. Mein neuer Zyklus, an dem ich für eine kommende Museums-Ausstellung arbeite, beschäftigt sich mit "Heimatverschiebung". Dies wird wieder gesellschaftspolitisch kritisch, in dem Sinne, dass der Begriff "Heimat" unterschiedlich definiert werden muss, bzw. neu oder anders. Natürlich mit meinen Mitteln. Ich bin kein Sprachnachrichtengeber sondern ein Maler, der erzählt. Dies ist eine andere Form von Nachricht. Es geht auch um die Problematik von Verjagung und Krieg im Zusammenhang mit Heimat, auch um Heimat für Tiere, aber es geht mir um mehr, nämlich um die Erde. Meine gesamte Arbeit war immer ein Dreieck zwischen Mensch, Tier und Erde. Landschaft, Himmel und Wasser. Ich bin ja praktisch im Segelboot "aufgewachsen", somit sind die zwei großen "Blaus", Wasser und Wetter, ein wichtiger Aspekt bei mir. Sie existieren sozusagen als Grundnahrungsmittel für meine Malerei. Ich male auch kaum auf eine weiße Leinwand sondern zumeist auf eine Blaue.

Wie ist "Werksquer" entstanden? Wer gab den Anstoß dazu?

Walter Gröbchen und ich haben ja schon zuvor Tonträger gemacht, etwa "Tulpenfresser", mit Roedelius. Ich bewege mich ja in allen Breiten der Musik. "Werksquer" war sein Wunsch und seine Idee, scheinbar schätzt er meine Musik, weil sie sich außerhalb des "Normalen" bewegt. Es ist eben die Musik eines Malers. Das ist vom Grundkonzept her eben anders und klingt demgemäß auch so. Das kann auch nicht jeden Abend für einen Auftritt reproduziert werden. Ich bin überhaupt nicht fähig, ein Lied zweimal gleich zu singen. Das konnte ich nie und ist auch der Grund, warum ich nie in diese Branche eingetreten bin, nebst meiner Gehörprobleme natürlich. Obwohl ich genügend Angebote gehabt hätte, zum Beispiel für eine 50-Konzert-Tournee in Deutschland mit "Atterseezigeuner". In dieser Kombination bin ich sehr gerne aufgetreten, denn die Musiker konnten sich blitzschnell auf mich einstellen. Ich habe kein fixes Programm, man weiß oft nicht, was ich am Abend singe. Zumindest früher habe ich mit meinem "Attersee-Englisch" stets auch Lieder erfunden. Das war aber ziemlich erfolgreich und mein Publikum weiß, dass es bei meinen Konzerten etwas hört, was es kein zweites Mal geben wird. Diese Livekonzerte sind daher gut besucht. Unter anderem war ich damit auch bei den Salzburger Festspiele, mit meinen Sprechgesang-Liedern. Im Rahmen der Ausstellung wird es im Beveldere 21 im Juni ein großes Konzert geben, die "Attersee Matinee. Selten gehörte Musik", zu der ich bereits Gerhard Rühm, Hermann Nitsch, Markus Lüpertz oder Ingrid und Oswald Wiener eingeladen habe. Diese Veranstaltungen der "Selten gehörte Musik" haben Anfang der 1970er in Berlin begonnen. 1972 war ich zum ersten Mal dort mit dabei, in der Evangelischen Kirche. In Österreich ist diese Musik nie aufgeführt worden. Wir hatten dazu zum Beispiel auch den englischen Pop-Art-Künstler Richard Hamilton eingeladen. Es geht dabei um Maler- und Dichter-Musik. Alle spielen dabei frei, alles ist erlaubt. Es wird drei Klaviere geben, Oswald Wiener wird eigene Musikinstrumente mitnehmen. Vielleicht gelingt es mir, auch Günter Brus zu überreden, mitzumachen. Es wird wahrscheinlich das letzte "Selten gehörte Musik"-Konzert sein.

Sie haben zuvor vom "Attersee-Englisch" gesprochen. Wie ist die "Attersee-Sprache" einzuordnen?

Die Attersee-Sprache ist eine Sprache, die Worte erfindet, wenn es dafür kein Wort oder keine Wortzusammenhänge gibt. Es nenne das auch "Bildtitelverlängertes", entsprungen aus meiner Sprachsuche innerhalb meiner Malerei, welche sich dann in der Musik fortsetzt. Da entstehen Sprechgesanglieder, die ich vortrage. Beispiele dafür finden sich auch in "Werksquer".

Foto: Dietmar Hoscher

Gibt es weitere, musikalische Pläne?

Ich möchte eine neue CD machen, mit Unterhaltungsmusik, aber im ernsteren Sinne. Eine Art Aufarbeitung meiner Lebenserfahrungen. Die Welt der Malerei wird da natürlich ebenso miteinbezogen. Ich erfinde ja praktisch täglich die Welt neu für mich, sehe mir die Rollen der Personen und Tiere an, die darin vorkommen. Das heißt, ich bin ein Schauspieler der Malerei. Auch wenn ich Frauen male, versuche ich, deren Rolle einzunehmen. Das ergibt nicht nur Vielfalt sondern auch Neuigkeit, eine Untersuchung der Möglichkeit, fast alle Dinge miteinander zu verbinden. Wenn ich selber mitspiele, spiele ich im Bild wie eine Schachfigur. Ich war mir dessen gar nicht so bewusst. Entdeckt, dass dies so sein muss, hat es Rudi Fuchs, jahrelang Direktor des Stedelijk Museum in Amsterdam, das berühmteste Malereimuseum Europas. Er hat viele Ausstellungen von mir gemacht. Irgendwie hat er damit Recht. Ich male mir sozusagen eine Bühne für meine Möglichkeiten.

Erotik spielt in ihrem Gesamtkunstwerk auch in dieser Hinsicht eine große Rolle?

Das ist, neben den drei genannten Elementen, ein Grundprinzip bei mir, wie man es auch in der sprachebesetzten Musik findet. Ich sehe Musik und Malerei als Einheitssprache. Wenn ich während des Malens nicht weiterkomme, gehe ich durchaus zum Klavier, erfinde ein Lied, und gehe dann zurück zum Bild. Ich mache ja nie Skizzen. Ich versuche, innerhalb der Malerei das Rezept für das Bild zu finden. Wenn dies geschieht, so erfahre ich am Ende des Prozesses ein körperliches Wohlbefinden, das ich als "Gesamtkörperorgasmus" bezeichne. Ein besseres Wort dafür ist mir nicht eingefallen. Es bedeutet, dass alle Sinne gleichzeitig zufrieden gestellt sind. Der Nachteil liegt darin, wenn man sich an dieses Gefühl gewöhnt, muss man immer wieder ein Bild malen. (lacht) Ebenso verhält es sich mit dem Klavierspielen. Das Klavier begleitet mich, frei gegriffen in Harmonien, bei meinen Sprechgesangliedern. Es wird zum Teil auch zum Drei-Akkord-Griff wie bei Bob Dylan, also sehr zurückhaltend. Die linke Hand verwende ich dabei als Art "Schlagzeug-Klavier". Aber zurück zur Erotik. Ich versuche, die Welt der Erotik immer zu erweitern, denn ich halte dies für eine der wichtigsten Sprachen der Menschen. Die Kunst halte ich für die höchste Sprache der Menschen, weil sie jeder benützen kann, wie er will. Man kann sie erfinden aber auch erschauen oder erlesen, im Sinne der Deutung von Bildern. Mit der Musik verhält es sich genauso, wenn sie mit Bildern oder Sprachtexten besetzt wird. Da vermischen sich die Systeme.

Erotik und Sexualität waren immer schon eine Triebfeder, Musik zu machen. Gerade auch in der Rockmusik, haben doch viele deshalb zur Gitarre gegriffen, um Mädchen zu beeindrucken.

Bei mir war das die Stimme. Ich habe eine wahnsinnig schöne Stimme gehabt. Ich habe vielleicht sogar ein schöneres Vibrato gehabt als Elvis. Elvis hatte eine leise Stimme. Mit diesem Vibrato habe ich, Anfang der Siebziger, die Mädchen besungen. Ich hatte zwar eine Gitarre, konnte sie aber nicht spielen. Ich bin mit der Wandergitarre so umgegangen, wie es eben ein Laie tut. Aber mit der wunderbaren Stimme bin ich auch als Rock`n`Roll-Sänger aufgetreten. Es war zwar meine eigene Musik aber eben im Sound dessen, was wir uns in der Jugend angeeignet haben. Der Rock´n´Roll war ja die erste Musik, die sich, auch gesellschaftlich, von den älteren Generationen abgetrennt hat. Und sie hat unter anderem die Liebe zu den Gegenständen verstärkt, etwa zu Autos. Auch eine Unmenge an Liebensliedern findet sich, ebenso Melancholie. Das hat mich alles sehr interessiert. Meine Ausbildung kommt von zwei Ebenen. Ursprünglich wollte ich Opernsänger werden. Das begann Anfang der Fünfziger. Dabei hat mich eine Anekdote für mein gesamtes späteres Leben geprägt. Ich hatte in der ersten oder zweiten Klasse Mittelschule bei einer Tombola eine Schallplatte gewonnen, eine 78er. Ich war sehr stolz und dachte, dass meine Eltern mir jetzt einen Plattenspieler kaufen müssten, da ich ja nun eine Platte besaß. Als ich aber meine Schultasche öffnete, war die Platte zerbrochen! Es war übrigens "Ein kleiner Bär mit großen Ohren", von Horst Winter. Das hat mich völlig fertig gemacht, denn es war für mich ungeheuer wertvoll, dass man Musik aufzeichnen kann. Die Konsequenz aus dem Vorfall war, dass ich ein "furchtbarer" Schallplattensammler geworden bin. Ich besitze weit über 70.000 Tonträger und kaufe immer noch. Aus der Jugend heraus interessiere ich mich auch stark für klassische Musik. Aufgrund meiner Taubheit auf einem Ohr wollte man mich allerdings nicht unterrichten. Meine Lieblingssänger waren Rudolf Schock, Mario Lanza oder Beniamino Gigli. Dann wollte ich Schlagersänger werden aber auch da kam große Kritik. Irgendwie wollte ich aber unbedingt bei der Musik bleiben, und was macht man da: man studiert Bühnenbild. Mein Ziel war Filmarchitekt und Filmmaler, denn früher wurde beim Film noch fast alles gemalt. Filmmalerei gab es aber in Österreich nicht, also wandte ich mich dem Bühnenbild zu. Das war damals aber sehr akademisch und wahnsinnig fad, die meiste Zeit malte ich Barock-Sessel. So wechselte ich in die Malerei. Ich kam in Berührung mit der avantgardistischen Moderne, Schönberg, Berg, Webern, Stockhausen, Bartok oder Hauer und dachte wieder über Musik nach. Alexander Skrjabin zählt ebenfalls zu meinen Lieblingsmusikern, ebenso wie Erik Satie. Ich erarbeite übrigens aus den kurzen konzertanten Orchesterstücken von Satie gerade ein Opernprojekt. Dazu trat meine Liebe für Jazz. Hier wurde Ende der Sechziger ein Stil entwickelt, der in Europa nicht so bekannt war aber mich nach wie vor sehr interessiert, weil er aus der Zwölftonmusik entstanden ist. Charles Mingus hat das zum Teil etwa versucht. Die dritte Komponente für mich war die Unterhaltungsmusik. Tanzmusik, war für uns wichtig, zum Beispiel Clyde McPhatter, James Brown, Otis Redding, Carla Thomas, Wilson Pickett, Aretha Franklin später Curtis Mayfield. Auch Colosseum beeindruckte mich, vor allem deren Valentyne Suite. Übrigens ist auch Chris Farlowe immer einer meiner Lieblingssänger gewesen. Es kam dann durchaus zur Vermischung von Elementen klassischer Musik und moderner Musik. In der Malerei war ich der erste, der versucht hat, diese Trennlinien weg zu löschen. Ich habe eigentlich den Humor in der Malerei erfunden, habe mir erlaubt, mit der Malerei Gebrauchsgegenstände auszustatten, ich habe Teppiche gemacht oder auch Bühnenbilder. Ich bin bei der Musik geblieben, auch bei der Klassischen, habe unter anderem für meine Ausstattung und Regie der Oper Salome am Bremer Theater am Goetheplatz eine Auszeichnung erhalten. Ich habe dafür unter anderem das Buch umgeschrieben und Salome nicht sterben lassen, was zu großer Überraschung der Opernbesucher führte. Man kann die Musik natürlich nicht verändern aber man kann Mitgestalten. Das war immer mein Anspruch. 2015 habe ich in Linz, am Brucknerhaus, für die Oper Weiße Rose von Udo Zimmermann das Bühnenbild beigesteuert. In der CD-Box "Attersee und seine Freunde" findet sich auch ein Buch, das einen Überblick gibt über meine Musikbereiche und meine Möglichkeiten, mit Musik zu leben. Ich musste ja alles für mich ändern. Ich halte keinen Rhythmus ein, sollte ich als Sänger einmal "falsch" liegen, so ist das bei mir erlaubt, ich spiele falsch, weil ich auch kein Instrument kann. Jede Regel, welche die Musik hat, wird bei mir - sofern es notwendig ist - nicht eingehalten.

Ist das nicht gerade das Spannende?

Das ist meine Musik, ja. Wobei ich ja auch das Andere mache. Aber die "Selten gehörte Musik" wird garantiert so werden. Mit Absicht wird dies ein sehr schräges Konzert. In der erwähnten Box sind Vorstufen dazu zu finden, hier hatte ich auch noch die Fluxus-Leute eingeladen, aus Berlin. Sie haben sich ebenfalls mit Klangmusik und Geräuschmusik beschäftigt. Wir haben selbst Instrumente angefertigt, etwa aus Papier oder Ossie Wiener aus Blech. Diese Freiheit von Musik ist jene, die mir - neben den anderen, von mir genannten Formen - die liebste ist, denn die ganz freie Musik ist immer überraschend, sie entsteht wie eine Suppe, bei der man während des Kochens das Rezept selbst erfinden muss. Sie ist aber auch ernst, da Leute mitmachen, die exzellente Musiker sind, wie Gerhard Rühm, der professionell auf das eingehen kann, was er hört. Diese Mischung macht es aus. Bis jetzt waren die Konzerte daher sehr erfolgreich, da sie nicht wiederholbar sind, wenngleich sie nun auf CD erscheinen. Einiges ist davor schon auf LP erschienen, etwa Hermann Nitschs "Island-Sinfonie".

Ihr musikalisches Spektrum ist unglaublich breit. Sie erwähnten unter anderem Klassik, Moderne E-Musik, Jazz, Soul, Fusion oder Schlager. Wie halten Sie es mit dem Blues, zu hören etwa auf "Es wird scho' glei dumpa"?

Auch wenn manches bluesig klingt, habe ich selbst mit Blues nicht so viel zu tun. Ich habe alle berühmten Leute in Chicago und New York noch live gesehen, wie Muddy Waters oder John Lee Hooker. Aber meine Lieblingsmusik sind Platten wie Stan Kentons "City Of Glass" oder Charlie Mingus' "Tijuana Moods". Dazu kommen Komponisten wie Leoš Janá

ek. Ich mag die slawische Musik überhaupt sehr gerne. Ich habe Ende der 1970er in München, in der Galerie Klewan, eine eigene Ausstellung gemacht "Der Slawe ist die herrlichste Farbe", wo es um Leoš Janá

ek ging, der in deutschen Lehrbüchern jener Zeit, die sehr rassistisch waren, als Trunkenbold dargestellt wurde. Es war daher eine Ausstellung gegen Rassismus. Das Slawische hat einen großen Reichtum an Farbe und Lebendigkeit. Ich habe mich dadurch auch politisch eingemengt. Die Ausstellung war ein sehr großer Erfolg. Ich bin bei meinen Erfolgen im Segeln des Öfteren auf den Schultern getragen worden, aber in der Malerei nur ein einziges Mal: in dieser Ausstellung. Das ist in der Malerei eigentlich nicht üblich. (lacht) Ich mache immer wieder Ausstellungen, die kritisch sind, zum Beispiel "Jesus übt", mit Kritik an Religion. Hier habe ich versucht, von jenem Teil des Lebens von Jesus wegzugehen, der immer erfolgreich war und Situationen zu finden, in welchen das Gegenteil der Fall war. Es war somit eine Ausstellung mit Kritik an Religionen schlechthin. Wobei die katholische Religion die fadeste von allen ist. Aber wenn man etwa das Frauenbild der Religionen heranzieht, so muss man nur etwas über hundert Jahre zurückdenken, wie die Frauen damals von der (katholischen) Männerwelt behandelt wurden. 250 Millionen Menschen wurden zudem von den Christen umgebracht. Das sind Dinge, die mich interessiert haben, und die ich in Ausstellungen behandle. Mit Malerei kann man sehr viel Nachricht und Kritik geben. Es ist nicht Politik aber Gesellschaftspolitik. Ich hatte das Glück, dass diese Ausstellungen von mir immer funktioniert haben, aber es sind natürlich Risikoausstellungen.

Findet sich dieses Kritische auch in Ihren Liedern?

In den Liedern suche ich natürlich das Erotische in der Sprache. Man müsste dazu näher definieren, was ist "erotisch", "kritisch" oder "Sexualität". Ein Lied, das auf "Werksquer" enthalten ist, betitelt sich "Muttimädel". Schon das Wort ist ein Atterseewort. Die Mutter, die ihren Sohn liebt, hört ihm darin Nachts beim Klavierspielen zu. Sie entblößt sich langsam und verführt ihn zuletzt auf dem Klavier. Das sind Inhalte, die schon kritisieren, hier den sogenannten nichterlaubten sexuellen Haushalt. Auch der Umgang mit Tieren und der Umwelt findet sich bei mir kritisch. Wir vergessen immer, dass auch die Erde ein Lebewesen ist, das allerhand kann. Es gibt Klimaverschiebungen, die von der Erde selbst erzeugt werden. Der Nordpol wiederum ist magnetisch gar nicht fassbar, er verändert sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit, wie ich unlängst in einem Artikel gelesen habe. Man weiß bis heute aber nicht, warum. Die Erde hat ihre Eigenständigkeit. Das muss man einbeziehen in die Beurteilung, wie wir weiter zu leben haben und was wir riskieren dürfen. Da hat die Musik als Nachricht eine Chance. Das heißt, die Musik selbst nicht, aber als Nachricht-Begleiter. Das trifft auch auf die Malerei als Nachricht- und Kritik-Begleiter zu. Beides wird dann leider zur Sprache werden müssen, um die Menschen zu informieren. Das muss aber nicht unbedingt ein Nachteil sein. Es gibt ja sehr viel erzählerische Musik. Man denke an die drei Da-Ponte-Opern, die sehr kritisch sind. Das Finale von Don Giovanni interessiert mich sehr. Für die Katharer waren Himmel und Hölle dasselbe. Eine gute Religion. Warum kann Don Giovanni zum Schluss lächelnd in die Hölle gehen, die katholische Regierung nicht akzeptierend? Aufgrund der katharischen Philosophie, Da Ponte war Katharer. Alle drei Da-Ponte-Opern haben aktuell gesellschaftskritische Inhalte. Beschäftigt man sich mit der Biographie von Da Ponte, erkennt man, dass er mehr war, als ein Textdichter. Er hat, ich nehme an in Absprache mit Mozart, versucht, mit Humor und Ernsthaftigkeit Nachricht zu geben. Wenn ich zurück komme zur erwähnten "Weiße Rose", die gegen die Nazizeit auftritt, ist auch sie eine Oper, welche durch ihre Musik und ihre Tragik Menschen ergreifen kann. Das ist etwas Spezielles der Musik. Sie kann Menschen in verschiedene Gefühlszustände versetzen. Die Musik fängt das Jetzt am besten ein, wenn man es für sich zulässt. Ich gehe ans Klavier, spiele drei Töne: das ist Jetzt. Wenn man in einem musikalischen Werk, unabhängig vom Genre, erfasst wird, ist man in einem Jetzt. Die Musik holt dich ab, nimmt dich mit. Das ist das Grandiose an Musik!

Walter Gröbchen schreibt in den Linernotes zu "Werksquer", Sie seien eventuell "nach Falcos Abgang, der letzte Rockstar Österreichs". Wie sehen sie das?

(lacht) Ein Rockstar hat die Vielfalt zu leben, die Freiheit, sich das Leben in allen Bereichen zu nehmen. Da kann man mich schon vergleichen. Ich war mit Falco ein bisschen befreundet, er war sehr an Kunst interessiert. Er ist zu einer Ausstellung von mir nach Budapest mitgefahren, ich war bei einem Konzert von ihm in Köln usw. Was kann ein Rockstar sein und wie soll er sein? Er kann eigentlich immer anders sein. Auch Falco hatte viele verschiedene Facetten. In diesem Sinne kann ich Walter Gröbchens Vergleich verstehen. Er hat natürlich versucht, etwas zu finden, was mich in meiner Vielseitigkeit beschreibt und in meiner Selbstdarstellung. Ich bin ein guter Selbstdarsteller auf der Bühne und in der Malerei. Auch Falco war ein guter Selbstdarsteller. Es gibt schon Ebenen, die sich überschneiden können. Aber ich bin kein hauptberuflicher Musiker, sondern für mich ergeben Musik, Sprache und Malerei ein Dreieck. Sie gehören für mich zusammen, sind meine drei Ausdrucksmittel, mit denen ich in die Öffentlichkeit gehe, sie mit Verantwortung und Haltung betreibe. Interview: Dietmar Hoscher

VINYL-TIPP:

  • Attersee „Werksquer 1968-2018 – Die Musik-Box“, SCHALLTER/monkey

CD-TIPPS:

  • Attersee „Rampi Rampi – Werksquer 1968-2018“, SCHALLTER/monkey

  • Attersee „Attersee und seine Freunde“, Orlando Records (5CD-Schuber)

AUSSTELLUNGS-TIPP:

  • bis 18. August 2019, Attersee.Feuerstelle, Wien, Belvedere 21

LIVE-TIPP:

  • 16. Juni 2019, Attersee Matinee. Selten gehörte Musik, Wien, Belvedere 21

BUCH-TIPP:

  • „Attersee.Feuerstelle“, Katalog zur Ausstellung, Verlagsgruppe Random House

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