Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 2/2019 > Marina & The Kats

Hans Kulisch (1954–2019) - Ein Nachruf von Richard Schuberth

Am 29. März ist unser "Concerto"-Kollege Hans Kulisch von uns gegangen. Nach längerer Krankheit und kurzem Leiden.

Marina & The Kats / Foto: Valentina Morianz

"Swingsalabim" heißt es, das dritte, sehnsüchtig von den Fans erwartete Album von Marina & The Kats. Wer das Trio um die Sängerin Marina Zettl, den Gitarristen Thomas Mauerhofer und den Bassisten Peter Schoenbauer nach den beiden Vorgängeralben "Small" und "Wild" und nach jährlich rund 80 Auftritten immer noch nicht kennt, hat nun dank des Albums und der ausgekoppelten Single "Stick To What You Got" einmal mehr die Möglichkeit, eine Musik zu hören, die, so ein Kritikerlob, "jazziges Songwriting mit Köpfchen" verbindet und die von der Sängerin mit den Worten "anspruchsvoll, kreativ und gleichermaßen eingängig" umschrieben wird.

Das klingt gefährlich nach Mainstream und kommerziellem Ausverkauf, nach Anbiederung und einem clever konstruierten Marketing-Schachzug, perfekt ausgespielt auf der marktgerecht angeschlagenen Klaviatur des Zeitgeistes. Allerdings, auf dem Mainstream surfen, nein, dafür muss man nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen kommen.

Überhaupt, was heißt schon "Mainstream" in diesen Zeiten? Zwischen den diversen Charts liegen Welten, und was dem einen der Rap und seine Streaming-Charts sind, das sind den Nachbarn hakenkreuzschlagende Volks-Rock 'n' Roller, die Stadien füllen. Da kann man sich zu Recht bei aller Verunsicherung auf - Simsalabim! - den Jazz verlassen! Möglicherweise nicht gerade auf den, der mit bilderstürmerischer Grandezza Lärm-Kakophonien aufs Publikum loslässt. Sondern eher den, der mit Swing unterhält und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. In einem älteren Interview antworteten Mauerhofer und Zettl auf die Frage, wie politisch ihre Katzenmusik sei, indem der Gitarrist auf die besondere Kunst des Swing hinwies: "Politisch (sind die Texte) nicht. Aber die Texte sind oftmals nicht so fröhlich wie die Musik es suggeriert. Es gibt im Swing einen Gegensatz zwischen der Musik und einer textlichen Tiefe. Das zu verbinden, ist die Kunst." Und Zettl fügte hinzu: "Das schönste Kompliment nach einem Konzert ist es, wenn die Leute alle fröhlich sind und sagen: Das war schön und die Texte haben mich berührt." Mauerhofer bestätigte: "Unterhalten und etwas mitgeben, das bleibt. Wenn beides funktioniert, ist das extra super."

"Und das", schrieb der Concerto-Kollege Ernst Weiss, "braucht die leidgeprüfte Menschheit ganz sicher."

Foto: Petra Benovsky

Swingcats On Tour

Die Politik des swingenden Entertainments funktioniert für Marina und ihre beiden Kater jedenfalls prächtig, und sie dürften zu den hiesigen Acts gehören, die auch im Ausland gerne gebucht werden und regelmäßig durch Deutschland touren. "Ja", erzählte Mauerhofer damals, "da haben wir auf jeden Fall den Ausländerbonus. Die sind neugierig auf uns, und wir nützen das. Kunst und Kultur aus Österreich sind in Deutschland irrsinnig in. Die finden es total nett und interessant, dazu vielleicht etwas schrullig, wie wir reden." Bei der Durchsicht des Tourplans sticht ein Termin im Hot Jazz Club in Münster heraus. "Ja", lacht Marina, "das ist ein interessanter kleiner Club. Da passen gerade einmal 160 Leute rein, wir waren da schon mehrere Male, es war immer sehr voll. Die Leute haben sich beschwert, weil es so voll war, dass sie nicht tanzen konnten." Tatsächlich ist der Spielort Münster eine Besonderheit. Nicht nur, weil so ein Lindy Hop, bevorzugte Tanzform der Swingkids mit Überschlag und Schulterroller, bei voller Tanzfläche hier nicht so recht gelingen kann. Sondern, weil der Hot Jazz Club sehr idyllisch und sehr hip am sogenannten Kreativkai zwischen abgewrackten Industrieanlagen, chilligen, künstlichen Beach-Anlagen, kleinen Restaurants und vielen alternativen Kleinstbetrieben mitten im Hafengelände liegt. Vor allem aber, weil Münster die Heimatstadt von Götz Alsmann ist. "Den habe ich aber bei unseren Konzerten nicht gesehen", kichert Marina, "der wäre mir mit seiner Tolle aufgefallen." Leider kennt sie nur die vorwitzig aufgetürmte Haarlocke, nicht die Musik des deutschen Entertainers. Der kleidet sich nicht nur seit ewigen Studienzeiten swinggerecht in feinsten Zwirn, sondern tummelt sich ebenfalls auf jenem Musikterrain, das sich mit der Bezeichnung "Swing" umschreiben lässt. Allerdings setzt er andere Akzente. Angefangen hat er in den Spätsiebzigern mit frühem amerikanischem Rock 'n' Roll, seit Jahren singt er allerdings in deutscher Sprache, wobei er seiner Vorliebe für den Jazz-Schlager der fünfziger Jahre frönt. Die Musik swingt, und die Texte funktionieren auf einem hohen Charmelevel, das kaum zu toppen ist. (Kein Wunder, dass es ein wahrer Katzenjammer ist, dass sich das Trio noch schwer mit Swing in deutscher Sprache tut.) Zumindest an der über 40-jährigen Karriere des Münsteraners lässt sich ablauschen, dass Swing kein Stil ist, der erst mit Marinas Katzenmusik in die Welt kam. Einem Experten wie Mauerhofer ist das natürlich keine Neuigkeit. Für ihn, den Gitarristen, zählt natürlich der Großmeister des Gypsy-Swing, Django Reinhardt, zum Olymp seiner Götter. Auch der Name von Cab Calloway, Bandleader und Sänger unvergesslicher Songs wie "Minnie The Moocher" und "Hi De Ho Man", wird in Ehren gehalten. Zettl hält bei der Frage nach weiteren musikalischen Ikonen allerdings dagegen: "Ich liebe auch die Stille. Ich höre auch nicht immer nur Jazz, nicht nur Swing."

Ein kurzer Blick auf ihre Biografie bestätigt ihre Aussage. 1982 in Graz geboren, hat sie Klavier und Jazz-Gesang bei Mark Murphy studiert und sowohl mit Pop und Elektropop experimentiert, mit Oliver Steger sogar CDs für Kinder eingespielt. Sie mag die stilistischen Zwänge und Kategorisierungen, die Musikjournalisten so mögen, ganz und gar nicht, liebt vielmehr ihre Freiheit und wie ihr "partner in crime" Mauerhofer die stilistische Offenheit. Und eigentlich, das ist ihr wichtig, behagt ihr auch das Bild nicht, das um ihr Trio, "die smallest Big Band der Welt", entstanden ist. "Ich habe schon oft gehört, dass die Leute zu uns sagen, 'Ah, das ist die Swing-Coverband'. Das stimmt so nicht. Wir schreiben unsere eigenen Songs, wir covern nicht. Das ist total unsere eigene Musik. Mit Coversongs kann man das Publikum anlocken, aber diese Lockmittel brauchen wir nicht mehr. Der Swing ist unsere Basis, und der ist älter als wir, der ist zeitlos!"

Foto: Max Parovsky

Swing ist unser Ding!

Die Konstante des Swing hält tatsächlich eine Musik am Leben, die seit den 1930er Jahren Füße zum Wippen, Körper zum Tanzen, Musiker und ihr Publikum bewegt und dabei trotzdem keine Beleidigung der musikalischen Intelligenz darstellt. Wer alt genug ist, kann deshalb auf diverse Swing-Bewegungen zurückschauen.

Alles begann in den dreißiger und vierziger Jahren mit großorchestralem Swing der Marke Duke Ellington, Count Basie, Cab Calloway oder Benny Goodman. Das war die Musik, zu der alle tanzten und sich kleideten, in einem Maße, das selbst nach heutigen Maßstäben allumfassend war. Ganz Amerika gab sich einer Mode hin, die sogar bis nach Europa schwappte, hier aber nur, von betulichen Tanzkapellen dargeboten, zu einer schneller gespielten Salonmusik verkam. (Große Ausnahme natürlich Django Reinhardt mit seinem Gypsy Swing.) Wo in Amerika die Rassentrennung und die ersten Schritte der Bürgerrechtsbewegung der Musik und den Tanzschritten des Swing Explosivität beimischten, fehlte dieses Element weitestgehend in Europa. Der von den Nazis verpönte Jazz blieb schlicht unverstanden als Radaumusik einer verdorbenen Subkultur, und selbst wenn einige "Swingheinis" ihre Liebe zum Swing mit dem KZ-Aufenthalt bezahlten, wurde er dem Regime nie so richtig gefährlich.

Nach der Befreiung wurde Swing getanzt, allein, von Amerika wurde einzig das Prinzip der "Guten-Laune-Musik" übernommen, Spaß zu haben, gehörte zum Pflichtprogramm beim Wiederaufbau, und am flottesten ging es bezeichnenderweise im Schlager-Idiom zu. Schlager und Jazz flirteten heftig miteinander, und viele der Musiker, die wir heute mit seichtem Schlager assoziieren, kamen aus der Jazzszene. Zu verdienen gab es dort außer Meriten nichts, und so verdingten sich Musiker unter ihren eigenen Ansprüchen in den Studios der Schallplattenfirmen und bei den Orchestern, die schon in der Nazi-Zeit für Stimmungsaufhellung gesorgt hatten.

Während in Amerika Musiker wie Louis Jordan, die Treniers oder Louis Prima mit schreienden Saxofonen, zweideutigen Texten und wüstem Gesang den Rock 'n' Roll vorzubereiten halfen, sang Peter Alexander, selbst ein begabter Jazz-Pianist, den "Optimisten-Boogie". Im deutschsprachigen Jazz wurde jede Rhythm 'n' Blues Vulgarität bildungsbürgerlich mit leichtfüßiger Eleganz umtrippelt. Wobei uns Heutigen die damaligen Umschreibungen für das sexuelle Begehren weitaus gewagter erscheinen als jedes herausgespuckte "Ich-fick-deine-Mutter" eines Rappers. Wenn Evelyn Kühnecke zu swingender Big Band Begleitung " Haben Sie nicht einen Mann für mich?" sang, Bibi Johns "Wie leicht das passiert" swingte, Paul Kuhn "Die Farben der Liebe" beschwor, Rita Paul zu feinsten Jazz-Arrangements wusste "Das ist nichts für kleine Mädchen", Renée Franke zum "Krähwinkel Boogie" aufforderte und Caterina Valente den "Gespensterblues" bekam, da kam für einen kurzen Moment in der Musikgeschichte deutsche Sprache auf textlich bestem Niveau mit Witz und Charme mit leichtfüßiger, jazzähnlicher Musik zusammen. Das ist die Musik, für die sich ein Götz Alsmann begeistern kann, und auch Marina fällt bei dem Namen von Caterina Valente nur Lob ein: "Ich bin ja ein riesengroßer Fan von ihr mittlerweile. Ich muss gestehen, dass ich vorher von ihr ganz wenig gekannt habe. Sie singt in verschiedenen Sprachen, kann toll tanzen, sie hat geschauspielert, war eine wunderschöne Frau, eine super Gitarristin. Künstler wie sie wurden oft kleingeredet mit 'Ach, das sind ja nur Entertainer.' Aber da gehört viel dazu, dass diese Künstler viele Sachen einfach ganz gut konnten. Das ist es, was uns an ihnen fasziniert hat."

Das Gesamtpaket muss halt stimmen, weshalb sich eine Frage nach ihren eigenen Tanzkünsten anschließt. "Ah ja", drängt es aus ihr heraus, "Stepdance habe ich einmal versucht, Lindy Hop natürlich auch. Aber das ist eine eigene Kunst. Ich stehe ja schon auf der Bühne und singe und schlage die Snaredrum. Wir alle müssen mehr als ein Instrument bespielen und noch gut aussehen! Aber ich bewundere die Szene und bin immer wieder erstaunt, wie lebendig und groß sie ist. In Wien, Linz, in Münster, überall gibt es sie." Die stylischen Klamotten im Retrolook lassen sie sich von Alexandra Goger nach original-alten Schnittbögen schneidern, für den enthusiastischen Rest sorgt zumindest in Wien eine Szene, die den Lindy Hop als Ausdruck wahrer Lebensfreude feiert und im Mai ihr zwanzigjähriges Jubiläum rund um die Tanzschule "Some Like It Hot" mit gleich vier Abendparties feiert. Ob Jive, Boogie, Shimmy oder Lindy Hop, der Tanzspaß erinnert an die Zeitlosigkeit einer Musik, die zu gut war, um jemals wieder vergessen werden zu können. Das letzte große Swing-Revival gab es kurz vor der Jahrtausendwende, vornehmlich in den USA mit ebenfalls fashionablen Bands wie den Dino Martinis, Big Dad Voodoo Daddy, Royal Crown Revue oder der New Morty Show. Ein großer Spaß, bei dem ich mehr über rutschfeste Herrenschuhe und blickdichte Frauenunterwäsche erfuhr als bei einem Konzert vom Swingmeister Lionel Hampton im Konzerthaus Wien 1954, bei der er die Wiener zum hysterischen Kreischen brachte. Bei Marina und ihren Kats geht es gediegener zu. Aber der Spaß ist trotzdem da, elegant und auf Zehenspitzen. Harald Justin

AKTUELLE CD

Marina & The Kats, "Swingsalabim", o-tone music, www.o-tonemusic.eu

CD-TIPP

Lionel Hampton, "In Vienna 1954 Vol. 1/Vol. 2, RST Records (1990)

BUCH-TIPP

V.Vale: Research # 3: Swing! The New Retro Renaissance, San Francisco 1998.

WEB-TIPP

www.marina-thekats.com

www.somelikeithot.at

LIVE-TIPPS

05.04.: Spittal a.d.Drau,Schloss Porcia

11.04.: Fürstenfeld, Die Akte

12.04.: Tulln, Musikwerkstatt

25.04.: Salzburg,Oval

26.04.: Pichl, Kulturcafé

27.04.: Linz, Landestheater

29.04.: Wien, Radiokulturhaus

05.05.: Graz, Theatercafé

11.05.: Anger, Kommst Festival

29.05.: Hall, Stromboli

31.05.: Rottenmann, Kultur im Zentrum

01.06.: Schladming, Klangfilmtheater

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