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Simon Plötzeneder: An der Kreuzung

Alles an der aktuellen CD des Simon Plötzeneder Quartetts ist durch und durch österreichisch: von den mitwirkenden Musikern bis zum Studio, in dem es aufgenommen wurde. Alles außer dem Titel und der Musik.

Simon Plötzeneder

Wir befinden uns an der Ecke der 145th Street und dem St. Nicholas Boulevard in Manhattan, New York. Einige Straßen weiter residierte einst der Schöpfer vieler Jazzstandards, Billy Strayhorn. Vor kürzerer Zeit aber dürfte der österreichische Trompeter Simon Plötzeneder in der Gegend einige Zeit verbracht haben. Denn von Amsterdam aus gewann er ein New York Stipendium, das ihm die Fortführung seines Studiums an der Manhattan School of Music ermöglichte, wo zu seinen Tutoren unter anderem Dave Liebmann und Joe Magnarelli zählten. Ein Mitbringsel aus dieser Phase seines musikalischen Werdegangs und eine Erinnerung an besagte Gegend dürfte somit der Titel der CD darstellen: "145th & St. Nicks". Ein passend amerikanischer Name für ein ebenso amerikanisches Jazz-Album. Ein weiterer Höhepunkt in Simon Plötzeneders Portfolio sind übrigens drei Auftritte mit dem legendären und wohl größten hiesigen Jazz-Export aller Zeiten: Joe Zawinul. Dieser wiederum hat ja bekanntlich mit seinem musikalischen Partner Wayne Shorter und der gemeinsamen Band Weather Report über viele Jahre hinweg Musikgeschichte geschrieben. Shorter wiederum ist einer der Haupteinflüsse des Simon Plötzeneder, um dessen aktuelles Werk es hier ja schlussendlich gehen soll.

Tribute, Walzer und Balladen

Besagtem Wayne Shorter ist eines der kompositorischen Highlights auf "145th & St. Nicks" gewidmet. "One For Wayne" ist eine Komposition, die wie alle auf der CD aus Plötzeneders Feder stammen, und die sich relativ nahtlos in frühe Shorter-Meilensteine wie "Et Cetera" einfügen könnten. Wobei Plötzeneders Trompetenspiel über weite Strecken eher dem anderen großen Bandleader von Wayne Shorter Tribut zollt: Miles Davis, der gerade im fantastisch aufbrausenden Trompetensolo dieses Stückes spürbar zugegen ist. Nach Plötzeneder brilliert dann Pianist Martin Reiter, der über die gesamte Länge des Albums Fender Rhodes spielt und somit in die boppige Action mancher Stücke einen spürbaren Coolness-Faktor einbringt. "Joe's Mode" legt eine entfernte Verwandtschaft zu Joe Hendersons relaxtem "Mode for Joe" nahe, aber auch hier gilt, dass Plötzeneder Einflüsse zwar hörbar macht, sie aber dennoch in seine unverkennbare, eigene Idee verwandelt. So zum Beispiel auf dem darauffolgenden Stück "Things". Der Trompeter legt mit dem Dämpfer einen rauen, transparenten Ton an den Tag, der kaum mit einem anderen vergleichbar ist. Das eine oder andere direkte Zitat kann sich der traditionsbewusste Musiker im Laufe der Platte nicht verkneifen und zaubert einem damit jedes Mal aufs Neue ein Grinsen ins Gesicht.

Simon Plötzeneder live im Porgy & Bess / Foto: Herbert Höpfl

Plötzeneder, Reiter, Hodas und Rainer

Der Bandleader hat sich für die Aufnahme dieser CD einige der besten Leute für straight ahead-Jazz ins Studio geholt. Am Schlagzeug sitzt der subtil druckvolle Wolfgang Rainer, der, von Aufnahmeleiter und Schlagzeug-Kollegen Dusan Novakov in dessen Studio detailgetreu abgenommen, seine Rolle als strenger Timekeeper kaum besser erfüllen könnte. An seiner Seite steht der in den unteren Lagen des Kontrabasses fest geerdete Bassist Karol Hodas, welcher ein verlässliches wie unaufdringliches harmonisches Grundmuster einbringt. Wie bereits kurz erwähnt, ist die Wahl des Fender Rhodes-Pianos anstelle eines normalen Klaviers ausschlaggebend für den Sound und das Feeling von "145th & St. Nicks". Würde die CD, mit einem Flügel eingespielt, noch eher wie eine herkömmliche Bop-Platte klingen, so hebt sie sich durch den Einsatz dieser doch höchst eigenwilligen Klangfarbe von der Konkurrenz ab. Die übliche Assoziation des Rhodes mit relaxteren und groove-orientierten Sparten des Jazz wird hier völlig außer Acht gelassen. Im Kontext von Plötzeneders Kompositionen und der klassisch swingenden Rhythmusgruppe erscheint das Instrument in einem anderen, ungewohnten wie spannenden Licht.

Am Ende ist es keine einzelne Komponente, sondern das Zusammenwirken von Plötzeneders Kompositionen mit dieser spezifischen Band, die das Album so bemerkenswert macht. Schon der Opener verleitet zum Weiterhören: Der "Waltz for Andy" hat eine einprägsame Melodie inne, die durch das Unisono-Spiel von Rhodes und Trompete zum Leben erweckt wird und sich ins Gehör des Publikums einprägt. Dies sei hier nur sinnbildlich für das gesamte Album angemerkt, denn im Prinzip erschließt es sich ab der ersten Note wie von selbst. Obwohl man der Platte auch auf der Passiv-Hör-Ebene viel abgewinnen kann, lohnt sich das Vertiefen in die Materie allemal! xapl

CD-Tipp:
Simon Plötzeneder Quartet, "145th & St. Nicks", ATS Records, Vertrieb: Preiser

Web-Tipp:
www.ploetzeneder.net

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