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Musik ist nicht demokratisch

Gregory Porter, der sympathische Jazzsänger mit dem hohen Soulfaktor, veröffentlicht am 17. April mit "All Rise" sein sechstes Album. Concerto traf ihn in Paris.

Gregory Porter beim Interview mit CONCERTO-Mitarbeiter Samir Köck FotoCredit: AMYSIOUX_PRESS_

Ist es, wenn Sie aufnehmen, immer noch so aufregend wie bei Ihren ersten Platten?

Ja, Gottseidank! Die Freude steigerte sich mit jedem Tag. Früher hatte ich meine Alben in vier, fünf Tagen im Kasten. Diesmal nahm ich mir mehr Zeit, wollte die Spannung länger aufrechterhalten. Einen Teil der Aufnahmen machten wir in Los Angeles, den anderen in Paris. Wenn man so vor sich hinarbeitet, vergisst man total, was man vor zehn Tagen aufgenommen hat. Sich das dann wieder anzuhören und zu entdecken, dass man etwas wirklich Gutes geschaffen hat, das war sehr befriedigend. Es ist sicher mein "produziertestes" Album, aber es steckt immer noch jede Menge Humanität darin.

Wie meinen Sie das?

Nun, wenn ich in "Love Is Overrated" verliebt klinge, dann bin ich es wirklich. Wenn ich am Ende von "Merchants Of Paradise" zornig klinge, dann war ich es wirklich. Meine Emotionen sind echt und das hört man. Auf das bin ich ein wenig stolz.

Haben Sie den Produzenten Troy Miller selbst ausgesucht?

Ja, weil wir in England schon ein paar Mal sehr gut zusammengearbeitet haben. Bei Orchesteraufnahmen, aber auch bei Fernsehshows. Er spielt wunderbar Orgel. Er ist ein Freund und hat Respekt vor dem, was ich mache.

Bei den Sessions in Los Angeles war aber zusätzlich Ihr alter musikalischer Kamerad Kamau Kenyatta mit dabei. Warum?

Er ist eine Art musikalischer Gouverneur für mich. Er ist nie zu schüchtern, mir die Wahrheit zu sagen. Wenn einmal etwas nicht gut war, was selten passierte, teilt er es mir furchtlos mit. Ehrliche Freunde wie ihn kann man nicht mit Gold aufwiegen.

Das Lied "Concorde" fiel Ihnen im Flugzeug ein. Ist das ein Ort, der Sie entspannt?

Auf jeden Fall. Ich steige ja meistens müde in den Flieger. Und wenn mich der, wie im Fall der Concorde, mit Überschallgeschwindigkeit wohin bringt, dann löst das auf geradezu magische Weise kreative Schübe aus. Das kann aber auch im Zug oder am Fahrrad passieren. "Be Good" fiel mir tatsächlich beim Fahrradfahren ein.

"Merry Go Round" klingt sehr nach Paris. Ist es dort entstanden?

Ja. Aber selbst, wenn man sich auf amerikanischen Karussells dreht, beamt es einen gefühlsmäßig nach Paris. Mir geht es zumindest so. In meinem Lied geht es um ein rostiges Pferd auf einem teilweise renovierten Karussell. Es will für die Kinder attraktiv sein wie die frisch lackierten Kollegen. Und das ist es auch auf mehr oder weniger klandestine Weise. "Merry Go Round" ist ein kleines Märchen.

Was ist Ihre Vorstellung eines perfekten Liedes?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, was ein perfekter Song ist. Mir ist beim Liederschreiben wichtig, dass ich mich mutig mit etwas Profundem auseinandersetze. Essenziell ist eine gute Melodie, die Herz und Hirn gleichermaßen anspricht. Und sehr wichtig ist, dass ein Lied nicht mit Information überfrachtet ist. Es muss atmen können, nur dann brennt es sich in die Herzen der Hörer.

Ist der Prozess des Editierens über Jahre für Sie wichtiger geworden?

Auf jeden Fall. Manchmal möchte man aus Egogründen irgendeine Form von Zierrat hinzugeben, manchmal, um den Menschen zu gefallen. Solche Passagen streiche ich weg. Poesie kann auch auf engem Raum passieren. Kürze und Pointiertheit wurden mir mit der Zeit wichtiger.

Ihr Album ist mit "All Rise" betitelt. Das soll Ihre Philosophie widerspiegeln. Inwieferne?

Musik hebt alle Menschen empor. "All Rise" sagt man beispielsweise, wenn ein militärischer Vorgesetzter den Raum betritt und alle aufspringen müssen. Auf ähnlich unbedingte Art muss Musik wirken. In dem Sinn ist Musik nicht demokratisch.

Ihre Lieder sind stets voller Empathie. Fühlen Sie sich Menschen nahe, die in ihrem Leben kämpfen müssen?

Das tue ich. Das hat mit meiner Erziehung und mit der afroamerikanischen Kultur zu tun. Ich habe immer mit Außenseitern sympathisiert. Mein erstes Publikum waren Obdachlose, Prostituierte und Drogensüchtige. Ich bin stolz darauf, vor Queen Elizabeth gesungen zu haben und vor Menschen, die einen hohen Status erreicht haben. Aber zu singen begonnen habe ich vor Menschen, die ganz unten waren.

Kann es so etwas wie Solidarität in Ländern wie den USA geben, die vom Konkurrenzgedanken geprägt sind?

Doch, ja. Es kommt darauf an, wer im Weißen Haus sitzt. Es ist ein wenig wie Ebbe und Flut. Derzeit hat Mitmenschlichkeit einen niedrigen Status bei uns. Ich hoffe, dass sie groß zurückkommt und jemanden ganz Bestimmten aus dem Amt befördert.

Sie werden wohl immer noch gelöchert wegen Ihrer distinktiven Kopfbedeckung. Machen wir es anders. Welche Jazzhüte und Soulkapperln in der Musikgeschichte mögen Sie?

Lassen Sie mich nachdenken. Zuallererst den Pepita-Hut von Nat King Cole. Dann die Kapitänsmütze von Count Basie, Billy Pauls Lederhut und natürlich Donny Hathaways Schiebermütze. Interview: Samir H. Köck

CD-Tipp:
Gregory Porter "Rise", Blue Note, Vertrieb: Universal

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