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Interview mit John Watts (Fischer-Z)

Hier das vollständige Interview mit John Watts, anlässlich seines neuen Fischer-Z Albums "Swimming In Thunderstorms".

Das gesamte Feature über "Rock & Politik" ist in der neuen Printausgabe von CONCERTO nachzulesen.

John Watts / Foto: Hoscher

Ich habe gehört, Du sprichst etwas Deutsch?

Nun, mein Großvater sprach fließend Deutsch. Er wurde 1872 geboren. Er war Soldat und wurde als Aufseher für deutsche Kriegsgefangene eingeteilt. Wie Du weißt, gab es damals großen Respekt zwischen den Soldaten aus der Arbeiterklasse aller Nationen, auch wenn sie im Krieg gegeneinander kämpfen mussten. Also lernte mein Vater Deutsch und hatte letztlich viele Freunde unter den deutschen Kriegsgefangenen, die ihm auch Basteleien etwa aus Holz schenkten, die sie angefertigt hatten. Viele dieser Menschen waren ja keine Soldaten sondern gelernte Handwerker. Da gibt es berührende Inschriften an meinen Großvater wie „Dear George from Fritz and Günther“. Derartige Dinge gehören zu den wertvollsten „Besitztümern“ meiner Familie, denn es zeugt von Zusammengehörigkeit. Mein Vater war während des Krieges in Indien stationiert, er spricht fließend die dortige Sprache. Ich bin kein Soldat, ich spreche die Sprache der Musik! Soldaten wollen keinen Kriege, weil sie die Konsequenzen kennen. Es sind immer Politiker, welche diese anzetteln.

Du hast lange Zeit kaum Interviews gegeben.

Mein Sohn, der nun 25 ist, hat mein Co-Management übernommen und auch die Interviews eingefädelt. Ich muss sagen, dass ich wieder großen Spaß daran habe. Viele meiner Kollegen, die nach wie vor unterwegs sind, und für welche ich großen Respekt hege, machen jene Musik, die sie immer gemacht haben und haben dieselben Fans. Das ist vollkommen ok, aber ich könnte dies nicht. Wie jede Kunstform hat Musik für mich auch die Aufgabe, Dinge aufzubrechen. Ich liebe es, musikalisch etwas zu unternehmen, um es das nächste Mal völlig anders zu machen, um es frisch zu halten. Das ist, so glaube ich, der Grund, warum Fischer-Z heute zum Teil ein völlig anderes Publikum hat als 20 Jahre zuvor. Und mit 21 Alben im Hintergrund, habe ich ohnehin einen ungeheuren stilistischen Fundus, aus dem ich schöpfen kann.

Viele der „älteren“ Acts, etwa der 70er und 80er, haben heute auch zahlreiche junge Fans.

Stimmt. Das ist natürlich nicht von Vorteil für neue Bands aber gut für die alten. (lacht) In den alten Zeiten gab es auch noch Strukturen wie Plattenfirmen, Marketingabteilungen usw. Da haben es junge Musiker heute viel schwerer. Keine Plattenfirma denkt heute noch daran, einen Act über drei oder vier Alben lang zu entwickeln. Aber die Attraktion von Punkbands etwa der Jahre 1976, 1977 usw. unter jungen Menschen liegt in der Marke, dem Brand „Punk“. Da ist es dann vollkommen egal, wie alt die Musiker selbst sind. Zudem folgen junge Leute heutzutage keiner „Jugendbewegung“, wie wir sie kannten mit Mods, Punks, 2-tone und anderen, mehr. Sie hören etwa im Internet, finden etwas in Playlists und wollen dies sofort haben. Und diese Playlists können von AC/DC über Ed Sheeran bis zu Captain Beefheart variieren. Der „Wert“ von Musik hat sich ebenfalls gewandelt. In den Sechzigern hatten die Teenager nur Musik und zwei TV-Kanäle. Heute gibt es unendlich viele andere Freizeitbeschäftigungen. Andererseits schätzen junge Leute heute z.B. Vinyl wieder sehr.

John Watts - ein charismatisches Multitalent

Wer waren eigentlich deine Vorbilder?

Du wirst lachen, nicht die Musiker. Meine Helden waren die Poeten und Surrealisten. Dylan bewunderte ich für seine Dichtung und mein absoluter Favorit war Andy Warhol. Als Jugendlicher folgte ich Velvet Underground aber auch Alex Harvey, ein Genie! Ich fühle mich angezogen von "verrückten" Leuten. Als man Anfang der Achtziger versuchte, mich als Rockstar zu verkaufen und in Stadien zu stecken, war das nicht das, was ich wollte. Letztlich habe ich überlebt, weil ich über vierzig Jahre nicht aufhörte, Songs zu schreiben. Das ist ein Privileg. Musik ist meine Kunstform. Das ist auch ein Grund, warum ich mein eigenes Label, So Real, habe. Inzwischen kannst du in Netzwerken, etwa mit Vinyl-Händlern und Plattengeschäften, welche du kennst, besser direkte Geschäfte machen, als mit Plattenfirmen. In einer perfekten Welt, würde ich ausschließlich Vinyl in Plattengeschäften haben wollen. Die CD war bequem aber Vinyl ist ein Artefakt. Downloads und CDs sollten Vinyl gratis beigelegt werden, sodass die Fans die Musik auch im Auto und unterwegs hören können. Mich stört auch Spotify nicht, auch wenn wir Musiker daran nichts verdienen. Aber es bedeutet, dass Menschen meine Musik hören können. Und das ist doch der Grund, warum ich Musik mache: damit sie gehört wird! Und zudem machst du auf deine Livekonzerte aufmerksam. Auch die Musikpresse ist nach wie vor wichtig, Print wie Online. Denn wenn niemand auf dich aufmerksam macht, wird auch keiner zu deinen Konzerten kommen. Mit dieser Strategie haben wir unser Publikum um ca. 30% vergrößert. Daher sollte man nach wie vor auch PR-Agenten haben, welche man anständig bezahlt. Einfach um Kontakte herzustellen und die Netzwerke zu stärken. Interviews sind wichtig, zumal du in Interviews mehr sagen kannst als in der Musik. Außerdem interviewst du ja einen Menschen, nicht "nur" einen Musiker. Und manche Menschen haben viel zu sagen. Meine Musik war stets auch in politischem Zusammenhang zu sehen, sodass persönliche Gespräche wichtig sind.

Gibt es ein Konzept hinter "Swimming In Thunderstorms"?

Schon der Titel weist darauf hin, dass wir in sehr unklaren Zeiten leben. Die politische Situation ist weltweit instabil und das hat Auswirkungen auf unser gesamtes Leben, auch, wie wir miteinander umgehen. Meine Kinder leben heute in einer Zeit, die ungleich schwieriger ist, als es meine eigene war. Ich bin in die leichteste Zeit geboren, die es jemals gab. Diese leichte Zeit wurde unseren Kinder gestohlen. Sie können sich keine Wohnungen mehr leisten, wenn sie in einer Partnerschaft leben, müssen beide hart arbeiten, oft können sie sich nicht einmal Kinder leisten. Sie stehen unter einem viel höheren Druck als wir damals.

Du hast immer betont, dass Fischer-Z- und John-Watts-Alben stets politische, linke Elemente enthalten. Kann Musik, welcher Art auch immer, das enorme, weltweite Erstarken der extremen Rechten beeinflussen? Du weist auf die Gefahr des Rechtsrucks am Ende von "Stamp It Out" ja unmissverständlich hin.

Nicht in dem Ausmaß wie früher. In den Sechzigern hat die Popkultur die Jugendkultur geleitet. Den Kids folgten den Beatles, Dylan oder den Stones. Heute kannst du den Hörern kaum vermitteln, was sie denken sollen. Aber du kannst Geschichten erzählen, welche sie zum Nachdenken bringen. Live Aid von Bob Geldof war großartig! Ein wirkliches, politisches Statement. Seitdem versuchen aber alle Plattenfirmen, bei ähnlichen, politischen Veranstaltungen einfach ihre großen Acts unterzubringen. Was sie aber nicht bedenken ist, dass die Menschen den Zusammenhang zwischen politischen Kommentaren und Kommerzialisierung durchschauen. Daher wird die Wirkung derartiger Vorhaben von vornherein geschwächt. Es fühlt sich einfach seltsam an, wenn einer der größten Acts der Welt für Klimaschutz agitiert. Es ist zwar ungeheuer toll, dass sie darauf hinweisen, aber in ihrer Multimillionärs-Position ist es leicht, klimaneutrale Konzerte zu propagieren und zu verlangen, dass alle anderen untersagt werden. Das mag die eigene kommerzielle Situation sichern, für andere das Business aber verunmöglichen. Über die Jahre hinweg wurde ich immer wieder gefragt, warum ich mich nicht direkt in der Politik engagiere. Die Antwort ist einfach: wenn du dies tust, sind dir die Hände gebunden! In Konzerten und auf Festivals kann ich hingegen sagen, was ich will und mit vielen verschiedenen Menschen ins Gespräch kommen. Ein großes Problem liegt auch darin, dass heute alles mitgefilmt wird. Ich habe absolut nichts dagegen - obwohl es keinen Sinn macht, eine ganze Show statt live auf deinem Handydisplay mitten im Saal zu verfolgen -, aber wenn ich ein Intro zu einem Song spreche und dann nur das Intro ins Netz gestellt wird, ohne Kontext zum Song, kann das enorme Missverständnisse hervorrufen. Einer unserer Songs war zum Beispiel "Let's Unfuck The World With Love & Peace". Wir haben das auf unserer Homepage in 28 Sprachen unterlegt. Und da Russisch und Arabisch dabei war, wurde unsere Website für zwei Tage gesperrt! Die englische Regierung mag es nicht, wenn du Dinge in Arabisch auf die Website stellst, weil sie nicht wissen, was es bedeutet.

Kann dir das in den Staaten mit deinem neuen Song "The Islamic American" nicht auch passieren?

Na sicher. Umso mehr als es eine wahre Geschichte ist. Der Song handelt von einer Syrischen Familie, die über Jordanien nach Schweden flüchtete, dort wollte man sie nicht, und sie kamen nach Amerika, nach Texas. Die Texaner hassen die Familie, ein Mann, eine Frau und ein kleines Kind, diese wiederum können deswegen Texas nicht ausstehen. Sie bekommen noch ein Kind, welches natürlich automatisch amerikanischer Staatsbürger ist, also ein "Islamic American". Ich verpacke derartige Themen gerne in eingängige Melodien. Bei "The Heaven Injection" etwa sagen viele Fans: "So ein schöner Love-Song!" Dabei geht es um die Frage, kannst du jemanden so stark lieben, dass du ihn - zum Beispiel im Fall einer unheilbaren Krankheit - selbst tötest?

Du hast Fischer-Z 1977 eigentlich mitten im Punk-Movement gegründet. Hat Punk dich beeinflusst?

Eigentlich kamen wir schon vorher zusammen aber bauten unsere Popularität dann mit der ersten Single 1978 und dem ersten Album 1979 auf. Wenn du ein so großer Warhol-Fan bist, wie ich, dann trifft dich Punk wie ein eisiger Schlag. Es gibt dir einen Energieschub. Auch von der Instrumentenbeherrschung her. Ich war immer Sänger, mit der elektrischen Gitarre begann ich erst zwei Monate vor der Gründung von Fischer-Z.

Warum hast du Fischer-Z bereits zwei Jahre nach der ersten Platte - zum ersten Mal - aufgelöst?

Es war zuviel für mich. Ich wollte nicht Teil der Rock-Szene sein. Zudem waren wir heillos überarbeitet, komplett erschöpft. Ich brauchte eine Pause und nahm sie mir. Mit Solo-Alben und anderen Aktivitäten. Ich wollte mit Fischer-Z immer unterschiedliche Alben machen, aber nach dem riesigen Erfolg von "Red Skies Over Paradise" wollte die Plattenfirma stilistisch eben genau ein derartiges Nachfolgealbum. Ich aber nicht! Glücklicherweise hatten wir keinen Deal. Mein Manager meinte daher, ich frei zu tun was immer ich wollte. Der Chef des Labels wiederum machte mir ein Angebot, das ich seiner Meinung nach gar nicht ablehnen konnte. Offensichtlich tat ich es trotzdem! Ich meine, du sagst so etwas nicht zu einem Künstler! Mein Manager wurde ganz blass! (lacht) Meine Soloarbeit danach wurde dann behindert - auch "The Iceberg Model", ein Album, das ich besonders mochte -, man glaubte wohl, ich würde mit Fischer-Z zurückkehren. Im Anschluss gründete ich The Cry, weil ich einfach einen anderen Namen wollte. Aber mein Sohn hat mich überredet - und er hat vollkommen recht -, dass meine "Marke" Fischer-Z ist. Dann finden, die Menschen meine Musik. Viele meiner Zeitgenossen sind wesentlich reicher als ich, aber die Musik treibt sie nicht mehr an. Ich habe auch sehr viel Geld verdient, und auch wieder verloren. Da du ein Plattengeschäft besitzt, weißt du, wovon ich rede. (lacht) Plattengeschäft, Plattenlabel, Bandmanager, alles ganz schlechte Ideen! (lacht) Verleger und Booker, das ist viel erfolgversprechender.

Wie würdest du den Stil deiner neuen Platte beschreiben?

Es ist definitiv kein Album zum Tanzen, obwohl ich das auch schon gemacht habe. Ich hoffe, es ist so etwas wie ein "21st Century Pop Album". Zudem ist es eine "band record". Ich habe diese Band nun seit drei Jahren, was lange ist, für mich. (lacht) Diese Band ist mehr als eine Gruppe, sie ist vielmehr eine Art "social club". Großartige Typen, aus verschiedenen Ländern. Das macht diesen Irrsinn von Brexit für mich etwas leichter, denn ich bin der einzige mit einem englischen Pass und mein gesamtes Tour-Equipment steht in Amsterdam. Brexit wird vielen englischen Bands das Touren verunmöglichen. Ich bin solange im Geschäft, dass ich hoffe, die erforderlichen Arbeitsbewilligungen zu bekommen. Ansonsten übertrage ich eben per Satellit aus meinem Badezimmer. Oder ich esse ein Sandwich in Brighton und der Rest der Band spielt in Wien.

Als Punk entstand, war dies eine politische Bewegung oder ein Fashion-Movement?

Wenn man in der Geschichte zurückgeht, etwa zu MC5 oder The Runaways sieht die Geschichte anders aus als wenn wir Malcolm McLaren betrachten, dann war es in England eher der Soundtrack zu einem Fashion-Movement der Kings Road, der sich dann groß ausbreitete. Ich stamme aus einem durchschnittlichen Mittelklasse-Arbeiter-Umfeld und dachte, Punks würden wirklich von der Straße kommen. Der Witz war, in Wirklichkeit kamen sie von Art-Schools. Es hatte Ähnlichkeiten zu früheren Art-School-Bands wie Roxy Music. Auch die Stones kamen letztlich aus diesem Mittelklasse-Umfeld. Der Nimbus, den Punk umgab, war, er würde aus der Arbeiterklasse kommen. Das mag für Amerika stimmen, mit Black Flag usw., aber sicher nicht für England. Letztlich war auch Warhol ein Punk, ebenso wie Stockhausen.

"Swimming In Thunderstorms" zelebriert eigentlich dein 40-Jahr-Jubiläum. Hast du Pläne für den Fünfziger der Band?

Nicht wirklich! Ich hoffe, dass ich auch dann noch musikalisch tätig bin. Solange die Musik nach meinem Dafürhalten gut ist, werde ich weitermachen. Wenn nicht, werde ich mehr schreiben - zum Beispiel Short Stories - und mehr erzählen. Das ist ohnehin wie mit meinen Songs. Ich spiele nicht viel mit Akkorden herum, zuerst läuft in meinem Gehirn ein Film ab. Ich denke da etwa an meinem Song "Marliese". Was würde sie 40 Jahre später in einem Altenheim tun und denken, wenn der Fotograf, den sie ins Gefängnis brachte wieder auftaucht, um sie in ihren Siebzigern zu fotografieren und ihre Schönheit einzufangen? Ich mag keine Remakes, aber Geschichten, die sich entwickeln. Oder wir machen "Berlin" mit Orchesterbegleitung, mit mir in einem Dinner-Suit.

Interview & Fotos: Dietmar Hoscher

VINYL/CD-TIPP

- Fischer-Z "Swimming In Thunderstorms", So Real Records
(Vinyl limitiert und handnummeriert)

 

 

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