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Klaus Doldinger's Passport: Ambassador des deutschen Jazz

Der Berliner Saxophonist Klaus Doldinger veröffentlicht mit seiner CD "Motherhood" eine musikalische Retrospektive, die einen in die 70er Jahre zurückleitet und exzellente Neuinterpretationen hören lässt.

Klaus Doldinger /FotoCredit: Peter Hönemann

Typisch für den 1936 Geborenen ist, dass er nur Songs verwendet, die er selbst für die ca. 2 Dutzend seiner Alben komponiert hat. Mit hochkarätigen Gästen wie Max Mutzke und China Moses (beide voc) oder dem Trompeter Joo Kraus findet auch jüngeres Publikum, das Doldinger eventuell nur peripher kennt, Anschluss und Interesse. Auf "Motherhood" geht es um feurigen Soul, wippenden Funk und zivilisierten Rock; marginal erreicht einen ein Jazzrock, wie man ihn ja von Passport, Doldingers Band, bestens kennt. Kurz und gut: Diese Platte ist eine (wahrscheinlich freudige) Überraschung für die Fan-Kommune und wird vor allem und auch live einschlagen. Doldinger, in Berlin geboren, in Wien aufgrund des Weltkrieges aufgewachsen, in Düsseldorf beschult und in Bayern wohnhaft, weist eine gewaltige Karriere vor, die immer noch rasant am Laufen ist und vor Erfolgen strahlt. Neugierig ist man, wie Klaus Doldinger 2021 sein 50 jähriges Passport-Jubiläum zelebrieren wird. 1971 als Quintett gegründet, debütierte Passport mit einer Langspielplatte gleichen Namens mit Olaf Kübler (sax), Lothar Meid (b), Jimmy Jackson (org) und einem gewissen Udo Lindenberg an den Drums. Der (Hamburger) Nationalheld mit Nuschelstimme singt auf der neuen CD "Devil Don´t Get Me" Soul mit klarerer Stimme. Doldinger steuerte bei dieser Originalaufnahme aus dem Jahre 1970 ein fetziges Saxophonsolo bei. Übrigens ist auf "Motherhood" ein zweites Original, "Soul Tiger" (1969), inkludiert. Nebenbei eine ziemlich wilde Raubkatze, die einem die Tür zu weiteren 9 Titeln öffnet. Ab 1952, Klaus war eben einmal 18, startete der Musiker seine Karriere bei der Amateurband The Feetwarmers, die sich dem Oldtime-Jazz widmete. 8 Jahre später bereiste Doldinger mit eben dieser Band die USA und wurde zum Ehrenbürger von New Orleans ernannt. Im Übrigen nicht die einzige Auszeichnung, die dem Erfolgskünstler verliehen wurde.

Klaus Doldinger / FotoCredit: Hönemann

Wer ist bitte Paul Nero?

Auch mit seiner Nachfolgeband, dem Doldinger-Quartett (1962), reüssierte der Saxophonist und tourte auf mehreren Kontinenten. In dieser Zeit begann Doldinger auch mehrgleisig zu agieren, um unter dem Pseudonym Paul Nero, laut dem Magazin "Jazz Podium", "den Hunger der Jugend nach Beat und Soul zu stillen". Langsam entwickelte sich Doldinger zu einem unaufhaltbaren Workaholic und einer permanent laufenden Musikmaschine; kreierte nebenbei clevere Werbejingles und komponierte ab 1963 Filmmusik; und das in einer geradezu gigantischen Menge (z.B. "Das Boot", "Die unendliche Geschichte"). Da täglich auf mehreren TV-Kanälen "Tatort"-Folgen programmiert sind, kennt doch - Herrschaftszeiten! - jeder/jede den Doldinger, da er die Kennmelodie schrieb. Zur Historie des deutschen Jazz gehört wohl auch, dass Klaus 1970 die Jazzrockformation The Motherhood gründete, die zwar nicht lange am Leben war (2 Alben), doch als erste Band stilbildend gilt, da sie innovativ elektronische Sounddimensionen akzentuiert in ihrem Konzept verwendete. Auch "Motherhood" "ertappt" Klaus Doldinger als chamäleonartigen Genrespringer, der mit Leichtigkeit in der Lage ist, Jazzrock, Funk, Soul oder puren Rock glaubwürdig zu spielen - und das mit Klasse!

Ein Passport ohne Ablaufdatum

Virtuosität beweist wie immer auch seine Partie Passport mit einem Line Up, das schon viele Jahre zusammen geheizt ist und deren Mitglieder sich immer wieder fruchtbar einbringen: Martin Scales (git), Patrick Scales (b), Ernst Ströer (perc, ist ein "Überbleibsel" aus früheren Passport-Formationen), der Kameruner Biboul Darouiche (perc) und - da freuen wir uns als österreichisches Magazin - 2 Austrians, Michael Hornek (keys, voc) und Christian Lettner (dr). Besonders die beiden Perkussionisten sind für diesen dynamisch energiegeladenen Rhythmus zuständig. Neben Mutzke und Moses singen Michael Hornek (aus Hall i. T.) "Yesterday´s Song" und - zur allgemeinen Verblüffung - der Bandleader persönlich "Turning Around". Manche Tunes beginnen "scheinheilig" wie Balladen und enden als ungestümer Rock mit jaulenden Wah Wah-Gitarren Herrn Scales oder groovigen Orgel-Soli "unseres Tirolers", z.B. das melodische "Locomotive". Beim finalen Track lernen wir Jojo Kraus kennen, einen Bayern, der z.B. für Tina Turner oder Charlie Mariano seine Trompete blies, respektive bei Kraan oder De-Phazz mitwirkte.

Klaus Doldinger / Foto: Hönemann

Um Klaus Doldingers Kommentare in Erfahrung zu bringen, interviewte CONCERTO die vitale Legende via Telefon.

Was war die Motivation, dass Sie in die 70er Jahre zurückkehren und Soul, Rock und Funk spielen?

Wir wollten nicht die bekannten Titel von damals einfach kopieren, sondern mit den Ausdrucksmöglichkeiten unserer Zeit neu interpretieren. Jedes Stück, das man aufnimmt, ist eine neue Erfahrung, das ist klar. Natürlich gibt es daher Teile der Songs, die nun verändert wurden.

Kam jetzt die Zeit, dass Sie mit dem Soul der 70er nun auch jüngeren Fans ihre Musik näher bringen wollten?

Der Hauptgrund meiner Entscheidung ist, dass wir nun alles digital aufnehmen und archivieren können. Al la longue könnte viel meiner Musik in der Zukunft verloren gehen. So digitalisierten wir die Kompositionen, um ihnen eventuell ein längeres Nachleben zu bescheren.

2 Begriffe, "Paul Nero" und "Motherhood", spielen bei diesem Projekt nach meinem Empfinden eine große Rolle. Könnten Sie mir bitte Erläuterungen geben!

Paul Nero war mein Pseudonym in den 60er Jahren, als ich parallel mein Jazzquartett führte und dieses oder jenes Jazzorientiertes im Blickwinkel hatte. Die Musik Paul Neros war eher an Popmusik orientiert. Ich denke, ich nahm ca. 10 Langspielplatten auf, die eher chartsorientiert waren. Dies war natürlich ein gewaltiger Unterschied zu dem, was ich sonst noch spielte. Deshalb ist ja Paul Nero nie live aufgetreten.

Und ihre Band The Motherhood war eher jazzorientiert, oder?

The Motherhood war ja diese Paul Nero-Geschichte.

Also der Jazz war zu dieser Zeit hinten an?

Nein, ich hatte ja ein Quartett, Quintett und Sextett, machte in New York ein Album usw. Es hat sich viel ergeben, was man ausprobieren und umsetzen konnte.

Die neue CD heißt ja "Motherhood". Warum dieser Titel?

Ach, das war einfach ein Fantasiename.

Spielen Sie aktuell Modern Jazz oder Bebop, oder ist dafür keine Zeit?

Wir spielen jetzt eben die Nummern auf der neuen CD, wie sie halt sind. Manchmal sind sie etwas jazziger, manchmal rockiger oder mehr Soul. Die Stimmung, auf die man sich einlässt, ist sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an, wie das Gefühl an diesem Tag ist und welchen Ausdruck man gerade anvisiert. Das ist alles ein sehr freies Geschehen, welche Wünsche man an diesem Tag hat und welche Möglichkeiten man sich schenkt.

Ihre Band ist so flexibel, dass sie diese Genresprünge mitmachen kann und auch beherrscht?

Natürlich. Wir spielen ja gerade in dieser Besetzung, weil meine Musiker in der Lage sind, diesem allen zu folgen.

Sind Sie parallel auch in anderen Ensembles aktiv?

Nein. Manchmal spielen wir, also Passport, mit einem großen Orchester, das natürlich ganz anders aufgestellt ist. Diese Orchester kommen von der Klassik, daher sind auch für uns klassische Einflüsse zu implantieren. Die Ensembles spielen natürlich nicht frei. Passport löst sich aber bei bestimmten Parts aus diesen Rahmen.

Eine große Tournee steht im Frühjahr in Deutschland bevor. Kommen Sie auch nach Österreich?

Nein, bis jetzt weiß ich von nichts. Ich hoffe jedoch, dass sich durch die neue CD Gesichtspunkte ergeben und wir auch nach Österreich kommen werden. Wahnsinnig gerne würde ich mit Passport auch wieder einmal in Wien spielen!

Wo haben Sie in Wien früher gespielt?

Im Konzerthaus und auch im Porgy & Bess. In Eisenstadt spielten wir einmal im Schloss Esterhazy.

Haben Sie schon Pläne, was nach "Motherhood" geschehen soll, oder denken Sie darüber noch nicht nach?

Darüber mache ich mir noch keine Gedanken.

Welchen Stellenwert hat Musik in Ihrem Leben?

Im persönlichen Bereich hat natürlich die Familie Vorrang. Auf einer anderen Ebene begeistert mich eindeutig die Musik. Das hat mit meiner Liebe zu ihr zu tun, die mich mein Leben lang begleitete. Die Familie ist eine ganz andere Sache. Das kann man nicht miteinander vergleichen.

Welche Bedeutung hat Jazz in der Gesellschaft aktuell für Sie? Andere Genres wie Rap oder Hip-Hop machen ja das große Geld.

Der Jazz ist natürlich anerkannt für seine künstlerische Wirkung, für die Weiterentwicklung der Musik und für die Möglichkeit der MusikerInnen, sich persönlich auszudrücken. Die Stellung, die man dem Jazz einräumt, ist absolut anerkannt. Im wirtschaftlichen Bereich ist es realistisch anders, darüber sollte man sich klar sein. Doch, was der Jazz den MusikerInnen gewährt, ist absolut einmalig.

Danke für das Gespräch. Das CONCERTO und ich wünschen Ihnen alles Gute, viel Erfolg und Gesundheit!

Arikel & Interview: Ernst Weiss

CD-TIPP:

Klaus Doldinger´s Passport, "Motherhood", Warner Music (VÖ: 18.05.)

WEB-TIPP:

klaus-doldinger.com

 

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