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Aniada A Noar - Vom Cowboylied zur Volksmusik

In Österreichs Steiermark ticken die Uhren anders. Grund genug, mit drei augenzwinkernden Narren in ihre verwobene Beziehungsgeschichte hineinzuhören!

Aniada A Noar / FotoCredit: Ulrike Rauch

Steirern perlt die Buchstabenfolge Aniada A Noar wahrscheinlich nur so von der Zunge. Dialektungewohnten und selbst Wienern dürften sich beim Versuch, den Namen dieser Band auszusprechen, allerdings eher die Mundmuskeln verdrehen. Genau dann sieht man aus wie ein Narr. Macht nichts. Denn es ist klar, mit diesem Bandnamen stößt man in existenzialistische Gefilde vor.

Deshalb wird es nicht wirklich einfacher, wenn man ihrer Musik zuhört. Wenn es etwa heißt, "Mia hobn scho sou vül outn/dawischt oda knopp veffölt/es gibt halt sou vül Noutn/in da groußn waitn Wölt" müssen die Worte für die Juroren der Deutschen Liederbestenliste schon einmal übersetzt werden, damit die Truppe einen der vorderen Plätze belegen kann. Dem lustig-listigen Spiel mit Worten steht die Musik mit Quetschn, Gitarre, Nasenflöte, Dudelsack, Geige und dem Piffaro nicht nach. Die Band ist Kult, weshalb sie mit einigem Recht eines ihrer Alben auch "Khult" nannte. Wer sie etwa noch nicht kennt, dem sei mit einem Zitat eines Moderators auf die Sprünge geholfen. Lobend heißt es: "Aniada A Noar spielt weder neue Volksmusik noch Volxmusik mit X, sondern nach wie vor pure Volksmusik. Das bedeutet nämlich ganz selbstverständlich auch neue Werke und natürlich neue Texte." Verstanden.

Auf alle Fälle gelangt man mit "Jeder ist ein Narr" vom Steirerdialekt übersetzungsreif ins Hochdeutsche, und dass sich die Bedeutung nicht sofort erschließt, muss nicht weiter tragisch sein. Auch den Namen der Beatles hat man nicht sofort zu deuten gewusst, und dass "Jeder ist ein Narr" zufällig an die alte Dadaistenparole "Jeder sein eigener Fußball" erinnert, dürfte die Mitglieder des Trios nicht sonderlich stören.

Nun ist ihr aktuelles Album "Live" erschienen, und coronabedingt halten wir Abstand und telefonieren nur. Der Witz ist trotzdem oder gerade deswegen auf ihrer Seite. Sie sind gewissermaßen Tick, Trick und Track der Szene, und ich bin der gute Onkel, um den sie sich kümmern. Andreas Safer, Geiger, Mandolinist, Komponist und Texter der Truppe und mein erster Ansprechpartner seit Jahren, sagt beim Anruf "Wir stellen dich einmal auf den Tisch, geht doch, oder? Dann können alle mithören!" Ich fühle mich auf den Tisch gestellt, aber dieses Ich ist natürlich nur ein Ich in Form eines Handys. Seltsame Vorstellung: Da stehe ich nun auf dem Tisch, gefühlte zehn Zentimeter groß und muss meine Fragen im Angesicht von sechs riesengroßen Augenpaaren loswerden. Etwa die Frage nach dem Jubiläum. Eines feierte das Trio 2013, da hieß es, es sei das 30jährige Bühnenjubiläum. Im Jahr 2015 mit dem Album "33"wurde ein unrunder Geburtstag gefeiert, und nun mit "Live" soll 2021 das 40-jährige Wiegenfest begangen werden? "Wie das? Rein rechnerisch geht sich das doch vorne und hinten nicht aus, oder?" Großes Gelächter auf der anderen Seite des Funkkontaktes. "Wir kennen uns halt schon länger", heißt es mehrstimmig. "Wir spielten schon vor Aniada zusammen und haben deshalb verschiedene Zeitrechnungen. Hinzu kommt, dass unser Mitspieler, der Geiger und Gitarrist Michael Krusche, sich von uns getrennt hat. Also, als Trio spielen wir seit ..." Die Antwort geht im allgemeinen Stimmengewirr unter. Keine Chance für den zehn Zentimeter kleinen Fragesteller.

FotoCredit: Ulrike Rauch

"Wir spielen eine flotte Musi'!"

Situationselastisch weise ich auf das aktuelle Album hin. Denn Zahlen bedeuten wenig, wenn man miterlebt, mit wieviel Elan und Humor das Trio auftritt und das Publikum zum Lachen und Gliederzucken, ja sogar zum Nachdenken, auf alle Fälle zur Begeisterung verführt. Als die Narrentruppe 2015 im Rahmen des Wiener Internationalen Akkordeonfestivals auftrat, lehrte sie das Publikum das Staunen: Der Auftritt des Trios begann mit dem einsamen Flötenspiel von Wolfgang Moitz auf der Bühne. Dann, mittendrin, meldete sich aus der Tiefe des Zuschauerraumes mit einem Jodler Geiger Andreas Safer und schritt angemessenen Schrittes fiedelnd zur Bühne, die bald darauf Bertl Pfundner mit seinem Akkordeon betrat. Mandolinen, Dudelsäcke, Flöten und Gitarren sind handgerecht aufgestellt, und dann ging es souverän weiter in ihrem seit Jahrzehnten erprobten Programm. Zeilen wie "Daunn foahns mit die ollrodbrumma/auf die foastweg ummmadumma" lassen das Publikum vor Vergnügen glucksen, und Bertl Pfundner erklärte damals kurz die Vorzüge der steirischen Musik: "Im Vergleich zu den eher eleganten Salzburgern spielen wir Steirer eindeutig mit mehr Pfeffer, mehr Power." Andreas Safer stimmte ihm zu: "Wir spielen eine flotte Musi'!" Und so können die drei Steiermarknarren die Vorzüge des regionalen Musizierens voll ausspielen.

Insofern ist "Live" natürlich ein besonderer Appetithappen für Fans. "Genau", tönt es aus dem Telefon, und sofort wird dem Interviewer die Frage im Mund umgedreht. Denn anstatt die eigenen Qualitäten zu loben, verstehen die drei Musiker ihr Werk vor allem als Geschenk - als Geschenk an die Fans. "Hörst du? Das Album ist ein Geschenk an unsere Fans, an die Musiker, mit denen wir gearbeitet haben. Einmal im Jahr treten wir im Minoritensaal in Graz auf. Unsere jährliche Konzertreihe ist schon längst im Voraus ausverkauft." So, wie es sich für eine Kultband gehört! "Bei dieser Reihe arbeiten wir immer mit anderen Musikern zusammen, denn der Blick über den eigenen Tellerrand ist uns sehr wichtig." Jubelnde Zustimmung mit "Erzähl-mehr"-Rufen im Hintergrund. "Uns ist das Suchen und das Offenbleiben in gemeinsamen Projekten ganz wichtig. Von 2017 bis 2019 standen wir mit Marie Theres und Linda Härtel von Netnakisum, mit Maria Gstättner und mit der slowenischen Sängerin Brina und ihrem Gitaristen Luka Ropret auf der Bühne. Wir haben die Auftritte aufgenommen, eigentlich nur aus Dokumentationszwecken. Dass wir sie jetzt als Album herausbringen, ist halt ein Dank an unser begeisterndes Publikum. Unsere Musik lebt stark von der Interaktion mit dem Publikum. Jetzt in Corona-Zeiten fehlt uns dieser Kontakt, und wir denken, dass Live-Musik auch dem Publikum fehlt. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Aufnahmen mit unseren besten Auftritten zu veröffentlichen!" Eine Stimme aus dem Hintergrund ruft noch "Streaming macht einsam und traurig", und dagegen ist nun wirklich nichts einzuwenden.

Der Suche nach Offenheit entsprechen zudem gemeinsame Alben mit Weltklassemusikern wie der Sängerin Natasa Mirkovic und dem Drehorgelmeister Matthias Loibner, die beide einst über Graz nach Wien kamen und zusammen mit Aniada A Noar auf dem Album "Liacht Svjetlo" zu hören sind. Länderübergreifend ging es ebenfalls auf der CD "In Compagnia" zu, wo die Steirer mit Altrioh, einem friulanischen Trio, zusammen musizierten. Kleingeistige Beschränkung auf die sogenannte "heimische Scholle" ist also ganz gewiss nicht ihr Ding, und Einsamkeitsapostel sind sie nun wahrlich nicht.

Aniada A Noar live on stage / FotoCredit: Herbert Zotti

Volksmusik und Cowboys

Ein Kritiker beschrieb das Trio einmal als Vertreter einer Musik, die sich nicht nach Trends richtet, sondern nach Tiefe und Substanz sucht. Zu dieser Einschätzung passt, dass Andreas Safer 1999 mit dem Buch "Folk & Volxmusik in der Steiermark" als Autor hervortrat. Das rund 260 Seiten dicke Buch, mitsamt einer CD, ist ein Stück Musikarchäologie, hier wird Tiefenbohrung betrieben, es lässt sich als Kompendium der damaligen Musikszene in der Steiermark lesen. Schnell macht die Lektüre klar, dass die Steiermark sich nicht nur durch grüne Wiesen, Berge und Täler, sondern zudem durch eine ungemein hohe Musikerdichte auszeichnete. Allerdings dürften die meisten Musiker heute vergessen sein; nur wenige haben ihren guten Namen behalten. Loibner und Mirkovic sind in Wien, die Band Deishovida hat sich in der längst aufgelösten Band von Sandy Lopicic und DJ Shantel wieder gefunden, einen Andreas Fasching gibt es immer noch. Doch das sind Ausnahmen. Was ist passiert in den letzten zwanzig Jahren? Großes Geraune. "Früher war die Szene tatsächlich breiter aufgestellt. Aber die Bedingungen haben sich geändert. Damals gab es im Radio Unterstützung, die Medien haben berichtet. Das gibt es heute nicht mehr."

Aber die Sache ist noch komplizierter. Ältere konstatieren lakonisch, dass einst wichtige musikalische Trends mit nahezu fünfjähriger Verspätung in der Alpenrepublik ankamen. Das stimmt, allerdings nicht für alle Genres. So gingen etwa vom österreichischen Jazz in den fünfziger Jahren durchaus Impulse in die deutsche Jazz-Szene aus. Mit den Worten "Deutschland war Kollerland" beschrieb der deutsche Jazz-Publizist und spätere Weltmusik-Förderer Joachim Ernst Berendt einst die nach dem österreichischen Saxofonisten benannte Situation. Dann aber lief etwas schief.

Als von Amerika ausgehend, Musiken wie Jazz, Blues, Folk und Beat über Großbritannien Ende der fünfziger Jahre nach Deutschland schwappten, passten diese Musiken wie die Faust auf Auge zu den gesellschaftlichen Umwälzungen. Es ging um die neue Zeit, um ungehörte Musiken, um das jugendliche Miteinander gegen den Mief des Alten. Die neuen Musiken bildeten den Soundtrack zur '68-Rebellion - und die Volksmusik musste draußen bleiben. Nicht nur, weil sie von den Nazis missbraucht wurde, sondern auch, weil deren Texte von einer weit entfernten Vergangenheit handelten, die Instrumentierung akustisch und die Melodien kitschig waren und sie aus dem ländlichen Raum stammte, dem man liebend gern entkommen wollte.

Die neuen angloamerikanischen Musiken, die waren wild, zuckten im Rhythmus der Großstadt, rochen nach Benzin und sahen nach moderner Kunst, nicht nach Stillleben aus. Und sie waren politisch, allein schon, weil sie, open minded, sich auf afroamerikanische Vorbilder bezogen oder den multikulturellen Anschluss an Kulturen anderer Länder suchten. Auch da agierte die deutsche Volksmusik als hässlicher Antipode. Es war ein glücklicher Zufall, dass in Deutschland die Entdeckung neuer Musiken mit einer politischen Neuorientierung zusammenfiel.

Es lässt sich fragen, warum Österreich dieses Glück nicht hatte. Dazu muss man wissen, dass, so ein Historiker, sich "in Österreich die Auswirkungen der Studentenrevolte von 1968 nur in geringem Ausmaß zeigten." Es gab keine Wut, die sich massenhaft auf den Straßen austobte, und während in Deutschland die Begeisterung für den Flamenco mit Kritik am diktatorischen Franco-Regime einherging, bei Konzerten der Dubliners natürlich Geld für die Bewaffnung der IRA gesammelt wurde, kam irische Musik erst so spät in der Steiermark an, als diese nur noch Synonym für Sauflieder war. Natürlich gab es auch in Österreich und in der Steiermark vereinzelte Musiker, die sich vom Blues, dem Rock 'n' Roll und der Rebellion anregen ließen, aber wer Safers Buch liest, muss konstatieren, dass afroamerikanische Vorbilder nicht als bleibende Einflüsse wirkten. Stattdessen kamen die getragenen Melodien der irischen Musik und weiße Country & Western Musik zur Geltung. Immerhin, die Dichte von C&W-Begeisterten allein in der Steiermark dürfte die der in Deutschland wohl übertroffen haben. Wenig verwunderlich war deshalb, dass eine der Vorläuferbands von Aniada A Noar, die Folk Friends, 1981 für ein Pressefoto mit Gewehr, Fransenhemd und Cowboyhüten posierten. Zufällige Koinzidenz: Folk Friends `78, die LP eines gleichnamigen, angloamerikanischen Musikerprojektes in Deutschland, 1978 erschienen, markierte laut den Folk-Chronisten Frey und Siniveer den Höhepunkt der deutschen Folk-Bewegung. Danach ging es bergab - und in der Steiermark mit Aniada A Noar 1983 bergauf.

Entsprechend anders ist ihr Verhältnis zur Tradition: "Zu unseren frühen Einflüssen sind andere getreten. Wir docken natürlich an andere Musiken an, vornehmlich aber an die slowenische, an die italienische. Friaul ist ein wichtiger Bezugspunkt. Wir sehen uns in der Tradition der gesamten alpenländischen Musik, spielen aber nur Eigenkompositionen. Unsere Texte müssen poetisch, ironisch sein", meint Safer. "Wir sind Narren mit einem gewissen Augenzwinkern." So rocken sie das Haus ziemlich unamerikanisch, während dessen nun doch jüngere Musiker längst wie selbstverständlich den Anschluss an das angloamerikanische Popidiom gefunden haben. So machen Aniada A Noar eine Musik, die hörbar aus dem ländlichen Alpenraum kommt, sie riecht nach Heu und nicht nach Benzin, sie wird gleichwohl als mitreißend empfunden, die drei Narren gehen als liebenswerte Solitäre durch. Ihre Musik erinnert daran, dass es tatsächlich jenseits von Amerika eine etwas andere Musi' gibt. Für sie lässt man sich schon einmal auf Handygröße schrumpfen.

Harald Justin

CD-TIPP

Aniada A Noar "Live", Vertrieb: Hoanzl

WEB-TIPP

www.aniada.at  

AUSWAHLDISKOGRAFIE

"Aniada A Noar" (Extraplatte, 1986)

"Geduld Geduld" (Extraplatte, 1989)

"Die Hupfade" (Extraplatte, 1993)

"Wärme" (Extraplatte, 1997)

"Sou Is Es Lebn" (Extraplatte, 2002)

"Holz" (Extraplatte, 2009)

"Gott Und Die Welt" (Hoanzl, 2012)

"Khult" (Hoanzl, 2013)

Andreas Safer:

"Gewoxn" (Extraplatte, 1992)

BUCH-TIPP

Andreas Safer: Folk & Volxmusik in der Steiermark, Gnas 1999, Weishaupt Verlag

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