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Full Rhizome: Mehr als ein Label

Rhizom: ein ober- oder unterirdisch wachsendes Sprossachsensystem, das für Pflanzen wie Maiglöckchen, Giersch, aber auch Ingwer, Lotus, Efeu sowie Iris- und Bambusarten typisch ist. Es zeichnet sich durch Hartnäckigkeit und Resilienz aus - und wurde vielleicht deshalb als Namensgeber einer französischen Kultur-Kooperative gewählt.

Darifourcq, Hermia, Ceccaldi / FotoCredit: Collage, Rhizome

"Full Rhizome positioniert sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Vermarktung und Bildung, um Kultur als Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts zu fördern." Die auf zeitgenössischen Jazz und World Music spezialisierte französische Kultur-Kooperative möchte laut Eigendefinition "ein Experimentierfeld" bieten, das "künstlerische Kreativität und soziale Realität" verbindet. Full Rhizome ist Verlag, Produktionsplattform für Tonträger und Konzertagentur abseits der herkömmlichen Geschäftsmodelle. Wichtigstes Element der Labelphilosophie: Die Künstlerinnen und Künstler stehen im Mittelpunkt eines Systems, das ihnen volle kreative Freiheit sowie maßgeschneiderte Umsetzung ihrer Projekte bietet.

Zu den Musikerinnen und Musikern, die schon auf Full Rhizome veröffentlicht haben, gehören der vielseitige Klarinettist YOM, das auf iranische Musik spezialisierte Trio Chemirani, der armenische Duduk-Virtuose Djivan Gasparyan, der Pianist Roberto Negro sowie Théo (Violine) und Valentin (Cello) Ceccaldi. Das Brüderpaar bildet mit dem Gitarristen Guillaume Aknine das Théo Ceccaldi Trio, das vor kurzem das fulminante Album "Django" herausgebracht hat. Prinzipiell geht es um Django Reinhardt, aber es handelt sich keineswegs um nostalgische Denkmalpflege: Was die drei jungen Männer aus der Musik des legendären Gipsy Jazzers destillieren, ist ähnlich stark wie Absinth und wird den meisten Jazzpuristen zu gewagt erscheinen. Dekonstruktion pur ist angesagt, wenn das Théo Ceccaldi Trio loslegt: Da wird Fats Wallers "Honeysuckle Rose" mit Reinhardts "Minor Swing" in eine atemberaubende Punk-Jazz-Suite verwandelt, da geht es in "Six pouces sous mer" von traumartigen Sequenzen bis zum hemmungslos verzerrten E-Gitarren-Solo, da erhält ein Charleston von James P. Johnson eine Azetonbehandlung und ein Wohnwagen brennt aus. Mit jugendlicher Rotzigkeit, aber nicht ohne Respekt vor der Tradition, wird hier höchst kurzweilig musiziert.

Atemschöpfen vor dem Lauschangriff

Noch einen Gang heftiger und herrlich kratzbürstig geht es auf der CD zu, die Schlagzeuger Sylvain Darrifourcq, Tenorsaxofonist Manuel Hermia und wieder Valentin Ceccaldi vorlegen. Darrifourcq agiert nicht als Timekeeper, sondern als polymetrischer Widerpart oder Klangmaler; Hermia bringt den Furor früher Free-Jazz-Aufnahmen samt hemmungslos überblasenen Tönen ins Spiel; Ceccaldi spielt ein Heavy-Metal-Cello mit verzerrten Riffs und Kratzgeräuschen und hält damit die Musik des Trios über weite Passagen auf einem Energielevel zwischen 98 und 100 Prozent. "Kaiju Eats Cheeseburgers" erweist sich als passender Titel für diese surrealen und doch seltsam greifbaren Klanggemälde (Kaiju ist ein japanisches Filmgenre, in dem mutierte Monster à la Godzilla im Mittelpunkt stehen). Typisch für das Trio Darrifourcq/Hermia/Ceccaldi sind auch hektische Unisono-Themen, die von verstörenden Generalpausen unterbrochen werden und dann in dekonstruierte Grooves münden, welche meist Hermia als Basis für expressive Soli dienen. Nach vier solchen Parforceritten klingt die CD antiklimaktisch mit "Collapse In Sportswear" aus - der Cooldown nach dem Workout oder nur ein kurzes Atemschöpfen vor dem nächsten Lauschangriff?

Der Piemonteser Pianist/Keyboarder Roberto Negro hat schon in der Vergangenheit oft mit französischen Musikern gearbeitet. Auf "Papier Ciseau" mit Émile Parisien (Altsax), Michele Rabbia (Schlagzeug) und wieder dem wundervollen Valentin Ceccaldi (Cello) geht er von Spieluhrklängen oder Super-Mario-Themen aus, nur um sie dann gleichsam mit der Schere zu zerschneiden, neu zusammenzusetzen und zu hinterfragen: Welche Ungeheuer lauern da vielleicht im Kinderzimmerschrank? (Siehe auch Wolfgang Weitlaners Rezension in CONCERTO 01-21, Seite 40.) Martin Schuster

CD-Tipps:

  • Théo Ceccaldi Trio "Django"

  • Darrifourcq/Hermia/Ceccaldi "Kaiju Eats Cheeseburgers"

  • Roberto Negro "Papier Ciseau"

    Alle: Full Rhizome, Vertrieb: Broken Silence

 

Web-Tipp:

www.fullrhizome.coop

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