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Musikalische Wanderreise durch die (Un)Tiefen des Seins

 

Melody Gardots „Currency of Man“: Klare Absage ans Genre-Denken

Seit sie wie ein Komet am Musikhimmel erschienen ist, hat sie in einer ganz wunderbaren Art und Weise Genre-Grenzen aufgelöst und statt dessen musikalische Vielschichtigkeit gespielt und gelebt. Die Rede ist von der US-Komponistin und Sängerin Melody Gardot. 

Jetzt hat sie wieder ein neues Album auf den Markt gebracht, mit dem sie das fortsetzt, was sie bereits vor neun Jahren mit „Worrisome Heart“ erfolgreich begonnen und 2009 mit „My One And Only Thrill“ so unglaublich weitergeführt hat. „Currency Of Man“ ist eine bunte musikalische Farbenvielfalt – und erneut ein Genre-Mix, der diesmal etwas anders klingt als die letzte CD „The Absence“. War es damals eine Reise durch verschiedene Weltgegenden, ist es heute eher eine Zeitreise, die auch manche dunkle Kapitel der Geschichte nicht unbeachtet lässt.

Gardot als Garant für spannende Mischungen

Funkige Bassrhythmen, Retro-Soul-Arrangements, euphorische Gospel-Gesänge und fast esoterisch anmutende Streicher-Orchestrierungen machen das Album zu einer ‚Antithese des Smooth-Jazz’. Konservativere Fans werden sich damit eventuell nicht wirklich anfreunden können. Die Überraschung liegt aber im Detailreichtum und im Wechsel. Grob könnte man sagen, dass „Currency Of Man“ wirklich für jeden etwas dabei hat. Produzent des neuen Albums ist wieder Larry Klein. Es wäre kein ‚echtes’ Gardot-Album, wenn alles das nur an der Oberfläche bliebe. Sie leuchtet auch hier wieder in die tiefsten Stellen des menschlichen Seins, verharrt dort, setzt sich mit dem Abgrund und Schmuddel auseinander und bricht mit jenem amerikanischen Bewusstsein, das den Alltags-Rassismus nur allzu gern als nicht existent abtut oder ihn überhaupt leugnet. Am stärksten kommt dieses Statement im Stück „Preacherman“ heraus. „Dieser Song ist inspiriert von der Geschichte der Ermordung des 14jährigen farbigen Emmett Till. Er erzählt vom Leben, aber noch wichtiger ist, dass er den Rassismus, der immer noch nicht tot ist, in den Mittelpunkt rückt“, erzählt Melody Gardot. „Vor 60 Jahren starb der Junge. Ähnlich wie Trayvon Martin, der auch umsonst gestorben ist. Das macht mich einfach krank. In den Lyrics wird die Geschichte von Till erzählt, weil diese nicht vergessen werden darf. Aber noch wichtiger ist die im Song gestellte Frage, wie oft wir uns selbst wiederholen müssen, bevor wir endlich aus unseren Fehlern lernen.“

(Anmerkung: Emmett Till wurde von Weißen aus dem Haus seines Onkels geholt, weil er angeblich eine Ladenbesitzerin unsittlich angesprochen haben soll. Drei Tage später fand man seine verstümmelte Leiche. Der 17jährige unbewaffnete Martin wurde am 26. 2. 2012 von einem Privatsheriff in Sanford/Florida erschossen. Der Täter wurde im Prozess freigesprochen. Auch im Fall von Till wurden die beiden Hauptverdächtigen freigesprochen)

Die Beobachtung des Lebens als Albumthema

„Als ich die Musik für dieses Album geschrieben habe, war das ganz anders als bisher“, erzählt Gardot. „Diesmal war es ein reflektives Kollektiv, weniger persönlich, mehr beobachtend. Es gab keine Zensur über die Geschichten, vielmehr sind es Kommentare. Es geht im Album nicht um Liebe, nicht ums Begehren oder um Wünsche. Und es geht auch nicht um Phantasie. Diesmal handelt es vom Leben und den Menschen, die es genau zum jetzigen Zeitpunkt leben“, meint die Künstlerin. „Ich glaube, dass es unser Job als Künstler ist, die Brillen aufzusetzen und in die Welt zu schauen, um herauszufinden, welchen Sinn das alles für uns selbst, aber auch für die anderen Menschen hat.“ Gardot verbrachte diesmal sehr viel Zeit in Los Angeles. Dort fand sie auch jene Protagonisten, die ihr die Geschichten für ihre Songs lieferten. „Es sind Menschen, die mit einem Leben am Rand experimentieren.“ Für die dichten Arrangements auf dem Album engagierte Produzent Klein den jungen Franzosen Clément Ducol. Die Arrangements für die Blasinstrumente stammen von Jerry Hey. Trotz der teilweise modernen Sounds bestand Gardot auf der Verwendung von analogen Mikrophonen und Verstärkern. Die verschiedenen Klangfarben – etwa Finger-Snappin-Funk auf „Same To You“, das Delta-Blues-Feeling auf „Bad News“ oder das weiche klavierlastige „Morning Sun“ mit coolen Bläsersätzen wurden damit perfekt in Szene gesetzt.

Ein Album über menschliche Werte in der Welt

„Das ganze Album handelt von den Werten in der Welt und darum, wie jeder von uns – egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Status an den eigenen Vorstellungen festhält. Eigentlich wollten wir, Larry und ich, eine Art Film mit der Musik drehen. Das ist kein gewöhnliches Projekt, denn die Idee dieses Albums war, dem Hörer mit geschlossenen Augen die verschiedenen Gesichter des Lebens jener Menschen zu zeigen, die uns zu diesen Geschichten inspiriert haben. Ich glaube, dass uns das gut gelungen ist.“ Wolfgang Weitlaner


Aktuelles Album
Currency Of Man“ Decca, Vertrieb: Universal

Web-Tipp
melodygardot.co.uk

 

 

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