Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 3/2015 > Titelstory 3-15

David Sanborn - Jazzfusion zwischen Bluescry und Mädchenmusik

 

Der Vergänglichkeit der Zeit bläst der siebzigjährige junggebliebene Senior ein Ständchen.

Traditionell gehört das Fernwärme Open Air Spektakel auf dem Gelände der Fernwärme Wien zu den stimmungsreichsten Ablegern des Jazz Fest Wien. Von den drei Acts, die heuer unter dem Zwiebelturm für Musik an einem Samstagabend sorgen, gehört David Sanborn zu den wichtigsten amerikanischen Jazz-Saxofonisten unserer Zeit.

Was tun? Es muss in den Neunzigern des vergangenen Jahrtausends gewesen sein: Eine Gruppe kontinentaleuropäischer Touristen steht mitten in New York und diskutiert, wo man denn den Restabend verbringen will. Ein Teil der wildbewegten Truppe möchte gern ins traditionsreiche Blue Note, bekannt für Jazz der beruhigenden Güteklasse. An diesem Abend soll der Saxofonist David Sanborn spielen. Der weibliche Anteil der Besucher möchte liebend gern ins Blue Note - und das nicht nur, weil Sanborn gut aussieht. Was sie an seiner Musik lieben, das machen die anwesenden Männer deutlich, als sie sich empören: „Sanborn? Typische Frauenwahl! Der spielt doch weichgespülten Fusion-Jazz. Das ist gar kein richtiger Jazz. Das ist Mädchenmusik. Richtiger Jazz muss weh tun!“ Oops!

Richtige Männer hören nämlich keinen Jazz mit Weichspüler-Effekt. Für sie kommt nur der Hardcore-Stuff in Frage, und deshalb wird noch eine Weile diskutiert, was denn nun besser sei: ein Besuch im Fez, dem Kellerrestaurant des noblen Time Café, wo eine der Repertoirebands das Erbe vom „wild man“ Charles Mingus lebendig zu halten versucht, oder ob man nicht gleich downtown beim Avantgardisten John Zorn vorbeischaut, der mit seiner „Radical Jewish Culture“ und trötenden Entenrufen im Höchstgeschwindigkeitsmodus die Jazzwelt und den Rest durcheinander zwirbelt. Am Ende aller Diskussionen teilt sich die Touristentruppe, die Frauen bekommen ihren Willen, die Männer auch, und nur der mitgereiste, snobistische Jazz-Kritiker sagt: „Jazz hören, das ist mein Beruf. In meiner Freizeit will ich meine Ruhe haben.“ In New York soll man sich ja auch anderweitig amüsieren können, und niemand konnte damals wohl ahnen, dass Sanborn und Zorn einige Jahre später gemeinsame Konzerte gaben und der Alt-Saxofonist mit Avantgardisten wie Bill Frisell oder Tim Berne zusammenspielen würde.

Amüsementangebote

Vor David Sanborn und seinem speziellen Amüsementangebot gibt es also kein Entkommen. Mehr als 20 Jahre später klingelt das Telefon. „Hi, here’s David!“ Der Mann ist verdammt zäh, und nur deshalb ist er mit seinen bald 70 Jahren nicht nur ein Altmeister auf dem Saxofon sondern eben auch ein Musiker, der sich mit seinem Spiel hartnäckig in der Welt der Musik behauptet hat. Am 4. Juli wird er im Rahmen des Jazz Fest Wien den Open Air Anteil in der Fernwärme Spittelau als Hauptact bestreiten, für den Rest sind der Brasilianer Ed Motta mit seiner Band und der österreichische Weltklasse-Organist Raphael Wressnig zuständig.

Bereits am Telefon ist er bester Laune. „Ich freue mich sehr auf das Konzert. Wien ist ein Hot Spot. So viel Kultur auf einmal. Ich war schon einige Male in Wien, und ich liebe dieses sehr fantastische vielfältige Erbe an Literatur, Musik, Architektur, großartig! In Wien begann die Moderne!“ Soviel Lob wird gern gehört. (Gerade auch, wenn man sich die Frage stellt, ob eine der nachfolgenden Generationen ein ähnliches Lob über die derzeitige Kulturpolitik aussprechen wird!)

Wenn der sechsfache Grammy-Gewinner zur Musik am Samstagabend unter dem Zwiebelturm der Fernwärme aufspielt, wird er sein aktuelles Album „Time And The River“ im Handgepäck haben. Der ehemalige Miles-Davis-Bassist Marcus Miller hat’s einmal mehr produziert, und wer ihn, der ebenso wie Sanborn gerne zwischen den Genres Pop und Jazz, Rock, Soul und Funk wandert, kennt, weiß, dass diese lang erprobte Paarung keinen Jazz mit Reinheitsgebot erbringen kann. Fusion time, was sonst? „Marcus hat eine andere Art als ich, an die Sache heran zu gehen. Trotzdem verstehen wir uns, und mich fordern Musiker, die Eigenes beisteuern. Der Sound von ‚Time And The River’ sollte üppig und atmosphärisch dicht sein. Mir kam es auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten an. Rhythmus und Klangfarben sind sehr vielschichtig angelegt, und ich muss beim Zuhören immer an Earth, Wind And Fire denken, die in meiner Jugend die Leute von den Sitzen gerissen haben.“

In Amerika ist der Alt-Saxofonist mit dieser Musik kommerziell recht erfolgreich. Auch künstlerisch hat er sich in eine unzweideutige Position gebracht. Es heißt, er habe sich einen eigenen Fusion-Stil erspielt, der wesentlich von einprägsamen Melodien getragen sei wie auch von einer Mischung aus Blues, Soul, R&B, Rock und Funk. Alben unter eigenem Namen wie „Heart To Heart“ (1978) und „Straight To The Heart“ (1984) waren beste Werbung in eigener Sache.

Von Kindesbeinen an

Die hatte er auch bitter nötig. Denn als Sunnyboy betrat er nicht die Musikerbühne.1945 in Tampa, Florida, geboren, erkrankte er als Kind ernsthaft: „Ich hatte Kinderlähmung“, erzählt er, „und war an einer Eisernen Lunge angeschlossen. Als Therapie empfahlen die Ärzte das Erlernen eines Blasinstruments. So kam ich zum Saxofonspielen. Es war Teil meiner Therapie.“ Mit seinen Eltern zog er nach St. Louis, studierte 1963-64 an der Northwestern University und 1965–67 an der Universität von Iowa Musikwissenschaften. „Früher schon begann ich, mit Bluesmusikern zu spielen. Keine Soli, sondern einfach nur Bläsersätze. Aber das war eine gute Schule. Ich war noch ein kleiner Fünfzehnjähriger, Ende der fünfziger Jahre. Ich liebte Ray Charles, er ist für mich immer noch die Krönung der Musik. In allem, was er machte, war er fantastisch. Ob Soul, Blues, C&W, Jazz, Ray Charles war einfach großartig. Und er hatte diese beiden Saxofonisten Hank Crawford und David Newman. Sie waren meine Idole. Und eines Tages saß ich mit Freunden zusammen, und ein befreundeter Pianist empfahl mich weiter, und so kam ich in die Band von Little Milton Campbell. Ein Gentleman, ein großartiger Sänger und Gitarrist.“

          Tatsächlich war Little Milton (Campbell) einer der Giganten des Blues. Beim Elvis-Label Sun-Records hatte er in den fünfziger Jahren seine ersten Aufnahmen gemacht, ging dann zu Chess-Records, wo er Kollege von Muddy Waters, Chuck Berry und Howlin’ Wolf war, und bescherte dem Label 1965 mit „We’re Gonna Make It“ einen der ersten überregionalen Soul-Hits der Ära. Für Stax-Records spielte Little Milton einige der größten, Blues orientierten Soul-Hits ein, und bei seinem Stax-Labelkollegen, dem legendären Albert King, tutete Sanborn ebenfalls ins Horn. „Das passierte eigentlich alles durch Mundpropaganda. Von Little Milton zu Albert King war es nur ein kleiner Schritt. Der ergab sich“, er lacht, „durch Gespräche am Swimmingpool.“ Ab 1967 blies er vier Jahre lang für die Butterfield Blues Band, und damals hatte er längst seinen eigenen Sound gefunden, einen bluesgesättigten, warmen, melodischen Klang, einen „plaintive cry“. „Wenn du es so nennen willst“, lacht er“, „dann ist das natürlich ein Kompliment, das ich natürlich an Hank Crawford und David Newman weitergebe. Vielleicht habe ich diesen Klang meiner Therapie zu verdanken. Aber das Gute ist, es war nie mein Ziel, so zu klingen, um Geld zu verdienen. Ich habe meine Musik von Anfang an als Therapie verstanden. Vielleicht habe ich deshalb so viel Glück mit ihr gehabt.“

          Sein Talent und sein Glück führten ihn zu Engagements mit Stevie Wonder (1972-73), David Bowie (1974) und zu Aufnahmen mit Esther Philipps, den Rolling Stones, John Scofield und zahlreichen anderen Musikern. Selbst wer also meint, den Namen von ihm noch nie gehört zu haben, hat wahrscheinlich, sofern eine Affinität zu Jazz, Soul, Blues, Pop und Rock vorhanden ist, irgendein Solo von ihm in der heimischen Sammlung. Mit den Rolling Stones ist er 1983 auf „Pretty Beat Up“ vom Album „Undercover“ zu hören, aber er meint, derlei Aufnahmen waren eher die Ausnahme als die Regel: „Ich würde mich eher nicht als Session-Musiker bezeichnen, obwohl ich natürlich viele Aufnahmen gemacht habe. Meistens war ich aber Mitglied einer Touring-Band, so wie mit Stevie Wonder und David Bowie. Mit Wonder habe ich das Vorprogramm einer Stones-Tour bestritten, mit Bowie habe ich die „Young Americans“ - Tour durch Amerika gemacht. Das ist natürlich etwas mehr als ein bloßer Session-Musiker. Dafür braucht es Teamgeist, Einfühlungsvermögen und eine gewisse Standhaftigkeit.“ Und das sagt er, der das Saxofon als Therapie ausgerechnet gegen seine Kinderlähmung zu spielen erlernte. Sie scheint in mehr als einem Sinn erfolgreich gewesen sein.

Jazz-Fans bevorzugen natürlich die Aufnahmen, die er ab 1974 immer wieder mit dem Meisterarrangeur Gil Evans machte. Auch er war, wie Marcus Miller, durch seine Arbeit mit Miles Davis bekannt, aber seine eigenen Alben sind wahre Wunderwerke der orchestralen Arrangeurkunst, bei der der Blues allein schon durch Coverversionen von Lead Belly- oder Willie Dixon-Songs nie zu kurz kommt. „Gil Evans war überragend. Seine musikalische Intelligenz vermisse ich gerade heute. Sie wäre immer noch zeitgemäß. Weil er zeitlose Musik geschaffen hat.“

An die (Un-)Vergänglichkeit der Zeit erinnern der Titel seiner aktuellen CD und das Cover: „Ich wohne am Hudson River. Jeden Tag sehe ich, wie der Fluss am Haus vorbei fließt. Der Fluss steht nie still. Genau wie die Zeit. In Japan verwendet man als Symbol für den Fluss drei vertikale Linien, so wie sie auf dem Cover abgebildet sind. Und weil Zeit nie still steht, mag ich auch keinen Stillstand in der künstlerischen Entwicklung. Ich schaue nicht zurück, und nur weil ich mit ‚Inside’ (1999) bei den Grammys abgeräumt habe, will ich dieses Konzept nicht wiederholen. Die Zeit geht weiter, und wenn damals Cassandra Wilson mitsang und jetzt Randy Crawford, dann ist das kein billiger Trick, um an einstige Erfolge anzuknüpfen. Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen, und Cassandra ist eine andere Art von Sängerin wie Randy.“

Erste Wahl

Vom nicht leichten Umgang mit dem Wechselspiel der Zeit künden auch die Worte, die der Siebzigjährige gelassen ausspricht und die getrost als Empfehlungen für junge Musiker zu verstehen sind. Auf die Frage, ob er in seiner Jugend den Blues gespielt habe, weil er ihn als Möglichkeit verstanden habe, seine Karriere anzukurbeln, oder ob ihm der Blues eine Herzensangelegenheit gewesen sei, zögert er nicht einen Moment mit der Antwort: „Ach, als ich jung war, gab es dort, wo ich aufwuchs, einfach keine andere Musik als den Blues oder den R&B. Da hatte ich gar keine Wahl. Rückwärts habe ich nie geschaut. Ich habe einfach gemacht, was ich machen wollte. Glücklicherweise gab es damals noch Geld dafür. Aber heute wäre es eine schlechte Wahl, Musik zu machen, um Geld zu verdienen. Das wäre die schlechteste aller Wahlen. Das Musikbusiness ist aus den Fugen geraten. Wenn du kein starkes inneres Fundament hast, kannst du in diesen Zeiten nicht mehr bestehen. Aber Musik zu machen, um reich zu werden, das geht heute gar nicht mehr. Ein Album aufzunehmen, das ist sehr teuer geworden. Und dann muss man sich noch um die Vermarktung und um 1000 Dinge kümmern, die nichts mit der Musik zu tun haben.“ Dass er, längst erste Wahl im Fusion-Gerne, es aber immerhin geschafft hat, lässt er als Einwand nicht gelten. „Ich habe niemals in Begriffen wie „Erfolg“ oder „Karriere“ gedacht. Ich war einfach nur froh, spielen zu dürfen. Und dass es für meine Musik ein Publikum gibt, dem es gefällt, was ich mache.“

Und da die Zeiten der gestrengen Jazz-Polizei vorbei sind, mit Jazz niemand mehr gequält werden braucht, Frauen und Männer mitunter sogar ihren Musikgeschmack teilen, kann mit David Sanborn ein Musiker in Wien erwartet werden, der mit melodischen Fusion-Klängen sommerliches Flair auf dem Fernwärme Gelände versprühen wird. Artikel/Interview: Harald Justin. Fotos: Wolfgang Gonaus (Live-Fotos), Scott Chernis, Melanie_Futorian

CD-TIPP

David Sanborn, „Time And The River“, im Vertrieb von Okeh/Sony

LIVE-TIPP

David Sanborn, 04.07: Fernwärme Open-air, im Rahmen des Jazz Fest Wien.

Fernwärme Wien, Spittelauer Lände 45, 1090 Wien
Location: Spittelau (mit Auftritten von der Ed Motta Band und Raphael Wressnig)

Tickets um je Euro 2.00 in der Wien Energie-Welt am Kultur-Point, Spittelauer Lände 45, 1090 Wien (Mo - Mi 8.00 -15.00 Uhr, Do 8.00 - 17.30 Uhr, Fr 8.00-15.00 Uhr, immer werktags) oder in einer Filiale der Bank Austria.

Nähere Info zum Programm

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!