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blues talk FOLGE 107 - Chicago Blues Vol. IV

Wieder einmal ein Ausflug in die Windy City

„Blues erzählt Lebensgeschichten“ – Toronzo Cannon / Foto: Hoscher

Obgleich er in Chicago - zur Sicherheit - noch immer auch als Busfahrer unterwegs ist (im wahrsten Sinne des Wortes), hat sich Toronzo Cannon dennoch längst in der Bluesszene der Stadt am Lake Michigan, und nicht nur dort, etabliert. Doch obgleich der heute 58-Jährige in unmittelbarer Nähe des Liveblues aufwuchs, gleichsam um die Ecke fand sich etwa Theresa's Lounge, griff er erst mit 22 erstmals zur Gitarre. Und selbst dann war zunächst Reggae statt Zwölftakter angesagt. Letztlich konnte sich der junge Mann aber doch des musikalischen Erbes der Windy City nicht auf Dauer entziehen. 2001 gründete Cannon mit The Cannonball Express seine erste Band, 2007 folgte mit "My Woman" ein selbstproduziertes Album. Danach schlug Delmark Records zu, und 2013 wurde die Platte "John The Conquer Root" gar für einen Blues Music Award in der Kategorie "Rock Blues Album Of The Year" nominiert. Mittlerweile bei Alligator Records unter Vertrag, war der Sänger, Gitarrist und Songwriter 2015 Headliner des Chicago Blues Festivals, tourt aber - wenn es sein day job erlaubt - immer wieder auch in Europa. Sein extrovertierter Bühnenstil zeigt, dass auch der zeitgenössische Chicagoblues noch Frisches zu bieten hat.

„Man sollte den Blues nicht zu sehr verändern“ – Shawn Holt / Foto: Hoscher

Shawn Holt wurde der Blues wohl in die Wiege gelegt, mit niemand Geringerem als Magic Slim als Vater. Wenngleich dieser praktisch stets als Musiker unterwegs war, machte er doch früh den Sohn mit den Größen des Blues seiner Zeit bekannt, zeigte dem jungen Autodidakten schließlich einige Kniffs an den Saiten und holte ihn schließlich mit 18 in seine Band, bevor sich der Sohn zunächst mit Lil' Slim & The Back Alley Blues Band "selbständig" machte. Im Jänner 2013 kehrte Shawn Holt dann zu den Teardrops, der Band seines Vaters, zurück. Tragischerweise verstarb Magic Slim bereits einen Monat später, und Shawn Holt übernahm die Gruppe fix. Im selben Jahr spielte er auf Blind Pig Records das Album "Daddy Told Me" ein, unter anderem mit John Primer, der selbst ein Teardrop gewesen war, als Gast. Die Platte gewann unmittelbar nach Erscheinen den Blues Music Award als "Best New Artist Debut" und festigte den Ruf des Musikers als eines der Aushängeschilder des heutigen Chicagoblues. Shawn Holts Stil ist sehr erdig, energiegeladen und erinnert dabei in zahlreichen Momenten an den Vater. Familiäre Traditionspflege sozusagen.

„Blues ist ein Heiler“ – Lil’ Jimmy Reed /Foto: Hoscher

Einer, der auch abseits der Musik den Blues alter Prägung "mitbekommen" hat, ist Lil' Jimmy Reed. Geboren als Leon Atkins in den späten 1930ern, musste er bereits als Kind in Louisiana verschiedene Jobs annehmen, um die Familie in ihrer bitteren Armut mit über Wasser zu halten. In einer von Rassentrennung geprägten Umwelt zählte dazu auch die Knochenarbeit auf den Baumwollfeldern. Musik schien ein Ausweg zu sein, und Leon konzentrierte sich auf die Gitarre, brachte es zu einer gewissen, lokalen Bekanntheit. Als er eines Abends für Jimmy Reed (nicht ganz klar ist, ob es tatsächlich "der" Jimmy Reed war) einspringen musste, tat er dies derart erfolgreich, dass er fürderhin als "Lil' Jimmy Reed" firmierte. Dennoch reichte das Einkommen als Künstler nicht, um die inzwischen groß gewordene, eigene Familie zu ernähren, und Reed verdingte sich bei der Armee. Danach begann er, wieder aufzutreten und stieß schließlich auf eine Legende des britischen Blues, Bob Hall, unter anderem Gründungsmitglied der Savoy Brown Blues Band. Hall und seine Gattin Hilary Blythe nahmen Lil' Jimmy Reed, der oftmals elektrische Gitarre und Harp gleichzeitig spielt, unter ihre Fittiche, und seitdem ist der Veteran auch auf europäischen Bühnen unterwegs. Dabei gibt er den klassischen, authentischen, elektrischen Blues, oft genug auch in seiner Chicago-Ausprägung. Das, was Bob Hall als "von der alten Schule" und "der echte Blues" qualifiziert.

Bericht, Fotos: Dietmar Hoscher

Die gesamten Interviews aller Blues-Künstler finden Sie in der Ausgabe 3-16, erschienen am 1. Juni 2016. Zu beziehen über Abo-Bestellung oder digital, www.kiosk.at/concerto

CD-TIPPS:

  • Toronzo Cannon „John The Conquer Root“, Delmark Records

  • Shawn Holt „Daddy Told Me“, Blind Pig Records

  • Lil’ Jimmy Reed „Blues In Paradise“, Fast Western

WEB-TIPPS:
toronzocannon.com
shawnholtandtheteardrops.com

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