Incognito - Musikmachen! Tanzen! Heilen!

Einer der sensationellen Acts beim Jazz Fest Wien ist heuer Incognito. Das britische Multi-Kulti-Ensemble wird beim traditionellen Fernwärme Open Air in der Wien Energie-Welt Spittelau den Ton angeben, denn wenn es um tanzbaren Jazz-Funk geht, dann ist Incognito seit den Achtzigern ein Großmeister des Genres.

FotoCredit: INCOGNITO MGMT

Incognito beim Spiel unter freiem Himmel zu lauschen, tanzend in den Sommerabend hinein, kann man es besser treffen? Die Tanzlust kennt keine Grenzen - und wie auf Erden so auch im Himmel: man ist so frei! Und falls Keith Richards und andere Kapazunder der musikalischen Inspiration Recht haben, müssen sie nur die Finger in die Luft halten, um von den "good vibrations" des gesamten Universums bevorteilt zu werden. Von dieser speziellen Inspirationskraft des Universums ist auch Jean-Paul Maunick überzeugt. Als Mastermind von Incognito weiß er, von Freunden "Bluey" genannt, dass die Geschichte seiner Band älter ist als die, die man sich gemeinhin erzählt. So gibt es eine offizielle Bandgeschichte, die in Nachschlagewerken zu finden ist. Demnach ging Incognito aus der 70er Jahre Disco-Funk-Band Light Of The World hervor. Deren Protagonisten Bluey und Paul "Tubbs" Williams gründeten 1979/80 Incognito und veröffentlichten 1981 das Debütalbum "Jazz Funk". Als um 1990 DJ Giles Peterson das Label Talkin' Loud gründete und das Jazz-Acid-Movement in Großbritannien und Resteuropa anschob, gehörte Incognito zu den von ihm vordringlich verpflichteten Acts. Schnell erspielte sich das Ensemble den Ruf, eine der besten Club-Jazz-Formationen des Landes zu sein. "Ah", freut sich Maunick, "das war eine tolle Zeit. Teil einer Bewegung zu sein, das fühlt sich sehr gut an. Wir hatten das Gefühl, die ganze Welt stände uns offen." So offen der Himmel, so offen die Welt? "Leider aber gibt es immer wieder Menschen, die alles einordnen und in Kategorien einteilen wollen. Immerhin, dieses sogenannte Acid-Jazz-Movement war in Großbritannien und Europa sehr erfolgreich."

Aber, das ist, wie Bluey weiterhin erzählt, nur die halbe Geschichte. Die wahre Geschichte sei eigentlich auch fünfzehn Alben später eher unerkannt, also incognito. Concerto proudly presents the real deal: "Weißt du", fragt er, "dass der eigentliche Treibstoff für unsere Musik in meiner Kindheit liegt? Ich stamme ursprünglich aus Mauritius." Stimmt, Bluey wurde auf Mauritius als Sohn des Poeten Edouard Maunick 1957 geboren. "Bei uns gehörte Musik zum Alltag, und ihre besondere Kraft verspürte ich erstmals, als ich mit meiner Großmutter am Rande eines Zuckerrohrfeldes saß. Am Abend kehrten die Arbeiter nach stundenlanger harter Arbeit auf dem Feld zurück, und sie waren vollkommen erledigt. Aber dann holten sie ihre Trommeln, es wurde Musik gemacht, gefeiert und gesungen, und am Ende des Tages fühlten sie sich wieder gut, waren sie wieder gestärkt für den Überlebenskampf. Genau deshalb wollte ich Musik machen. Sie ist für mich eine Art Magie. Musik kann Kranke heilen, Mut machen, Lebenskraft verstärken. So eine Musik wollte ich machen. Sie soll den Menschen Freude machen, sie zusammenführen! Tanzen kann so befreiend sein."

Maunick ist ein Gesprächspartner, der so atemlos macht wie ein mehrstündiger Tanzmarathon. Als wahrem Cosmic Surfer fällt es ihm leicht, die Schilderung eines einstigen Auftritts in Wien mit seiner weiteren musikalischen Sozialisation zu verbinden. "Wir haben schon in Wien gespielt. Ich kann mich noch gut erinnern, das war in so einem Club, dem Birdland, im Untergeschoss eines großen Hotels. Der Sohn von Joe Zawinul leitete den Club. Ich bin ein großer Fan von Zawinul. Der Klang seines Fender-Rhodes-E-Pianos bei Weather Report ist doch grandios, oder? Ich war immer Fan von Weather Report. Zufällig bin ich ihm einmal in Kalifornien begegnet. Ich sitze im Wagen, und an der Kreuzung gegenüber sitzt er in seinem Wagen. Als Fan bin ich ihm natürlich nachgefahren, wie ein richtiger Stalker!" Da lacht er, der Mann, der beim Treffen mit seinem Idol lieber incognito blieb. "Ich folgte ihm bis zu seinem Haus und blieb einfach im Wagen sitzen. Mein Held, der große Joe Zawinul, fährt Auto, und ich weiß, wo er wohnt. Und dann nach einiger Zeit kam er raus, im T-Shirt mit kurzen Hosen und wässerte den Garten. Er sah aus wie ein Gärtner, mit einem Schlauch in der Hand. Ich konnte es gar nicht fassen!"

FotoCredit: INCOGNITO MGMT

Der ewige Fan

Der Begeisterung in seiner Stimme ist heute noch, rund zwanzig Jahre später, die Erregung anzuhören. Der Mann ist durch und durch Fan, und er kann von seinen Idolen so schwärmen wie einst kleine Mädchen von den Beatles oder heutige Mütter von den Spice Girls. Bluey schwärmt allerdings nicht nur von Weather Report, sondern auch von Earth, Wind & Fire, Stevie Wonder, George Benson und zahlreichen anderen Künstlern. Er selbst hält bei der Aufzählung seiner musikalischen Favoriten inne. "Es gibt Legionen von Musikern, die ich bewundere. Eine endlose Liste. Und das Tolle an meinem Musikerleben ist, dass ich viele meiner Idole traf und von ihnen lernen durfte. Für mich war das eine besondere Auszeichnung, mit Stevie Wonder, Chaka Khan oder George Benson zusammen arbeiten zu können oder sie sogar zu produzieren."

Möglicherweise entscheidend auch für die Verpflichtung beim Jazz Fest Wien war die Begegnung mit dem Jazz-Musiker Roy Ayers. "Ich bewunderte ihn schon lange, kennen gelernt habe ich ihn dann während seiner Club-Phase in London. Vor unserer Begegnung hatte ich von Jazz wenig Ahnung, ich stand mehr auf Funk, auf Soul. Roy aber hat mich dann tief in den Jazz eingeführt, er hat mir die Geschichte des Jazz beigebracht. Incognito wäre nicht so jazzlastig, wenn ich nicht Roy Ayers kennen gelernt hätte."

Tatsächlich hat es dieser Roy Ayers in sich. Der 1940 in Los Angeles geborene afroamerikanische Musiker wurde in den Neunzigern zu einem der meist gesampelten Jazz-Musiker der Welt, er gilt als Granddaddy des Jazz-Funk, sorgte allerdings bereits als Fünfjähriger für Aufsehen, als er als Piano spielendes Wunderkind präsentiert wurde. Als Neunjähriger debütierte er auf der Steelguitar, später kamen Flöte, Trompete und Schlagzeug hinzu. Zudem konnte er auf die Mallets genannten Vibrafon-Klöppel zurückgreifen, die ihm einst der legendäre Swing-Vibrafonist und Bandleader Lionel Hampton aus Bewunderung geschenkt hatte. Als Vibrafonist machte er dann auch Karriere, und wer auf jene Kritiker hört, die seit den Spätachtzigern forderten, dass sich wahre Künstler ständig neu zu erfinden hätten, wurde oberflächlich durch Ayers nicht enttäuscht. Denn war er nicht anfänglich der Stilistik des Jazz an der Westcoast verpflichtet, um dann mit gefälligem Latin-Jazz zwar ein Publikum zu gewinnen, aber die Jazz-Community zu verstören? Doch den Latin-Jazz ließ er alsbald hinter sich, um bei Herbie Mann 1969 den Klassiker "Memphis Underground" mit perlenden Vibrafon-Läufen zu verzieren. Das Album, im gleichen Jahr wie Miles Davis' Jazz-Rockklassiker "Bitches Brew" erschienen, steht mit am Beginn des Jazz-Rocks, Herbie Mann flötet sich einen Wolf zu damals aktuellen Soulhits wie "Hold On, I'm Coming" oder "Chain Of Fools", Sonny Sharrock und Larry Coryell lassen die Gitarren lärmen, und die bewährte Schar von Studiomusikern sorgt für das rhythmisch intensive Fundament. Das Ergebnis war so voraussagbar wie überraschend, das Rezept so genial wie bahnbrechend: Man nehme Lieder, deren melodischer Verlauf bekannt ist und verfremde sie mit den allermodernsten Zutaten, man nehme die Intensität des Vorbildes und überhöhe sie in einem Kontext, der noch intensiver und zugleich modern ist. Der schwüle Südstaatensoul von Aretha Franklin und Sam & Dave wurde mit den Stilmitteln von Rock und Jazz zum Köcheln gebracht, das Ergebnis war ein Millionenerfolg, ein Klassiker eines neuen Genres namens Jazz-Rock. Roy Ayers war mit dabei, aber bereits 1970 war er mit seinem eigenen Projekt Ubiquity unterwegs, diesmal dem neuen Genre Funk mehr Raum zugestehend. Selbst wenn spätere Fusion-Alben und Experimente mit Rockelementen anfänglich kommerziell erfolgreich waren, spätere Alben aber sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum durchfielen und Ayers erst wieder in den Spätachtzigern dank der Jazz-Acid-Clubszene zu den ihm zustehenden Ehren kam, muss man im Hinterkopf das Album "Memphis Underground" und Ayers erstaunliche Wandlungsfähigkeit behalten.

Denn recht gehört, ist "Memphis Underground" eine Blaupause für die Musik, die für Incognito so wichtig ist: tanzbare Musik mit melodischer Konsequenz. Eigentlich klingt diese Art der Musik wie ein Echo jener Musik, die Jean-Paul Maunick mit seiner Großmutter am Rande der Zuckerfarm hörte. Genauer gesagt: sie funktioniert wie diese sehr alte Musik, sie macht glücklich, fördert den Körper zum Tanz heraus. So gehört, folgt die Musik von Incognito jener Linie im Jazz, die nicht dem Free Jazz und der Vergeistigung folgte, sondern auf die Macht des Körpers setzte. Maunicks Begeisterung für Roy Ayers ist insofern mehr als verständlich, hatte dieser doch mit der Annahme der Mallets von Lionel Hampton einen besonderen Generationenvertrag unterschrieben: Der Swinggroßmeister, der mit "Hey Ba-Ba-ReBop"-Rufen das Publikum zur Tanzraserei trieb, bezog seine Inspiration von einem gewissen Whirling Willie, der in den schwarzen Kirchengemeinden des Südens auftrat und das Publikum zu wildesten, Heilung versprechenden Tänzen verführte. Diese Tänze wiederum hatten ihren Ursprung in Heil- und Trancetänzen in Afrika und waren mit den Sklaven nach Amerika gekommen. Maunicks Fantum schließt folglich die sehr alten Zeiten mit der Moderne der Club-Szene kurz.

Ewiger Fan, der er ist, ist er kaum zu halten, wenn das Gespräch auf andere Musiker kommt. "Ich bin sehr traurig, dass so viele hervorragende Künstler gestorben sind. Mit ihnen sterben Welten. Ich war eng mit Amy Winehouse befreundet. Sie war ein wandelndes Jazz-Lexikon, sie konnte stundenlang über Jazz-Musiker reden, sie wusste alles!" Theoretisch könnten wir uns ebenso stundenlang in Fan-Smalltalk ergehen. Aber es gibt natürlich Wichtigeres.

FotoCredit: INCOGNITO MGMT

Die Erleuchtung

Etwa die Frage nach dem aktuellen Album von Incognito. „Wir haben es heute fertig gestellt. Es wird frisches Material enthalten. Wir haben uns eine Zeit lang umgehört, was etwa Herbie Hancock macht. Dann überlegte ich mir, dass ich in London lebe und meine Inspiration von den Leuten hier nehmen muss. Das Album wird traurige und fröhliche Lieder enthalten. Es klingt sehr frisch. Andererseits können wir das Rad nicht neu erfinden. Das ist so wie mit diesem wunderschönen alten Citroen. Den kann man nicht verbessern. Ebenso will ich den Erfolg, die Musik von Incognito, nicht wiederholen. Die Vergangenheit, so wie wir sie sehen, ist nur das, was wir heute von der Vergangenheit denken. In der Reflexion über die Vergangenheit begegnet uns unser heutiges Selbst. Wer also nur die alten Incognito wiederhören will, sagt damit nur, dass er sich nicht entwickelt hat. Wir aber haben uns weiterentwickelt. Darum kann ich sagen, dass wir ein sehr frisch klingendes Album eingespielt haben.“

Dass Incognito kein reiner Remmi-Demmi-Act ist, bei dem man sein Hirn an der Garderobe abgibt, um sich den Allerwertesten abzutanzen, geht aus dem Engagement für Anti-Aids-Kampagnen wie die CDs-Compilations „Stolen Moments – Red Hot + Cool“ (1994) und „Red Hot + Rio“ (1996) hervor. Ihr Song „Need to Know“ war sogar Titelmusik für die erfolgreiche TV- und Radio-Sendung „Democracy Now“. Wie sieht er sein Engagement heute, in Zeiten der zunehmenden Nationalismen, der Fremdenfeindlichkeit und der Flüchtlingsbewegungen? „Zeiten wie diese treiben das Schlechteste an die Oberfläche. Und das Beste. Doch ich kann das Licht der Erleuchtung nicht zu Menschen bringen, in denen noch nicht einmal eine kleine Flamme der Herzlichkeit brennt.“ Dann soll er mal nach Wien kommen, der Bluey mit seiner Truppe. Mit ihnen ein Feuer der Erleuchtung auf dem Fernwärmegelände zu entfachen, dürfte doch wohl keine Schwierigkeit sein, oder?         Harald Justin

CD-Tipp
Incognito „Jazz Funk“ (1981, - der Klassiker!)

KONZERT-TIPP:
Incognito beim FERNWÄRME OPEN AIR, Wien, 02.07.,

Beginn 16..00 Uhr, Einlass ab 15.00 Uhr
Locaktion. Wien Energie-Welt, 9., Spittelauer Lände 45

Tickets:
Karten gibt es um je EUR 2.00 in der Wien Energie-Welt, 9., Spittelauer Lände 45 (Öffnungszeiten Mo-Mi 8.00-15.00 Uhr, Do 8.00-17.30 Uhr, Fr 8.00-15.00 Uhr, immer werktags), in allen Bank Austria-Filialen und in der Wien Xtra-Soundbase, 1., Babenbergerstraße 1

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