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ULRICHSBERGER KALEIDOPHON 2017

Gnadenloses Schneetreiben vs. multidirektionales Klanggestöber

Das Vielfältige der Jetztzeit-Musik auf die Bühne zu stellen, hierbei niemals die Idee einer Kluft zwischen improvisiertem und komponiertem Ansatz aufkommen zu lassen, vollzieht sich nach wie vor in angenehm überschaubarem, quantitativem Rahmen und gelingt dem Maitre de Atelier de Jazz Alois Fischer und seinem engagierten Team mit ungebrochen qualitativer Bravour.

Larry Ochs - Live beim Kaleidophon Ulrichsberg 2017 / FotoCredit: Templin

Zudem sind die drei Tage eine eminent wichtige Ladestation für die Sozialhygiene. Die Ouvertüre gestaltete mit tiefbewegenden, engmaschigen Klangnetzen, basierend auf fein abgestimmtem Interplay, das Duo E PERICOLOSO SPORGERSI der Violinistin Gunda Gottschalk und des Kontrabassisten Peter Jacquemyn - intensiv, filigran, archaisch, enigmatisch und die „Global Village Philosophie“ des großen Peter Kowald, dem beide eng verbunden waren, eindrucksvoll weiterhörend und –fühlend. Dem folgenden SKEIN Ensemble rund um Initiator und Holzbläserkoryphäe Frank Gratkowski fehlte über weite Strecken die zwingende Klangsituationen herbeiführende Unität. Die Diversitäten der einzelnen Spielpraktiken der MusikerInnen, so großartig ein/eine jede(r) auch ist, liefen zu oft in parallelen Fährten ab und zerrütteten den Fluss der Klangepistel. Umso kompakter und mit markigem Punch wuchtete das Quartett ASHES um den britischen Posaunisten Hilary Jeffrey seine Klangparabel über die Bühne. Freiwildernde Kollektiveruptionen, versetzt mit metrischer Instabilität, matchten sich mit Rockenergetik in groovender Lässigkeit. Hybrider „Jazz-Rock“ auf der Geröllhalde mit Krachmandel-Effekt, der immer wieder auf hinreißend aufwühlende Art die Contenance verlor. Tag zwei rückte vornehmlich österreichische MusikerInnen ins Rampenlicht. Zunächst die „Stimmextravaganzerin“ Agnes Hvizdalek einmal im Duo DENOISE mit dem Elektroniker Klaus Filip und seinen oszillierenden Sinuswellen - ein intensiver Diskurs über das Ausloten musikalischer Randgebiete. Ein weiteres Mal mit dem Kollektiv NAKAMA in einer insuffizienten Wanderung zwischen Symmetrie und Asymmetrie. Mit höchst konzentrierten, feinstofflichen und fast telepathischem Interaktionismus entworfenen Klanggesten, lockte das Trio Tanja FEICHTMAIR/ Elisabeth HARNIK/ Nina POLASCHEGG (as, p, b). In Anwendung ausgesprochener Leichtigkeit, poetischer Kraft und intensiver Verinnerlichung durchmaßen die Musikerinnen einerseits harmonisch definierte, aber dann ebenso in souveräner Beherrschung erweiterter Spieltechniken zumeist perkussiv determinierte, abstrakte Klangterrains. Eine ohne Vorwerk auskommende, pluralistische Zündung zwingendster Momentmusik. Das den Konzertreigen finalisierende JAKOB BRO TRIO verhedderte sich, trotz inspiriertem Spiel von Drum-Colossus Joey Baron und Bassist Thomas Morgan durch Bros Hang zum Pastellfarbigen und einer gewissen Phlegmatik, in Verzückungen eines harmonischen Gartens – dröge Musik. Der Abschlusstag lud zunächst in die Pfarrkirche. ANNELIE GAHL (v), MANON-LIU WINTER (p) & KLAUS LANG (harmonium) zelebrierten mit großer Emphase Werke von Galina Ustwolskaya, Morton Feldman und Klaus Lang. Manon Winter entfachte zuletzt eine donnernde Klanggischt, die das Kirchenschiff ordentlich ins Wanken brachte. Die Klimax des heurigen Kaleidophons verantworteten in bestechender Form die Herren des ROVA SAXOPHON QUARTETs mit ihren österreichischen Gästen BURKHARD STANGL (g) und CHRISTOF KURZMANN (electronic). Dieses Projekt widmet sich einer Kompositionssammlung mit dem Titel „Saxophone Special“ des legendären Sopransaxophonisten und Jazz-Avantgardisten Steve Lacy. Eine bemerkenswerte Affinität zu Lacys Musik aufweisend, schuf das Ensemble eine substanzerfassende Neuinterpretation der vertrackten, bizarren Geometrie dieses Werkes. Speziell Harmonik und Melodik erfuhren in der Eigenregie des Sextetts spannendste Ausweitungen. Man war konfrontiert mit klanglichen Hervorbringungen eines integralen Ensembles, in dem blitzschnell Einwürfe improvisatorisch umgesetzt wurden; entsprangen sie den brillanten Soli, Stangl entwarf eine Klangsequenz, die wie ein „dodekaphonischer Blues“ anmutete, oder den anreichernden Interventionen Kurzmanns. „Remembering Steve Lacy“ – magnifikant und würdig. Schlusspunkt war die hypnotische, durchwachsene Performance von JOSHUA ABRAMS & NATURAL INFORMATION SOCIETY. Analogien zur musikalischen Trancewelt eines La Monte Young, mit eingängigen repetitiven Mustern, evozierend, breitete sich das Soundambiente eines Hippie-Aschrams aus. Auch das findet hier statt. Gut so. Übrigens, das Schneetreiben währte nur am ersten Tag.

Artikel: Hannes Schweiger


 


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