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Trombone Shorty - Musik, die vom Fuß in den Kopf steigt

Ein Ozwickta aus New Orleans bläst mit Posaune und Trompete die Genres zwischen Jazz, Blues, Funk, Rock und HipHop zusammen, um daraus einen Musicmix zu destillieren, der von den Füßen in den Kopf steigt.

FotoCredit: Matthieu Bitton

Manchmal möchte man sich einen Musiker erschaffen, der alle Träume wahr werden lässt. Und dann gibt es sie, die Musiker, die sich nicht besser erfinden lassen, die sind die Wahrwerdung aller lang in Hirn und Herz gehegten Träume. In ihnen spielen Musiker mit Charisma auf, die bereits beim ersten Ton ihr Publikum zum Aufspringen bringen, die eine Musik machen, bei der den Zuhörenden das Herz aufgeht, sie zum Lachen und begeisterten Mittanzen bei einer Musik bringt, die nicht stumpf und dumpf zum einfältigen Mitklatschen animiert, sondern bei einem rhythmisch und melodisch komplexen Zusammenspiel das Leiden der Welt benennt und gleichzeitig mit Hingabe und Spaß heilt. Dass die Riesenaufgabe ausgerechnet von einem Musiker bewältigt wird, der als Posaune und Trompete spielender Pustefix den Namen Trombone Shorty trägt, erscheint nur auf den ersten Blick komisch. Aber der 1986 geborene Ozwickta mit dem Pusterohr bestätigt einmal mehr die Weisheit des Bo Diddley-Klassikers "You Don't Judge A Book By The Cover": Man soll halt vom Äußeren nicht auf das Innere schließen, und nebenbei gesagt, Troy Andrews, so sein richtiger Name, ist zumindest in Zentimetern gemessen, heute so klein nicht mehr. Früher war natürlich alles anders. Seinen Spitznamen erhielt er, so erzählt er grinsend, "als ich bei einer Parade mitmarschierte. Ich und meine Posaune. Und dann rief mein Bruder James 'Das Solo spielt Trombone Shorty'. Ich wusste zuerst gar nicht, wer gemeint ist. Seitdem habe ich diesen Spitznamen." Dass Troy Andrews seinem neuen Namen alle Ehren machte, zeigen Jugendfotos, auf denen ein stolzer, fünfjähriger, kraushaariger Knirps mit einer Posaune zu sehen ist, die doppelt so groß wie er ist. Wobei er seinen Mitspielern nur bis zu den Kniekehlen reicht. Auf einem anderen Foto bückt sich sogar Bo Diddley, um den kleinen Posaunisten zu bestaunen. Niemals war ein Posaunist größer als in dieser Momentaufnahme, wo ein Rhythm 'n' Blues - Gott einem Kind in Augenhöhe begegnet.

FotoCredit: Matthieu Bitton

Shorty Superstar

Gerechterweise sei gesagt, dass wahrscheinlich niemand diese Bilder je zu Gesicht bekommen hätte, wenn aus dem Posaunen-Winzling nicht mittlerweile ein international renommierter Musiker geworden wäre, der die Jazz-, ja die Musikwelt auf die Tanzbeine bringt. Heute hat er im Vorprogramm von U2, Green Day, Lenny Kravitz und den Red Hot Chili Peppers vor einem Millionenpublikum gespielt und mit eigenen Konzerten allemal überzeugt. Ein Konzertbericht aus dem Jahr 2013, als er mit seiner Band im Arkadenhof des Wiener Rathauses auftrat, mag die Musik und die Atmosphäre seiner Konzerte wiedergegeben. Beim Soundcheck soll es sich noch ziemlich schräg und laut angehört haben. "Was das wohl geben wird", fragte sich der Augenzeuge und gab die Antwort selber, als er schrieb: "Mit Ahnungen hält sich Trombone Shorty nicht lange auf. Hey, der Mann kommt aus New Orleans, der Geburtsstätte des Jazz. Er hat die Musik dank seiner musikalischen Familie in die Wiege gelegt bekommen, und er versteht sich auf die Kunst des Jazz, die da heißt: Mach uns glücklich, mach uns frei! Es ist die Lust an der Umkehrung aller Werte, die den Jazz bestimmt. An diesem Abend lädt Trombone Shorty zum Karneval in New Orleans ein, zum Mardi Gras, der wildesten Umkehrung aller Zwänge. Er lässt die Heiligen der Letzten Tage mit den "When The Saint Go Marching In" aufmarschieren, bläst Posaune und Trompete mit unverminderter Kraft, während die Band sofort den Rhythmuspunkt getroffen hat, der die Becken aller Anwesenden zum Kreisen bringt. 'Well, it's funky!'. Er bläst einen Chorus nach dem anderen, wo normale Menschen schon längst luftentleert wären. Und selbstverständlich kommt es zum einzigen Drumsolo dieses Festivals, bei dem nicht ein Drummer sinnentleert auf die Felle drischt, sondern nur hier und nur bei Trombone Shorty beteiligt sich die ganze Band am perkussiven Miteinander höchst mitreißender Rhythmik an der Trommel. A Wop A Loop. Das umgedrehte Drum-Solo. Das ist Jazz, wie er sein soll. Zum Feiern mitreißend. Die normale Gebrauchslogik in befreiender Weise auf den Kopf stellend und Besucher des Konzerts mit breitem Grinsen und bewegten Körperteilen nach Hause schickend." So weit, so begeistert. Und mit der Überlegung, ob man sich von Trombone Short küssen lassen sollte, damit eine Spur seiner Magie segensreich übertragen wird, endete dieser Bericht. In seinen Eckpunkten "New Orleans - Jazz - Tanz - Magie" enthält er alle Ingredienzen, um an der Musik dieses Mannes nicht nur Spaß zu haben, sondern sie so zu verstehen wie Wynton Marsalis, der sagte: "Ich bin sein größter Fan!" Andrews gibt das Lob zurück: "Wynton ist einer meiner Vorbilder". Natürlich kennen sich die beiden Musiker vom gemeinsamen Spiel in ihrer Heimatstadt, nicht zuletzt, weil Ellis Marsalis, Wyntons Vater, den kleinen Troy unterrichtete. Darüber hinaus ist Andrews schon seit seiner Kindheit ein Star im schwarzen Tremé-Viertel der Stadt mit ihren Marchingbands und Musicclubs. Und es verwundert nicht, dass Aaron Neville, die Stimme seiner Stadt schlechthin, auf die Frage, welcher Musiker für ihn nach der Hurrikan Katrina-Katastrophe 2005 der größte Hoffnungsträger sei, nur einen Namen nannte: "Trombone Shorty!" Für diese Empfehlung revanchiert sich Andrews mit "Ich liebe die Nevilles!" und gemeinsamem Spiel. Tatsächlich gelten seine Auftritte in seiner Heimatstadt als ebenso legendär und schweißtreibend wie das Konzert in Wien. Wobei für ihn nicht das Konzert, sondern die Musik ausschlaggebend ist: "Ich glaube, ich habe als Zweijähriger mit der Musik angefangen. Seitdem mache ich Musik. Alle in unserer Familie spielen ein Instrument. Auf den Straßen ist immer Musik zu hören, die Marchingbands kommen und gehen, und ich habe mit fast allen Musikern in New Orleans gespielt." Das sagenhafte New Orleans. Auch "the Big Easy" genannt, die Stadt der "großen Leichtigkeit".

Foto: Rainer Rygalyk

Die Botschaft des Voodoo

Die Geburtsstunde des Jazz in New Orleans und damit in Amerika schlug bekanntlich im späten 19. Jahrhundert. Die Stadt war eine der lebendigsten der Welt, ein brodelnder Hexenkessel der Völker. Spanier und Franzosen, Engländer und Italiener, Deutsche und Slawen, die vielen aus Afrika verschleppten Sklavenvölker, die in den Sümpfen Louisianas lebenden Angehörigen indigener Völker, alles kam in der Stadt am Strom zusammen. Man sang in den Kirchen puritanische und katholische Hymnen, tanzte Polka, hörte französische Volks- und Ballettmusik, Marschmusik aus Preußen, Indianergesänge und die Gesänge und Tänze der schwarzen Bevölkerung. Berühmt-berüchtigt war New Orleans für die allseitige exotische Atmosphäre, für die an jeder Ecke zu hörenden Musiken und als Zentrum des amerikanischen Voodoo-Glaubens. Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts versammelten sich am Congo Square regelmäßig die Angehörigen dieser Religion zu ihren öffentlichen, eigentlich geheimen Voodoo-Riten und Feiern. Alte afrikanische Riten vermischten sich mit katholischen Heiligenfiguren und indianischer Heilkunst, die Musik in jenen Jahren, die noch nicht Jazz hieß, war eine wüste Mixtur aus allen Musiken der Welt und führte gleichzeitig alte afrikanische Traditionen fort. Sie fand auf öffentlichen Plätzen, in Bordellen, in "Funky Butt Halls" ("schwitzig stinkenden Bumshallen"), auf Straßenumzügen und mit Marching Bands statt. Die afroamerikanischen Sklaven erkannten, dass sie mit ihrer Musik die Werte der weißen Gesellschaft auf den Kopf stellen konnten. Gegen die protestantische Arbeitsethik setzten sie die Lust am Feiern, gegen die Zwangslogik der weißen Sprache setzten sie auf einen Sprachenmix aus Nonsense-Silben, indianischen, irischen und afrikanischen Zaubersprüchen. "Iko Iko, fena-nay!" "Iko Iko", "A Wop A Loop Bam Boom", "Shurah, Shurah" oder gar "Ooh Poo Pah Doo" - wer diese Worte nicht versteht, hat die Essenz des Jazz nicht verstanden. Voodoo kam in diesem verwirrenden Geflecht unmöglicher Beziehungen eine besondere Rolle zu: In den zu Trance-Zuständen führenden Rhythmen der Trommeln, in den Gesängen und Feiern wurden jene Traditionen und Geheimnisse bewahrt und weitergegeben, die den Schwarzen ein metaphysisches Überleben in der neuen Heimat unter der Herrschaft der Sklaverei ermöglichen sollten. Im Rhythmus der Musik wurden die Gläubigen von ihren Göttern besessen, vereinigten sich mit ihnen im Tanz und in der Ekstase. Zumindest während des Rituals war so etwas wie Befreiung und Heilung von den Erschwernissen des Alltags zu spüren. Dabei geht es um ein metaphysisches Wissen, das über Generationen weitergegeben wird, selbst wenn die Beteiligten nichts von den Geheimnissen dieser Religion wissen. Dieses ursprünglich afrikanische, psychoaktive Programm, in dem der Geist über die Befreiung des Körpers durch Musik zu sich kommt, ist just das Gegenteil klassisch westlicher Musikästhetik, deren oberstes Ziel nicht Sinnlichkeit, sondern Vergeistigung ist. Experte Michael Ventura weiß: "In dieser Kultur des Voodoo und der afroamerikanischen Musik werden die Kathedralen in die menschlichen Körper gebaut und die Schriften in die Körper geschrieben. Um diese nicht-materiellen Kunstwerke über die Generationen weiterzugeben, hat es eines Systems bedurft. Dieses System ist der Rhythmus." Nicht die steinernen Kathedralen zählen, nein, es sind die in die Körper mit den Rhythmen gebauten Heiligtümer. Heiliger Rhythmus, bei dem man mitmuss. Dem sich Musiker über Generationen hinweg verschreiben. Es ist eine Musik, die Menschen initiiert, ohne dass sie es bewusst merken.

Foto: Dietmar Hoscher

Eine bezaubernde Familie

Es heißt, alle afroamerikanischen Musiker aus New Orleans, die zwischen 1875 und 1895 ihre später Jazz genannte Musik gemacht haben, hätten noch Voodoo-Erfahrungen der ersten Generation gehabt. Egal, ob es Erfahrungen zweiter oder dritter Hand waren, aber noch bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts stammten etwa fünfzig Prozent aller wichtigen Jazzmusiker Amerikas aus New Orleans und trugen die frohe Botschaft der Körperbefreiung in die Welt. Es ist kein Zufall, dass einer der wichtigsten Jazz-Musiker aller Zeiten, Louis "Satchmo" Armstrong, aus New Orleans kam und dass James Andrews, der Spitznamen gebende Bruder von Troy, in New Orleans heute als "Satchmo Of The Ghetto" bekannt ist. Armstrong ist sein Idol, wie auch das von Wynton Marsalis. Der Generationenvertrag wirkt, und wenn um die Jahrhundertwende Jelly Roll Mortons Großmutter eine Voodoo-Priesterin war, dann erzählt Dr. John, der seinen Künstlernamen einer Voodoo-Legende des 19. Jahrhunderts entnahm, knapp hundert Jahre später von seiner Großmutter, die ebenfalls eine "weise Frau" gewesen sein soll. Einer seiner liebsten Mitspieler war Jesse Hill, ein Sänger, der 1960 einen Hit mit "Ooh-Poo-Paah-Doo" hatte. Hauptaussage des Songs: Zerstörung des Bewusstseins durch die Verrücktheit der Musik: "I Create Disturbance In Your Mind" sang er, gefolgt von einem wahnsinnigen Saxofonsolo. Ein Mitmachtanz, und sein Schöpfer ist der Großvater von Troy Andrews. Im Familienumfeld der Andrews agierte auch Prince Lala, der mit seinem Bühnenoutfit eine Voodoo-Figur des 19. Jahrhunderts wiederbelebte und als Vorbild für Dr. John diente. Prince Lalas 1961er Hit "I Put The Hurt On You" war ein klassischer Voodoo-Song der Verhexung. Wundert es da noch, dass Trombone Shorty auf seinem aktuellen Album "Parking Lot Symphony" gleich zweimal ein Trauerlied auf die Hohepriesterin des Voodoo im 19. Jahrhundert, die legendäre Marie Laveau anstimmt? Er besingt sie ebenso wie die Probleme seiner Heimatstadt und ihrer Bewohner. Trombone Shortys Musik ist in New Orleans geerdet. Über das bloße Name-Dropping einer Voodoo-Schamanin hinweg, besticht sie durch die Tanzbarkeit, durch das Durchmischen aller Genres. Es ist immer alles gleichzeitig da, Jazz, Funk, Blues. Auch damit baut er immaterielle Kathedralen in die Körper seines Publikums. Er mag ein kleiner Posaunist gewesen sein. Mittlerweile ist er ein großer Baumeister. Harald Justin

CD-TIPP

Trombone Shorty "Parking Lot Symphony", Blue Note, Vertrieb: Universal

WEBB-TIPP

www.tromboneshorty.com

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