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„Geben, nehmen, teilen“ - e.s.t. live in London

Vor genau 10 Jahren starb der Ausnahmepianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall. Dass die Musik seines Trios e.s.t. mit Magnus Öström und Dan Berglund bis heute nichts an Faszination eingebüßt hat, zeigt ein Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2005.

Esbjörn Svensson - live on stage. Foto: Rainer Rygaylk

Diese drei Schweden waren (sind!) ein Phänomen. Von der Gründung des Esbjörn Svensson Trios (später in e.s.t. umbenannt) 1993 bis zum Tod des Pianisten 2008 skizzierten sie mit Leidenschaft und Beharrlichkeit einen neuen Weg für den europäischen Jazz: nonchalanter Eklektizismus, der Einflüsse von Bartók bis Radiohead in einen packenden Individualstil verschmolz, und eine Hingabe, die vor allem dem Live-Publikum intensive Kollektiverlebnisse bescherte. Esbjörn Svensson selbst meinte nur lakonisch: „Wir sind eine Rockband, die Jazz spielt.“

Was den drei bescheidenen und stets freundlichen Musikern damals noch nicht bewusst war: Sie waren spätestens seit ihrer CD „From Gagarin’s Point Of View“ (1999) zu Ikonen einer aufstrebenden Generation von Musikschaffenden geworden. Und diese Vorbildwirkung hält bis heute an: Nicht nur Klaviertrios in der ganzen Welt beziehen sich auf e.s.t.’s unkomplizierten und mitreißenden Zugang zur Musik, in dem Klassik, Romantik, Moderne, Jazz, Rock und Techno als gleichberechtigte Stilrichtungen betrachtet und behandelt werden.

e.s.t.-Schlagzeuger Magnus Öström zieht mit folgenden Worten Bilanz: „Aus heutiger Sicht fühle ich vor allem Dankbarkeit – für alles, was wir gemeinsam erreicht haben, dass wir unseren Jugendtraum verwirklichen und in dieser unvorhersehbaren, verrückten und chaotischen Welt für unser Publikum etwas Positives schaffen konnten.“ Nils Landgren, einer der besten Freunde von Esbjörn Svensson, würdigt den Pioniergeist des Trios: „Es wäre ein Fehler, über Esbjörns Musik in der Vergangenheit zu sprechen, denn sie wird für immer bei uns bleiben.“

Wie alles begann

Zwei kleine Buben, die sich zum Spielen treffen: der dreijährige Magnus Öström und der vierjährige Esbjörn Svensson, die Anfang der 1970er Jahre als Nachbarn in Skultuna bei Västerås (Mittelschweden) aufwachsen – mit Deep Purple, Jimi Hendrix und Lynyrd Skynyrd. Mit 8 Jahren baut sich Magnus dann sein erstes Schlagzeug, und Esbjörn klimpert auf dem Klavier dazu. „Wir hatten keinen Masterplan; wir haben einfach angefangen zu spielen. Es war eine gemeinsame Reise, die auf Versuch und Irrtum beruhte. In unserer Teenagerzeit gab es dann eine Menge verschiedener Bands, und bis zum abrupten Ende von e.s.t. waren wir noch immer auf gemeinsamer Entdeckungsreise...“

Ein Konzert von John McLaughlin mit dem Schlagzeuger Billy Cobham, das er mit 14 in Stockholm hörte, ließ in Magnus Öström den endgültigen Entschluss reifen, Drummer zu werden: „Ich hatte schon einige Jahre herumgetrommelt, und es war wie ein Schock für mich: Wie konnte man nur so Schlagzeug spielen! Zuerst waren es wohl Mick Tuckers Intro auf ‚Ballroom Blitz’ (The Sweet) oder Bill Haleys ‚Rock Around The Clock’, also die alten Platten meiner Eltern, die mich faszinierten; aber nach diesem Konzert mit Billy Cobham versenkte ich mich jahrelang in die Welt des Jazzrock.“

Später studierten Öström und Svensson in Stockholm und waren in der dortigen Szene aktiv, bis sie 1993 den Bassisten Dan Berglund kennenlernten. Berglund spielte damals noch im Quintett der Sängerin Lina Nyberg und passte perfekt in das ungestüme Trio, das sehr bald die schwedische Musiklandschaft aufmischte, u.a. mit „E.S.T. Plays Monk“ (1996), aber vor allem mit pointierten und leidenschaftlichen Eigenkompositionen wie „Mr. & Mrs. Handkerchief“. Esbjörn Svensson arbeitete anfangs parallel im Duo mit Posaunist Nils Landgren sowie in dessen Funk Unit, ab dem Jahr 2000 konzentrierte sich die Arbeit und auch das Leben von Svensson, Berglund und Öström ausschließlich auf das gemeinsame Projekt e.s.t.

FOTO: ACT / JOERG GROSSE-GELDERMANN

Direkt, rau und konzentriert: e.s.t. live

Die drei Schweden veröffentlichten bis zu Svenssons Tod 12 Alben, von denen zwei live aufgezeichnet wurden. Der oft filigrane, bisweilen aber wuchtig auftrumpfende Sound der Band, der die klassische Pianotrio-Besetzung um subtile Elektronik erweiterte, wurde über Jahre entwickelt und in der späteren Phase von e.s.t. auch live durch das quasi vierte Bandmitglied, den Tontechniker Åke Linton, realisiert. Die Live-Konzerte des Trios, die nach und nach in aller Welt stattfanden, folgten stets einer ausgeklügelten Dramaturgie, bei der die Spannung oft über 15 Minuten aufgebaut wurde und sich dann in fulminanten Klanggewittern entlud. Man spielte immer mit vollem Risiko, und wie schon drei Jahrzehnte vorher bei Weather Report sprachen die Musiker selbst und auch die Kritiker davon, dass hier niemand bzw. alle zugleich solierten.


Die äußere Erscheinung des Trios – Träger-Shirts und Cargohosen – sowie das fast kumpelhafte Auftreten ohne Starallüren trugen ebenso wie die Musik zur unglaublichen Popularität von e.s.t. bei. Diese wirkte an der Oberfläche oft einfach gestrickt und lebte von repetitiven Mustern, war aber im Detail hoch komplex und von einer lässigen Virtuosität getragen. Für die rätselhaften bis skurrilen Songtitel wie „Mingle In The Mincing-Machine“ oder „Dodge The Dodo“ zeichnete in aller Regel Magnus Öström verantwortlich: „Ich hatte anscheinend einen speziellen Sinn dafür, unsere Musik mit Worten zu beschreiben. Ich konnte Bilder, Geschichten oder manchmal ganze Filme in den Songs ‚hören’ oder ‚sehen’. Es dauerte oft lange, den jeweils genau richtigen Titel zu finden. Das passierte immer erst nach der Komposition, Esbjörn hat nie auch nur ein Stück zu einem vorhandenen Titel geschrieben.“

Aufgrund des zeitaufwändigen Tourplans entstanden die meisten neuen Songs während der einen oder anderen Konzertreise und wurden keinem einzelnen Komponisten, sondern der ganzen Band zugeschrieben. „Wir jammten immer während des Soundchecks; Esbjörn nahm das üblicherweise auf – was ich zuerst gar nicht wusste – und arbeitete später einzelne Ideen aus. Es kam auch vor, dass ich eine Idee hatte und zu Esbjörn sagte: ‚Machen wir doch ein sehr schnelles Stück mit einer sich langsam bewegenden Melodie darüber.’ Daraus wurde schließlich ‚When God Created The Coffeebreak’. Die Melodie von ‚Fading Maid’ wiederum stammt von Dan. Esbjörn hat also manche Stücke mit Inputs von uns beiden verfasst, und andere entstanden aus Jams, aus dem Nichts. Er hat e.s.t. immer alles auf den Leib geschrieben; manchmal probierten wir auch etwas aus und kamen zu dem Schluss: Das ist kein e.s.t. Song, aber vielleicht könnte er für eine andere Band funktionieren.“

20. Mai 2005: Live in London

Es muss ein besonderer Abend gewesen sein, als Svensson/Berglund/Öström die Bühne des ausverkauften Londoner Barbican Centre betraten, um ein langes und schweißtreibendes Konzert zu spielen, dessen Programm hauptsächlich aus den CDs "Viaticum", "Strange Place For Snow" und "Seven Days Of Falling" kam. Einer jener Abende, an denen Künstler und Publikum zu einer Einheit verschmelzen und einander Energie schenken. Magnus Öström erinnert sich: "Es herrschte eine spezielle Stimmung im Saal, das Publikum war fantastisch, sehr entgegenkommend und gastfreundlich. Es war ein elektrisierendes Gefühl..." Der wortkarge Dan Berglund fügt hinzu: "Wir waren wirklich gut an diesem Abend! Wir sind volles Risiko gefahren."

Zum Glück zeichnete Tontechniker und Sounddesigner Åke Linton das gesamte Konzert auf; er prägte den Livesound des Trios vom Mischpult aus entscheidend mit. Öström: "Er sorgte nicht nur für hervorragende Klangqualität im Saal, sondern er fügte manchmal auch spezielle Reverb-Effekte dazu, auf die wir als Musiker reagierten, und das erschuf diesen e.s.t.-Vibe, auf dem wir dahinglitten. Åke hat beim Mischen den Sound noch aufgefettet, aber sonst nichts verändert. Er war also an der Produktion von 'e.s.t. live in London' ebenso beteiligt wie Dan und ich."

Für e.s.t.-Aficionados ergeben sich beim Durchhören interessante Vergleiche zu den jeweiligen Original-Studioaufnahmen der 10 Titel. Magnus Öström erklärt, dass die Soli und die Übergänge live etwas ausführlicher ausfielen. Ansonsten hätten er und seine Mitmusiker die Kompositionen wie Pop-Songs behandelt, nahe am Original und mit dem für e.s.t. eigenen Gespür für Kontraste; so finden sich in der kraftvollen, manchmal fast atemlosen Performance auch Inseln der Ruhe wie die herrliche Ballade "Believe, Beleft, Below". Der 20. Mai 2005 war eindeutig ein guter Zeitpunkt, um die eigene Karriere einmal Revue passieren zu lassen; die Band hatte allerdings auch schon wieder große neue Pläne, wie die kommenden Alben "Leucocyte" und "301" (die schon nach Svenssons Tod erschienen) bewiesen.

Mit dem letzten Track "Spunky Sprawl" verneigen sich Svensson/Berglund/Öström ironisch zwinkernd vor der Jazzhistorie. Titel wie dieser lassen erahnen, warum Kollegen von Jamie Cullum bis Till Brönner immer wieder die Bedeutung von e.s.t. betonen und warum etwa Pat Metheny sagte: "Man, you have to check out e.s.t.! It's one of my favorite bands." Die CD zeigt das Paradestück eines optimal eingespielten Klangkörpers, in dem jede Note sitzt, in dem man einander uneigennützig unterstützt, woraus sich schließlich mehr als die Summe der Einzelteile ergibt. Oder, wie Esbjörn Svensson kurz vor seinem Tod in einem Interview anmerkte: "Drei Körper, ein Gehirn."

Foto: Tobias Regell

"Geben, nehmen und teilen"

Nach dem Schock, den der tödliche Tauchunfall ihres Freundes auslöste, mussten Dan Berglund und Magnus Öström erst einmal ihr Leben neu ordnen. Obwohl sie sporadisch zusammen auftreten (und das auch in Zukunft wieder öfter tun werden, siehe unten), haben sie sich zunächst als Solokünstler einen Namen gemacht. Magnus Öström ist mit den Veröffentlichungen "Thread Of Life", "Searching For Jupiter" und "Parachute" noch ein Stück mehr in Richtung Jazz-Rock und Prog-Rock gegangen und sitzt schon seit mehreren Jahren auf dem Schlagzeugstockerl des Lars Danielsson Quartetts, während Dan Berglund nach wie vor ein gefragter Sideman für alle Gelegenheiten ist und mit seiner Band Tonbruket auf bisher fünf Tonträgern gekonnt zwischen Folk, Jazz und Rock changiert.

Öström wird auch ab Mai im Rahmen des Iiro Rantala Trios auftreten (der finnische Pianist war auch schon auf der orchestralen Hommage "e.s.t. Symphony" mit dem Symphonieorchester Stockholm zu hören, und man kennt sich seit den Tagen des Trio Töykeät). Des Weiteren darf man gespannt auf das Rymden Trio sein, in dem Öström und Berglund mit dem norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft zusammenarbeiten werden; Première ist Mitte Juli in Rumänien. "Das Projekt ist noch ganz neu, und wir wissen noch nicht, wohin es uns führen wird. Wir kennen Bugge schon lange und waren begeistert, als er uns fragte, ob wir zusammen spielen. Es wird übrigens das erste Mal seit e.s.t. sein, dass Dan und ich wieder im Trioformat arbeiten, und es wird aufregend."

Das musikalische Erbe und der Spirit von e.s.t. werden also in verschiedenster Form weiterleben, nicht zuletzt auch durch unzählige junge Musikerinnen und Musiker, die wegen der schwedischen Band überhaupt erst ermutigt wurden, in diese Fußstapfen zu treten und vielleicht einmal ihr eigenes Ding zu machen. Magnus Öström erfüllt diese Tatsache mit Bescheidenheit und Dankbarkeit: "Wir alle stehen auf den Schultern der Musiker, die vor uns kamen. Darum geht es meiner Meinung nach in der Musik wie im Leben: geben, nehmen und teilen. Du gibst das Wertvollste, das du hast, nämlich dich selbst, und im besten Fall kann das jemand annehmen und wieder etwas Wertvolles weitergeben, und so weiter in alle Ewigkeit... Ich glaube, deshalb kann Musik auch das Leben von uns Menschen so nachhaltig beeinflussen."

Martin Schuster

Aktuelle CD:

  • Esbjörn Svensson Trio "e.s.t. live in London", ACT, Vertrieb: edelkultur

    www.actmusic.de 

CD-Tipps:

  • Esbjörn Svensson Trio "e.s.t. Symphony", ACT, Vertrieb: edelkultur

  • Magnus Öström "Parachute", Diesel Music, Vertrieb: edelkultur

  • Tonbruket feat. Dan Berglund "Live Salvation", ACT, Vertrieb: edelkultur

     

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