Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 3/2019 > Jamie Callum

Jamie Cullum – Von Jimi Hendrix zu Clint Eastwood

Wo, zum Teufel, gehört Jamie Cullum eigentlich hin?

Jamie Cullum ist ein Phänomen. Platter Einstieg in eine Titelgeschichte, werden Sie, geneigter Leser, geneigte Leserin, ausrufen! Doch halt! Jamie Cullum ist nämlich zu allererst ein Phänomen der Jazzkritik. Denn selbst viele hartgesottene, nicht nur im Einmaleins der Musikgeschichte, sondern geradezu in der Quantenphysik des höheren Kunstverstandes geschulte Kritiker dieses Genres, welche gewöhnlich bereits drei aufeinanderfolgende Dur-Akkorde als Ausverkauf an den Kommerz anprangern, schreiben den ehemaligen Jungstar und momentanen Quotenregenten des (britischen) Jazz nicht in Grund und Boden. Im Gegenteil! Vergleiche wie "Charlie Parker des Pop" (unzutreffend, aber ehrenvoll) oder "Robbie Williams des Jazz" (schon zutreffender, aber ebenfalls nicht ehrenrührig) sind eher offene Liebesbezeugungen denn abwertende Qualifizierungen, die an Cullums selbstbewusstem Harnisch abzuprallen hätten.

Jamie Callum live in der Wr. Staatsoper / Foto: D. Hascher

Jamie Cullum sieht sich selbst als Jazzmusiker. Das hat er in unzähligen Interviews immer wieder unmissverständlich postuliert, auch wenn er das 2014 erschienene Album "Interlude" gerne einmal als sein "erstes wirkliches Jazzalbum" einordnet. Spricht man ihn auf seine unzweifelhaften Popavancen an, leugnet er aber auch diese nicht. Die Qualität der Musik sei ihm wichtig, nicht ihre Einordnung in Kategorien. Was sein Werdegang auch konsequent zu beleuchten vermag. Denn Cullum ist musikalisch erblich vorbelastet. Sowohl sein aus Israel stammender Vater als auch seine aus Burma kommende Mutter spielten in einer Cover-Band, The Impacts, was den kommenden Star bereits in sehr jungen Jahren mit verschiedensten Musikstilen - und dem Klavier - konfrontierte. Zudem eiferte er seinem älteren Bruder Ben, mit dem er später eine Kompositionsgemeinschaft eingehen wird, nach, und griff deshalb auch zur Gitarre. Nirvana soll, der Legende nach, durchaus das Interesse des jungen Mannes nicht völlig kalt gelassen haben, ebenso aber Miles Davis, DJ Shadow, Radiohead oder Thelonious Monk. Das Studium an der University of Reading in Literatur und Film, welches er mit Auszeichnung abschloss, verdiente sich der passionierte Vinylsammler und Hobbyfotograf unter anderem mit Auftritten in Bars, Clubs, auf Schiffen oder bei Hochzeiten. Eine gute Schule, um sein späteres Publikum in den Griff zu bekommen. 1999 erscheint Jamie Cullums erste, selbst produzierte CD, "Heard It All Before", in einer Auflage von einigen hundert Stück, die er bei seinen Liveauftritten verkauft und die heute eine kaum zu findende Rarität darstellt. Gleichzeitig ist er in einer Rockband tätig, tourt mit ihr im Gefolge von Paul Weller und Oasis. Schließlich erregt Cullum die Aufmerksamkeit des britischen Jazz-Bassisten und Komponisten Geoff Gascoyne, der ihn protegiert und mit ihm die 2002er-Scheibe "Pointless Nostalgic", auf Candid Records, produziert. Der letzte, selbstverfasste, Titel der Platte trägt dabei den bezeichnenden Titel "I Want To Be A Popstar". Auch der legendäre Moderator Sir Michael Parkinson wittert nun das Potential des jungen Talents und baut Cullum in seine TV-Chat-Shows ein. Ein wesentlicher Karriereinput, wie Jamie Cullum später betonen wird. Das daraufhin einsetzende Bieterrennen um einen Plattenvertrag mit dem aufkeimenden "Popstar" entscheidet schließlich die Universal Music Group - bis heute - für sich. Die darauffolgenden Tonträger "Twentysomething" (2003) sowie "Catching Tales" (2005) katapultieren den "Rising Star" (British Jazz Awards 2003) in die vordersten Ränge der Charts seines Heimatlandes. Inzwischen steht Cullum bei rund 10 Millionen verkauften Tonträgern. Seit Jahren gestaltet er überdies eine eigene, oft prämierte Radio Show auf BBC Radio 2, "The Jazz Show with Jamie Cullum" - ein ähnliches Erfolgskonzept wie jenes von Piano-Kollegen Jools Holland ("Later with Jools Holland") in der TV-Leiste des Senders (BBC Two). Da sage noch jemand, öffentlich-rechtlicher Musik-Auftrag wäre wirkungslos. "Twentysomething" vereint übrigens - in seltener Eintracht - American-Songbook-Standards wie "Singin' In The Rain" mit Rockklassikern vom Schlage "The Wind Cries Mary".

Foto: Rainer Rygalyk

Zweifelsfrei sind Cullum und seinem Team die feinen Theorien des Marketings im Musikbusiness nicht völlig abhold. Ein Jazzer, der während eines Konzertes von Lautsprecherboxen springt, aufs Klavier hüpft oder die Trommelstöcke zur Hand nimmt? Interessant! Ein Jazzer, der es sich nicht nehmen lässt, den Crossover in den Pop zu unternehmen? Interessant! Wie würde dies umgekehrt aussehen? Ein Popmusiker, der mit dem Jazz kokettiert? Wenig aufregend (es sei denn, man ist Steely Dan)! Doch dies alles scheint im Falle des Briten lediglich Beiwerk zu sein. Möglicherweise - nein, wahrscheinlich fast sicher, denn rein zufällig steht wohl live keine Snare in Griffweite des Meisters - kalkuliert, doch eben nur Beiwerk. Denn bei Jamie Cullum wirken derartige Einlagen nicht aufgesetzt oder widerwillig choreographiert, sondern authentisch. Ja, Cullum spielt mit diesen Mitteln, aber er tut es, weil es ihmSpaß bereitet. Ein Vergnügen, welches sich dann auf das Publikum überträgt. Zumindest meistens. Mittlerweile weiß und schätzt das Auditorium, was es erwartet ... und erwarten darf. "Würde ich mich auf einen klaren Jazzsound beschränken ... wäre ich dazu gezwungen, permanent vertrackte Akkordwechsel und clevere Taktarten auszuhecken. Als Komponist kann es einen langweilen, an solche Dinge zu denken, wenn man eine klare emotionale Botschaft vermitteln will", wird der Brite auf der Homepage des Jazz Fest Wien, dem er diesen Sommer in der Wiener Staatsoper wieder einen Besuch abstatten wird, zitiert. Also reißt er - zumindest auf der Bühne - ungeniert und gnadenlos (vermeintliche) Genregrenzen, bisweilen beatboxend, ein und lässt die musikalische Zurückhaltung des swingenden Jazz Cullum'scher Prägung mit der extrovertierten Performance des Rock und Pop eine hochenergetische und oft auch hochperkusssive Lebensabschnittspartnerschaft eingehen. The Wedding Present und Hendrix lassen grüßen. Crossover in Reinkultur. Der explodierende Konzertflügel auf dem Cover von "The Pursuit" wird zum Programm. Und am Ende des Abends ist der Bösendorfer trotzdem heil geblieben.

Was hat der knapp Vierzigjährige nicht schon alles unternommen, um sich als "ernsthafter" Jazzmusiker zu diskreditieren. Da schreibt er beispielsweise die Titelmelodie für Clint Eastwoods "Gran Torino" oder den Soundtrack für Michael Caines "King Of Thieves". Bei näherer Betrachtung allerdings auch nichts wirklich Ungewöhnliches, wenn man in der Filmgeschichte stöbert. Auffallender ist da schon sein Beitrag für den Eurovision Song Contest 2012. Gemeinsam mit Steve Robson und Wayne Hector verfasste er den Song "Standing Still", mit dem Roman Lob für Deutschland in den Wettbewerb zog und den achten Platz einfuhr. Eurovision Song Contest? Wie bitte? Aber dass Cullum keinerlei Berührungsängste hat, zeigte er ja auch auf ARTE, in deren Leiste "Durch die Nacht mit...". Partner des Musikers in dieser Sendung: Boris Becker. Der Mann aus Romford, Essex, benötigt eben keine Totenkopfringe oder Irokesenhaarschnitte, um subversiv zu sein. Trotz Grammy- und Golden Globe-Nominierungen und Brit Awards am Trophäenregal. Auch damit kann man Konzertsälen und Veranstaltungshallen das Label "Ausverkauft" permanent ans Revers heften.

Foto: Dietmar Hoscher

"Taller" ist nun Jamie Cullums achtes Studioalbum, das einmal mehr untermauert, wie sehr sich der Künstler selbst als genreübergreifender, Klangtraditionen brechender, verspielter Singer/Songwriter sieht. Bereits der vorab veröffentlichte Titelsong, gekleidet in Modern Soul, stellt dies unter Beweis. Die zehn Tracks des Albums wurden im Haus von Cullum bzw. im Studio von Langzeitfreund Troy Miller eingespielt, der auch mit Laura Mvula und Mark Ronson zu Werke schritt. Fünf Jahre nach "Interlude" soll "Taller" einen Einblick in Cullums "interior world" bieten. "I write to learn what I'm thinking" heißt es dergestalt im abschließenden "Endings Are Beginnings", das solo zum Vortrag gelangt. Überhaupt gestaltet sich die Platte über weite Strecken in der Tat sehr introspektiv, in "The Age Of Anxiety" bekennt der Autor unter anderem "I just wanna live inside sometimes". Etliche Songs beginnen nur mit Vocals und Piano, etwa "Life Is Grey", eine Ballade, die gegen Mitte in breitere Instrumentierung und Backgroundgesang gleitet. Oder "For The Love", ein guter, akzentuierter Singer/Songwriter-Pop, der von Cullums angenehm rauchiger Stimme getragen wird. Am ehesten in Jazzgefilde könnten Lieder wie das erwähnte "Endings Are Beginnings" oder die streichergestützte Pianoballade "You Can't Hide Away From Love" eingeordnet werden. Tracks wie "Life Is Grey" oder "Drink" lassen wiederum die Beatles aufblitzen, an "Usher" könnte - mit seinem elektronisch-funkigen Groove - auch Prince Gefallen gefunden haben, während das leicht gospelinfizierte "Monster" Billy Joel in Erinnerung ruft. Doch im Mittelpunkt von "Taller" stehen ohnehin zwei andere Aspekte: die Songs selbst sowie Jamie Cullums Vocals. Sie bilden den musikalischen roten Faden, der die beiden textlichen Hauptthematiken, Selbstreflexion - auch unter dem Aspekt der Entfremdung der Gesellschaft - und Liebe, verknüpft.

"Dieses Album stellt so etwas wie die 'working notes' meines Lebens dar. Ich hoffe, dass man die Freude inmitten der melancholischen Momente spüren kann", erklärt Cullum. "Es hat immer Scherze gegeben über meine Statur und darüber, dass ich mit einer größeren Frau verheiratet bin", führt der 1,64 m große Musiker über sich und seine Ehe mit Model und Schriftstellerin Sophie Dahl, der Enkelin von Roald Dahl, aus. "Das wollte ich mir zu Eigen machen, eine großartige Darstellung, die man als verletzlich empfinden könnte. Aber diese Verletzlichkeit verwandelt sich eher in eine Superkraft als in Schwäche." Dabei klagt Cullum aber nicht an, sieht die Welt nicht in striktem Schwarz oder Weiß. "Es stellt sich heraus, dass die Wahrheit im Grau liegt", sagt er etwa über den Song "Drink", der auch die Zeilen enthält: "truth isn't something I learned / I feel like it's something you earn". Er suche mit dem Album nicht nach Anerkennung oder Beifall, vielmehr bestimmten seine Gefühle den kreativen Prozess. "Der Fokus lag wirklich darauf, dass es ein Album sein sollte, auf dem es um meine Songs und mein Songwriting geht. Gleichzeitig ist "Taller" ein Liebesbrief an meine Frau." Dabei wurde die Überlegung beiseitegestellt, in welche musikalische Schublade die Platte passen würde, ob es etwa "a jazz record" sei. "Die Songs sollten die Könige und ehrlich sein." Der erwähnte kreative Prozess sah Jamie Cullum einmal alleine an seinem Klavier, zu Hause und mit der Aufnahmetaste in Reichweite, dann wieder im Studio mit Troy Miller und dem Versuch, Authentizität einzufangen. "Natürlich möchte ich, dass die Leute das Album hören. Aber noch wichtiger ist für mich, dass ich mehr stolz auf "Taller" bin als auf alles andere, was ich bisher gemacht habe.Und das ist ein gutes Gefühl!"

"So please let me take you through this glorious night" singt Cullum in "Taller". Warum nicht? Und wo er nun, zum Teufel, wirklich hingehört, ist so etwas von egal! Dietmar Hoscher

CD-TIPP:

  • Jamie Cullum "Taller", Island, Vertrieb: Universal

LIVE-TIPP:

  • 9. Juli 2019, Jamie Cullum, JazzFest.Wien, Staatsoper

     

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!